München – Gau Algesheim, anfangnovember

Das Schreiben im Zug ist ein automatisiertes, beinahe die einzige Art zu schreiben, die natürlich erscheint. Alles andere ist Arbeit. Was sich ähnlich anfühlt: Morgens, von Gedanken aus dem Bett getrieben werden, die so laut sind, dass auch das Umdrehen und das Kissen auf dem Kopf nicht hilft, und in einem schlechten Frühstückssaal eines schlechten Hotels schreiben.


Wenn ich derzeit schreibe, dann fließen die Zeilen. In jedem Zusammenhang. Sie gehen ineinander über, über das Schlechte gehe ich mit einem neuen Selbstbewusstsein hinweg, mit einer Geduld, die ich nicht kenne: Es wird schon. Euch schmeiße ich später weg, und neue Zeilen werden kommen, und sie werden besser sein, und möglicherweise gut.


Gestern habe ich gelesen. Ich habe schlecht gelesen, ich stolperte, und verhaspelte mich, und da war wieder die Schwierigkeit mit den kurzen und langen Vokalen (Ofenkartoffel, wie viele Monate hatte ich an dem Wort geübt), natürlich, sagte ich mir, ich habe den Text ja weder redigiert noch jemals geübt. Natürlich. Ich lag mit dem Rücken und wusste um die eigentlichen Gründe.


J. schreibt mir, ein Herz sei nicht eindimensional, J. schreibt mir in letzter Zeit viel über Herzen. Er formuliert neuerdings schön, oder habe ich es nur vergessen, er schrieb vor zwei Tagen, ich habe zu viele Baustellen für ein einziges Herz, und unfairerweise seien sie auch noch alle unterirdisch miteinander verbunden. Dann schrieb er noch: Ach, Lena, ich würde dich jetzt einfach in den Arm nehmen. Und dann noch: Wenn du das noch einmal denkst, dann hau dich von mir auf den Hinterkopf, so kam er mir wieder näher, mein alter bester Freund. Mein Herz ist nicht eindimensional. Ich mag nichts Eindimensionales und sehne mich manchmal nach Einfachheit.


Wann es einfach ist: Wenn da keine Gedanken sind. Wann keine Gedanken sind: Wenn ich fliege.


Man hatte beinahe den Eindruck, M., der Kluge, der in seiner Klugheit zu fühlen vergaß, schien an unserer Kommunikationsart zu scheitern. In der leichten Bewunderung, der objektiven, als Dritter sozusagen, war kein Neid und kein Wunsch, sondern eine Vorsicht. Vor dem weniger haben wir Angst. Vielleicht wird es niemand verstehen. Vielleicht sind sie zu klein. Oder wir zu anders. In der Ehrlichkeit liegt das Spiel. Im Spiel ist das Mehr. Im Mehr kann man fliegen. Man muss. Eine Stimme sagte auch: Vielleicht hat er recht. Und macht ihr euch was vor. Und wann hört denn das Ganze auf.


Auch wenn ich mich von nichts mehr begeistern lasse als von leuchtendem Intellekt und komplexen Gedanken, so bin ich innen drin doch ein romantisches Kind, das möchte, dass am Ende die Gefühle siegen. Da ging es um den Kongo, und darüber, wie man dorthin reisen kann oder darf.


In Gau Algesheim steige ich aus. 7000 Einwohner und das Ende der Welt. Aber die Buchhändlerin, eine junge, jünger als ich, strahlt vor Glück und Bücherliebe, ja, auch so kann man strahlen, und sie hat eine Papiertüte dabei: „Living comes natural to many. Love comes natural to few.“ John Fulbright, High Road. Grüner Edding auf Papiertüte, das hilft auch über die karierte Biberbettwäsche hinweg. Wobei die übliche Hoteleinsamkeit und Verzweiflung in der Nettigkeit noch größer wirken, weil unangemessen.


Manchmal möchte ich Gott danken. Darüber müsste ich schreiben, über das Nicht-Mehr-Sprechen des Schma Israel.