Island – 28. Mai 2016 – nur noch zwei tage

Ich sauge das Land dann noch einmal auf, ich sauge es ein und speichere es, bevor. Am Montag ist wieder Leben, irgendwie, und das Leben ist nicht immer leicht. Es jagt. Also sauge ich das Land noch mal auf. Eisschollen, erst weiße, dann blaue. So unwirklich, so fest. Morgens war Verwirrung. Fragen, die hinter der Frage stehen, sie stellen sich an, in Warteschlange. Bin ich jetzt dran? Nein, warte noch, erst ich. Ich will sie beiseite drängen, ich will Gefühl.


Die weißen Eisschollen liegen herum. Die blauen betteln um Aufmerksamkeit und sind erhaben zugleich. Den Gletschersee gibt es erst seit 84 Jahren, ich sitze in einem Amphibienfahrzeug, ich will, das Wasser ist salzig, ich schlecke mir die Lippen ab, um das Salz schmecken zu können, alles ist nass und kalt und irgendwie gut. Jede fünf Minuten eine andere Landschaft: Das ist Island. Immer, wenn ich die Augen senke, kenne ich schon, taucht etwas anderes auf. Mondlandschaften, irische grüne Felder, Gletscher aus Patagonien und Schafe, die aus Neuseeland eingewandert sind.


Sätze zerren im Kopf an Seilen. Ich sollte mich herunter beugen, mein Schreibbuch herausholen, ich sollte, ich sollte so viel. Das ist es ja schon, das Leben. Ich starre aus dem Fenster, und freue mich am Lachen und am Gespräch, und an allem anderen auch. Inhaltlich gesehen.


Im Hotelrestaurant eine Reise-Seniorengruppe, ab 50 aufwärts, und ich bin überheblich, die Tristesse eines Versuches, am Leben festhalten, obwohl. Ich schüttle die Überheblichkeit beiseite. Ich schüttle alles beiseite, an diesem Abend. Die Balkontür steht offen, jetzt kann die Kälte, die von draußen weht, nicht kalt genug sein, da draußen diese Felder, an die ich mich gewöhnt habe, zu schnell. Noch drei Tage, bis das Leben beginnt.