Five Minutes a Day – MUC29092017

Viktualienmarkt, eine Bank. Darauf sitzen wir. Um uns schwirrt das Leben. Das ist diese Mittagszeit, nach der die Menschen beleidigt zurück an die Schreibtische schleichen: Es ist Freitag, und es fühlt sich unfair an, unfairer noch als an den anderen Tagen, an den Dienstagen und Donnerstagen, zurück an den besagten Schreibtisch zu müssen. Vor uns auf dem Bürgersteig sitzen fünf, sechs junge Amerikanerinnen, sie essen Sandwichs und lachen sich tot. Ich weiß nicht, worüber sie lachen, ihr Lachen macht mich aggressiv. Das ist die Eifersucht, die tobt: Ich will das auch, lachen. Ich blicke dir in die Augen. Unter den Augen sind Falten, und in den Augen ist die Müdigkeit, aber vielleicht ist es auch andersherum. Was, fragst du, aber ich schüttle den Kopf, und ich verrate dir nicht, wonach ich in den Augen suche. Deine Augen sind blau, aber sie wären gerne grün. Zur Zeit sind sie grau. Aber das ist nicht der Grund. Später verabschieden wir uns, ich denke, wie zwei Fremde, aber du wärest wütend, wüsstest du das. Du wärest nicht wütend auf mich.


Beim Laufen lasse ich mir Zeit. Menschen bemerke ich nicht. Sie bemerken mich auch nicht, vermutlich. Zuhause schreibe ich im alten Wahn. Das ist wie das T-Shirt, das man anzieht, wenn man sich schlecht fühlt. Das alte, ausgeleierte, das die Erinnerung trägt. Ich weiß nicht, wo meines ist. Ich weiß nicht, ob ich jemals eins hatte.