Rinteln nach München, 26.09.2015

Zugfahren geht gar nicht mehr. Mir ist schwindelig und schlecht, als wäre ich nach Dresden gefahren, Neigetechnik, dabei ist es die übliche Strecke. Hannover – München. Die halbe Zeit döse ich, frierend, die Jacke erst als Kissen, dann angezogen und wünsche mich in mein Bett. Im Bett ist eine neue Decke.


Gestern, in dem Hotel-Kegelclub, in dem ich wissen wollte, ob sie noch etwas zu essen hätten, gegen zehn – hatten sie nicht – den Namen Gunter Sachs aufgeschnappt. Von einem mittelalten, schwulen Herren mit vielen Armbändern ums Handgelenk, einem sich selbst als solchen bezeichnenden Künstler, der zwei Frauen, die mehr aussahen, als gehörten sie in diesen Kegelclub Bilder seiner Kunstwerke auf dem Handy zeigte und sagte, das ginge so in Richtung Gunter Sachs. Was auch immer das heißt. Da horcht man auf, im Kegelclub.


Am Bahnhof einen sehr netten Punker mit Bierflasche in der Hand kennen gelernt. Wenn ich an meine Familie denke, dann ist da dieses warme Gefühl, liebevoll, würde man sagen, warm und wohlig und wollig auch, und die Liebe, um die ich weiß. Deren Liebe, deren Ziel ich bin, ist erdrückend und beruhigend zugleich. Darüber will ich schreiben, immer stärker der Wunsch, und das Wissen, dass ich wahrscheinlich nicht kann. Das Nicht-Kann ist eine Bestätigung der eigenen Empathie, weil es nicht ist: Nicht-Darf.


Morgens mit schlechten Erinnerungen aufgewacht, und nicht gewusst, ob ich nicht schon mit ihnen eingeschlafen ist. Sie sind wie Dämonen, plötzlich präsent und über das gesamte Hotelzimmer verteilt, da, wo Vertrauen war, sind nur noch sie. Halbdunkles Wohnzimmer, Einsamkeit auf einer Matratze, diese durchzechten, schlaflosen Nächte, diese Wochen des Rennens gegen die Wand. Erniedrigung wische ich beiseite im Versuch zu vertrauen. In Hotelzimmern auf Lesereise lasse ich immer den Fernseher laufen, ohne auch nur hinzusehen, die Stimmen – heute „Mord ist ihr Hobby“ – beruhigen, obwohl ich nicht hinhöre und nicht einmal auf den Bildschirm blicke.


Die Notwendigkeit einer Reise wird klarer und dringender. Durch den Osten fahren, I’ve seen the West. Nach Russland fahren, durch Russland fahren. Erst Piter, (liebevoll für: Petersburg) ganz klar, und dann drauf los fahren, ins Nichts, in die Tiefe der Unfreundlichkeit und der Kälte und der Herzlichkeit und des Gefühls. Oh je, da ist sie ja schon, diese russische Seele. Da ist er wieder, der russische Wolfshund. Ich muss plötzlich an das Foto denken, das mir A. schon vor einem Jahr aus den russischen Tiefen schickte, von absurd-riesigen Grabsteinen, auf denen die Luxusautos der Verstorbenen gemeißelt waren (oder wie diese Technik auch heißen mag). Mit A. nach Russland fahren, denke ich, weil er verstehen würde, und auch wann Lachen und Weinen angebracht ist, und wann beides zur gleichen Zeit. Und weil er sich genauso freuen würde, an mayonnaise-getränktem Kartoffelsalat, an Kaviar mit Blinis, an Pelmeni mit Saurer Sahne, an cremeüberfüllten Torten. Und Tee. Und Wodka. Auch so ein russischer Wolfshund. Ich schreibe ihm eine Nachricht. Bis Sibirien fahren. Oder nach Georgien herunter. Ich sehe Fotografien, ich sehe ein Fotobuch. Und Geschichten dazu. Gut wäre auch eine Reise mit meinen Eltern, sie kehren nach zwanzig Jahren zurück, drei Generationen, die Kinder das Land entdecken lassen, die Großeltern sprechen lassen, die Freude teilen sowie die Sehnsucht nach etwas, was nicht mehr sein wird. Und das in Fotografien festhalten lassen, back to the roots. Oder zu viel emotionales Geheul.


Im ersten Zug, einem der Nord-West-Bahn, sitzt eine Familie, die man als Asis-Familie bezeichnen müsste, wenn man denn dürfte. Übergewicht, die Kinder in rosa-leuchtend und cars-bedruckt gekleidet, der Vater das Ebenbild eines Alkoholikers, die Mutter sieht aus wie der Mann. Gemein. Aber: Die Liebe und die Geduld, mit der sie ihren Kindern begegnen, ebendieser Vater, der den kleinen Jungen beschreiben lässt, was dieser im Fenster sieht, aus den blonden Haaren seiner Tochter einen Zopf flechtet. Das ist die reine Liebe, die ohne pädagogisches Konzept.


Wenn man das Vermissen als Konzept ablehnen kann, weil man nicht sein will, jemand, der vermisst, so ist das nur eine vermeintliche Stärke. Oder es ist genau andersherum: Diesen Satz zu denken und zu notieren, sich damit eine vermeintliche Stärke geben. Muss es immer ein Kräftemessen sein, kann man sich Gefühlen nicht hingeben. Oder doch.


Beim Umsteigen in Elze – where the fuck is Elze – Flüchtlinge hinter Absperrband am Bahnhof. Feuerwehrmänner mit Kaffeepappbechern und gelangweilt darum herum. Männer und Kinder, und dazwischen Kopftücher aber nicht viele. Eine Stimme durchs Megafon, arabisch, Alemania, hört man immer wieder. Da ist sie, die neue Realität. Unwirklichkeit und Unmenschlichkeit sind die zwei Gefühle, die einen beschleichen, und beide lassen sich nicht erklären. Menschen hinter Absperrband.


Im Zug Judith Butler gelesen: „Durch das Sprechern verletzt zu werden, bedeutet, dass man Kontext verliert.“

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