Corona-Blog Tag 24 / Mittwoch

Aktualisiert: Juni 30

Gestern diese kurze, panische Angst verspürt, die, die jede Vernunft aussetzt. Mich schon währenddessen dafür geschämt. In der Mittagspause mit den Kindern ein Picknick gemacht, nicht im Park natürlich, das ist nicht erlaubt. Sandwichs zubereitet, Paprika, Gurken klein geschnippelt, als wäre ich eine von diesen guten Müttern, die die Kinder mit Vitaminen versorgt und ihnen beibringt, Gemüse zu schneiden, eine Decke auf den kleinen Grünstreifen im Innenhof gelegt. Der Innenhof ist meist leer, ich weiß gar nicht, warum; es ist nicht einer dieser Innenhöfe, in denen sich die Nachbar*innen zum Quatschen treffen. Seit C ist er das nicht: Da wird Gymnastik auf Isomatten betrieben, plötzlich engagierte Väter werfen ihren kaum geradeheraus laufenden Kleinkindern semibegeistert Bälle zu, Familien wie wir legen Picknickdecken aus. Die Sonne scheint, und wäre nicht der Ort, die Zeit, dann wäre es einfach nur ein Mittagessen. Es scheint, es sei schon eine Weile her, dass ein Mittagessen nur ein Mittagessen war. Ein paar Meter von uns lassen Zwillinge, niedlich, frech, voller Leben ihre ferngesteuerten Autos fahren.


Später, wir haben zu viele Sandwichs gegessen, packen die Kinder ein Quartettspiel aus, und einer der kleinen Zwillinge kommt dazu, fragt, ob er mitspielen dürfe. Wie sage ich, dass das nicht geht, ich sehe, wie sich die Jungs winden. Ein Vierjähriger, ich bin mir sicher, der das C-Wort bestimmt schon kennt. Ich muss das Wort jetzt für ihn in eine Grenze übersetzen, ihm sagen, dass er mit meinen Kindern nicht spielen darf. Ich bringe Kindern bei, Distanz zu wahren, ich bringe Kindern das Gegenteil von dem bei, was ich ihnen jemals zeigen wollte. Dass es leider nicht geht, heute, aber hoffentlich bald, hoffentlich, ich setze ein Ausrufungszeichen dahinter. Und mache ich, weil mich der Kleine mit den großen klischeehaften braunen Augen anstarrt, noch ein Kompliment über sein ferngesteuertes Polizeiauto, lege Worte über sein vorwurfsvolles Schweigen.


Schweigend setzt er sich einen Meter von uns entfernt, schaut dem Kartenspiel, bei dem er nicht mitmachen darf, Social Distancing schmerzt heute sichtbar, zu. Ich konzentriere mich aufs Lesen, höre hinter mir Geräusche. Höre eine verschnupfte Nase, dieses Kindergeräusch, wenn sie den Rotz hoch ziehen, was immer wie ein leichter Vorwurf klingt. Höre plötzlich auch etwas anderes, das wäre mir womöglich vor Wochen nicht einmal aufgefallen. Höre, wie das Kind schnappend atmet, höre, wie ihm Luft fehlt, nicht so, dass er Hilfe bräuchte, aber eben auch alles andere als gesund. Bist du erkältet? Höre, dass der Schnupfen nicht nur ein Schnupfen ist, höre das C-Wort im Kopf, höre, sehe, was ich über C-Symptome gelesen habe. Höre, sehe, was ich über die die Krankheit gelesen habe. Schäme mich, weil ich weg möchte, die Kinder weg bringen, und mich selbst auch, weiß nicht, wie ich das dem kleinen Jungen erklären sollte, den ich gerade schon nicht habe mitspielen lassen, weiß nur Sätze, die ich nicht sagen will: Jungs, sollen wir mal langsam heim? Könntest du dich vielleicht noch ein Stück weiter weg setzen? Scheiß-Corona, aber Scheiße sagt man nicht vor den Kindern. Wir müssen vielleicht noch lernen, was man dieser Tage zu Kindern sagt, wir müssen zusehen, wie Corona auch deren Leben verändert.