Island – 9. Mai – in der Sonne

Ich trete hinaus, barfuss und setze mich auf den Terrasseneingang, die Steinplatten sind warm, ich muss nur einen Kapuzenpulli tragen. Der Frühling hat bis hierher gefunden, und die seltenen Windstöße durchwehen den dröhnenden Kopf. Nebenhöhlen zu und schmerzend.


Heute ist der Tag der Telefonate. Telefonate, die zu Telefonaten verkommen sind, erstens.


Wenn ein Abendessen ein Abendessen ist, und eine Autofahrt eine Autofahrt, und eine Nachricht nur eine Nachricht, ja, mir geht es gut. Dann ist es spät, und das “zu” lasse ich weg.


Ein Telefonat, eines, das mich aufmuntern sollte, verpasse ich. Und zum Zurückrufen ist es dann zu spät.


Ich setze mich zum Schreiben nach draußen auf die warmen Steine. Die gelben Blumen, deren Name mir gerade nur auf Russisch einfällt, blühen, der Frühling, sage ich doch, das war letzte Woche noch nicht so. Flora und Fauna tun sich mit der Mehrsprachigkeit am Schwersten: Die Namen fallen mir entweder in der einen oder in der anderen Sprache ein, und niemals gibt es eine Verbindung. Das ist schade, so wie es schade ist, wenn ich aufgeben würde.


Da ist etwas, das fehlt. Dann mach doch, du. Du.


Sätze, die zum Schweigen verleiten lassen könnten, lasse ich mit Absicht weg.


In der Normalität funktioniere ich nicht, obwohl ich sie in der Höhe mit links meistere, sozusagen von oben herab, mit einer Überheblichkeit beinahe.


Ein Telefonat überrascht mich. Und freut mich mit circa vier Sekunden Verspätung.


Ich trage das Nasenspray mit mir von drinnen nach draußen wie so ein anhängliches Baby. Früher hatte Kranksein weder Bedeutung noch Konsequenzen. Man legte sich ins Bett und schaute eine Serie, tagelang. Manchmal schlief man, und manchmal trank man einen Tee, und dazwischen klagte man immer wieder. Eine tröstende Hand auf der Stirn, als sei man ein Kind.


Heute lösche ich viel von dem, was ich schreibe; auch, weil ich mich frage, ob das Schreiben an Bedeutung verloren hat; das Schreiben als Normalität.


Ein anderes Telefonat, eines mit einer Nachricht. Wow.


Hohe Ansprüche, beim Schreiben wie beim Leben, man ist kurz vor Hass: Könntest du nicht einfach zufrieden sein, sich freuen? Und dann: Ohne die hohen Ansprüche wäre ich nicht da, wo ich bin; und wo anders würde ich vielleicht nicht sein wollen; und wenn ich neues erfahren will, dann muss ich; und das Wollen darf an einem Wie nicht scheitern, sonst scheitere ich.


Hohe Ansprüche, schon wieder.


Das Alleinsein, mit dem Frühling, mit den Möwen, mit den Flugzeugen über mich hinweg, dieser Flughafen hier in der Nähe, von dem ich immer noch nicht weiß, wie er heißt, mit dem blauen Himmel, mit der dunklen Wohnung, mit den ungeschriebenen Worten, mit der verstopften Nase, mit dem tausendsten Tee, die Tassen sind einfach zu klein hier, schreibt die Fragen in die Luft. Ich mag nicht alle Antworten hören. Na und? Am Ende laufe ich immer noch durch das Leben.


Es gibt kein zu viel wollen. Es gibt tun.


An dem Punkt, an dem Momente zum Festhalten eine Erinnerung sind, möchte ich nicht ankommen. Und wenn zerschellen, dann richtig, beim Scheitern.


Kinder, die in fremden Sprachen spielen, auf Isländisch beispielsweise, nur ein paar Meter entfernt, nerven weniger, weil man ihre Gemeinheiten, ihren Egosinn und ihre Nörgelei nicht versteht. Man versteht auch nicht die wundersamen Weisheiten eines Kindes, das gehört dann dazu.


Woran ich mich nicht gewöhnen kann: Dass ich den Schlüssel in die falsche Richtung drehen muss, dass es hell draußen ist, dass Dinge auf unterschiedlichen Boden fallen können. Ich hätte möglicherweise auch schon mal dasselbe gesagt. Und möglicherweise gehandelt.


Ich werde aufstehen von diesem warmen Boden, – Nasenspray – und dann werde ich hineingehen und mir etwas anderes anziehen – Nasenspray – und dann werde ich mich auf den Weg machen zu einem Abendessen, – Nasenspray – und dann. Im Übrigen weiß ich, wie ich hier gelandet bin, ziemlich genau.

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