Corona-Blog Tag 35 / Sonntag

Aktualisiert: Juni 30

Ich habe neben all den anderen Sehnsüchten, denen nach anderen Menschen, eine neue entwickelt. Sie tauchte am Sonntagmorgen auf, ich weiß gar nicht, woher, sie war plötzlich da. Ich sehne mich nach Lesereisen, ich sehne mich nach schlechten Hotels. Sehne mich nach all dem, was ich verflucht habe, sehne mich laut, es war nur eine Frage der Zeit. Man vermisst ja, wenn eine Beziehung vorbei ist, ja auch all die kleinen Unsäglichkeiten des*der anderen, die einen endlos nervten. Ich jedenfalls sehne mich nach verspäteten Zügen, nach schlecht riechenden Regionalexpressen, nach dieser Einsamkeit, die mich in mittelgroßen deutschen Städten bereits am Bahnhof überfällt: Alles sieht gleich aus, am Marktplatz die Marktapotheke, die Eisdiele, die unbedingt Bella Italia heißt. Ich sehne mich nach den lieblosen Hotelzimmern, in denen ich mich ein wenig vor dem Bett ekele, nach den Badezimmerkacheln aus den Achtziger Jahren. Sehne mich nach der Erschöpfung, die mich nach Lesungen befehlt, alles von mir gegeben zu haben, es wäre so schön, wieder eine andere Art von Erschöpfung zu spüren.


Ich hasse laufen, sage ich zu meiner Mutter, während ich ebendies tue, laufen, ich spreche keuchend in Kopfhörer hinein. Dann geh doch Fahrrad fahren, schlägt sie vor. Ich schüttle den Kopf, sie kann das nicht sehen. Das macht nichts, dass sie das nicht sehen kann, ich schüttle den Kopf eh für mich, um das, was sich anfühlt, zu bestätigen. Ich mag nicht Fahrrad fahren, um Fahrrad zu fahren, ich mag Fahrrad fahren wohin. Ich möchte zu jemandem fahren, zu einem Termin, ich möchte einen Grund haben, ein Ziel. Ich möchte das Haus verlassen, um irgendwo anzukommen. Das Irgendwo darf kein Supermarkt sein. Ich möchte auf die Uhr blicken, wenn ich an der Ampel halte, ich möchte denken, hoffentlich bin ich nicht zu spät.


Meine Mutter erzählt mir von meiner Tante und meinem Onkel in New Jersey, sie leben eine Busstunde von New York entfernt, aber meine russisch-jüdische Verwandtschaft benennt das anders, weshalb ich frage: Wie geht es denn der Tante in New York? Was ist denn schon eine Busstunde, was sind denn Staatsgrenzen, wie großartig die Busfahrt durch diese Vororte, die müden Pendler*innen, das Fehlen der Bürgersteige, das rhythmuslose Buswackeln durch das amerikanische Leben, ich lese nicht, blicke auch im Dunkeln nur aus dem Fenster. An der Bushaltestelle warten sie auf mich, meine besorgte Tante, mein kleiner Onkel, der feinste aller Menschen. Sie haben Angst, sagt meine Mutter, haben Angst, auf die Straße zu gehen. Sie sind alt, mein Onkel lungenkrank, seit ich denken kann, vielleicht schon immer, ich habe nie gefragt, seit wann. Ihre Tochter lebt in Kanada, der Sohn sechs Flugstunden weit weg. Mit der kleinen Enkelin skypen sie, erzählt meine Mutter, und wenn sie auflegen, weinen sie; sie sagen, sie wissen nicht, ob sie sie wiedersehen. Sie hatten einen Flug im März gebucht, den haben sie umgebucht auf den Juli, jetzt wissen sie nicht, sollen sie gänzlich stornieren. Ja, sagt meine Tante, dann bekommen wir einen Teil des Geldes zurück. Nein, sagt mein Onkel, ich kann ihn nicht, diesen Gedanken ertragen, dass ich sie nicht wieder sehe, die kleine M. Meine Mutter sagt, sie hatte keinen guten Abend nach diesem Telefonat, sie dachte an ihre eigenen Enkelkinder.


Morgen öffnen die Baumärkte, sagte ich das schon. Wir kehren langsam ins Leben zurück, können jetzt Schrauben kaufen und Waschbecken auch. Ich habe viele aufgehängte Bilder, ich habe ein Stück Eiserner Vorhang zuhause, das gehört auch noch aufgehängt. Wir kehren langsam ins Leben zurück: Ich werde hier vielleicht nur noch zweitägig schreiben.