Corona-Blog Tage 20 + 21 / Samstag + Sonntag

Aktualisiert: Juni 30

Es gibt gute und schlechte Tage. Es gibt immer gute und schlechte Tage, aber es gibt sie jetzt in unmittelbarer Intensität. Wir warten, wir treiben uns durch die trübe Zeit der Zahlen, der Sorgen, der Funktionalität, wir kommen mal besser, mal schlechter zurecht. Im besten Fall helfen wir einander durch die schlechten Tage, wir helfen, aber wir halten einander dabei nicht fest. Wir dürfen das nicht, einander festhalten.


Die schlechten Tage: Freitagnachmittag kann ich plötzlich nicht mehr, es ist die Erschöpfung, es ist diese Anspannung, das ständige Warten auf etwas, aber ohne den Grund zu kennen, es ist die handlungslose Wirklichkeit des Sterbens, die uns wie ein Zaun umgibt. Es ist dieser Spagat, den ich nicht mehr aufzählen möchte, weil ich mich an ihm nicht mehr täglich versuchen will: Arbeit, Homeschooling, Haushalt, der Versuch, eine Tochter, eine Mutter, eine Freundin zu sein. Um fünf schalte ich den Computer aus, ich sage ein Telefonat, ein Skype-Bier ab, lege mich erschöpft in die Badewanne. Spiele Scrabble auf dem Handy, denke, ich müsste, ich müsste mal raus, Abendessen, dies, jenes, das Wasser wird kalt, bleibe liegen. Später pfeife ich auf alle Regeln, die Kinder haben schon Zähne geputzt und liegen mit ihren Büchern im Bett, da hole ich Schokokekse und schlage vor, dass wir allen pädagogischen Regeln zum Trotz, eine Kinderserie gucken. Jetzt?, fragen sie, weil sie es nicht glauben können. Jetzt. Mir fallen die Augen im wahrsten Sinne des Wortes zu, ich kann sie einfach nicht mehr aufhalten. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, an diesem Abend Mutter zu sein, oder ich bin es gerade umso mehr, in dieser regelwidrigen Erschöpfung.


Die guten Tage: Am Samstag früh, verspreche ich mir seit Tagen, bleibt der Computer aus. Ich wache auf, zu früh, gerade richtig zu früh, alle schlafen noch, sitze das erste Mal seit Tagen alleine am Küchentisch. Den Kaffee trinke ich aus der grünen Tasse, die ich in Bulgarien kaufte, handbemalt. Ich lese, ich lese das erste Mal seit Tagen. Ich lese, unterstreiche, notiere, mit jedem Wort, das ich lese, das ich schreibe, fällt die Anspannung der Woche ab, ich weiß nicht, wohin sie fällt, durch den Boden vielleicht, ins Nichts. Die Zeit war nicht da zu denken, auch zu trauern um die Welt, um all jene, die keine Hilfe bekommen, die Zeit, mit mir zu sein. Der Ich-Moment ist zart, er ist leise, er ist wahrscheinlich nur ein Moment.


Die guten Tage: Später backen wir Muffins, die Kinder basteln Aufstecker, auf denen „Gut gemacht“ und „3 Wochen geschafft“ steht, und ich bin überrascht, wie viele verschiedene Schreibweisen es für dieses Wort „geschafft“ gibt. Mit den Muffins machen wir uns mit den Rädern auf den Weg durch die Stadt, stellen sie Freund*innen vor die Tür. Die Kinder klingeln, sagen, dass man unten was holen solle, dann machen wir uns schnell wieder davon. Wenn die Sonne auf einen herunter scheint, ist es richtig warm, als hätte der Himmel noch nie was von der Krise gehört. Später, wir sitzen beim Essen, klingelt es an der Tür. Die Kinder, inzwischen Corona-dressiert, bleiben am Tisch, ich mache die Tür alleine auf. Ein Postbote, der einen Blumenstrauß bringt. Kunterbunte Tulpen auf dem Küchentisch, im Wohnzimmer, die an anderen Tagen nur den Frühling verheißen, nur, als wäre das nicht genug. In diesen Tagen aber vermögen sie viel mehr, sie sind eine konkrete Erinnerung in Farbe, daran, dass wir nicht alleine sind, obwohl wir alleine in der Wohnung hocken und hoffen, morgen werde wieder ein guter Tag.