Oktobernacht, München

Das Gelebt-Haben merke ich an dem Wunsch zu schreiben. Von einem Abend zurückkehren, das Gespräch noch beben lassen, wahrscheinlich noch: das Gespräch, das mich beben lässt, und schreiben müssen. Menschen, die einen auf diese Weise beeindrucken, und Abende, die so bleiben, dass sie im Kopf weiter leben, diese Menschen.


Nachhause kommen, langsam. Alleine. Sich an der Dunkelheit freuen, ebenfalls langsam. Sich trauen, vielleicht auch: mir trauen. Das ist neu. Und zaghaft. Aber zaghaft schön.


In den letzten Tagen: Umarmungen, die einen Abschied aussprechen. Und vielleicht all das sagen, was man nicht sagen kann. Die Nähe in der unausgesprochenen Distanz, sie ist schön. In der Länge der Umarmung.


Während ich auf S. wartete, schrieb ich. Ich saß im Café, vor mir eine Apfelschorle, trug den Schal mit den grünen Elefanten, die ich alleine wegen ihres Grüns schon liebe, und schrieb eifrig ins Notizbuch, etwas, das ich später abzutippen gedachte, wofür ich jetzt zu faul bin, und sah dann mein eigenes Bild, und wunderte mich, weil es mir gefiel. Ist es so, dass ich mich selbst gern so sehe, schreibend?

Apropos Schreiben. Aber ich lasse mir noch ein paar einige Zeilen Zeit.


Heute habe ich mich wiederholt. Ich sprach etwas aus, was ich am Montag so plötzlich erkannte: Man ließ mich die sechste Klasse überspringen, da war ich gerade anderthalb Jahre in Deutschland und hatte so eben wieder festen Boden unter den Füßen gespürt. Noch genoss ich jeden Satz, an dem man meine Herkunft nicht erkannte, und streichelte über den Schulrucksack, weil er aussah wie der der anderen Kinder. (Noch wünschte ich mir ein Leben aus dem Quelle-Katalog). Man ließ mich diese Klasse aufgrund von Unterforderung überspringen, und sie fragte, aber warum? Das hatte Frau M. am Montag nicht gefragt. Und ich erklärte es ihr, und das war der Moment, in dem ich mich wiederholte, “ich war ja auch später unterfordert”, und zwei Sätze später also das Gleiche noch mal. Was, man könnte sagen, nun ja, Arroganz. Aber. Ich wiederhole mich, offensichtlich, es war mir früher nicht aufgefallen, und blickte ich, als wir das fest stellten, wie ein verschrecktes Reh? Das dachte ich, dass ich viellicht zusammenschrecke wie ein Reh. Ich hatte sie, meine Eltern, meine Lehrer, nein, meine Eltern hatte ich erklären wollen.


Immer wieder die Eltern erklären wollen. Immer mehr dieses Gefühl: Zurückkehren zum über die Familie schreiben müssen. Und die selbst aufgelegte Zensur im Kopf, Respekt und Liebe, von der man manchmal meint, dass ich sie gar nicht hege. S. versteht auf Anhieb, ich muss es gar nicht erklären.


Gary Shteyngart fragte ich als Erstes, wie er sich getraut hatte, dieses Buch zu schreiben. Sie könnten es gar nicht lesen auf Englisch, erklärte er, sonst hätte er es niemals getan. Ich rede mit meiner Mutter darüber, die sich sichtlich Mühe gibt, mich zu verstehen, während ich dasselbe versuchen, und wie wir uns beide Mühe geben, das ist der Respekt, der die Zensur erhebt.


Und trotzdem wissen, dass kein Weg daran vorbei führt, und wissen, was zu schreiben ist. Das Gefühl ist vorsichtig und dennoch ein Sog.

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