18. März, 23.02 Uhr, Leipzig – Five Minutes a Day

Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl. Diese Sehnsucht nach zuhause, eine kindliche, aber als ich der Sehnsucht Worte ausleihen will, damit sie sich äußern kann, fällt mir nicht mehr ein, welches Zuhause ich denn meinte. Also bleibt eine einfache: Die nach einer Decke, nach meiner, einer Wärmflasche und den Gilmore Girls in Endlosschleife, und jemandem, der sich liebevoll über die Wahl der Serie lustig macht. Und mir Tee bringt und Zwieback. Den gesüßten. Dann sitze ich vor dem Mikrofon, und die Krankheit verschwindet wie magisch, sie macht die Tür geräuschlos hinter sich zu. Ich lese “In Betten”, diese eine Geschichte, jede Zeile, jedes Zittern, da ist sie, die Aufregung von früher, weil der Text neu ist, aber ich lege die Decke der Professionalität über sie, ich decke sie liebevoll zu. Nach mir liest der Autor, der aus dem polnischen Dorf stammt, ich habe ihn seit zehn Jahren nicht gesehen, er hat diesen Charme, diesen Schalk und den für beides obligatorischen Akzent. Er ist älter geworden. “Wenn wir schon vom Melancholie sprechen, wie ist denn das mit Ihre Heimat?”, fragt ihn der Moderator, und er und ich grinsen uns an wegen der für die Deutschen notwendigen Verbindung von Heimat und Melancholie. Für uns lebt Heimat in der Melancholie und die Melancholie in der Heimat, und vielleicht schreiben deshalb die Deutschen über uns immer, wir hätten Humor gepaart mit Melancholie. Jetzt mache ich schon diese Unterscheidung: Die Deutschen. Was für ein unsinniger, melancholie- wie humorloser Blödsinn.