Five Minutes a Day – writing – 05082016

Morgens sitze ich mit Cappuccino und Croissant vor mir und einem Buch bewaffnet (bewaffnet!) im Dukatz und warte auf S. S. kommt herein, sie hat dabei, was ich geschrieben habe, und sie bestellt sich, in dieser charmanten, offenen Art dasselbe: Einen Cappuccino und ein Croissant. Und dann rede ich, beinahe eine Stunde lang. Und sie lässt mich reden, und ich bin mir sicher, sie weiß, und ich weiß, dass ich weiß, also rede ich eine Spur schneller. Ich will nicht hören: Was sie zu sagen hat zu dem, was ich geschrieben habe. Also rede ich, und dann blickt sie auf die Uhr, und wir wissen beide, dass die andere weiß um die gezählte Zeit, und sie sagt: “Also wie du willst. Entweder ich sage jetzt was dazu, oder im September.”

Ich schreibe mit. Sie sagt. Ich blicke sie kein einziges Mal an, und sie drängt nicht. Sie spricht von Pathos und der fehlenden Welt, sie hat Recht, und Recht hat sie auch, wenn sie sagt: Du arbeitest nicht. Lena, du arbeitest nicht. Und wir wissen beide, was sie meint, und vielleicht weiß es sonst keiner.

Also fahre ich nachhause beglückt. Und ich setze mich hin und lese, und das Lesen ist eine Arbeit, und plötzlich somit eine Freude, und an den Tisch setze ich mich zögernd, aber mit diesem Kribbeln, mit dieser Ahnung, mit einer Frage, auf die ich keine Antwort hören will. Und ich schreibe. Fünf Seiten. Sie sind genauso schlecht wie die von vorgestern, aber als ich aufstehe, habe ich gearbeitet. Es bietet mich dann noch jemand um eine Mail, die ich schreibe, dann ist der Tag wieder da, wie immer um zwei, und so dauert es, bis ich abends diese eine Nachricht abschicke: “Heute habe ich gearbeitet. Danke Dir dafür.”

Paris, 22.03.2016, 23.43 Uhr – Five Minutes a Day

Paris. Lesen. Reden. Essen. Rotwein trinken, zum Mittagessen schon, und sich daran freuen, in Frankreich zu sein. Lachen. Lustig machen. Nachdenken. Und reden. Abends lese ich im Maison Heinrich Heine zusammen mit Olga Grjasnowa, was eine Freude ist, ein Ballspiel, bei dem die Bälle mit einer solchen Leichtigkeit fliegen, wie sie es beim Tennis bei mir nie tun würden. Von den offensichtlichen Parallelen abgesehen, stellen wir fest, dass wir beide über schwierige Frauen schreiben, die außer uns niemand mag. Die Männer bringen wir ums Leben, ich nach vier Seiten, und sie sagt in diesem ihren eigenen Charme: Meiner hat 30 Seiten länger überlebt, das ist der einzige Unterschied. Die Männer ums Leben bringen, und die starken Frauen leiden lassen, während sie so tun, als brächten sie anderen Leid. Der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland: Nach der Lesung gibt es köstliche Petit Fours, und lange steht man noch herum, und ein israelischer Philosoph mit viel Charme erzählt von seinem Vater aus Teheran, und irgendwie stimmt alles, ohne sich Mühe zu geben. Morgens war Brüssel. Darüber schreibe ich, erst im Kopf, dann auf Computer, und dann, allen Vorhaben zum Trotz, nicht zu Ende. Dazwischen war eine Verzweiflung, die sich breit machte und keinen Raum für irgendetwas anderes ließ, noch nicht einmal zum Atmen. Der Rotwein beim Mittagessen brachte Erleichterung, und abends fallen einem die Augen zu, was passiert hier eigentlich, mit Europa. Und was passiert hier eigentlich, mit mir. Und was passiert. Hier. Eigentlich.

München, 21.03.2016, 22.15 Uhr – Five Minutes a Day

S. schenkt mir die Schreibbücher, eins für Listen, eins für Träume. Vielleicht ist das Leben das Zwischending, das sich zwischen Listen und Träumen abspielt, und vielleicht ist es einfach die Mischung, Listen von Träumen. Oder Träume von Listen. Wir verlassen den Buchladen im Dunkeln, das neue Buch von Grossmann habe ich auch geschenkt bekommen, und mit einem neuen Buch in der Tasche fühlt sich die Welt ein ganz klein bisschen weniger schlimm an, so einfach bin ich gestrickt. Die Welt ist heute nicht einfach, auch wenn das Leben fließt, und ich über mich selbst staune: Dass ich es mache. Und zwischendrin nur wie ein Mantra denke: So etwas will ich nicht hören, nicht hören, nicht hören. Nicht hören. Und dann schüttle ich mich ganz kurz wie ein nasser Hund, um Erinnerungen abzuschütteln. Sie kleben an mir, das Wasser war verdreckt. Kurz wünsche ich mir was: Dass es an der Tür klingelt. Kurz wünsche ich mir einen Schritt, einen großen. Und dann lache ich über mich selbst. Und dann lebe ich das Leben, und jeder Moment, in dem ich das tue, ist ein guter, bis ich mich freuen kann über Dinge und Menschen, und das Sushi schmeckt, und wirmachendas.jetzt. Ja, wir machen das. Jetzt. Und nicht nur diskutieren, sondern tun, und die Einigkeit hilft, weil es manchmal eine Stärke der anderen braucht. Abends lasse ich mir ein Bad ein, obwohl ich nicht baden will auf der Suche nach Ruhe und gegen die Leere meiner Wohnung am Abend. Ich lese gerade Kirsten Fuchs, mit Angetanheit. Sich wie früher in Büchern verlieren.

19. März 2016, Leipzig – München, 11.07 Uhr – Five Minutes a Day

Früh in den Zug, und warum ist es so, dass, wenn ich tue, und schreibe und arbeite, und manchmal auch so tue als ob, ich mich so viel besser fühle, als gestern. Und dann diese Erwartungshaltung, die eine Ahnung ist, oder ein Ankreischen oder etwas dazwischen: Das wird heute böse enden, aber ich weiß noch gar nicht, was. Die Vorsicht ist eine ahnungslose, und etwas in mir sagt, ich höre nicht auf mein Gefühl. Ich möchte aber, unbedingt. Da warten zwei, auf mich, und irgendwie muss ich versuchen, das Beste, es fällt mir nicht ein. Das, woran ich übrigens schreiben sollte, die Miniaturen, das Buch, den Brief, den Artikel, daran schreibe ich natürlich nicht, tue aber erfolgreich so, als hätte ich bereits seit Stunden gearbeitet, wie erbärmlich. Jetzt gleich, aber erst einmal hole ich mir einen Tee. Ich will lesen, einfach nur. Und schreiben will ich, eigentlich, ohne Zeitdruck, irgendwo, wo die Sonne scheint, aber nicht zu sehr, und ein Anblick von Felsen, und dieser Traum, entführt werden in eine andere Welt, in der ich Welten erschaffen könnte. Vor mir liegt Island. Außerdem: Dass ich mich verhaspele im Leben, wie andere sich in Sätzen verhaspeln, immer zu viel, bis es auch mir zu viel wird, und ich über mich selbst stolpere. Lernen durchzuatmen und es nicht können. S. geht es genauso, schreibt sie, darüber muss ich lachen; und F. schreibt, dass er sich überlegt, ob er auf der Buchmesse zu einer Party geht oder ins Hotel, fernsehen, und darüber muss ich auch lachen, ich bin nicht alleine auf dieser Welt. Dieses atemlose Schreiben hier, dieses, was wie das Leben ist und auch wie die Zugfahrt: Es rast, und vor den Augen dreht sich alles, nur nicht nebenbei aus dem Fenster schauen, sondern direkt, sonst wird mir schlecht. Mit dem Leben ist es ähnlich.

18. März, 23.02 Uhr, Leipzig – Five Minutes a Day

Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl. Diese Sehnsucht nach zuhause, eine kindliche, aber als ich der Sehnsucht Worte ausleihen will, damit sie sich äußern kann, fällt mir nicht mehr ein, welches Zuhause ich denn meinte. Also bleibt eine einfache: Die nach einer Decke, nach meiner, einer Wärmflasche und den Gilmore Girls in Endlosschleife, und jemandem, der sich liebevoll über die Wahl der Serie lustig macht. Und mir Tee bringt und Zwieback. Den gesüßten. Dann sitze ich vor dem Mikrofon, und die Krankheit verschwindet wie magisch, sie macht die Tür geräuschlos hinter sich zu. Ich lese “In Betten”, diese eine Geschichte, jede Zeile, jedes Zittern, da ist sie, die Aufregung von früher, weil der Text neu ist, aber ich lege die Decke der Professionalität über sie, ich decke sie liebevoll zu. Nach mir liest der Autor, der aus dem polnischen Dorf stammt, ich habe ihn seit zehn Jahren nicht gesehen, er hat diesen Charme, diesen Schalk und den für beides obligatorischen Akzent. Er ist älter geworden. “Wenn wir schon vom Melancholie sprechen, wie ist denn das mit Ihre Heimat?”, fragt ihn der Moderator, und er und ich grinsen uns an wegen der für die Deutschen notwendigen Verbindung von Heimat und Melancholie. Für uns lebt Heimat in der Melancholie und die Melancholie in der Heimat, und vielleicht schreiben deshalb die Deutschen über uns immer, wir hätten Humor gepaart mit Melancholie. Jetzt mache ich schon diese Unterscheidung: Die Deutschen. Was für ein unsinniger, melancholie- wie humorloser Blödsinn.

12. März, 11.00 Uhr, Nordhorn – Hannover

Die Polizei im Zug lässt einen Mann mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Haaren und einer Haufarbe, die auf eine nicht nordeuropäische Herkunft hinweist, seinen Pass und seinen Rucksack vorzeigen. Sie holen alles heraus, er lächelt, bereitwillig, zu nett, denke ich, dann schauen sie sich noch die Papiertasche an, in der ein Geschenk steckt. Was ist da drin, der Polizist, dem die Freundlichkeit offensichtlich in seinem Beruf – oder war es sein Leben – abhanden gekommen ist, und der Mann antwortet, was offensichtlich ist: „Ein Geschenk“. Und fügt hinzu „Sie können es aber aufmachen, wenn Sie wollen“, und ich will aufspringen, aber die Polizei winkt ab und geht. Sonst wird hier im Wagen niemand kontrolliert. „Haben Sie begründet, warum sie Sie kontrolliert haben?“, frage ich den Mann. „Nein, aber Sie sehen alle, alles ist mit mir in Ordnung“, antwortet der und schaut sich entschuldigend um. Keiner blickt hin, und er lächelt mich an, und ich weiß jetzt auch nicht weiter, und auch nicht, wie ich formulieren soll, ausnahmsweise nicht, deshalb sage ich ganz vorsichtig: „Das sollten die nicht tun, Sie kontrollieren.“ Nach Aussehen, füge ich nicht hinzu dafür finde ich keinen schönen Begriff. Passt schon, ist die Antwort. Und dann setzt er sich einfach wieder hin.

Kunstwerk I

Gestern habe ich ein Kunstwerk gebaut. Aus Naturmaterialien, und wenn ich es richtig im Kopf habe, aus Serviettenresten, von denen ich dachte, wenn das ein Stück eines Hemdes eines Flüchtlings wäre, dann hätte das Kunstwerk eine politischer Bedeutung. Dann wehte der Wind das halbe Kunstwerk auseinander, woraufhin ich dachte (aber der Speicherplatz auf dem Handy war leer), das sollte ich filmen, das wäre dann Videokunst oder Kunst im Prozess oder sich selbst zerstörende Kunst. Dann dachte ich, dass das natürlich keine Kunst ist, aber Kunst wäre, hätte ich den entsprechenden Namen. Das hier ist mein Kunstwerk.

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Versatzstück 1 im neuen Jahr

Zuletzt ist das Leben zu einer Ansammlung von Versatzstücken geworden, so dass ich mir die sehr theoretische Frage stellen musste, ob diese Tatsache auch die Art zu schreiben verändern müsse, zwangsläufig. Eine gleichermaßen müßige wie geschwafelte Frage, weil de facto schrieb ich nicht mehr, oder nicht mehr so.

Ich dachte an einen Roman, dann dachte ich in Anfangssätzen. Dann dachte ich in Versatzstücken, die beliebig in eine Ordnung gebracht werden könnten, am Ende ergeben sie einen romanähnlichen Sinn. Etwas für geübte Leser, würde jemand sagen, der mir Bücher schenkt, eben Bücher für geübte Leser. Ich wehre mich bei dem Gedanken, dass das Lesen geübt werden muss, liebende Leser schlage ich vor, süchtige wäre zu platt, wir diskutieren ein wenig darüber, aber jedes Buch, das sie mir schenkt, ist zum Abschreiben gut. Die Versatzstücke könnte man auf einzelne Seite drucken, der Leser setzte sie nach Gusto zusammen, die Ordnung könnte endlich eine Unordnung sein. Jeder liest sein eigenes Buch. Es ist revolutionär oder dumm, es ist ein Konzept, und jeder Verlag sagte sicher: In der Herstellung leider zu teuer.

Anfangssätze, mögliche:

Zuletzt ist das Leben zu einer Ansammlung von Versatzstücken geworden.

Die Couch war rot, ich schlug, als ich mich hinlegte, die Beine übereinander, ich redete, ich würde gerne sagen: Nicht viel.

Es gab von ihr zwei, und wenn ich die Tür öffnete, dann wusste ich niemals, welche. Von mir gab es auch ständig zu viele.

Wie er da sitzt und zuhört, und sein Lachen ist unsicher, so wie es meine Worte sind.

Die Frage nach dem Subjekt in meinem Leben ist derzeit eine drängende, wer geschieht hier wem.

Heute ist der Tag abgegriffener Metaphern, sage ich, warum sage ich das nur.

Ich habe nicht: das Auto nicht getankt, nicht ans Telefon gegangen, nicht Nasenspray auf dem Tisch stehen lassen, ich habe nicht, ich habe nichts gegen die Vorwürfe gesagt, gegen ich habe nicht wie ich habe nicht gegen.

Sich verkriechen: Aus dem Leben heraus.

Wer zuerst lächelt, oder geschieht das zur selben Sekunde, und überhaupt aus demselben Grund,  beide lächeln sie, über einander, mehr als dass sie es miteinander tun, das ist die Freude, Kaffee steht auf dem Tisch, zwei Tassen.

Eines Tages hörte ich auf, verschwommenen Erinnerungen hinterher zu jagen, das ließ eine seeähnliche Ruhe im Bauch zu, und nur leise traute ich den Fragen hinterher.

Ich muss mich kon-zen-trie-ren, sagte der Sohn, so sagte er das, er teilte das für ihn schwierige Wort in Silben auf, der Vater trug einen Pullover in seiner Lieblingsfarbe, in einer, die die Mutter nicht verstand.

Ich sinke hinein, ohne jede Gegenmaßnahme, und auch ohne Gegenwehr.

Also gut, dann erobere ich eben die Welt. Und so fühlte sich das dann auch an: Dass ich die Welt eroberte.

Jede Sekunde, wollte ich sagen, jede Sekunde zählt, so einfach ist die Sache, ich sagte es dann lieber nicht.

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Berlin-Leipzig, 12/11/2015, jemand bat mich, über Heimat zu schreiben, oder darüber, wie man diese verlässt. also schrieb ich.

Das Wasser in dem blauen Wasserspender aus Emaille, dessen Farbe mit jedem Sommer immer mehr abblätterte, bis man es als gesprenkelt bezeichnen konnte, blau-rostbraun gesprenkelt, war eiskalt, Brunnenwasser, das in Eimern getragen wurde, nimm nicht zu viel, rief Großmutter, das war auf der Datscha. Die Birkenrinde zog ich mit einer für mich untypischen Geduld von den dünnen, in ihrer Fragilität traurigen Bäumen ab, eine Manie. Die schwarzen Vogelbeeren am Zaun verdrehten den Mund, eine zwiespältige Erfahrung zum Thema Genuss. Den Kopf über die auf Zeitungspapier ausgebreiteten, frisch gesammelten Pfifferlinge, Täublinge und Butterpilze beugen und den Geruch aufsaugen, und die Klebrigkeit der Pilze auf den Fingern.

Dann war ich weg. Was für meine Eltern mit wiederholten Fragen, langen Überlegungsprozessen, monatelangen Vorbereitungen und täglich beiseite geschobenen Zweifeln einher gegangen war, fühlte sich für mich, ein elfjähriges Kind, so an: Dann stand ich im Nachtzug am Fenster, der Zug verließ langsam und lärmend den Petersburger Bahnhof, Verwandtschaft winkte weinend am Gleis, dann war ich in Deutschland. Deutschland trug viele klischeegetränkte Versprechen in sich, Bananen, Barbies und Jeans. Deutschland war bunt, und an den Farben konnte ich mich lange nicht sattsehen: Die neongelben Fahrradhelme, die roten und gelben Heftumschläge in der Schule, das blaue Wasser im Freibad, und das Orangegelb der zu meiner Verzückung einzeln in Plastik verpackten Käse-Sandwichscheiben. Das Wunder Deutschlands war bunt, und es sollte dauern, bis ich das Schwarz-Weiß der Birken vermisste. Es war, wenn sie mir mein Gefühl nahmen, „du und deine russische Emotionalität“, es war, wenn sie das ihnen Fremde an mir entlarvten, es war, wenn es plötzlich sie gab und mich, und ich diese Grenze selbst niemals zog, dass die Sehnsucht in den Bauch kroch und sich von dort ausbreitete in die Zehen und Fingerspitzen: Heimweh. Es war, und es ist. Geräusche und Gerüche, Geschmack auf der Zunge vermissen, den, der Geborgenheit verspricht. Eine Melancholie, ein Sehnen etwas, was nie mehr sein wird, nicht auf diese unschuldige Weise. Oder doch? Ich will das versuchen, zurück in die Heimat reisen. Und Vogelbeeren mitbringen.

 

München – Gau Algesheim, anfangnovember

Das Schreiben im Zug ist ein automatisiertes, beinahe die einzige Art zu schreiben, die natürlich erscheint. Alles andere ist Arbeit. Was sich ähnlich anfühlt: Morgens, von Gedanken aus dem Bett getrieben werden, die so laut sind, dass auch das Umdrehen und das Kissen auf dem Kopf nicht hilft, und in einem schlechten Frühstückssaal eines schlechten Hotels schreiben.

Wenn ich derzeit schreibe, dann fließen die Zeilen. In jedem Zusammenhang. Sie gehen ineinander über, über das Schlechte gehe ich mit einem neuen Selbstbewusstsein hinweg, mit einer Geduld, die ich nicht kenne: Es wird schon. Euch schmeiße ich später weg, und neue Zeilen werden kommen, und sie werden besser sein, und möglicherweise gut.

Gestern habe ich gelesen. Ich habe schlecht gelesen, ich stolperte, und verhaspelte mich, und da war wieder die Schwierigkeit mit den kurzen und langen Vokalen (Ofenkartoffel, wie viele Monate hatte ich an dem Wort geübt), natürlich, sagte ich mir, ich habe den Text ja weder redigiert noch jemals geübt. Natürlich. Ich lag mit dem Rücken und wusste um die eigentlichen Gründe.

J. schreibt mir, ein Herz sei nicht eindimensional, J. schreibt mir in letzter Zeit viel über Herzen. Er formuliert neuerdings schön, oder habe ich es nur vergessen, er schrieb vor zwei Tagen, ich habe zu viele Baustellen für ein einziges Herz, und unfairerweise seien sie auch noch alle unterirdisch miteinander verbunden. Dann schrieb er noch: Ach, Lena, ich würde dich jetzt einfach in den Arm nehmen. Und dann noch: Wenn du das noch einmal denkst, dann hau dich von mir auf den Hinterkopf, so kam er mir wieder näher, mein alter bester Freund. Mein Herz ist nicht eindimensional. Ich mag nichts Eindimensionales und sehne mich manchmal nach Einfachheit.

Wann es einfach ist: Wenn da keine Gedanken sind. Wann keine Gedanken sind: Wenn ich fliege.

Man hatte beinahe den Eindruck, M., der Kluge, der in seiner Klugheit zu fühlen vergaß, schien an unserer Kommunikationsart zu scheitern. In der leichten Bewunderung, der objektiven, als Dritter sozusagen, war kein Neid und kein Wunsch, sondern eine Vorsicht. Vor dem weniger haben wir Angst. Vielleicht wird es niemand verstehen. Vielleicht sind sie zu klein. Oder wir zu anders. In der Ehrlichkeit liegt das Spiel. Im Spiel ist das Mehr. Im Mehr kann man fliegen. Man muss. Eine Stimme sagte auch: Vielleicht hat er recht. Und macht ihr euch was vor. Und wann hört denn das Ganze auf.

Auch wenn ich mich von nichts mehr begeistern lasse als von leuchtendem Intellekt und komplexen Gedanken, so bin ich innen drin doch ein romantisches Kind, das möchte, dass am Ende die Gefühle siegen. Da ging es um den Kongo, und darüber, wie man dorthin reisen kann oder darf.

In Gau Algesheim steige ich aus. 7000 Einwohner und das Ende der Welt. Aber die Buchhändlerin, eine junge, jünger als ich, strahlt vor Glück und Bücherliebe, ja, auch so kann man strahlen, und sie hat eine Papiertüte dabei: „Living comes natural to many. Love comes natural to few.“ John Fulbright, High Road. Grüner Edding auf Papiertüte, das hilft auch über die karierte Biberbettwäsche hinweg. Wobei die übliche Hoteleinsamkeit und Verzweiflung in der Nettigkeit noch größer wirken, weil unangemessen.

Manchmal möchte ich Gott danken. Darüber müsste ich schreiben, über das Nicht-Mehr-Sprechen des Schma Israel.

Wachau, noch ein Tag

Eine Schriftstellerin, eine ältere und kluge und unendlich wundervolle, wie sie da sitzt, in ihrem Alter, in ihrem bestickten Rock, und wie wir über das einzige Thema sprechen, worüber man dieser Tage so sprechen kann, das, was die Welt neu strukturiert, für immer, packt sich beim Frühstück ein Sandwich in eine Sprüngli-Papier-Tüte, für den Fall, dass sie später Hunger kriegt. Das darf man sich erlauben, wenn man eine wundervolle, ältere Schriftstellerin ist; bei anderen schämte ich mich, aber das sind meine vergangenheitsgetränkte Grenzen.

Heute ist Wear-Red-Day, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Ich habe nichts Rotes dabei, ich besitze auch nichts Rotes. Und wer fühlt sich denn besser damit, die Flüchtlinge sicherlich nicht.

Heute morgen hat einer von „Flüchtlingsangriff“ gesprochen. Ein Ungar. Es ist so offensichtlich, wer hier angegriffen wird, dass ich das Aufschreiben verweigere. Frühstücken mag ich übrigens plötzlich auch nicht. Die Rhetorik wird schärfer, jeden Tag stellen wir das alle fest, und dann passiert nichts. Peter Stamm, lese ich im Tagesanzeiger, sagte in einer Rede in Zürich, Schriftsteller tun grundsätzlich nichts oder nicht viel – und manche, um sich besser zu fühlen, äußerten sich öffentlich politisch mit Gutmenschen-Platitüden. Auskennen würden wir uns nur mit Worten. Berufsbedingt stoßen mir also Begriffe wie „Flüchtlingsangriff“ auf, und der Text von Peter Stamm, in seiner Lethargie, steht dahinter noch an.

Live hingegen: the daring, intellectual. A. L. Kennedy, die aussieht, wie man sich eine intellektuelle, britische Schriftstellerin vorstellt, britisch, obwohl sie sagt, sie setze so ungern ein Adjektiv vor Autorin, sie habe Heimaten, nicht eine Heimat: Eine Frau wie ein Mann gekleidet, in einem Tweed-Anzug, leicht zu große, braune Budapester, rote Schnürsenkel, kurz-kurze Haare. Sie beginnt mit den Worten:„Everybody in this room could do this better?“, und es ist süß, auch wenn man den schlichten Trick durchschaut. Sie spricht das Gegenteil von Peter Stamm, sie sagt: „We somehow must be guardians of imagination, of wider thought, of culture“ und „ we are living in times where doing our jobs is not enough“ und davon, dass wir, Autoren, „are used to our role as someone occupying a moral high ground, supposedly seeing clearly and then speaking wisely on behalf ouf our societies, our species.“

Heute morgen habe ich gedacht, nie möchte ich aufwachen und mehr Schreiber sein, denn Mensch. Niemals möchte ich Sprechrollen verwechseln, im Privaten bin ich immer noch ich.

Wir leben in einer Zeit, in der wir beim Kaffeetrinken auf youtube Hinrichtungen anschauen können. Und dann klappen wir den Laptop zu, oder wechseln auf die Amazon-Seite.

A. L. Kennedy schließt mit: „As artists and writers we have experienced the fact that art is stronger than propaganda, that love is stronger and more sustainable than help, that self-expression can mean more than self-indulgence. We have values.“ Ist es so? Sind Schreiber, Künstler die besseren Menschen? Lieben oder hassen die meisten nicht hauptsächlich sich selbst, was im Übrigen auf dasselbe hinaus läuft, sie sind mit sich selbst beschäftigt. Den higher moral ground haben aber übrigens diejenigen, die sich selbst hassen. Und dann schließt sie also: „What do you do next, make next, write next, create next is up to you – it has to be up to you. But without you, we are all past saving. Let us, together, imagine the future – if we don’t, it will happen without us and may kill us along the way.“

Müssen sich Autoren entscheiden, ob sie ein homo politicus oder ein homo poeticus sind? Das wird, in dieser Wortwahl ,diskutiert, auf einem Panel, und auf dem nächsten, und auf einem sitze ich, und dann denke ich an Marina Zwetajewa, die sich das Leben genommen hat, um den Qualen, denen an der Welt, am Krieg, an sich selbst und der Liebe ein Ende zu setzen. „Alle Dichter sind Juden“, hat sie geschrieben.

Wir müssen Gesichter schaffen als Dichter, wir müssen Fragen stellen, wir müssen es mit Empathie tun. Nein, wir müssen nicht, und nicht als Dichter, aber ich muss, als Mensch. Und wie absurd der Gedanke plötzlich scheint, einfach in Urlaub fahren zu wollen, wo man doch an die slowenische Grenze muss und in die Ukraine und an so viele andere Orte. Sich nicht um sich selbst drehen, ich bin doch kein Hund. Außer ein russischer Wolfshund.

Es herrscht ein solch erschreckender, aggressiver Nationalismus in osteuropäischen Ländern, die eigentliche Bedrohung des Abendlandes, die, wenn man den Gedanken zu Ende führt, die Welt in einem Jahr, in zwei Jahren, in drei so anders aussehen wird lassen, dass wir es heute gar nicht schreiben können.

Die Engländer übersetzen nur vier Prozent ihrer Literatur, auch der Engländer dreht sich um sich selbst. Sagt übrigens die wundervolle Engländerin in Rot, die hinzufügen muss, dass sie immer rot trägt, nicht nur heute, und nicht den Flüchtlingen zuliebe, dieser Charme.

Warum sind nur so viele Menschen mit der Frage beschäftigt, ob und welche Handys Flüchtlinge haben, haben sie alle nichts weiter zu tun? Die Zeit nehme ich mir gar nicht, darüber nachdenken zu wollen. Wie einfach, wie tierisch sind doch die Menschen gestrickt. Freunde über Landesgrenzen  und alte Vorhänge hinweg: Le Pen und Putin, Putin und Orbán, und in Budapest schlagen sie auf der Straße Roma zusammen, und das liest man dann so, nebenbei. Und ich denke darüber nach, in Urlaub zu fahren, schon wieder.

Fehler, die die Welt erklären: Schüler – jeder Autor bei den Europäischen Literaturtagen macht am ersten Tag eine Schullesung, Literatur allumfassend und so; außer übrigen N., dem ist es zum Aufstehen zu früh – hatten eine Präsentation gemacht. Zum Thema Flüchtlinge. Auf einem Plakat hatten sie gesammelt, was ein Flüchtling alles zurück lässt, und auf einem anderen, was ihn erwartet. Schlechte Erinnerungen, schlechte Bedingungen, Familie stand auf dem ersten und dann noch Muttersprache. Und unter jedes Wort hatten sie liebevoll gemalt: Sprechblasen und Münder unter die Muttersprache zum Beispiel. Als sie die Plakate aber präsentieren, an die Tafel gestellt, und die Lehrer fotografieren, und bevor sie, auf Kommando „Vielen Dank für die Aufmerksamkeit“ so sagen sie: „Sie lassen dann schlechte Erinnerungen zurück und ihre Muttersprache, weil sie sie dann ja nicht in der Öffentlichkeit sprechen dürfen.“ Willkommen im öffentlichen Gedankengut.

Den Podien zuhören und merken, dass auch die Großen über sich selbst und ihre Befindlichkeiten und Themen sprechen, und einfach nur das tun, und nicht mehr versuchen. Jemand bezeichnet uns Chamisso-Autoren als eine Familie, und später sitze ich oben und trinke den hervorragenden Marillen-Saft. Werden wir zu dem gemacht, was wir sind, oder tun wir es selbst? Was machen wir mit unseren Talenten, und manche machen nichts, und das schmerzt.

Abends ist Wein, viel zu viel davon, und wie er fließt, man tanzt, also ich tanze, unfreiwillig, aber mit Freude, jemand sagt, es gäbe eine Bar namens Chérie, irgendwo in diesem Dorf, irgendwo bei der Tankstelle, und man möchte und möchte nicht, eigentlich auf gar keinen Fall, dahin.

Bei Interviews Sätze, über die ich selbst staune, manchmal wünschte ich, ich schriebe so. Beim Schreiben eile ich immer zu sehr, weil da zu viele Gedanken und zu viele Ideen sind, und dann nehme ich mir nicht die Zeit, um die Sätze auszumalen. Zurückgehen, Zeit haben, nur schreiben, tagelang.