Corona-Blog Tag 3 / Mittwoch

Aktualisiert: Juni 30

Wenn die Welt eine andere wäre, also wenn die Welt so wäre, wie sie es vor kurzem noch war, wenn Corona ein Bier-Wort wäre, oder vielleicht gar kein Wort, dann würden wir alle, dann würde auch ich, dann. Dann wäre ich jetzt draußen, in der Sonne, dann würde ich jetzt wahrscheinlich an einer Rede schreiben zur Münchner Woche gegen Rassismus, ich würde über die Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze schreiben, über Grenzüberschreitungen in der Sprache, und wie sie sich mit der Zeit in Gewalt manifestieren. Ich würde um einen Aufschrei bitten. Ich habe die Rede heute auf fünf Sätze reduziert, die in einer Pressemitteilung erscheinen, Worte, die per Mail versandt werden, anstatt einer Auftaktveranstaltung mit Menschen. Ich habe Corona in die fünf Sätze eingebaut, ich habe sie einbauen müssen.


Denken, sprechen, arbeiten in Zeiten von Corona. Alles wird anders, der Alltag, der Bewegungsraum, das öffentliche Leben – heute Menschen mit Gummihandschuhen gesehen -, bevor es vielleicht kein öffentliches Leben gibt, bevor wir in unseren Wohnungen und Häusern verschwinden. Heute Abend hält Angela Merkel eine Fernsehansprache, ein wenig wie in amerikanischen Filmen, in denen die Welt untergeht. Weil ein Virus zum Beispiel herum schwebt, zum Beispiel.


Arbeiten in Zeiten von Corona: Wenn die Welt eine andere wäre, wenn Corona ein Bier-Wort wäre, würde ich, nachdem ich die Rede geschrieben habe, mich wieder dem Kindertheaterstück widmen, an dem ich mit dem Pathos-Theater zusammen arbeite. Ich würde, etwas ängstlich, ins Theater marschieren, ängstlich, weil diejenigen, mit denen ich zusammen arbeite, meinen Text auseinander nehmen, und froh, weil da Menschen sind, die meinen Text auseinander nehmen, dass wir zusammen etwas erarbeiten, dass ich nicht alleine am Schreibtisch eine Welt erschaffen muss, die später kleine, wichtige Zuschauer*innen sehen. Wir waren gestern zum Arbeiten verabredet, wir trafen uns auch um die verabredete Zeit. Um zwölf, auf dem Bildschirm. Es dauerte, bis wir es raus hatten, wie man das macht, dass man alle drei aus der Videokonferenz im gesplitteten Screen sieht. Wir arbeiteten zu viert, es waren außerdem – kurzzeitig – dabei: Ein Kind mit Schnuller, eines, das sich im Hintergrund versteckte, ein Kind, das fast kein Kind mehr ist, und sich kurz hinunter zum Bildschirm beugen musste, um Hallo sagen zu können, ein paar Kinder, die irgendetwas zu teilen versuchten, mein Sohn, der sich an meinen Hals hängte, um alle Teilnehmerinnen des Gesprächs sehen zu können, und mein anderer Sohn, der sich im Hintergrund so vorbei schlich, dass niemand ihn sah. Wir gaben einander Hausaufgaben auf, um weiter machen zu können, damit es weiter geht, das Arbeiten in Zeiten von Corona. Damit am Ende ein Theaterstück entsteht.