Island – 27. Mai 2016 – nurnochtage

Irgendwann begannen die Tage zu fließen. Sie gingen ineinander über, ich sammelte die Eindrücke, Bilder, Worte, Augenblicke, geknipste Minuten irgendwo im Kopf, ohne sie ordentlich zu verstauen zu können. Ohne den Wunsch, sie in Sätze zu fassen, in schöne, wirkungsvolle und angeblich dahin gestrotzte.


An einem Tag stand ich auf einem Gletscher. Alles war weiß. Die Augen schmerzten. Der Wind blies nicht, weil da nichts war außer Wind. Ich hatte das Bedürfnis, in das schmerzende Weiß zu rennen, einfach nur so. An einem Tag übernachtete ich in einem grünbedachten Haus, es sah aus wie ein Tipi-Zelt und stand zwischen Island-Pferden, Meer und Vulkan, und das war, wie es war, ein Märchen, eines, das man stehen lassen musste. Abends saß ich auf einem Baumstamm vor dem Haus, das war ein Augenblick zum Merken, einer mit Augen, die blicken. Ich habe Seehunde gesehen, im Meer schwimmen. Einen roten Leuchtturm seufzend fotografiert. Mich fallen lassen, ins Moos so wie ins Gefühl. Nichts davon habe ich aufgeschrieben. Es war, als ob ich vergaß. Da waren auch keine Zeilen, die mich bedrängten. Und ich war zu müde, um deshalb traurig zu sein. Ein sprudelnder Geysir langweilt mich inzwischen, auch das hielt ich fest.


Im Hotel Icelandair in Reykjavik hörte ich meinen Text auf Isländisch, ich verfolgte ihn auf Deutsch, während jemand anders ihn las, und ich konnte die Frage nicht beantworten, in welcher Sprache er besser klang. Es ist ein Text, mit dem ich mich herum trage, an dem ich arbeiten, weiter arbeiten sollte, jetzt, aber stattdessen schreibe ich diesen Blog und rede mir ein, so ist. Dass man sich und Worte langsam wieder finden muss, in kleinen Schritten. Anna Lára Steindal, die ein Buch über einen lybischen Einwnaderer geschrieben und kluge Dinge zum Thema Rechtsruck einer Gesellschaft, Dialog zwischen Kulturen und Migration als Prozess zu sagen hat, ist auch da, wir sprechen, auf diese ungezwungene isländische Weise. Eine Veranstaltung wird eine Woche zuvor geplant, ein Veranstaltungsort ein paar Tage zuvor bekannt gegeben, und dann spricht man eben, miteinander. Die Leichtigkeit tut dem Thema keinen Abbruch, und als ich hinaus trete, hat sich da was bewegt: Ich bringe diese Geschichte zu Ende, die deren Anfang sie auf isländisch vorgelesen haben gerade.


Das Schreiben verschwindet, wenn ich, wenn wir verschwinde, und genauso taucht es wieder auf, in Ideen, Ein-Sätzen, aus denen Absätze entstehen könnten, setzte ich mich hin, dann in einem Wunsch. Durch den Regen und Nebel fahren, der Regen ist auch eine Aussage in Island. Vorher sagte jemand zu mir, bei AliBaba, bei AliBaba in Island, während ich Schawarma aß, in Island könne sich das Wetter jede fünf Minuten ändern. Es ändert sich nicht, Regen und Nebel, und dann macht man diesen Witz: Es könnte hier schön aussehen, sähe man denn, wo man hindurchfährt. Von Weitem ist dieser Wasserfall zu sehen, den ich schon kenne, – das ist also das Gefühl, sich ein Land erobert zu haben – ich sah ihn beim letzten Mal unter einem Regenbogen, und das Wasser glitzerte in bunt. Ich lag im Gras, über mir der Himmel. Vor mir Wasser. Das Gras war grün. Menschen machten Bilder, auf denen sie in die Luft hopsten, auf der Suche nach einem Ausdruck für ihr Glück. Als brauche Glück einen Beweis. Der Wasserfall liegt im Regen, ich steige aus dem Auto, Pink Floyd. Hey you, can you hear me, out there in the cold, Getting lonely, getting old, can you feel me. Hey you. Der Regen, der Wasserfall, der Song. Und alles andere auch, und das ganze Leben an sich. Eine Frage. Eine Frage, und das ganze Leben an sich. Hey you. Danach ist nur Gefühl. Schlafen in einem roten Häuschen, inmitten dieses isländischen Nirgendwos, schwarze Flüsse gelbe Hügel, enge Brücken, endlose Weite, und nichts davon hat eine Bedeutung, und alles ist genauso. Genauso, sage ich. Genauso. Und jetzt, hey you.


Nachts wache ich gegen vier Uhr morgens auf, verschwommen, was war, ich kann nicht wieder einschlafen, ich denke nach. Morgens schreibe ich, das hier.

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