Corona-Blog Tag 49 / Sonntag

Aktualisiert: Juni 30

Halsweh ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Ich meine, früher hatte ich Halsweh, einfach so. Das nervte, aber war weniger schlimm als eine Nebenhöhlenentzüdung, mit der ich sonst häufig zu kämpfen habe, und von den Halslutschbonbons mochte ich nur die für Kinder, die mit Kirsch-Geschmack. Heute könnte Halsweh, es hat sich ein Konjunktiv angelacht. Es könnte sein, zumindest fühle ich mich verpflichtet, diejenigen, die ich sehe, darüber zu informieren, dass ich heute mit Halsschmerzen aufgewacht bin in dieser sonderbaren neuen Welt.


Ab Morgen darf man wieder zum Friseur, darüber schreiben viele, und auch über Fussball schreibt man viel. Die Zahlen für Deutschland sind auffällig gut. Kein großer Anstieg von Neuninfektionen, und auch der Reproduktionsfaktor bleibt unter eins, da freut man sich, da neigt man schnell dazu, alles und alle um sich herum zu vergessen. Aufgrund des geminderten Flugverkehrs werden zu wenige Medikamente und Impfstoffe in Entwicklungsländer geliefert, da drohen Ausbrüche noch ganz anderer Epidemien. In Moskau steigen die Zahlen der Corona-Neufinizierten und Todesfälle rasant an, dem medizinischen System droht der Zusammenbruch, aber Moskau ist drei Flugstunden weit entfernt. Die Pandemie hat die Welt vor ein Problem gestellt, das auf den ersten Blick überall gleich auszusehen meinte, obwohl die Bekämpfungsmittel eben überall unterschiedliche sind. Es ist erstaunlich, wie eng der Blick der Menschen ist, als wären wir Hunde, drehten uns nur um die eigne Achse. Bei uns geben die Zahlen Grund zur Hoffnung.


Jemand schreibt mir, dass mein Blog so traurig klingt, ich zucke zusammen, lese das Wort noch einmal, halte inne. Traurig, ich hätte das nicht gesagt und nicht gedacht, nachdenklich bestimmt, mit einem Blick, den zu weiten ich mich selbst ermahne. Fühle mich auch nicht so, traurig; aber sehr konzentriert. Es fühlt sich falsch an, von einer weltweiten Pandemie zu sprechen, aber in der Beobachtung, der Wahrnehmung bei der eignen Welt zu bleiben. Die eigene Welt: Ich freue mich an den kleinen Dingen, aber nicht, weil ich mir vornehme, mich zu freuen. An den Wochenenden puzzle ich, das habe ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr getan. Früher, mit meinem Vater, stunden-, tagelang. Wir benutzten den großen Tisch im Wohnzimmer dafür, und meine Mutter schimpfte, ich meine, liebevoll, vor sich hin: Wie lange wollt Ihr Eure Teilchen noch hier rum liegen lassen, wie kann man nur seine Zeit damit verschwenden? Danach sehne ich mich: Mit meinem Vater die Zeit beim Puzzeln zu verschwenden, arbeitsam und schweigsam.