Corona-Blog Tag 18 / Donnerstag

Aktualisiert: Juni 30

Tag 18, immer wieder diese Zahlen, wir zählen, aber wir zählen nicht auf das Ende zu. Wir kennen sie nicht, die letzte Zahl der Infizierten, die der Tage. Wir hoffen, dass wir nicht bis Unendlich zählen, nicht bis Ungewiss. Am Schlimmsten sind die Zahlen der Erkrankten, am Schlimmsten ist das Verb „steigen“, die Sterbezahlen. Die Verzweiflung der Lage wurmt sich in die Sprache: Dass Sterbezahl ein Begriff ist, den man tagtäglich hört. Oder sogar verwendet.


Die Menschen scheinen mir müde, alle, mit denen ich spreche, am Telefon, über Videokonferenzen. Alles, was vor zwei Wochen vielleicht noch etwas aufregend wirkte, in all dem Desaster, über Videoprogramme übertragene Abendessen, digitale Verabredungen jeglicher Art, hat auch den winzigen kleinen Rest Reiz verloren. Ich will nicht mehr sprechen, will nicht mehr erzählen, wie es mir geht. Ich will Menschen drücken, zu lange, ich will Gesichter sehen, die nicht ein Bildschirm verzieht, ich will Worte hören und auf die Gesichtszüge achten, ich will Schultern, auf die man kumpelhaft klopfen kann.  Ich will diese eine unauffällige, bis vor drei Wochen noch so unwichtige Berührung. Ich will nicht mehr, dass das Telefon klingelt, ich habe in meinem Leben noch nie so viel telefoniert. Ich will, dass sich im Kopf mal kurz nicht alles dreht.


Ich will die Wahrheit hören, ich will, dass sie mir jetzt schon sagen, dass am 19. April nichts vorbei ist. Ich will, dass sie mir sagen, dass die Schulen, die Kitas noch nicht öffnen, ich will hören, dass es genauso weiter geht. Dass Pakete mit Schulmaterialien hier ankommen, dass wir weiterhin zählen werden, dass wir in den Frühling ohne unsere Freund*innen gehen werden. Dass ich Blumen vor Türen legen kann, aber nicht Menschen in die Hand drücken. Es ist, als ob wir das alle wüssten, aber man sagt es uns nicht, ich weiß gar nicht, warum.


Ich merke, wie gereizt ich bin. Ich schicke die Kinder in den Hof hinaus und rufe meine Eltern an. Erzähl mir, wie es dir geht, sagt meine Mutter, da mag ich kurz nicht mehr, was soll ich denn erzählen, was denn, ich stecke hier fest. Ich raunze und schäme mich währenddessen. Zwischen Schulaufgaben stecke ich fest, zwischen Schreiben, das Telefon klingelt, der Radiergummi ist wieder weg, jemand hat Hunger, ich habe keinen Hunger und esse trotzdem, wir müssten wirklich an die frische Luft, die Tagesschau-App, die Kindernachrichten, das Telefon klingelt. Beim Abendessen über Video verabreden wir mit Freunden, beim Wiedersehen ein Pfannkuchen-Wettessen zu machen, Kinder gegen Erwachsene, und wir Erwachsenen gewinnen bestimmt.


Später rufe ich meine Mutter noch einmal an, um mich für meine Gereiztheit zu entschuldigen. Das verstehe sie doch, sagt sie, wir seien alle gerade auf unsere Weise überfordert. Das sind wir, und ich will wüten, ich will laut und ungestüm wüten, weil mir jemand offiziell sagt, dass es nicht weiter geht in zwei Wochen.