Island – 22. April 2016 – Tag Drei

Jeder sieht seine eigene Welt. Wir denken uns unsere Welt zurecht. Wenn die Welt rebelliert, wenn sie sich wehrt, nein, so bin ich aber nicht, schließen wir die Augen und stöpseln die Ohren zu. Jetzt aber wirklich, du blöde Welt, stell dich nicht so an.


Island, das Land mit dem höchsten Glücksempfinden der Welt, so eine Umfrage der UNO, ist so glücklich nicht. Der Verbrauch der Anti-Depressiva steigt, erzählen mir Kristín und Lára, sie erzählen es mir in der Sonne, und sie tragen Sonnenbrillen dabei. Ich habe keine Sonnenbrille dabei, der Muffin schmeckt nach Carrot Cake, und der Kaffee ist in diesem Land stark. Lára lacht ein Lachen, das eine Einladung ist. Kristín hat eine Meinung, man möchte mitschreiben, man glaubt sofort. Ich weiß nicht, ob die beiden glücklich aussehen. Ich weiß immer, wann ich glücklich war. Die Augen schließen, ein Hauseingang. Die Augen schließen, ein Sofa. Die Augen schließen, diese Augen.


Island, das Land mit der höchsten Gleichberechtigung der Welt, so der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, ist so gleichberechtigt nicht. Frauen verdienen weniger als Männer, und seit der Krise nehmen weniger Männer Elternzeit, erzählen mir Kristín und Lára, sie erzählen es mir in der Sonne, den Muffin habe ich aufgegessen, und das Gespräch ist leicht, die Fragen schieße ich hinaus, so dass keine Zeit ist, sich zu fragen, ob ich das nicht auch tue, um uns Dreien ein Schweigen zu ersparen, keine Sekunde Pause, kein Moment. Schweigen wie ein Wind, der durch die Ärmelöffnung unter die Jacke kriecht. Es gibt wenige Menschen, mit denen man im Wind stehen möchte. Es gibt wenige Momente, in denen ist Schweigen ein Geschenk. Manchmal ist das Schweigen eine Lüge.


Im Laufen sprechen wir über die Piratenpartei, die hier so plötzlich erstarkt. Mein Sohn hatte gefragt, ob ich nicht kurz von Island heimkommen kann, um ihm gute Nacht zu wünschen, das erzähle ich den beiden. Im Laufen ist Wind, die Sonne scheint, und das Leben ist anders. Ausstellungseröffnung in der Nationalbibliothek über einen isländischen Dichter, ich verstehe kein Wort und führe beim anschließenden Empfang zehn Mal dasselbe Gespräch, six weeks, everything so different, writing on a novel, yes, indeed, it is small. Häppchen essen und Wein trinken, was mich an meine Zeit bei der taz in Hamburg denken lässt, wo ich, dauerpleite aber voller Ideologien, von Häppchen bei Pressekonferenzen zu ernähren versuchte. Die isländischen Häppchen schmecken besser als die deutschen, aber das gilt möglicherweise für jedes Land der Welt. Weißwein, und ein Häppchen mehr, und während ich mir eines aussuche, sehe ich Vigdís Finnbogadóttir, die erste Präsidentin Islands, die erste Regierungschefin weltweit, das ist hier wohl so: Man geht zu einer Ausstellungseröffnung und trifft eine ehemalige Präsidentin. Soll ich dich vorstellen, sagt Kristín. Sollen wir uns mal treffen, frage ich Vigdís Finnbogadóttir. Sollen wir, sagt sie. Ihr Lächeln warnt mich vor, sie weiß, wer sie ist. Dass draußen immer noch die Sonne scheint, könnte ich jetzt gut schreiben, lasse es aber sein, das wäre eines von diesen Enden.


Jeder sieht seine eigene Welt. Morgens verließ ich die Wohnung beinahe rennend und setzte mich zum Schreiben ans Meer, auf diese bunte blaue-pinke Bank. Ich wusste nicht, was ich schrieb. Das Meer war ruhig, und der Wind war kalt. Es machte mir Angst, was ich da tippte. Manchmal ist das Schreiben wie ein dunkler Tunnel, man läuft hinein, die Neugierde größer als die Gefahr, aber die Taschenlampe hat man vergessen. Ich lief zurück, den Laptop unter dem Arm, und versuchte angestrengt, mir meine Welt zurecht zu denken.