Stuttgart – München, 14042016, 20.37 Uhr – More Than Five Minutes Today

Mein Vater trägt ein gebügeltes Hemd türkiser Farbe. Er trägt einen dunkelblauen Pullover darüber und schwarze Lederschuhe. Bevor er sich diese Sachen anzog, lagen sie auf dem Bett aus, seit heute morgen schon. Was ziehe ich abends an? Ich sah die Sachen ausliegen auf seiner Seite des Bettes, bevor mir die Augen zufielen, eine halbe Stunde dringenden Schlaf auf der Bettseite meiner Mutter. Als sie mich weckt, ist es wie früher zur Schule. Kann ich bitte, fünf Minuten noch, und diese Wut. Als könnte sie etwas dafür.


Ich trage einen Pullover, dessen Farbennamen ich vergessen habe, und wenn ich müsste, so würde ich ihn beschreiben als dunkelorange/noch nicht braun/cognac, aber bei cognacfarben vergesse ich immer, was das ist. Ich trage eine Jeans und Chucks, und als wir los wollen, fragen meine Eltern, beide, gehst du so, und hast du nicht etwas anderes zum Anziehen dabei. Habe ich nicht, und mein Pullover hat einen Rollkragen, und die Chucks ein Muster, das sonst fast keiner hat. Ich glaube, es ist so eine seltene Edition.


Meine Mutter trägt einen schönen, beigefarbenen Mantel und fragt: Wie ist meine neue Frisur, und mein Bruder und ich finden sie beide gut. Mein Bruder und ich stimmen in etwas überein, ein Augenblick zum Festhalten, also lächle ich, aber ich glaube nicht, dass das jemand außer mir sieht.

In der Lesung, mehr Gespräch denn Lesung stellt die Moderatorin sehr gute Fragen, und bei ein paar von ihnen weiß ich nicht, wie ehrlich meine Antworten sind. Wie viel Mut braucht man, um so schnörkellos Dinge auszusprechen, die andere nicht zu denken wagen? Ist es die Kunst, Erinnerungen in Geschichten aufzuschreiben? Im Publikum sitzt mein Vater in einem türkisen Hemd, mein Bruder, der extra kam, und meine Mutter, die weint, und später sage ich „ununterbrochen“, und sie antwortet „das stimmt nicht, nur kurz“.


Eine gute Frage, ich fühle mich wieder auf sicherem Boden, ist die: Gibt es für Sie Gemeinsamkeiten zwischen Sprache und Mathematik, und da kann ich wieder, Sprache als Partitur und meine unbändige Freude daran, und Worte in schöne Reihen stellen, und berühren, und berührend machen, und manchmal wie Schüsse, da sagt die Moderatorin, nicht ich. Manchmal wie Schüsse, das stimmt. Gestern sagte ich diesen einen Satz, und jemand antwortete mir: Du jagst mir Angst ein. Aber so war die Geschichte, vielleicht. Das Vielleicht füge ich notwendigerweise hinzu.


Wir laufen zum Bahnhof, und irgendwann bleibt mein Vater an einer Straßenbahnhaltestelle stehen und sagt, er verabschiede sich nun und fahre schon mal heim. Warum, frage ich, bist du müde, der Hund. Nein, sagt er, ihr lauft mir zu schnell. Er trägt heute ein türkisfarbenes Hemd, und ich könnte ihn heute ewigkeitenlang umarmen.

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