Corona-Blog Tag 42 / Sonntag

Aktualisiert: Juni 30

Gestern raus gefahren, zum Wandern. Ich wandere nicht gerne, ich verstehe den Sinn nicht von: Geradeaus gehen. Oder hoch, von mir aus, oder runter. Die Aussicht, ich weiß, ich weiß, die Berge. Die genieße ich, aber der Genuß hält sich nicht über Stunden. Hält sich nicht über Wurzeln, über die man stolpern könnte, über die Hitze im Nacken, über die vielen Schritte, die Höhenmeter, überhaupt dieses Wort. Jedenfalls gestern raus gefahren, zum Wandern. Nicht weit, noch nicht mal bis in die Voralpen gekommen. Das Verlassen des Stadtgebiets fühlt sich bereits wie eine Grenzüberschreitung an, auch im rechtlichen Sinne. In der Stadt fällt mir die Decke auf den Kopf, auch außerhalb der Wohnung. Ich weiß nicht, ist es der Himmel, der drückt. Noch nie, seit ich in München lebe, war ich so lange hier am Stück. Noch nie, seit ich die Schule beendet habe, war ich in irgendeiner Stadt so lange am Stück, ohne an den Bahnhof, zum Flughafen zu eilen. Ich kann die Bäume des Englischen Gartens nicht mehr sehen, sie engen das Denken ein.


(Meine privilegierten Probleme. In Moira schmeißen sie den Geflüchteten Corissants in die Menge, die Menschen drängeln, werden aneinander gedrückt, strecken die Hände empor, um ein Stück des Gebäcks zu ergattern: Ein weiterer Moment, in dem die Menschenwürde in dieser Menge untergeht, während wir uns mit Masken brav an Social Distancing halten. Oder dies auch nicht tun, aber immer noch als freie Entscheidung.)


Jedenfalls raus gefahren. Die Autobahn so leer, wie noch nie an einem sonnigen Sonntag. Löwenzahnwiesen und alle Grüns dieser Welt: Wenn ich die sehe, möchte ich sofort einen Malkasten haben. Einen mit nur Grüns. Es fühlt sich wie Urlaub an, dieses An-einem-Ort-Sein, der nicht der meine ist. Wir verlaufen uns bei der Wanderung natürlich, machen nach fünfzehn Minuten die erste Vesperpause, die vermutlich länger dauert als die Wanderung selbst. Ich kann nicht aufhören, von einer Pension zu träumen. Irgendwo hier, zwanzig Kilometer von München entfernt, und ich, die ich bei Hotelzimmern und -betten so pingelig bin, dass ich mich dafür schäme, dass ich immer das mehrjährige Schlafen und Leben in der Flüchtlingsunterkunft anführen muss, um meine Pingeligkeit zu entschuldigen, träume von einem alten, verstaubten Pensiosnzimmer mit Biberbettwäsche, die aus den Achtzigern stammt. Und einem alten, dickbäuchigen Fernseher, in dem ich, von mir aus, den verhassten Tatort gucke.


Die Rückfahrt ist eine Reise durch Verbote: Wenn man nach München rein fährt, erblickt man als Erstes dieses Riesenrad, mit dem ich noch nie gefahren bin. Die Kinder haben gebettelt, ich habe sie an den Papa verwiesen, meine Freundin hatte mich einmal gefragt, ich hatte in einem Ein-Wort-Satz geantwortet: Höhenangst. Die verwirrende Sehnsucht, Riesenrad zu fahren, eine Krisennebenwirkung. Die Stadt wird zu einer Landkarte von Perfekt-Zeitformen: Hier ist das Schwimmbad, in das ich mit den Kindern gehe, ach so, nein, gegangen sind. Hier haben wir gerne thailändisch gegessen. In dieser Kneipe habe ich immer eine Freundin auf ein Bier getroffen. Als ich die Wohnung wieder betrete, spüre ich leichten Hass, für den die Wohnung am Wenigsten etwas kann.