Corona-Blog Tag 19 / Freitag

Aktualisiert: Juni 30

Ein Freitag, morgen hätten die Ferien begonnen. Die Kinder führen einen Freudentanz auf, die Schule ist vorbei. Wir sollten das mit Eis feiern, denke ich, aber ich sitze, während ich das denke, und während die Kinder tanzen, am Schreibtisch, die Arbeit wartet, ich bin müde, schon, oder noch von gestern, eben: noch. Das holen wir nach mit dem Eis, später, denke ich, später, später, später. Für später planen wir eine Party, die die Kinder „Corona-weg-Party“ nennen, ich meine, dass das ein ausgezeichnetes Motto ist. Ich sitze am Schreibtisch, vor mir Zettel verteilt mit verstreuten Gedanken. Alles ist ein wenig verstreut dieser Tage, obwohl alles irgendwie gleichzeitig geschieht.


Die Soforthilfe kam übrigens weder sofort noch später. Bislang kam sie gar nicht, ich checke mein Konto, beinahe so oft wie ich die Nachrichten checke, die Mails. Irgendwann bin ich der Endgeräte so müde, dass ich auch das Handy auf Flugmodus schalte, und dann bleibe ich stehen, im Wohnzimmer, zwischen verstreuten Playmobil- und Lego-Menschen, als wüsste ich gar nicht, wohin.


Trump meint, alles unter Kontrolle zu haben. Das ist nicht neu, aber heute irgendwie gefährlicher denn je, da gestern die Sterbezahlen in den USA jeden Rekord überschritten haben. Die BILD-Zeitung schlägt vor abzustimmen, welchem Virologen man am Meisten vertraue, spinnen die eigentlich, ja, tun sie, schon immer, aber in Zeiten wie diesen, immer wieder die Aneinanderreihung dieser sinnentleerten Worte: In Zeiten wie diesen, als hätten wir solche Zeiten schon erlebt. Ich lese das mit der BILD im Internet, erst da fällt mir auf, dass ich seit zwei Tagen nicht mehr draußen war. Die Kinder zumindest, die schicke ich jeden Tag vor die Tür. Die Tage sind lang, und morgen ist länger als es gestern war. Als würden die Tage jeden Tag um ein paar Minuten wachsen. Aus Ungarn auch jeden Tag Neuigkeiten, die einen zum Würgen bringen: Orbán will in Dokumenten nicht mehr das Geschlecht festhalten lassen, sondern das Geschlecht bei Geburt. Das kann man nicht mehr ändern, ist sein Plan. Die Nachricht geht unter wie alles, was nicht nach Corona riecht.


Einmal, ich sitze immer noch am Schreibtisch, fragt mich eines der Kinder aus heiterem Himmel, ob ich mich kurz in einen Playmobil-Menschen verwandeln könnte, und ich weiß nicht, ob ich lachen oder schreien soll. Das Schreien, das bewahre ich mir auf, vermutlich für später. Jemand fragt mich, ob der Blog, das Schreiben gegen die Angst und Sorgen helfe, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Wenn sie das könnten, Worte, einem die Angst nehmen, dass nicht all die Tausenden von Menschen sterben, dass nichts mehr wie vorher wird.