Kultur trotz Corona: Die Füße tun am Abend immer noch weh

Weihnachten also. Stelle ich mit Blick in den Kalender fest, 1. Advent steht da für Sonntag. Aha, denke ich. Mehr denke ich nicht, dass ich Spekulatius kaufen könnte, vielleicht noch, zugenommen habe ich eh schon. Gestern über Pläne gesprochen, was machst du an Weihnachten, was ist eigentlich mit Sylvester. Keine Ahnung, antworte ich, warten wir mal ab, was die Bundesregierung sagt. Sonderbar, dieses Gefühl, meine Pläne nach der Bundesregierung auszurichten, obwohl die Bundesregierung nicht weiß, wer ich bin. Sie haben sich heute zu ihren Beratungen versammelt. Ich frage mich, wie sie das machen, rein organisatorisch, meine ich, vom HomeOffice aus? Sagen die Ministerpräsident*innen dann zu ihren Kindern, ich will jetzt ein paar Stunden lang nicht gestört werden, ich muss mich jetzt beraten. Darüber, was die Menschen in Deutschland in den nächsten Monaten dürfen oder auch nicht. Eher über das Nicht. Und antworten dann die Kinder, ja, aber was, wenn ich Hunger habe, weil das eine wichtige Frage ist. Machen sie sich einen Kaffee, nehmen sie ihn mit an den Schreibtisch, verschütten sie ihn vielleicht sogar? Hat sich jemand Obst mitgenommen oder Kekse, wird da vorher Smalltalk gehalten, bei uns in Bayern ist es schon kalt, ich hoffe, dass meine Tochter nicht rein platzt in die Beratungen, habt Ihr auch so schlecht geschlafen.


Ich habe sehr schlecht geschlafen, aber das hat nichts mit den Beratungen der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen zu tun. Ich glaube, das ist diese Entmündigung, von der die Corona-Maßnahmen-Gegner*innen sprechen, dass man auf die Entscheidungen der Bundesregierung warten muss, um eigene Pläne zu machen, dass das Politische so viel konkreten Einfluss auf das Private nimmt. Die Corona-Todeszahlen in Europa steigen, sagt die WHO.


Am Sonntag raus gefahren, mit diesem Gefühl, Zoom und dem Bildschirm mal entfliehen zu müssen, einfach mal Natur und so. Weil Wandern mich schnell langweilt, gedacht, vielleicht den Barfußpfad suchen, den wir im Sommer laufen wollten, aber dann war so viel anderes im Sommer, da war gar keine Zeit. Jedenfalls raus gefahren, die Schuhe ausgezogen, ganz schön kalt, der Asphalt, die zermatschten braunen Herbstblätter etwas wärmer. Ziehen wir das jetzt echt durch? Ja, das schaffen wir. Schaffen wir also, irgendwo auf dem Pfad liegt bereits Tau. Das kleinere Kind weint, mag nicht barfuß durch den Schnee, also nehme ich ihn Huckepack auf den Rücken, obwohl ich auch nicht barfuß durch den Schnee möchte. Alles schmerzt, oder ich spüre die Füße nicht mehr. Später sitzen wir lachend auf der Bank, die Sonne scheint, diese letzten, lauwarmen Strahlen, die sich hinabwerfen, und im Teich spiegeln sich Bäume, und wir sind ziemlich froh. Die Menschen, die an uns vorbeilaufen, in dicken, warmen Stiefeln und mit Schals um den Hals, werfen Blicke. Die Füße kribbeln, und alles fühlt sich gut an, lebendig. Beim Reinfahren in die Stadt sehe ich auf den Bürgersteigen immer wieder Menschengruppen, Warteschlangen, mein Gehirn nimmt sie nebenbei wahr, weigert sich, einzusortieren. Dann erst fällt mir auf, Corona. Die stehen an, beim Bäcker, im Café, um sich etwas zu holen, hineinsetzen kann man sich ja nicht. Dann erst fällt mir auf, ich hatte es einfach vergessen, hatte beim Barfußlaufen im November tatsächlich einfach vergessen, dass da draußen, eine Pandemie, überall, jetzt gerade, seit fast einem Jahr, wie lang noch, hatte ich einfach alles vergessen. Die Füße tun am Abend immer noch weh.