Corona-Blog Tag 7 / Sonntag

Aktualisiert: Juni 30

Als ich heute aufstand – schon wieder zu früh – lag Schnee draußen auf der Straße, vorgestern war ich im T-Shirt Fahrrad gefahren. Mittags strahlend blauer Himmel, die Sonne schien, das sichtbare Wetter weigerte sich, den Temperaturen zu entsprechen, aber auf den Autos lag noch Schnee. Als wollte der Wettergott sich dem Surrealismus, der die Welt beherrscht, anschließen, und an der Isar Massen von Menschen. Spazieren gehen ist erlaubt, sie gingen und joggten in kleinen Grüppchen, Familien, Kleinkinder, die auf Laufrädern voran „sausten“, Ehepaare, die sich unter hackten, als liebten sie sich immer noch, vielleicht liebten sich einige von ihnen in diesen beängstigenden Zeiten wieder. Gegensätze, die sich nebeneinander drängen, der plötzliche Frühling, der Schnee, das Klopapier, die Nudeln.


Draußen, an unserer Haustür hängen inzwischen mehrere Zettel, Hilfsangebote an ältere Menschen. Wir hatten auch schon am letzten Wochenende welche überall in den umgebenden Straßenzügen verteilt, an Ampeln, Hauseingängen und Litfaßsäulen. Die Kinder warteten erst ungeduldig und dann enttäuscht vor dem Telefon, es gab einen einzigen Anruf. Ein Mann, der Stimme nach so jung wie ich, er wollte sich im Namen der älteren Bürger*innen bedanken und wissen, ob er seine Nummer drunter schreiben dürfe, dann verteilten wir die Aufgaben vielleicht unter uns. Solidarität und Nachbarschaftshilfe, Kultureinrichtungen, die ihre kulturellen Angebote wie Theatervorstellungen, Lesungen, Konzerte kostenlos online stellen, in der Hoffnung, dass die Kunst gegen Einsamkeit und Ängste hilft. Man sollte die Alten und die Kleinen miteinander vernetzen, Senioren, die Schüler*innen per Video geholfen, damit wäre allen Altersgruppen geholfen, den zwischen Homeoffice, Homsechooling und dem Home, in dem gekocht, geputzt, aufgeräumt werden muss, aufgeriebenen Eltern allemal.


Auf der anderen Seite Menschen, die sich wegen Klopapier schlagen, tatsächlich schlagen, im buchstäblichen Sinne: Fäuste, die trotz aller Appelle, Distanz zu halten, fremde Haut treffen, weil jemand eine Packung Klopapier hat. Rechte Bewegungen, die die Corona-Krise nutzen, um weiteren Hass zu schüren, dieses alte Motiv: Mit dem Finger auf Minderheiten zeigen, ein Sündenbock frei Haus. In Ungarn nutzt Viktor Orbán den Moment, um eine Diktatur zur etablieren: Er will das Parlament in die Pause zwingen, um selbst per Dekret zu regieren. Auch ein altes Motiv, Autokraten, die gesellschaftliche Krisen ausnutzen. Morgen, habe ich gehört, soll die Sonne wieder scheinen, und wir werden sehen, was sich wieder verschiebt.