Kultur trotz Corona: Die Pausen bleiben aus

Sechs Tage Zoom. Von morgens bis abends, der Rücken tut weh, der Nacken. Ein Seminar, wir beginnen den Tag mit Gymnastik. Stellen uns vor die Kamera, lassen die Schultern kreisen, strecken uns, beugen uns. Es hilft nichts, spätestens eine Stunde später schmerzt der Rücken wieder, obwohl ich auf dem ergonomischen Schreibtischstuhl sitze und auf und ab wippe und mir Mühe gebe, aufrecht zu sitzen, und nicht mehr darüber nachdenke, wie bescheuert das aussehen muss, dass ich auf und ab wippe. Jede Peinlichkeit ist verschwunden: Ich strecke bei der Gymnastik meine Arme gen Decke, halte die Auen geschlossen. Habe die Bücherregale im Hintergrund der anderen auf den kleinen Videokacheln studiert, zwei grün gestrichene Wände, eine rote, vereinzelte, meist kleinformatige Bilder an den Wänden. Kaffeetassen, eine mit einem Henkel, die wie ein Flamingo aussieht. Arbeits- und Wohnzimmer von Menschen, die ich wahrscheinlich niemals betreten werde, so richtig, so mit Türklinke anfassen, der unangenehmen Frage, ob die Schuhe auszuziehen sind, dem umschweifenden Blick, der hängen zu bleiben hat, der eine Frage formt: „Das ist ja toll, wo hast du das denn her?“ Das Gespräch, das aus der Frage erwächst, über Großeltern, über das Großwerden, Reisen und alte Freundschaften, kleine Geschenke. Diese Gespräche bleiben weg, alles, was in den Pausen geschieht, alles, was wichtig ist, um uns Menschen als Menschen auszuzeichnen.


Die Pausen bleiben aus, die Spaziergänge, das gesammelte Wissen einer Seminarwoche: Wer Kaffee trinkt, wer Kekse mitbringt, wer morgens erst spät zum Frühstück kommt, und wer sich zum Joggen aufrafft um sieben Uhr morgens. Alles, was mit einem Glas Wein in der Hand sich besser erzählen lässt, und alles, was in eine Zigarettenlänge passt. An einem der Abende versuchen wir, „Montagsmaler“ über Video zu spielen, es ist besser als nichts. Geklagt wird wenig und kurz, als habe man sich mit diesen Kommunikationsformen abgefunden, manchmal kommen Erinnerungen hoch an die letzte gemeinsame Seminarwoche, in der wir jeden Abstand einhielten, aber uns richtig in die Augen sehen konnten, ohne Bildschirm dazwischen. Die Erinnerung an Zeiten, in denen man sich zur Begrüßung und zum Abschied tatsächlich umarmte, einfach so, und sich einfach mal auf die Schulter klopfte, zwischendrin, um sich die wichtigen Dinge zu sagen, hast du gut gemacht, mach dir keine Sorgen, du bist hier nicht alleine, ist grau, es war irgendwann einmal, vielleicht in einem anderen Leben.


Am siebten Morgen, an dem ohne Seminar und ohne Videokonferenz stehe ich um sechs Uhr auf, gehe laufen in den Park. Tue das, für mich überraschenderweise, weil ich das möchte, nicht, weil ich meinte, das täte mir jetzt, nach der Woche vor dem Computer, ganz gut. Obwohl es mir natürlich gut tut, was denn sonst. Draußen ist es noch richtig dunkel, ich habe den Park alleine für mich, habe keine Angst, zähle keine Schritte. Beim Laufen fällt mir ein, dass ich vergessen hatte, nach den aktuellen Infektionszahlen zu gucken. Als ich wieder zurückkomme, entdecke ich auf dem Asphalt neben meinem Fahrrad einen kleinen Vogel. Einen grauen, mit gelbem Halstuch um den Hals. Es sieht aus, als trüge er ein Halstuch, aber ich weiß, dass es ein passenderes Wort für diese Federbemalung gibt. Sitzt da einfach, fliegt auch nicht weg, als ich mich neben ihn setze. Hat diesen kleinen Schnabel, und die Augen ganz ruhig, als täten wir das immer wieder, jeden Sonntagmorgen, nebeneinander sitzen. Und uns von der Woche erzählen. Bist du aus einem Nest gefallen, frage ich. Er fragt nichts, sagt auch nichts. Schaue mich um, es ist kein Baum in der Nähe. Er könnte ein Symbol für irgendetwas sein, dieser kleine Vogel, aber ich lasse ihn lieber einen Vogel sein. Hab einen schönen Tag, sage ich, und er sagt nichts, nickt vorsichtig nur, mit seinem Köpfchen.