Salzburg, 01092015

Anderthalb Tage Mindfulness Seminar. I am mindful and my mind is full and this could be a contradiction, but it’s not.


Außerdem schreibe ich gerade an vier Dingen gleichzeitig. Und schreibe zu wenig, und will nur schreiben, ganz viel. Das Eine hat nichts mit dem anderen zu tun.


Bankmanager gehen davon aus, dass die Kurve Anstrengung zur Leistung linear verläuft: Je mehr Anstrengung, desto mehr Leistung. Stimmt aber nicht. Neue Worte: Atlaskomplex. Und Mono-Tasking. Sagt das nicht schon Einiges über unsere Gesellschaft und mich aus, dass ich nur den Begriff Multi-Tasking kannte, nicht aber des Mono-Tasking. Selbstempathie und Empathie geschehen auf denselben neurologischen Kanälen. Ab spätestens 35 geht es körperlich als auch seelisch-geistig bergab, außer mit den drei Prozent der Menschen, bei denen es mit der seelisch-geistigen Entwicklung bergauf geht.


Was ich hier mache, könnte man Journaling nennen, weil man es ja nicht mehr Tagebuch schreiben nennt. Mehrere Studien zeigten, dass Studenten, die mindestens zwei Minuten am Tag journalten (das nennt man dann sicher so), bessere Noten und bessere Blutwerte hatten. In dem Zusammenhang fällt mir das neue Notizbuch ein, das ich letzte Woche geschenkt bekam: Write books not blogs. Steht da drauf.


In der Schweiz ist die Lebenserwartung höher als in Deutschland. Das Zuhören will gelernt sein. Wenn wir zuhören, so sind wir häufig dabei, schon an die eigene Geschichte zu denken, mit der man erwidern kann, selten bei der Geschichte, die wir hören. Wie ich das hasse: Wenn jemand in sein Handy tippt, während ich rede, “ich hör dir ja trotzdem zu. Bin voll bei dir. Ich muss nur mal….” MIndfulness beim Zuhören. Und beim Zähneputzen.


Managerwelten wie Männerwelten. Ein Mann sagt: Ich mache Yoga. Und hört als Antwort: Stehst du auf die Yoga-Lehrerin, oder was?


Abends sitze ich mit J und E zusammen, es ist dunkel, wir hören die Autobahn wie den Bach, und die Ehrlichkeit entspinnt sich so ruhig, dass ich an eine Feder denken muss, eine die bei windstillem Wetter langsam auf die Erde segelt. Wenn ich danke sagen würde, denke ich, wenn ich so wäre, dass ich danke sage, obwohl ich so bin, dann auch für diese beiden. Irgendwann falle ich in die weißen Decken, da ist Geborgenheit, ich möchte hier bleiben, in diesem Zimmer. Ich denke an ein anderes Zimmer, das Geborgenheit bieten soll.


Bei den Meditationsübungen komme ich selbstverständlich an meine Grenzen. Nie bleiben Gedanken stehen und nie ziehen sie weiter, was sie laut Anleitung tun sollen, und dann denke ich darüber nach, während ich darüber nachdenke, dass ich darüber nachdenke, das war schon immer so, auch bei Yoga und all dem anderen Kram. Dann werde ich aggressiv. Und fange an zu zappeln.


Bei einer Übung – Gehmeditation – sollen wir sehr langsam gehen, ich sehe, wie sich die bunten Chucks im nassen, leuchtend grünem Gras bewegen, ich höre sie, ich denke: Chucks, die falschen Schuhe für eine solche Übung, ich denke über meinen schlechten Gleichgewichtssinn nach, dann denke ich an M., dann denke ich ans Laufen auf die Bühne, dann denke ich an Paris, dann denke ich und denke ich und denke ich, und die Schwere der Füße, und dann. Und dann sind meine Sinne geschärft. Ich kann es anders und eigentlich gar nicht beschreiben. Plötzlich sind Worte da. Plötzlich leuchtet jeder einzelne Grashalm. Ein bisschen wie Droge. Plötzlich ist Ruhe und das Wissen (das verlogene natürlich): Setzte ich mich jetzt hin, so schriebe ich einen ganzen Roman. Ist sie das, diese Erleuchtung? Die habe ich auch ohne Gehmeditation manchmal beim Schreiben. Vor dem Schreiben. Vor den guten Kapiteln.


Ich weiß nicht, was das ist. Außer diese Ruhe.

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