Corona-Blog Tag 31 / Mittwoch

Aktualisiert: Juni 30

Wenn die Kinder nicht da sind, gehe ich joggen, ich jogge wie andere durch den Park. Bin eine von denen, über die sich echte Sportler*innen lustig machen: Ich jogge sonst nicht, bin eine, die nur wegen Corona joggt. Ich komme sehr schnell aus der Puste, den Spaß, den andere beim Sport empfinden, verspüre ich nicht. Beim Laufen telefoniere ich mit meiner Mutter, ich höre lange am Stück zu, weil ich so aus der Puste bin. Sie läuft, während wir telefonieren, auch, sie läuft gerade einen Hang hoch. Einmal sind wir beide so außer Atem, dass keine von uns spricht; ich wundere mich über die Nähe, die dieser Tage durch das Telefon kriecht. Die Sehnsucht ist leise und beinahe kindlich: Wie, wenn man als Kind aus dem Ferienlager anrief. Wenn Freund*innen erzählen, dass sie ihre Eltern „unterm Balkon“ besuchen – das scheint das neueste Corona-Ding zu sein; es gibt ja jetzt Corona-Trends -, dass sie sich vor den Balkon der Eltern setzen, stellen, um Liebesworte oder Alltäglichkeit hinauf zu rufen, kriecht Neid hinauf. Meine Eltern wohnen für einen Balkonbesuch zu weit weg. Ich male mir einen solchen Besuch ein wenig aus, wie ich vor dem Fenster stünde, wie ich hinauf winken würde, wie ich rufen würde, ich weiß nicht, was, wie es mir vielleicht unangenehm wäre, dass die Nachbarn mich hören, wie meine Mutter mir vielleicht etwas herunter würfe, ich weiß gar nicht, was. Vermutlich etwas zu essen. Ich male ihn mir aus, diesen Balkonbesuch, weil er einfacher als eine Umarmung vorzustellen ist.


Sie wollen Geschäfte nächste Woche wieder aufmachen, sickert bereits am Vormittag des Mittwochs durch, des Mittwochs, an dem Entscheidungen getroffen werden. Geschäfte mit einer Ladenfläche von bis zu 800 qm, die ich mir vorzustellen versuche, ich habe keine Ahnung, wie viel 800 qm sind. Von Schulen hört man nichts, die bleiben vermutlich geschlossen. Davon, dass Arbeitstreffen vielleicht wieder möglich sein sollten, davon, dass ich vielleicht wieder jemandem beim Essen gegenüber sitze, der*die nicht zur Familie gehört, ist nicht die Rede, oder es sickert einfach nicht durch. Hinter dem Sickern stehen übrigens immer Menschen, es geschieht nicht einfach durch Zufall, nebenbei. Ich habe keine Antwort darauf, warum ich shoppen gehen sollte, jetzt, da ich weniger und manchmal kaum Geld verdiene, jetzt, da ich während der Arbeit auch Lehrerin spielen muss. Ich weiß nicht, ob ich zu einseitig, zu sehr im eigenen Umkreis denke, wenn ich mich frage, wer Umsatz in diese geöffneten Läden bringen soll. Ich versuche zu verstehen, verstehe dieser Tage nicht immer viel. Vielleicht geht es denjenigen, die diese Entscheidungen treffen, auch manchmal so.