Kultur trotz Corona: Wenn Corona weg ist

Es ist wie im Frühjahr, wir führen dieselben Gespräche. Es gibt nicht so viel zu erzählen, am Abendbrottisch. Ich kann von Zoom-Workshops erzählen, und vom Schreiben, und von allem, was so in meinem Kopf herumgeisterte, den ganzen Tag über, den ich mit mir selbst verbrachte. Die Kinder haben mir etwas voraus: Sie verlassen morgens das Haus. Laufen zum Bus, gehen in die Schule. Streiten sich, versöhnen sich wieder, pflegen, so sagt man doch, ihre menschlichen Kontakte. Ich schmunzele bei diesem Ausdruck: Stelle mir die menschlichen Kontakte wie kleine weiße Monstertierchen vor und das Pflegen wie eine Bürste. Jedenfalls, sie gehen morgens hinaus. Bringen Enttäuschungen („das Buch, das ich vorgestellt habe, zum Vorlesen, hat Null Stimmen bekommen“) und Freuden („wir waren heute im Park“) mit nach Hause. Ich bleibe drin, wenn sie das Haus verlaufen, laufe manchmal den ganzen Tag im Schlafanzug durch die Wohnung. Wir sprechen abends nicht so viel über Pläne wie sonst: Wen wir am Wochenende treffen, und wen wir zum Abendessen einladen, und wo wir hinreisen möchten, und wie, ob mit Zug oder mit Bus, mit Auto, mit dem Fahrrad, all das, was immer leichtes Herzklopfen verursacht, obwohl man doch nur Nudeln auf dem Teller vor sich hat, und der Tag sich dem Ende zuneigt. Wir führen dieselben Gespräche, sie handeln alle von einer Zeit, von der wir nicht wissen, wann sie beginnt, und wie: Nach Corona.


Wenn Corona weg ist, sagen die Kinder dazu, als würde das Virus eines Tages seine Koffer packen, als würde es seine Mission, die, möglichst alle Ecken der Erde zu erreichen, möglichst viele Menschen zu treffen, zu verletzen, zu töten, für beendet erklären, als würde es abreisen und möglicherweise winken zum Abschied. Wenn Corona wieder weg ist, was freundlicher klingt als das andere: Wenn das Virus ausgemerzt ist, und weniger pragmatisch als das realistischere Szenario: Wenn zumindest der Teil der Bevölkerung, der zur Risikogruppe gehört, geimpft wurde. Wenn Corona weg ist, dann feiern wir ein „Corona-Weg-Fest“, ein großes, das habe ich schon im Frühjahr beschlossen, habe schon darüber geschrieben, es haben sich schon Gäste angemeldet, und jetzt ist es wieder wie im Frühjahr, und wir führen wieder dieselben Gespräche, planen die Party. „Wir könnten die Truhe beiseite rücken, die mit den Verkleidungen, und da eine Bar aufbauen“, schlägt eines der Kinder vor, „und jemand stellt sich dahin, und verteilt die Getränke!“ „Ja, und unsere Küche ist dann das Büffet, und es gibt so, so, so viel zu essen“, sagt das andere, und weil jemand hier pragmatisch sein muss, sage ich, „und jede*r, der*die kommt, muss etwas zu essen und ein Getränk mitbringen“. Dann rechnen wir ein bisschen herum, wie viele Leute in unsere Wohnung passen, und ob und wo geraucht werden darf, wobei da die Meinungen auseinandergehen, und wir beschließen, auf jeden Fall mehr Leute einzuladen, als hineinpassen, alle quasi, wir beginnen aufzuzählen, wir planen eine Zukunft, die nicht zu sehen ist, nicht am Horizont, nicht in den Nachrichten, und auch sonst nirgendwo, nur in dieser Wohnung, in unseren Worten vielleicht, wir malen sie in unser Zuhause hinein, „und das Schönste ist“, sagt eines der Kinder, „dass wir dann alle drücken und umarmen können“. „Und dann, dann hole ich meine Boom-Box, und dann machen wir Party und tanzen, und dazu“, und jetzt geht die Planung in die kleinsten Details, „erstellen wir eine Playlist, aber alle, die wir einladen, sollen uns sagen, welche Musik sie mögen“, und ich stehe auf und beginne, den Tisch abzuräumen, weil es doch ein langer Tag war, auch wenn ich zuhause war, auch wenn ich nirgendwo war, aber die Details der Corona-Weg-Party schwirren weiterhin um mich herum und machen glitzernde, quakende Geräusche. Später, als ich das Wohnzimmer betrete, denke ich, das stimmt. Wenn man die Truhe beiseite rückt, wäre das wirklich ein guter Ort für eine Bar.