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17. Okt. 2014

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Five Minutes a Day. (Well, it’s more today). Stuttgart – Dombühl – Rothenburg ob der Tauber – 17/10/

Im Regionalexpress sitzend, draußen Häuser und gelb-werdende-Bäume unbewusst ignorierend, plötzlich aufschauen und „KZ-Gedenkstätte Hessental“ lesen. Ein leererer Waggon auf einer Wiese und große Fotos von Häftlingen, als führe ich an Mini-Auschwitz vorbei. Polen, denke ich, und an den Artikel über die florierende polnische Wirtschaft, den ich vorhin in der New York Times las. Dann an das deutsch-polnische Buch über die Berliner Mauer, für das ich, wie andere deutsche und polnische Autoren und Journalisten, eine Reportage zu schreiben gedenke. Beim Wort Reportage denke ich, naturgemäß, an Egon Erwin-Kisch, eine Gedankenschlange aus dem Regionalexpress an einem Freitagnachmittag, an dem ich zum Denken eigentlich zu müde bin. Manche Blätter sind auch rot, den Herbst lieben, auch übrigens wegen des Wortklanges: Herbst. Klingt doch schöner als Frühling. Was mich nicht los lässt: Die Flüchtlinge in München. Wie die da leben. Und wie wir daneben leben. Und nichts tun und auch nicht hinsehen. Das Wegschauen, das man anprangern kann, solange es wo und wann anders geschieht. Aber jetzt wir. Das Wir natürlich vielmehr ein Ich. Gestern Nacht Nabokovs Gedichte wieder entdeckt. So ließ sich trotz allem einschlafen. In Dombühl (die Lesung ist in Rothenburg ob der Tauber, wo es Christbaumkugeln das ganze Jahr über gibt, und das meiner vagen Vermutung irgendwo in Bayern/Baden-Württemberg liegt), steige ich um. Dombühl, Trostlosigkeit als Ort. Eine geschlossene Gaststätte, die „Zur Eisenbahn“ heißt, eun vernageltes Bahnhosgebäude, ein Bus. Der, der mich nach Rothenburg bringen soll. Niemand steigt aus, außer dieser jungen Frau, die von ihrer Mutter in einem weißen Kleinwagen abgeholt wird, eine junge Frau, über die man eine Kurzgeschichte schreiben möchte, weil sie an diesen Ort ihrer Kindheit zurückkehren muss, um ihre Mutter, ihren Vater zu besuchen, oder einen Film drehen. Einen dieser langsamen deutschen Filme, in denen jemand durch die Trostlosigkeit radeln müsste, und das Potential zum Fremdschämen groß ist. Aus dem Bus auf dem Weg nach Rothenburg sehe ich in den Straßen der Dörfer keine Menschen, aber viele traurige Häuser. Manchmal ist Deutschland eine einsame Landschaft. Manchmal tut mir Deutschland beinahe leid.

Five Minutes a Day. (Well, it’s more today). Stuttgart – Dombühl – Rothenburg ob der Tauber – 17/10/
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