Corona-Blog Tag 4 / Donnerstag

Aktualisiert: Juni 30

Gestern hat die Bundeskanzlerin im Fernsehen gesprochen, wir leben jetzt in einem Roland Emmerich-Film. Ich habe gekocht und den Kindern zugerufen, sie sollen mir Bescheid sagen, sobald die Rede beginnt. „Ruft Ihr mich, wenn Angela Merkel beginnt?“, auch so ein Satz aus einem Film, dachte ich, ich erwische mich, wie ich mich selbst beobachte, wie ich die Welt beobachte, wie die Gedanken verwirrt einer hinter dem anderen her jagen, vielleicht ist es die Situation, die das mit einem macht. Ich bin wie ein unruhiges Tier, unruhiger als die Kinder bin ich, die nehmen die so genannte Entschleunigung hin. Ich gehe zu spät ins Bett und wache vor sechs auf, beginne Dinge, die ich nicht beende, einen Garten bräuchte man, um schwere Erde zu graben, bauen müsste man, ich lese die Nachrichten, immer und immer wieder, checke Mails, beantworte sie nicht, dann doch, vergesse, was ich machen wollte, und heute morgen habe ich die seit Jahren in einer Schublade verstreute Büroklammern in eine Dose getan. Es ist nicht die Langeweile, es ist die Unruhe, die alles beherrscht.


Gestern hat die Bundeskanzlerin im Fernsehen gesprochen, und die Menschen ermahnt, sich an die Empfehlung zu halten, sich in Distanz zu anderen zu üben, und heute hat die Polizei in München Partys von Jugendlichen aufgelöst, die das lustig fanden, Partys in Zeiten von Corona, immerhin, die Sonne scheint. Meine Freundin erzählte, dass sie als panisch bezeichnet wurde, weil sie sich an Social Distancing hält, und es geht nicht um Blaming, wenn ich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen möchte. „Schlag mitm Kopp an die Wand“, sagte meine Großmutter auf Jiddisch, wenn ich mich als Kind über Langeweile beschwerte. Frau Merkel war noch die nachsichtige Mutter, und Söder heute der strenge Vater, der die letzte Warnung aussprach, und am Liebsten würde ich hinaus rennen, in all diese Parks und schreien: „Seht Ihr nicht, was Ihr uns da einbrockt“, und ein „Vielen Dank auch!“ hinterher. Unruhig, auch dieser Gedanke.


Auf meinem Schreibtisch liegt ein blauer Notizzettel, der mich daran erinnert, dass ich einen Gegenstand zum Leben erwecken soll, es liegen viele Zettel auf meinem Schreibtisch herum. Ein paar habe ich gestapelt: Das sind To-Dos, die Wochen, vielleicht Monate warten müssen, weil sie das Sehen anderer Menschen benötigen, vielleicht sind sie nach diesen Wochen und Monaten nicht mehr relevant.