Island – 14. Mai 2016 – tagderwale

Heute habe ich einen Wal gesehen, sehr kurz. Dann habe ich zwei Walflossen gesehen, ebenfalls sehr kurz. Ich bin Schiff gefahren dafür, sehr lang. Das Schifffahren hat mir mehr Freude bereitet, als das Wale schauen, das hatte möglicherweise mit diesen Zeitverhältnissen zurück. Dem kleinsten Kind ging es ähnlich: Während alle auf dem Schiff Wale zu beobachten versuchten, versuchte das kleinste Kind, die Schiffe und die Boote zu beobachten, die die Wale beobachten wollten, wir zählten Motoren, Rettungsboote und hielten nach Ankern und Lenkrädern Ausschau, es ging uns ganz gut. Manchmal zitterte ich.


Heute habe ich gefühlt, zu sehr. Dann habe ich mich aufgeregt, ebenfalls zu sehr. Ich habe nachgedacht darüber, sehr lang. Es dauert immer, bis ich so einen Abstand gewinne, zu mir selbst. Es ist ein langsames Tasten. Dann sehe ich die Dinge ganz deutlich. Bevor sie natürlich wieder zu verschwimmen beginnen. Es ist schon erstaunlich: Wie sich Dinge ändern können, so schnell. Wie weich Wolken sein können, wie kalt Mauern, wie sehr das Jetzt im Früher verschwimmt, und andersherum. Manchmal sehe ich das Später klar, manchmal gar nicht.


Ich sitze auf der Couch, heute ist der zweite Abend, an dem ich gerne wo anders wäre als in Island. Heute ist der zweite Abend von Heimweh. Heute wäre ich gerne auf sicherem Terrain. Ich weiß sehr genau, wann die Dinge funktionieren. Es ist eine so einfache Gleichung. Daran halte ich mich, an ein Wissen.


Ich schreibe heute. Ich schreibe noch fünf Seiten von diesem sehr wichtigen Text. Ich schreibe noch den Artikel, den einen, und dann den anderen, den ich schon seit einer Woche plane. Ich schreibe noch E-Mails. Und Postkarten. Und dann schreibe ich noch einen Brief.


Ich weiß, dass ich das nicht schaffe. Ich werde nur eine Sache schreiben, eine einzige.

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