Corona-Blog Tag 37 / Dienstag

Aktualisiert: Juni 30

Ich schreibe im Innenhof auf einem Gartenstuhl ohne Lehne. Ich bin raus gegangen, das fühlt sich beinahe wie ein Ausflug an: Sich in den Innenhof auf einen unbequemen Stuhl ohne Lehne setzen, um diesen Text zu schreiben, der Wind in den Nacken, der Wind pfeifend, streichelnd, der Wind im Gesicht. Vorgestern einen tatsächlichen Ausflug gewagt: Hinaus aus der Stadt gefahren. Die Kinder sagten Wanderung zu diesem kleinen Spaziergang, und ich ließ ihnen die Illusion, die vermutlich für lange Zeit alle Reisen ersetzen wird. Einer ging mit den Füßen ins kalte Seewasser, der andere wurde von einer Bremse gestochen, sie schleppten sehr viele Stöcke zum Auto zurück. Die Stöcke werden im Innenhof gelagert, die Tourismusbranche jammert laut auf, und Politiker (in dem Fall: alle männlich, also lasse ich das Nomen im Maskulinum stehen) warnen, der Sommer wird kein Sommer im Sinne von Urlaub sein. Ich schickte einem Freund Bilder unseres Ausflugs, den wir auch Reise hätten nennen können, obwohl wir höchstens eine Dreiviertelstunde im Auto saßen; er schrieb zurück: Dass Ihr Euch mit Münchner Kennzeichen aus der Stadt traut. Ach stimmt, ich hatte tatsächlich vergessen.


An der Isar vorbei geradelt, da sitzen Menschen in größeren Gruppen, und da, wo sie keine Gruppen mit Absicht bilden, da sind sie eine Gruppe, weil sie zu viele sind: Zu nah aneinander, zu viele, die das Ufer fassen könnte. Die Polizei beklagt sich, ich denke, große Menschen sind wie kleine Kinder, meine Mutter sagte über uns: Wenn man Euch nur den kleinen Finger gibt. Ein paar Ministerpräsidenten geben auch mehr als nur den kleinen Finger. Die WHO warnt, es scheint ständig jemand zu warnen, am Ende werden wir wissen, ob das Virus die letzte Warnung ausspricht. Wie sagen Eltern zu ihre Kindern: Ich sag es dir jetzt zum letzten Mal! In Griechenland bricht Corona in einem Flüchtlingsauffanglager aus, ich weiß nicht, wie viele bei dieser Nachricht weiter scrollen, wie ich das tue, wenn ich von Fussball lese. Geisterspiele, diese riesengroßen Fragen einer Nation.


Gestern Abend bei Twitter den Hashtag #CoronaEltern eingegeben. Es gibt keine lustigen Geschichten mehr über das HomeOffice, wie sie in der ersten schul- und kitagesperrten Wochen gesammelt wurden. Über Kinder, die nackt, verschmiert, verkleidet, verzweifelt, verdattert in Videokomnferenzen platzen. Es scheint nichts mehr lustig zu sein. #CoronaEltern, die in 160 Zeichen Verzweiflung, Tränen, Wut zu pressen versuchen, sie arbeiten, wenn die Kinder noch oder endlich schlafen, und weinen tun sie, wenn sie alleine im Supermarkt sind. Das Wort „brüllen“ kam auffällig häufig vor, und der Satz „ich kann nicht mehr“. Acht und zehn Jahre alt, sie kommen mir plötzlich so groß vor, meine beiden, weil sie sich selbst beschäftigen können, weil sie Zusammenhänge verstehen, weil sie mich wenig brauchen, um ihnen durch den Tag zu helfen. Vielleicht, so heißt es, werden die Notbetreuungen nächste Woche für Alleinerziehende, die arbeiten müssen, geöffnet; vielleicht. Das ist ein Wort aus zehn Buchstaben, und nächste Woche kann verdammt weit weg sein, wenn man alleine, arbeitend, zuhause mit kleinen Kindern steckt.