Corona-Blog Tag 14 / Sonntag

Aktualisiert: Juni 30

Heute den ersten Corona-Alptraum gehabt, überhaupt so elendig geschlafen. Straßenzüge wurden gesprengt, um das Virus auszumerzen, ich träume Hollywood-Weltuntergangsszenarien, obwohl: Leben wir nicht alle in einem Film? Ich suchte nach meinem Auto in den gleich zu sprengenden Straßenzügen. Wenn ich wach bin, mag ich Autofahren nicht, aus sehr vielen verschiedenen Gründen, die Vorstellung ist absurd, dass ich mein Auto verzweifelt suchen würde, eher noch meinen Roller. Aufgewacht, nicht gewusst, ob ich weiter schlafen soll, als wäre das eine freie Entscheidung. Die freien Entscheidungen sind wie eine Erinnerung in Watte, sie sind in Nebel getränkt. Mit Rückenschmerzen aufgestanden, das ist so etwas schön Fassbares, wenn der Rücken schmerzt.


Die Texte tippe ich schnell, die Buchstaben springen aufs Papier, unerzogene, schnappende Welpen, ich lese nichts Korrektur, weil Korrekturlesen keinen Sinn zu machen scheint. Ich erinnere mich an langsames Schreiben, das Nachdenken über jeden Satz, über die Freundschaften und Feindschaften von Worten. Vielleicht wäre genau jetzt dafür die Zeit, ich möchte den Texten Liebe geben, Geduld und die Ruhe zu werden. Andererseits versuche ich den ganzen Tag, den Kindern Liebe zu geben, den Eltern, mit denen ich täglich telefoniere, viel häufiger als in den Jahren zuvor, wofür ich mich jetzt natürlich schäme, Klischees, die sich ins Leben drängen. Liebe nach unten geben, nach oben, zur Seite auch, es bleibt nicht viel übrig für einen selbst. In anderen Zeiten, denke ich, ohne Zeit in Zeiträume zu fassen, ich passe auf die Sätze eines Tages wieder auf.


Begriffe staple ich aufeinander, diese Begriffe der Corona-Zeit. Social Distancing, Kontaktverbot, Ausgangssperre, Worte, die Grenzen erzählen, Worte, die zwischen die Menschen gestellt werden, man sagt, um die Menschen eben zu retten. Diese Ambivalenz macht sich im Kopf breit, nimmt sich Raum, aber schafft es nicht bis den Gefühlen hindurch. Der Stapel der Begriffe wächst. Irgendjemand, meist aus der Poltiker*innen-Riga sagt neuerdings immer wieder „Krieg“. Sie nehmen sich das Wort einfach aus der Sprache heraus, klemmen es sich unter den Arm, um es in einen fremden Zusammenhang zu stellen. Sie haben nicht um Erlaubnis gefragt, all jene, die tatsächlich Kriege erlebt haben, all jene, die traumatisiert worden sind. Irgendjemand wird jetzt sicher sagen, mein Gott, warum denn schon wieder empfindlich.


Ich merke mir eine gute Sache am Tag, und ich esse Unmengen von Keksen, denen mit dunkler Schokolade, so ein bisschen mit diesem abstrusen Gedanken, ist jetzt auch egal, wenn die Welt untergeht. Portugal legalisiert Migrant*innen ohne Papiere, um ihnen einen Zugang zur Gesundheitsversorgung und sozialen Leistungen zu ermöglichen, es geht auch so. Es geht auch so, wie Adidas und H&M es machen, es ist, als würde die Corona-Krise die Innereien nach außen stulpen. Das Schöne, das Schlimme, all diese kreischenden Ichs.