Rinteln, 25.09.2015

In der S-Bahn sitzen, ins Nirgendwo fahren, sich nicht mehr die Mühe machen, aus dem Fenster zu blicken: Die Landschaften machen auf diesen Reisen schon lange keinen Sinn. Rinteln. Es klingt wie eine Krankheit. Sechs Stunde im ICE. Mails und Anfragen abarbeiten, abarbeiten ist der richtige Begriff. Weil er nicht nur über die Anfragen etwas aussagt, sondern auch über meinen Zustand. Lesereisenmelancholie, Lebenszwang. Das Ausgeliefertsein der Notwendigleit zu lächeln.


Der ICE ist überfüllt, Freitag, Herbstferienbeginn und unzählige Flüchtlinge. Es stinkt. Darf man Letzteres sagen? Ist mir egal. Der Personalmanager und ich handeln in aller Freundlichkeit und mithilfe von Händen mit den drei Flüchtlingen in unserem Anteil die Temperatur aus, sie müssen sich noch an die Kälte gewöhnen, zeigen sie uns, wir zeigen ihnen, wie die Heizung angeht. Der Manager trägt einen Kapuzenpulli, eine Rolex am Handgelenk und einen dieser Kopfhörer zum Telefonieren, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen. Es ist sonderbar gut. Später steigt ein Asiate hinzu, und als ich beim Aussteigen sein Knie ungemerkt mit meiner Tasche berühre, springt er auf und ruft mir ungehalten ins Gesicht „If you touch me, you should say entschuldigen!“. „Höflichkeit ist nicht jedermanns Sache“. Sagt der Personalmanager, nicht ich.


In der S-Bahn sitzen und J.s Zeilen lesen. Das erste Mal, dass ich mich bewusst daran erinnere, war Bernhard Schlink, und ich war für Bücher wie „Der Vorleser“ empfänglich, achtzehn Jahre alt und danach jauchzend, die Welt zu entdecken. Die Erzählstimme biss sich in meinem Kopf fest, alles, was ich sah, musste ich in meinem Kopf in dieser Stimme erzählen, ich wollte nichts anderes als schreiben, und traute mich kaum: Wie eine eigene Stimme finden, wenn man diese gehört, gelesen und gespürt hat. Ich las noch mehr, aber je mehr ich las, desto seltener passierte es mir: Dass sich jemandes Stimme in meinem Kopf festsetzte. Dass ich so schreiben wollte wie diese Stimme, und mich nicht traute, gerade deshalb. Jeffs Zeilen lesen und genau das denken. Ewige Gedankenmacherei, die fressende.


Vermissen. Und sich gegen das Vermissen sträuben, wegen des Konzepts. Rinteln. Die Trostlosigkeit spiegelt sich in der Dampf-Nadel wieder, eine Vollreinigung und Änderungsschneiderei in einem, und über den Namen hatte sich jemand Gedanken gemacht. Matratzen-Studio, Orthopädie, Copy-Shop. Das Ende Deutschlands. Dann, plötzlich, aus dem Nichts, die Weser, und dahinter Fachwerkbauten, eine uralte Stadtmauer, Backteinhäuschen, und zwei Kirchen. Rinteln ist schön. Der Taxifahrer sagt, die Brücke wurde zerbombt, „aber das haben die selber gemacht, damit der Ami nicht kommt“.


Das Hotel ist auch eine Kegelbahn, und die Frau an der Rezeption entspricht dem Klischee dieser Mischung. Die Sehnsucht nach zuhause bleibt heute klein, weil das Gefühl von zuhause fehlt. Manches lohnt sich, und manches nicht, und das Gefühl sagt einem eigentlich immer zielsicher, wie man das eine vom anderen unterscheidet. Wenn wir das doch alle könnten, dem Gefühl vertrauen, dem eigenen, dem der anderen, wäre dann die Welt eine bessere, oder ist es schon wieder ein Zuviel? Das Hotelzimmer ist braun, wie die meisten Hotelzimmer dieser Art, was für ein billiges Ende für diese Zeilen. Ist sie da, die Notwendigkeit zum Selbtszweifel, kann ich nicht einfach schreiben wie ich, J.’s Zeilen machen mich ganz verwirrt. Alles haben wollen, und sich fragen, ob das ein Traum ist. Müssen wir uns dem Lebenswahn hingeben, weil Beziehungen und Lebensverläufe sind wie sie sind. Obwohl wir nicht sind, wie sie sind.


Bei der Lesung in der Stadtbücherei: Goethe, Hesse und Brecht stehen unter Literatur, Asta Scheib und Isabel Allende aber unter Romane. In Schubladen stecken bzw. in Regale. Um kurz nach zehn zwinge ich mich aufgrund anhaltenden Hungers noch mal in die Kälte und esse eine Fajita. Die Menschen, die in der mexikanischen Cocktailbar sitzen, sind aber nicht da, um den Hunger zu stillen: Sie gehen hier aus. Großstädtische Arroganz.

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