Island – 30. Mai 2016 – keinetagemehr

Als Erstes erstelle ich Listen. Die Liste der Top Three der Dinge, auf die ich mich freue:


1. Wärme


2. Andere Schuhe


3. Bezahlbarer Kaffee


Die Liste der Dinge der Top Three der Dinge, die ich vermissen werde:


1. Dass sich alles ändern kann, jede fünf Minuten: Das Wetter, die Landschaft, das Ich.


2. Die Helligkeit der Nacht


3. Das Licht der Wahrheit


Als nächstes blättere ich durch die letzten Tage. Ich blättere die Landschaften wie Bilderbuchseiten um: Irland, Patagonien, der Mond, irgendeine Vulkanlandschaft, das Grün, das Braun, das Gelb, das Lila der Blumen, deren Namen ich nachschlage und sofort wieder vergesse, und die vor zwei Wochen noch nicht da waren. Die bunte Bettwäsche im kleinen roten Guesthouse am Ende der Welt. Das Blau der Gletscherlagune. Das dreckige Weiß auf dem Gletscher. In den Steigeisen laufe ich noch bäriger als sonst. Die Menschen fotografieren sich selbst, beinahe als Zweck der Reise. Ich lache, und ich lache noch einmal, und alles ist gut. Auf der Rückfahrt nach Reykjavik kommt bereits die Sehnsucht nach diesen Landschaften. Es ist wie ein Buch zu Ende lesen. Zu Ende lesen müssen, und dann kein neues anfangen wollen.


Am letzten Abend Pizza essen. Die Pizza auf einem Holzbrett zwischen Teelichtern und Pink Floyd, immer dieselben vier Lieder, und dieses Gefühl, was ich vergessen hatte: Das des Abschieds. Das immer irgendwo im Magen stecken bleibt. Es ist ein besonderer Abend, es ist der letzte, ist es der letzte, ist es ein besonderer, ist es. Morgen wird das Leben wieder nach mir greifen. Als hätte ich nicht exakt hier gelebt.


Am Flughafen noch ein Kaffee, im Gras sitzend. Als ich hier ankam, war es kalt, zu kalt, um im Gras zu sitzen. Als ich ankam, war ich irgendwie anders, es ist wie ein letztes Leben. Was vor sechs Wochen war, ist vor einem Jahr gewesen. Und was vor zweieinhalb Wochen war, war auf einem anderen Planet. Irgendwas war dazwischen, ein Film, er läuft entweder in Zeitlupe oder im Vorspulmodus und niemals im Jetzt. Irgendwas war, das Land hieß Island.

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