Five Minutes a Day – writing – 05082016

Morgens sitze ich mit Cappuccino und Croissant vor mir und einem Buch bewaffnet (bewaffnet!) im Dukatz und warte auf S. S. kommt herein, sie hat dabei, was ich geschrieben habe, und sie bestellt sich, in dieser charmanten, offenen Art dasselbe: Einen Cappuccino und ein Croissant. Und dann rede ich, beinahe eine Stunde lang. Und sie lässt mich reden, und ich bin mir sicher, sie weiß, und ich weiß, dass ich weiß, also rede ich eine Spur schneller. Ich will nicht hören: Was sie zu sagen hat zu dem, was ich geschrieben habe. Also rede ich, und dann blickt sie auf die Uhr, und wir wissen beide, dass die andere weiß um die gezählte Zeit, und sie sagt: “Also wie du willst. Entweder ich sage jetzt was dazu, oder im September.”

Ich schreibe mit. Sie sagt. Ich blicke sie kein einziges Mal an, und sie drängt nicht. Sie spricht von Pathos und der fehlenden Welt, sie hat Recht, und Recht hat sie auch, wenn sie sagt: Du arbeitest nicht. Lena, du arbeitest nicht. Und wir wissen beide, was sie meint, und vielleicht weiß es sonst keiner.

Also fahre ich nachhause beglückt. Und ich setze mich hin und lese, und das Lesen ist eine Arbeit, und plötzlich somit eine Freude, und an den Tisch setze ich mich zögernd, aber mit diesem Kribbeln, mit dieser Ahnung, mit einer Frage, auf die ich keine Antwort hören will. Und ich schreibe. Fünf Seiten. Sie sind genauso schlecht wie die von vorgestern, aber als ich aufstehe, habe ich gearbeitet. Es bietet mich dann noch jemand um eine Mail, die ich schreibe, dann ist der Tag wieder da, wie immer um zwei, und so dauert es, bis ich abends diese eine Nachricht abschicke: “Heute habe ich gearbeitet. Danke Dir dafür.”

Herbst in der Wachau I

Wo fange ich denn an, als hätten die Dinge einen Anfang. Oder ein Ende. Enden vorzustellen, die Schlimmen, ein Hobby. Heute wurde ich nach Hobbys gefragt. Schüler, die Steckbriefe von mir erstellen. Wie Soldaten, aber sie scheinen zufrieden damit. Und Lehrer, so stolz. Und jeder so höflich, schwarwenzelnd. Hör auf, möchte ich sagen, ich bin doch nur ich. Das „nur“ ließen die Meisten wohl weg.

Gestern, im Flieger, der Flieger viel zu klein, erst am Flughafen fällt mir ein, ich hab doch Angst, dann vergeht der Gedanke, und die Angst, sie ist eigentlich lang nicht mehr da. Vermisse ich sie, als einen Teil von mir, vielleicht. So nach dem Motto, bin ich noch ich.

Wie komisch es ist, alleine zu verreisen, und wie komisch es ist, dass es komisch ist, alleine zu verreisen. Und wie sehr dieser Satz doch klingt nach etwas, was ich nicht sein möchte, nach einer dieser jungen Autorinnen. Alles schreit nach Unabhängigkeit. Bin ich noch ich.

Sobald ich beginne zu schreiben, sprudeln die Ideen, Ehrlichkeit ist dieser Tage das Thema. Fünf Minuten Ehrlichkeit am Tag, ein Jahr lang, ein Buch. Oder diese anderen ehrlichen Texte. Und die Wahrheit, oder das, was sie heute noch ist, das, was morgen zerbrochen sein wird. Das Schreiben ist wie der Körper: Jeder Buchstabe will noch mehr, zieht Verlangen nach sich, ein Sehnen nach Abhängigkeit, nach der guten. Der endlosen, die nichts in Frage stellt.

Im Flieger ziehe ich die Seiten von S. aus dem Briefumschlag, vorsichtig. Dabei sind es nur ausgedruckte Seiten, schreib hinein, mach, sagte sie, zerreiße, ich will dich in ehrlich. Ich aber stecke den Tisch in die Tasche, das hier ist ein Geschenk. Ich lese vorsichtig, die Worte sind wie Wiesenblumen, die einem ein Junge schenkt, die Blume nimmt man vorsichtig in die Hand, weil man sie zuhause trocknen will, die Erinnerung an den Jungen bewahren.

Wenn ich lese, möchte ich Menschen schreiben. Jeden einzelnen von ihnen.

Bei manchen Sätzen wünschte ich mir, S. hätte sie mir geschenkt. Im Schweigen mähen sich die Worte von selbst, und wieder und wieder. Ich schreibe ihr, obwohl sie doch in Tirana verschwinden soll, in die Menschen. Die Antwort besteht aus zwei Worten.

Sich erinnern, vorsichtige Vorleseversuche. Ich saß in der Ecke und auf dem Boden, das Zimmer so groß, und Leonard Cohen, und die Vorsichtigkeit bei jeder Zeile. Öffne dich nicht, öffne dich doch, jetzt sofort, gib dich nicht hin und nicht ab. Später waren da scharfe Worte, durchgestrichene Sätze, schmerzhaftes Lachen, der Wunsch, Seiten zu zerreißen, der Wunsch, weh zu tun, ich wusste nicht, wem, später war da ein Buch. Die Wucht des Vertrauens, bis es zur Arbeit wurde, professionell und gut und nützlich. Wenn etwas nützlich ist, ist es dann ein Gefühl. Ich begann mich nach dem vorsichtigen Vorlesen zu sehnen.

Auch das hier, für wen schreibe ich das. Wen benutze ich hier. Schreibe ich immer noch, was sich nicht sagen lässt, oder sage ich nicht, was ich besser nicht schreiben sollte. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll zu schreiben, und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll zu lesen. Da ist es ja, das vorsichtige Gefühl. Muss ich grinsen? Ich muss grinsen, so oft in letzter Zeit. O. sagt, du bist so putzig, wenn du betrunken bist.

Seiten sammeln sich im Computer und in meinem Notizbuch, sie füllen sich schneller, als ich tippen kann und verschwinden darin.

Auf dem Weg das, was M. und ich das Fake-Gefühl nennen: Was, wenn die mich entlarven? Eine Fabrik, die im Dunkeln leuchtend, wie ein Kunstwerk wirkt, ein riesengroßes.

Die Sehnsucht ist etwas, was ich in Worte nicht fassen wollen würde. Das „würde“ gibt die Möglichkeit zu entfliehen. Wenn ich nicht entfliehen will, stürze ich hinein, nicht, wie jemand, der gerettet werden muss, sondern in einem adlerigen Sturzflug. Ich genieße den Wind, den ich durchstreife.

Beim Einschlafen diese vielen Gefühle, und dazwischen die Frage, was echt ist, was nicht. Wieviel spielen sich Menschen vor, wieviel können wir einander vorspielen, die Bettdecke ist übrigens kariert. Aber so kariert, dass es erträglich ist. Spielen wir nicht immer miteinander, spiele ich nicht auch mit mir selbst, jetzt gerade. Ich will tippen, bis die Augen zufallen, einschlafen über Buchstaben, über eigenen.

muc21102015, spätabends oder vielmehr nachts

Der Bildschirm ist zu weiß, meine Augen sind zu müde, nebenan windet sich ein Kind im Bett, ich kann es hören. Im Wohnzimmer mag ich nicht schlafen, und ich weiß gar nicht, warum. Wie sich das Zuhause-Gefühl nur Zimmer für Zimmer erschleicht, langsam, wie ich mir die Zimmer erobere. Dieses hier noch nicht. Schreibt es sich anders, so? Nach einem solchen Abend?

Wer will schon dahin. Dinge nicht stehen lassen können. Und es nicht lernen dürfen.

Was war der schönste Augenblick des Tages? Es fällt mir ein, diese tägliche, mögliche Frage an die Kinder. Mir fällt eine Geschichte ein, die ich schrieb, als ich aus Irland zurückkehrte, über zwei, die an einem Felsen am Meer standen, und Bilder machten, über zwei, die vor dem Bett auf dem Boden saßen, die Rücken ans Bett gelehnt, und sich alle Mühe gaben, sich nicht zu küssen, während sich die Schultern berührten, was ich so natürlich nicht schrieb, diese Angst vor dem Kitsch; und zum Abschied fragte er sie, oder sie ihn, ich erinnere mich nicht mehr, was der schönste Moment dieser Reise war, und was der schlimmste. Eine Frage wie früher, die Gefühle, ebenfalls wie früher, und vielleicht zu viele davon. Ich erinnere mich an die Busfahrt. Die Frage nach schönen Momenten. Es erübrigt sich zu sagen, dass ich aus Irland kam, eine von zwei. Ich kam mit einer Nebenhöhlenentzündung zurück, im Flugzeug explodierten gefühlt die Ohren, und der andere wartete am Flughafen und holte mir später Nasenspray und machte mir Tee, während ich den Felsen in Irland vermisste. Eifersucht war uns fremd bis.

Augenblicke des Tages: Diese schüchterne Frage im Flur. Wenn ich will, und wann ich das will, weiß ich selbst noch nicht, und sollen wir dann was trinken gehen. Ich weiß ja auch nicht, wann ich das will, nächste Woche oder nächstes Jahr, und ich verkneife mir die Offensichtlichkeit, warum immer wieder vor Augen führen. Die Frage erübrigte sich, käme nächstes Jahr denn tatsächlich in Frager. Dinge verkneifen, eine neue Stärke, die als Schwäche ausgelegt wird, ständig.

Zwischen den Bildern. Zwischen den Bildern die Köpfe, manchmal stoßen wir zusammen, dann fällt mir erst ein: Ach ja. Und weiter geht es. Zwischen den Bildern übrigens auch Worte und Zeilen und alles, was man in Büchern und Filmen zu sagen versucht, im Stillen festgehalten. Die Reihe von J. und mir: Da sind doch alle Gefühle der Welt, sage ich, und dann denke ich, und sage es nicht, da ist keine Zeit und kein Raum, eigentlich ist in diesen Bildern die ganze Welt. Nichts, was nicht gesagt, gesprochen, gehasst, gewünscht, geliebt, gewollt, geächtet worden ist. Die Bilder halten die Welt fest, ohne Antworten geben zu müssen. Also bitte.

Manchmal möchte ich erfassen: Was das ist. Manchmal sage ich es laut: Ja, das geht. Und jedes Gefühl ist da. Ich Angsthase, ich ewiger Feigling. Oder bin ich einfach nur klug, und werde ich mir eines Tages danken.

Köpfe über den ersten Buchstaben gebeugt. Irgendwie ein denkwürdiger Moment. Ich gehe ihn vorsichtig an, weil ich nicht projizieren will, ich lasse ihn ziehen. Was ich noch weiß: Wie ich neben meinem Vater saß, mein erstes Wort las (Ma-Scha, vier Buchstaben im Russischen), wie sich die anderen dann irgendwie selbst ergaben, mein Vater rief in die Küche, sie kann lesen, ich kann’s, ich kann’s, ich kann’s. Bereits am nächsten Tag war es eine Sucht: Ich bin krank und sitze mit Großmutter im Wartezimmer der Polyklinik, an den Wänden Zeichnungen aus Märchen, Rotkäppchen und der böse Wolf, ich aber beuge mich über ein Buch (Puschkins Kindergedichte) und will jedes Wort erkämpfen. Die Worte aber kämpfen nicht, sie rennen mir entgegen. Das Kind kann schon lesen, wie alt ist sie denn, fragt eine Frau die Großmutter, und es ist das erste Mal, dass das Lob, nach dem ich mich immer so sehne, eine Last ist: Das Lesen ist nur meins. Da soll niemand eine Meinung zu haben. Die ersten vier Buchstaben, die erste und größte Erinnerung an meinen Vater, an diese ehrwürdige Gestalt. Er möchte so gerne nach Island mit mir, wie ein ganz kleines Kind möchte er. Ich verschicke ein Video.

 

Nach der Buchmesse, München

Die erste Buchmesse ohne Depression. Sie vergeht in Fragen und Antworten, denen auf der Bühne, denen in meinem Kopf, denen, die nicht gestellt werden, und denen ohne eine Antwort. Zwischendrin habe ich tatsächlich Spaß, staune über mich selbst, und wackle immer wieder: Hält es, dieses Gerüst? Es hält. Der Samstagmorgen ist am Schlimmsten: Ich will mich unter die Bettdecke verkriechen und nicht wieder hinaus müssen, Aufschub gibt es nur für fünf Minuten, ich will diese Decke und jemanden, der über den Kopf streichelt und sagt, bleib doch liegen.

Neben der Offensichtlichkeit der Buchmesse geschieht noch so viel, und so viel auch in meinem Kopf, eine Nacht liege ich da und bange und weiß, dass ich schlafen sollte, und schlafe nicht, und wage es nicht, mich zu wälzen, und weiß, ich muss schlafen, und schlafe nicht und stehe viel zu früh auf und bin – möglicherweise auf der, gesellschaftlich gesehen, wichtigsten, und für das, was die Buchmesse sein soll, Buchmarketing nämlich, unwichtigsten Veranstaltung der Messe – nicht gut. Das Wissen: Ja, ich bin da. Und gut. Und eben auch das andere Wissen.

Ich muss mehr lesen, mehr reisen, mehr schreiben, vor allem schreiben, mehr vorlesen, mehr mitnehmen, mehr aufsaugen, mehr, mehr, mehr. Die Texte stapeln sich im Computer, sie müssen bald raus, irgendwohin. Sonst ist es zu spät, sie gehen mir verloren.

Abends nachhause kehren, mitten in der Nacht, von der letzten Szene des Balletts (Verzweiflung und Selbstzerstörung, wie die Kunst in der Liebe verloren ging, wie der stärkere, der selbstverliebtere gewann, und die Frau, die sich selbst für ihn zerstörte, in diesem wunderschönen Grau) noch erfüllt. Das Nachhausekehren ist dieser Tage immer noch ein Sturz in die Einsamkeit, irgendwie. Aber darüber wird nicht gesprochen. Ich nehme wie auch an den Abenden der letzten Wochen “Ferien auf Salktrokan” mit ins Bett, und weiß, erst wenn ich Astrid Lindgren nicht brauche, sind die Dinge in Ordnung. Ist wie mit dem Gesundwerden. Da ist ein leises Vermissen.

Oktobernacht, München

Das Gelebt-Haben merke ich an dem Wunsch zu schreiben. Von einem Abend zurückkehren, das Gespräch noch beben lassen, wahrscheinlich noch: das Gespräch, das mich beben lässt, und schreiben müssen. Menschen, die einen auf diese Weise beeindrucken, und Abende, die so bleiben, dass sie im Kopf weiter leben, diese Menschen.

Nachhause kommen, langsam. Alleine. Sich an der Dunkelheit freuen, ebenfalls langsam. Sich trauen, vielleicht auch: mir trauen. Das ist neu. Und zaghaft. Aber zaghaft schön.

In den letzten Tagen: Umarmungen, die einen Abschied aussprechen. Und vielleicht all das sagen, was man nicht sagen kann. Die Nähe in der unausgesprochenen Distanz, sie ist schön. In der Länge der Umarmung.

Während ich auf S. wartete, schrieb ich. Ich saß im Café, vor mir eine Apfelschorle, trug den Schal mit den grünen Elefanten, die ich alleine wegen ihres Grüns schon liebe, und schrieb eifrig ins Notizbuch, etwas, das ich später abzutippen gedachte, wofür ich jetzt zu faul bin, und sah dann mein eigenes Bild, und wunderte mich, weil es mir gefiel. Ist es so, dass ich mich selbst gern so sehe, schreibend?blog

Apropos Schreiben. Aber ich lasse mir noch ein paar einige Zeilen Zeit.

Heute habe ich mich wiederholt. Ich sprach etwas aus, was ich am Montag so plötzlich erkannte: Man ließ mich die sechste Klasse überspringen, da war ich gerade anderthalb Jahre in Deutschland und hatte so eben wieder festen Boden unter den Füßen gespürt. Noch genoss ich jeden Satz, an dem man meine Herkunft nicht erkannte, und streichelte über den Schulrucksack, weil er aussah wie der der anderen Kinder. (Noch wünschte ich mir ein Leben aus dem Quelle-Katalog). Man ließ mich diese Klasse aufgrund von Unterforderung überspringen, und sie fragte, aber warum? Das hatte Frau M. am Montag nicht gefragt. Und ich erklärte es ihr, und das war der Moment, in dem ich mich wiederholte, “ich war ja auch später unterfordert”, und zwei Sätze später also das Gleiche noch mal. Was, man könnte sagen, nun ja, Arroganz. Aber. Ich wiederhole mich, offensichtlich, es war mir früher nicht aufgefallen, und blickte ich, als wir das fest stellten, wie ein verschrecktes Reh? Das dachte ich, dass ich viellicht zusammenschrecke wie ein Reh. Ich hatte sie, meine Eltern, meine Lehrer, nein, meine Eltern hatte ich erklären wollen.

Immer wieder die Eltern erklären wollen. Immer mehr dieses Gefühl: Zurückkehren zum über die Familie schreiben müssen. Und die selbst aufgelegte Zensur im Kopf, Respekt und Liebe, von der man manchmal meint, dass ich sie gar nicht hege. S. versteht auf Anhieb, ich muss es gar nicht erklären.

Gary Shteyngart fragte ich als Erstes, wie er sich getraut hatte, dieses Buch zu schreiben. Sie könnten es gar nicht lesen auf Englisch, erklärte er, sonst hätte er es niemals getan. Ich rede mit meiner Mutter darüber, die sich sichtlich Mühe gibt, mich zu verstehen, während ich dasselbe versuchen, und wie wir uns beide Mühe geben, das ist der Respekt, der die Zensur erhebt.

Und trotzdem wissen, dass kein Weg daran vorbei führt, und wissen, was zu schreiben ist. Das Gefühl ist vorsichtig und dennoch ein Sog.

Rinteln nach München, 26.09.2015

Zugfahren geht gar nicht mehr. Mir ist schwindelig und schlecht, als wäre ich nach Dresden gefahren, Neigetechnik, dabei ist es die übliche Strecke. Hannover – München. Die halbe Zeit döse ich, frierend, die Jacke erst als Kissen, dann angezogen und wünsche mich in mein Bett. Im Bett ist eine neue Decke.

Gestern, in dem Hotel-Kegelclub, in dem ich wissen wollte, ob sie noch etwas zu essen hätten, gegen zehn – hatten sie nicht – den Namen Gunter Sachs aufgeschnappt. Von einem mittelalten, schwulen Herren mit vielen Armbändern ums Handgelenk, einem sich selbst als solchen bezeichnenden Künstler, der zwei Frauen, die mehr aussahen, als gehörten sie in diesen Kegelclub Bilder seiner Kunstwerke auf dem Handy zeigte und sagte, das ginge so in Richtung Gunter Sachs. Was auch immer das heißt. Da horcht man auf, im Kegelclub.

Am Bahnhof einen sehr netten Punker mit Bierflasche in der Hand kennen gelernt. Wenn ich an meine Familie denke, dann ist da dieses warme Gefühl, liebevoll, würde man sagen, warm und wohlig und wollig auch, und die Liebe, um die ich weiß. Deren Liebe, deren Ziel ich bin, ist erdrückend und beruhigend zugleich. Darüber will ich schreiben, immer stärker der Wunsch, und das Wissen, dass ich wahrscheinlich nicht kann. Das Nicht-Kann ist eine Bestätigung der eigenen Empathie, weil es nicht ist: Nicht-Darf.

Morgens mit schlechten Erinnerungen aufgewacht, und nicht gewusst, ob ich nicht schon mit ihnen eingeschlafen ist. Sie sind wie Dämonen, plötzlich präsent und über das gesamte Hotelzimmer verteilt, da, wo Vertrauen war, sind nur noch sie. Halbdunkles Wohnzimmer, Einsamkeit auf einer Matratze, diese durchzechten, schlaflosen Nächte, diese Wochen des Rennens gegen die Wand. Erniedrigung wische ich beiseite im Versuch zu vertrauen. In Hotelzimmern auf Lesereise lasse ich immer den Fernseher laufen, ohne auch nur hinzusehen, die Stimmen – heute „Mord ist ihr Hobby“ – beruhigen, obwohl ich nicht hinhöre und nicht einmal auf den Bildschirm blicke.

Die Notwendigkeit einer Reise wird klarer und dringender. Durch den Osten fahren, I’ve seen the West. Nach Russland fahren, durch Russland fahren. Erst Piter, (liebevoll für: Petersburg) ganz klar, und dann drauf los fahren, ins Nichts, in die Tiefe der Unfreundlichkeit und der Kälte und der Herzlichkeit und des Gefühls. Oh je, da ist sie ja schon, diese russische Seele. Da ist er wieder, der russische Wolfshund. Ich muss plötzlich an das Foto denken, das mir A. schon vor einem Jahr aus den russischen Tiefen schickte, von absurd-riesigen Grabsteinen, auf denen die Luxusautos der Verstorbenen gemeißelt waren (oder wie diese Technik auch heißen mag). Mit A. nach Russland fahren, denke ich, weil er verstehen würde, und auch wann Lachen und Weinen angebracht ist, und wann beides zur gleichen Zeit. Und weil er sich genauso freuen würde, an mayonnaise-getränktem Kartoffelsalat, an Kaviar mit Blinis, an Pelmeni mit Saurer Sahne, an cremeüberfüllten Torten. Und Tee. Und Wodka. Auch so ein russischer Wolfshund. Ich schreibe ihm eine Nachricht. Bis Sibirien fahren. Oder nach Georgien herunter. Ich sehe Fotografien, ich sehe ein Fotobuch. Und Geschichten dazu. Gut wäre auch eine Reise mit meinen Eltern, sie kehren nach zwanzig Jahren zurück, drei Generationen, die Kinder das Land entdecken lassen, die Großeltern sprechen lassen, die Freude teilen sowie die Sehnsucht nach etwas, was nicht mehr sein wird. Und das in Fotografien festhalten lassen, back to the roots. Oder zu viel emotionales Geheul.

Im ersten Zug, einem der Nord-West-Bahn, sitzt eine Familie, die man als Asis-Familie bezeichnen müsste, wenn man denn dürfte. Übergewicht, die Kinder in rosa-leuchtend und cars-bedruckt gekleidet, der Vater das Ebenbild eines Alkoholikers, die Mutter sieht aus wie der Mann. Gemein. Aber: Die Liebe und die Geduld, mit der sie ihren Kindern begegnen, ebendieser Vater, der den kleinen Jungen beschreiben lässt, was dieser im Fenster sieht, aus den blonden Haaren seiner Tochter einen Zopf flechtet. Das ist die reine Liebe, die ohne pädagogisches Konzept.

Wenn man das Vermissen als Konzept ablehnen kann, weil man nicht sein will, jemand, der vermisst, so ist das nur eine vermeintliche Stärke. Oder es ist genau andersherum: Diesen Satz zu denken und zu notieren, sich damit eine vermeintliche Stärke geben. Muss es immer ein Kräftemessen sein, kann man sich Gefühlen nicht hingeben. Oder doch.

Beim Umsteigen in Elze – where the fuck is Elze – Flüchtlinge hinter Absperrband am Bahnhof. Feuerwehrmänner mit Kaffeepappbechern und gelangweilt darum herum. Männer und Kinder, und dazwischen Kopftücher aber nicht viele. Eine Stimme durchs Megafon, arabisch, Alemania, hört man immer wieder. Da ist sie, die neue Realität. Unwirklichkeit und Unmenschlichkeit sind die zwei Gefühle, die einen beschleichen, und beide lassen sich nicht erklären. Menschen hinter Absperrband.

Im Zug Judith Butler gelesen: „Durch das Sprechern verletzt zu werden, bedeutet, dass man Kontext verliert.“

Rinteln, 25.09.2015

In der S-Bahn sitzen, ins Nirgendwo fahren, sich nicht mehr die Mühe machen, aus dem Fenster zu blicken: Die Landschaften machen auf diesen Reisen schon lange keinen Sinn. Rinteln. Es klingt wie eine Krankheit. Sechs Stunde im ICE. Mails und Anfragen abarbeiten, abarbeiten ist der richtige Begriff. Weil er nicht nur über die Anfragen etwas aussagt, sondern auch über meinen Zustand. Lesereisenmelancholie, Lebenszwang. Das Ausgeliefertsein der Notwendigleit zu lächeln.

Der ICE ist überfüllt, Freitag, Herbstferienbeginn und unzählige Flüchtlinge. Es stinkt. Darf man Letzteres sagen? Ist mir egal. Der Personalmanager und ich handeln in aller Freundlichkeit und mithilfe von Händen mit den drei Flüchtlingen in unserem Anteil die Temperatur aus, sie müssen sich noch an die Kälte gewöhnen, zeigen sie uns, wir zeigen ihnen, wie die Heizung angeht. Der Manager trägt einen Kapuzenpulli, eine Rolex am Handgelenk und einen dieser Kopfhörer zum Telefonieren, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen. Es ist sonderbar gut. Später steigt ein Asiate hinzu, und als ich beim Aussteigen sein Knie ungemerkt mit meiner Tasche berühre, springt er auf und ruft mir ungehalten ins Gesicht „If you touch me, you should say entschuldigen!“. „Höflichkeit ist nicht jedermanns Sache“. Sagt der Personalmanager, nicht ich.

In der S-Bahn sitzen und J.s Zeilen lesen. Das erste Mal, dass ich mich bewusst daran erinnere, war Bernhard Schlink, und ich war für Bücher wie „Der Vorleser“ empfänglich, achtzehn Jahre alt und danach jauchzend, die Welt zu entdecken. Die Erzählstimme biss sich in meinem Kopf fest, alles, was ich sah, musste ich in meinem Kopf in dieser Stimme erzählen, ich wollte nichts anderes als schreiben, und traute mich kaum: Wie eine eigene Stimme finden, wenn man diese gehört, gelesen und gespürt hat. Ich las noch mehr, aber je mehr ich las, desto seltener passierte es mir: Dass sich jemandes Stimme in meinem Kopf festsetzte. Dass ich so schreiben wollte wie diese Stimme, und mich nicht traute, gerade deshalb. Jeffs Zeilen lesen und genau das denken. Ewige Gedankenmacherei, die fressende.

Vermissen. Und sich gegen das Vermissen sträuben, wegen des Konzepts. Rinteln. Die Trostlosigkeit spiegelt sich in der Dampf-Nadel wieder, eine Vollreinigung und Änderungsschneiderei in einem, und über den Namen hatte sich jemand Gedanken gemacht. Matratzen-Studio, Orthopädie, Copy-Shop. Das Ende Deutschlands. Dann, plötzlich, aus dem Nichts, die Weser, und dahinter Fachwerkbauten, eine uralte Stadtmauer, Backteinhäuschen, und zwei Kirchen. Rinteln ist schön. Der Taxifahrer sagt, die Brücke wurde zerbombt, „aber das haben die selber gemacht, damit der Ami nicht kommt“.

Das Hotel ist auch eine Kegelbahn, und die Frau an der Rezeption entspricht dem Klischee dieser Mischung. Die Sehnsucht nach zuhause bleibt heute klein, weil das Gefühl von zuhause fehlt. Manches lohnt sich, und manches nicht, und das Gefühl sagt einem eigentlich immer zielsicher, wie man das eine vom anderen unterscheidet. Wenn wir das doch alle könnten, dem Gefühl vertrauen, dem eigenen, dem der anderen, wäre dann die Welt eine bessere, oder ist es schon wieder ein Zuviel? Das Hotelzimmer ist braun, wie die meisten Hotelzimmer dieser Art, was für ein billiges Ende für diese Zeilen. Ist sie da, die Notwendigkeit zum Selbtszweifel, kann ich nicht einfach schreiben wie ich, J.’s Zeilen machen mich ganz verwirrt. Alles haben wollen, und sich fragen, ob das ein Traum ist. Müssen wir uns dem Lebenswahn hingeben, weil Beziehungen und Lebensverläufe sind wie sie sind. Obwohl wir nicht sind, wie sie sind.

Bei der Lesung in der Stadtbücherei: Goethe, Hesse und Brecht stehen unter Literatur, Asta Scheib und Isabel Allende aber unter Romane. In Schubladen stecken bzw. in Regale. Um kurz nach zehn zwinge ich mich aufgrund anhaltenden Hungers noch mal in die Kälte und esse eine Fajita. Die Menschen, die in der mexikanischen Cocktailbar sitzen, sind aber nicht da, um den Hunger zu stillen: Sie gehen hier aus. Großstädtische Arroganz.

an diesem magischen dort

Eigentlich schrieb ich “Ort”. Das Rechtschreibprogramm änderte es in “dort” und hinterließ mir darunter blaue Punkte. Ich ließ das “dort” stehen, ein Hauch computerinduzierter Literatur.

An dem magischen dort könnte ich tagelang schreiben. Ich schreibe, und weiß nicht, womit ich beginnen soll.

Da ist das Jugendbuch. “Das zumindest habe ich noch gemacht: Versucht, es gerade zu biegen. Dieses eine Interview gegeben, in dem ich ganz deutlich richtig gestellt hatte, dass nicht er mich, sondern ich ihn. Ich habe dann den Rest, also was Christian zum Beispiel genau sagte, nicht mehr ausgeführt, es war schon peinlich genug.” Vielleicht zu sehr von Jana Teller inspiriert.

Da ist das Buch in Dialogen: “Das andere Kind steht noch einen kleinen Augenblick. ‘Vielleicht liebe ich dich aber irgendwann nicht mehr’, sagt es, zu niemandem eigentlich, und dann rennt es den steinigen Weg zum Haus hinterher, dem anderen hinterher, so dass nur nackte, dreckige Kinderfüße zu sehen sind.

Und damit ist die Geschichte der Erwachsenen auch schon erzählt.”

Da ist dieses neue, was ich weder Buch noch Geschichten noch Text nennen wage, da ist das Bedürfnis die aufzuschreiben, die ich nicht aufschreiben darf. Schmerz muss vermieden werden. Das ist Erziehung. “Da ist es ja, das Aschenputtel-Gefühl. Sie haben ihre Arbeit erledigt. Das hier darf nicht mir gehören, ich bin hier ein Gast, der nur staunen und bewundern darf. Die Euphorie ist erlaubt, die Begeisterung hingenommen, nur Teil werden soll ich nicht. Sie wollen mir die Festigkeit der Schritte nehmen, umso fester trete ich auf. Vielleicht daher, dieser Bauarbeitergang.”

Zeit für das andere Buch bleibt nicht.

Das dort: Die Kinder toben im Wasser. Vögel singen, Bienen summen, Hunde bellen und so. Darum aber geht es nicht. Dazwischen sind Augenblicke, die ich festhalten wollen würde, wäre das nicht schon zu viel. Ich lese. Ich bin ein Huhn und ein Eichhörnchen und ein russischer Wolfshundwelpenknäuel. Ich will schreiben und schreiben und schreiben und weiß nicht, woran. Und alles ergibt einen Sinn.

Hier bleiben wollen, an diesem magischen dort.

11.-13. September, Stuttgart, die Eltern besuchen

Die Eltern besuchen.

Meine Eltern haben eine Liste mit möglichen Berufen für mich. Meine Eltern habend die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich eines Tages einen richtigen Job finde. Ein richtiger Job ist einer mit einem regelmäßigen Gehalt.

“Publizistin, das wäre doch was für dich”, sagt mein Vater.

“Was meinst du mit Publizistin?”, will ich wissen.

“Das, was du mit diesem Sachbuch da gemacht hast. So was schreiben. Du hast doch immer eine Meinung, leicht links zwar, aber du hast immer eine.”

Meine Mutter tendiert Richtung Lateinnachhilfe, ich weiß nicht, wieso. Mein Vater schlägt Pressesprecherin vor, nachdem er sich erkundigt hat, ob man davon leben kann.

Ich lese Gary Shteyngarts Biografie, die auch irgendwie die meine ist, ich lese sie, im Bett meiner Mutter liegend, die gelbe Bettwäsche mit den Blumen, in die ich mich fallen lassen kann wie ein Kind. Der Druck, dem wir Migrantenkinder niemals entkommen: Wir sind wegen Euch gekommen. Gary Shteyngart hat auch nicht Jura studiert, und auch nicht Medizin. Er hätte auch das Zeug dazu gehabt. Gary Shteyngart lebt in den USA, aber trotzdem hilft der Gedanke.

A. holt mich ab, streichelt pflichtbewusst den Hund und quatscht noch eine Runde mit meinem Vater. Alles wie in alten Zeiten. A. ist die perfekte Mischung aus nostalgischen Erinnerungen an die erste Liebe und eine Art bestem Freund. Und A. versteht, die ganze Geschichte, die ich ihm erzähle, während wir nostalgischen Erinnerungen nachhängen und unsere Plätze ablaufen: Der Baum, unter dem wir saßen, ist Stuttgart21 zum Opfer gefallen. Es macht nichts, die Dinge sind dennoch wie früher. Du warst schon immer so, sagt er, lebenshungrig, und dann fragt er, vielleicht fehlt mir deshalb etwas, und irgendetwas antworte ich darauf, und die Dinge sind irgendwie gut. Alles wie immer.

Zuhause, bei meinen Eltern, ist auch alles wie immer. Sie sitzen vor dem russischen Fernseher, der Fernseher ist natürlich ein japanisches Problem, aber es läuft ein russischer Sender. Ich quetsche mich zwischen Hund und Papa, und freue mich an den alten Schauspielern, die Erinnerungen an den Dreh eines geschichtsträchtigen Films über Prostitution aus dem Jahre 1989 austauschen, mindestens genauso wie an der russischen Werbung. Herrlich, das Leben an sich. Das russische Fernsehen, so scheint es mir, oder sind es die Sendungen, die meine Eltern wählen, besteht aus Nostalgie: Erinnerungen an die besseren, sowjetischen Zeiten, der Hund übrigens schnarcht.

In der Familieneinigkeit schwelgend zeige ich meiner Familie ein Bild von dem Bett, das ich mir vor ein paar Wochen gekauft habe. “Tахта”, sagt mein Vater, was so viel wie eine einfache Liege bedeutet. Minimalismus ist die russische Sache nicht.

Berlin, 03092015

Gestern war die erste Lesung aus “Null bis Unendlich”, aber wenn ich mich heute morgen wieder mit der Flüchtlingsthematik beschäftige, dann erscheint der Abend so klein, dass ich nicht mal darüber nachdenken möchte. Und alles, was ich dazu sagen könnte, ist schon gesagt. Und alles, was ich tun könnte, aber da fängt es vielleicht auch schon an.

Berlin. Ankommen. Ein Spiel spielen. Da ist es wieder, das Grundgefühl. Es festhalten wollen, noch nicht daran glauben wollen. Ach so, das letzte Wollen ist selbstverständlich ein Können. Vor der Lesung das übliche Gefühle: Blödes Buch, blödes Ich, alles blöd blöd blöd. Lies was Witziges, sagt T. auf dem Weg, was absurd ist: Das Buch ist nicht witzig per se. Ich mag T.

Wenn ich das dann lese, wird es auch mir zu heftig. Aber jeden Satz mögen. Auch im Kriegskapitel. Und zwischendrin, und damit bin ich wieder bei heute morgen, denken: Sanela, Anfang der Neunziger Jahre. Und jetzt. Was stimmt denn bitte nicht mit unserer Welt?

Sich beim Essen wohl fühlen. Ist es der Wein? Das Leben mögen. Das Buch ein bisschen mögen, aber lieber nicht daran denken. Diese ersten Wochen. Morgens schreiben, immerhin. Und dann an die Flüchtlinge denken und nicht mehr schreiben wollen, oder zumindest nicht das Falsche.

Salzburg, 01092015

Anderthalb Tage Mindfulness Seminar. I am mindful and my mind is full and this could be a contradiction, but it’s not.

Außerdem schreibe ich gerade an vier Dingen gleichzeitig. Und schreibe zu wenig, und will nur schreiben, ganz viel. Das Eine hat nichts mit dem anderen zu tun.

Bankmanager gehen davon aus, dass die Kurve Anstrengung zur Leistung linear verläuft: Je mehr Anstrengung, desto mehr Leistung. Stimmt aber nicht. Neue Worte: Atlaskomplex. Und Mono-Tasking. Sagt das nicht schon Einiges über unsere Gesellschaft und mich aus, dass ich nur den Begriff Multi-Tasking kannte, nicht aber des Mono-Tasking. Selbstempathie und Empathie geschehen auf denselben neurologischen Kanälen. Ab spätestens 35 geht es körperlich als auch seelisch-geistig bergab, außer mit den drei Prozent der Menschen, bei denen es mit der seelisch-geistigen Entwicklung bergauf geht.

Was ich hier mache, könnte man Journaling nennen, weil man es ja nicht mehr Tagebuch schreiben nennt. Mehrere Studien zeigten, dass Studenten, die mindestens zwei Minuten am Tag journalten (das nennt man dann sicher so), bessere Noten und bessere Blutwerte hatten. In dem Zusammenhang fällt mir das neue Notizbuch ein, das ich letzte Woche geschenkt bekam: Write books not blogs. Steht da drauf.

In der Schweiz ist die Lebenserwartung höher als in Deutschland. Das Zuhören will gelernt sein. Wenn wir zuhören, so sind wir häufig dabei, schon an die eigene Geschichte zu denken, mit der man erwidern kann, selten bei der Geschichte, die wir hören. Wie ich das hasse: Wenn jemand in sein Handy tippt, während ich rede, “ich hör dir ja trotzdem zu. Bin voll bei dir. Ich muss nur mal….” MIndfulness beim Zuhören. Und beim Zähneputzen.

Managerwelten wie Männerwelten. Ein Mann sagt: Ich mache Yoga. Und hört als Antwort: Stehst du auf die Yoga-Lehrerin, oder was?

Abends sitze ich mit J und E zusammen, es ist dunkel, wir hören die Autobahn wie den Bach, und die Ehrlichkeit entspinnt sich so ruhig, dass ich an eine Feder denken muss, eine die bei windstillem Wetter langsam auf die Erde segelt. Wenn ich danke sagen würde, denke ich, wenn ich so wäre, dass ich danke sage, obwohl ich so bin, dann auch für diese beiden. Irgendwann falle ich in die weißen Decken, da ist Geborgenheit, ich möchte hier bleiben, in diesem Zimmer. Ich denke an ein anderes Zimmer, das Geborgenheit bieten soll.

Bei den Meditationsübungen komme ich selbstverständlich an meine Grenzen. Nie bleiben Gedanken stehen und nie ziehen sie weiter, was sie laut Anleitung tun sollen, und dann denke ich darüber nach, während ich darüber nachdenke, dass ich darüber nachdenke, das war schon immer so, auch bei Yoga und all dem anderen Kram. Dann werde ich aggressiv. Und fange an zu zappeln.

Bei einer Übung – Gehmeditation – sollen wir sehr langsam gehen, ich sehe, wie sich die bunten Chucks im nassen, leuchtend grünem Gras bewegen, ich höre sie, ich denke: Chucks, die falschen Schuhe für eine solche Übung, ich denke über meinen schlechten Gleichgewichtssinn nach, dann denke ich an M., dann denke ich ans Laufen auf die Bühne, dann denke ich an Paris, dann denke ich und denke ich und denke ich, und die Schwere der Füße, und dann. Und dann sind meine Sinne geschärft. Ich kann es anders und eigentlich gar nicht beschreiben. Plötzlich sind Worte da. Plötzlich leuchtet jeder einzelne Grashalm. Ein bisschen wie Droge. Plötzlich ist Ruhe und das Wissen (das verlogene natürlich): Setzte ich mich jetzt hin, so schriebe ich einen ganzen Roman. Ist sie das, diese Erleuchtung? Die habe ich auch ohne Gehmeditation manchmal beim Schreiben. Vor dem Schreiben. Vor den guten Kapiteln.

Ich weiß nicht, was das ist. Außer diese Ruhe.