Five Minutes a Day – writing – 05082016

Morgens sitze ich mit Cappuccino und Croissant vor mir und einem Buch bewaffnet (bewaffnet!) im Dukatz und warte auf S. S. kommt herein, sie hat dabei, was ich geschrieben habe, und sie bestellt sich, in dieser charmanten, offenen Art dasselbe: Einen Cappuccino und ein Croissant. Und dann rede ich, beinahe eine Stunde lang. Und sie lässt mich reden, und ich bin mir sicher, sie weiß, und ich weiß, dass ich weiß, also rede ich eine Spur schneller. Ich will nicht hören: Was sie zu sagen hat zu dem, was ich geschrieben habe. Also rede ich, und dann blickt sie auf die Uhr, und wir wissen beide, dass die andere weiß um die gezählte Zeit, und sie sagt: “Also wie du willst. Entweder ich sage jetzt was dazu, oder im September.”

Ich schreibe mit. Sie sagt. Ich blicke sie kein einziges Mal an, und sie drängt nicht. Sie spricht von Pathos und der fehlenden Welt, sie hat Recht, und Recht hat sie auch, wenn sie sagt: Du arbeitest nicht. Lena, du arbeitest nicht. Und wir wissen beide, was sie meint, und vielleicht weiß es sonst keiner.

Also fahre ich nachhause beglückt. Und ich setze mich hin und lese, und das Lesen ist eine Arbeit, und plötzlich somit eine Freude, und an den Tisch setze ich mich zögernd, aber mit diesem Kribbeln, mit dieser Ahnung, mit einer Frage, auf die ich keine Antwort hören will. Und ich schreibe. Fünf Seiten. Sie sind genauso schlecht wie die von vorgestern, aber als ich aufstehe, habe ich gearbeitet. Es bietet mich dann noch jemand um eine Mail, die ich schreibe, dann ist der Tag wieder da, wie immer um zwei, und so dauert es, bis ich abends diese eine Nachricht abschicke: “Heute habe ich gearbeitet. Danke Dir dafür.”

Island – 25. April – 2016 – Ich habe aufgehört, die Tage zu zählen

Gelber Hafer, darin. Der letzte Mensch auf der Welt. Über dem Hafer Vögel, die sich in Steinfelsenspalten einnisten. Hinunterkugeln, oder auch nicht.

Aber das Wichtigste zuerst: Heute habe ich meine Eier selbst in einem geothermalen Herd gekocht. Also genau gesagt im aus der Erde aufsteigenden Dampf. Hierzu legte ich sie in ein Netz, das an einem Bambusstock, einer Art Angel, hing, und diese Angel wiederum hing zehn Minuten im Dampf. Die Eier schmeckten vorzüglich, es ist möglicherweise eine der touristischsten Beschäftigungen auf dieser Insel, und ich habe es geliebt.

Am Morgen war das Ende. Dazu gibt es nicht zu viel zu sagen, weil es sich genauso anfühlte, wie ein Ende.

Danach, dann, überhaupt.

Gelber Hafer, darin. In diesem Land wechseln sich Landschaften ab, als gäben sie sich beim Staffellauf den Stab in die Hand. Schwarze Steinfelsen. Gletscher. Flüsse, die sich elegant durch Lava ziehen. Das braune Grün, das verblichene, das aus der Welt von Oz, und dazwischen das Alte. Meer. Schnee. Und alles andere auch, sozusagen die ganze Welt.

Gelber Hafer, darin. Auf das Meer herunterschauen, Meer links, unterhalb ein rotes, leer stehendes Häuschen (darin war nichts, auch wenn ich einen Toten vermutete, eigentlich zwei), der letzte Mensch auf der Welt, und deshalb die Frage, könnte man, wollte man, sollte man, die Vögel kreischen, aber nicht laut genug.

Hier bleiben wollen. Hier wollen. Hier bleiben. Im Licht der Wahrheit Fragen stellen.

Am Strand steht ein riesiger schwarzer Felsbrocken. Er steht nur da, er hat nichts zu sagen. Er steht mitten im schwarzen Sand, und dennoch ist er schwärzer. So. Der schwarze Strand ist warm, sich hinein legen, aus Steinen bastle ich ein Gesicht. Das ist der Philosoph, der die Frau seines Wunsches niemals erobern durfte, weshalb er zu philosophieren begann. Daneben noch ein Steinmännchen. Und wer ist das? Das ist der Nachbar, der ihn tot auffand. Ein Steinchenauge fällt wieder herunter. Und warum hat er kein Auge? Die Katze des Philosophen hat es ihm ausgekratzt. Auch hier bleiben wollen.

Irgendwo in diesem Land fließt ein Fluss. Das ist ein Land, durch das sich Flüsse ziehen wie Adern durch einen Körper, diese Tatsache macht diesen Satz also furchtbar trivial. Aber irgendwo in diesem Land fließt ein Fluss. Der Fluss macht eine Beuge, und in ebendieser Beuge steht ein Hotel. Über dem Fluss ein Berg, aus dem Dämpfe aufsteigen, in verschiedenen Formen und Größen, geothermales Gebiet, diesen Begriff verwende ich seit drei Tagen, als sei ich ein geographischer Nerd. In diesem Hotel gibt es hervorragendes Essen, aber auch das ist eigentlich trivial. Das Hotel hat außerdem einen so genannten Hot Tub mit Blick auf den Fluss, das Wasser darin 38 Grad, endlich, endlich. Dazu ein Wein, alles dreht sich, Schwindel, auch trivial. Das ist das Ende vom Ende.

Island – 23. April 2016 – Tag Vier

Flüsse schlängeln sich. Bäche rauschen. Wasserfälle stürzen. Schnee liegt auf den Bergen, er ist so, ein bewegungsloser. Der Wind pfeift. Gräser schaukeln in diesem Wind. Das Meer wütet in diesem Wind. Licht fällt. Möwen schweben. Die Sonne wirft ihre Strahlen hinab. Nichts davon beschreibt diese Landschaft, obwohl jeder Satz stimmt. Fertige Sätze aus der Landschaftsbeschreibungfabrik, die eine Beleidigung sind. Für diese Landschaft wie für mein literarisches Talent gleichermaßen.

Versucht man es poetisch, kann man nur hinabstürzen (wie die Wasserfälle): Das Licht im Wasser (es wirft eine gerade Linie hinab, die sich wie so eine vermeintliche göttliche Botschaft durch das Wasser zieht) ist eine Aufforderung, die Wahrheit zu sagen. Ich sage es nicht laut, ich hätte mich ja selbst ausgelacht. Und dass ich das nicht besser ausdrücken kann, dass ich, wenn ich das Licht sehe – ich sehe es an diesem Tag immer wieder – jedes Mal denke: Jetzt. Nur eine einzige Wahrheit.

Die Touristen sind eine Beleidigung für die Landschaft. Sie stören sie, das sage ich, als wäre ich nicht einer von ihnen. Die Deutschen erkennt man an der perfekten Ausrüstung, funktionelle Mützen, feste Bergschuhe, Fleece, Softshell, Gore-Tex, und wie das alles heißt, und sicherlich wetter-, regen- und windfest und auch noch atmungsaktiv. Die Amis tragen Sneaker und keine Socken, die Jacken lassen sie offen stehen, darunter ein dünnes Hemd, keine Mütze auf dem Kopf. Kalt, beim Anblick alleine. Männergruppen, mal so ein Wanderurlaub ohne Ehefrau, und Paare, die sich in der Zweisamkeit feiern: Sonst brauchen wir niemanden. Die Bösartigkeit kommt von dem Gefühl, gestört zu werden. Sie stören nicht mich, sondern die schwarzen Felsen hier. Irgendwo treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander, aber ich weiß nicht genau, wo, und eigentlich ist das auch nicht von Bedeutung. Ein Japaner in einer knallroten Regenjacke lrennt mit Stativ und Videokamera an mir vorbei, als müsste er sich beeilen: Als würden diese Jahrtausende alten Felsen gleich wieder gehen, als würde er den Moment zum Filmen verpassen. Meine Jacke ist auch zu bunt.

Abbiegen, am Fluss entlang. So tun, als wäre da keiner, bis da keiner mehr ist. Das Gelb des Grases ist ein anderes, ein weiches. Ich springe über einen Fluss. Ich würde wieder zurück springen, des Spaßes halber, aber ich bin ja kein Kind. Bin ich nicht? Die erste Tat des Tages: Auf einen zugefrorenen See hinausrennen, mitdenken, da sind ja menschliche Spuren im Schnee, da sind also andere schon raus gelaufen, trotzdem einbrechen. Die Kälte schmerzt nicht, weil sie narkotisiert. Bis zum Knie.

Sich am Fluss ins Gras setzen, dann legen, dann setzen. Vorlesen. Ich sage nichts. Was ich geschrieben habe, ist, ich habe kein Ende für diesen Satz. Ich weiß nicht, was es ist. Und vielleicht möchte ich es lieber nicht wissen. Wie früher, und das Festhalten eines Moments. Von der Wahrheit, für jemanden zu schreiben.

Pferde, ein isländisches Klischee. Sie haben weiches Fell und eine Sanftheit. Beim ersten Dampf, der aus der Erde steigt, ein Juchzen. Ich esse einen Rentier-Burger zum Mittag. Hat einen starken Eigengeschmack, aber anders als Hirsch. Ein zweifelhaftes Vergnügen. Aber: Ich esse, in einem isländischen Restaurant. Das Restaurant ist in einer Stadt, und als wir diese verlasen, zähle ich mit: Vierzehn Häuser.

Ich beginne einen Satz mit „Der Wind“ und lösche den Anfang mehrere Male. Was schreibt man da, der Wind singt Lieder oder erzählt Geschichten? Weht um, vernichtet Gedanken, warnt vor dem Leben gleichermaßen wie vor dem Tod? Das hier kann man nicht schreiben, und man kann es nicht fotografieren. Wenn Gefühle vollständig sind, so sind sie es von jeder Seite.

Vereinzelte Bauernhöfe und Häuser. Ein Dorf: Fünf Häuser und eine Kirche. Kein Supermarkt, keine Schule, aber eine Kirche, die Menschen sind ein verzweifeltes, instabiles Geschöpf. Die nach Grenzen schreien wie Kinder, ein Richtschnur, die sich als Fata Morgana erweisen kann. Ist ihnen egal. Wer in den Häusern wohnt, was sie da reden, Abend für Abend beim Essen, was da an Gedanken geschieht. Was da möglicherweise nicht geschieht, und ob die Verzweiflung, und lebt da auch die Liebe. Fragen werden nicht gestellt, das ist eine wohl überlegte Vorsichtsmaßnahme.

Später beschließe ich zu dichten: Ein Bier vor dem Geysir. Das Bier kostet sieben Euro, aber in den sieben Euro ist ein schick designtes Etikett bereits enthalten. Es schmeckt bitter und gut. Ein Schild warnt, die Hände nicht in das heiße Wasser zu stecken, 80 Grad, das nächste Krankenhaus ist 62 Kilometer entfernt. Es zieht mich: Wirklich so heiß? Kein Juchzen.

Geysir: Warten. Irgendwann spuckt er, und das hat dann eine berauschende, unbändige Kraft. Man wird süchtig: Nicht genug bekommen. Nicht genug bekommen, fragt der Geysir, herausfordernd und verspielt. Dann brodelt er wieder vor sich hin, das Wasser kocht, es spielt mit mir: Gleich, gleich, gleich. Und dann ebbt es wieder ab. Nee, ich hab doch keine Lust. Und ich warte, und er weiß, dass ich warte: Immerhin stehe ich hier vor einem Geysir, und das weiß er, so gut wie ich das auch weiß. Manchmal sprudelt er ein bisschen, eine einzige Enttäuschung. Deshalb stehe ich hier? Dann wieder groß: Oha. Ja, deshalb. Manchmal liebt mich der Geysir sehr. Irgendwann habe ich das Warten satt.

Abends ist mir kalt, Schüttelfrost, das ist die Kälte des Tages. Sie hat sich zurück gehalten und macht sich jetzt in den Knochen breit. Manche Augenblicke werden bleiben, sie sind für immer. Die muss ich nicht aufschreiben, und über Worte ließe sich problemlos lachen. Goldig, könnte man sagen. Da könnte ein Herzklopfen sein. Das Leben kann ein Konjunktiv sein, alles ist ein könnte.

 

Island – 22. April 2016 – Tag Drei

Jeder sieht seine eigene Welt. Wir denken uns unsere Welt zurecht. Wenn die Welt rebelliert, wenn sie sich wehrt, nein, so bin ich aber nicht, schließen wir die Augen und stöpseln die Ohren zu. Jetzt aber wirklich, du blöde Welt, stell dich nicht so an.

Island, das Land mit dem höchsten Glücksempfinden der Welt, so eine Umfrage der UNO, ist so glücklich nicht. Der Verbrauch der Anti-Depressiva steigt, erzählen mir Kristín und Lára, sie erzählen es mir in der Sonne, und sie tragen Sonnenbrillen dabei. Ich habe keine Sonnenbrille dabei, der Muffin schmeckt nach Carrot Cake, und der Kaffee ist in diesem Land stark. Lára lacht ein Lachen, das eine Einladung ist. Kristín hat eine Meinung, man möchte mitschreiben, man glaubt sofort. Ich weiß nicht, ob die beiden glücklich aussehen. Ich weiß immer, wann ich glücklich war. Die Augen schließen, ein Hauseingang. Die Augen schließen, ein Sofa. Die Augen schließen, diese Augen.

Island, das Land mit der höchsten Gleichberechtigung der Welt, so der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, ist so gleichberechtigt nicht. Frauen verdienen weniger als Männer, und seit der Krise nehmen weniger Männer Elternzeit, erzählen mir Kristín und Lára, sie erzählen es mir in der Sonne, den Muffin habe ich aufgegessen, und das Gespräch ist leicht, die Fragen schieße ich hinaus, so dass keine Zeit ist, sich zu fragen, ob ich das nicht auch tue, um uns Dreien ein Schweigen zu ersparen, keine Sekunde Pause, kein Moment. Schweigen wie ein Wind, der durch die Ärmelöffnung unter die Jacke kriecht. Es gibt wenige Menschen, mit denen man im Wind stehen möchte. Es gibt wenige Momente, in denen ist Schweigen ein Geschenk. Manchmal ist das Schweigen eine Lüge.

Im Laufen sprechen wir über die Piratenpartei, die hier so plötzlich erstarkt. Mein Sohn hatte gefragt, ob ich nicht kurz von Island heimkommen kann, um ihm gute Nacht zu wünschen, das erzähle ich den beiden. Im Laufen ist Wind, die Sonne scheint, und das Leben ist anders. Ausstellungseröffnung in der Nationalbibliothek über einen isländischen Dichter, ich verstehe kein Wort und führe beim anschließenden Empfang zehn Mal dasselbe Gespräch, six weeks, everything so different, writing on a novel, yes, indeed, it is small. Häppchen essen und Wein trinken, was mich an meine Zeit bei der taz in Hamburg denken lässt, wo ich, dauerpleite aber voller Ideologien, von Häppchen bei Pressekonferenzen zu ernähren versuchte. Die isländischen Häppchen schmecken besser als die deutschen, aber das gilt möglicherweise für jedes Land der Welt. Weißwein, und ein Häppchen mehr, und während ich mir eines aussuche, sehe ich Vigdís Finnbogadóttir, die erste Präsidentin Islands, die erste Regierungschefin weltweit, das ist hier wohl so: Man geht zu einer Ausstellungseröffnung und trifft eine ehemalige Präsidentin. Soll ich dich vorstellen, sagt Kristín. Sollen wir uns mal treffen, frage ich Vigdís Finnbogadóttir. Sollen wir, sagt sie. Ihr Lächeln warnt mich vor, sie weiß, wer sie ist. Dass draußen immer noch die Sonne scheint, könnte ich jetzt gut schreiben, lasse es aber sein, das wäre eines von diesen Enden.

Jeder sieht seine eigene Welt. Morgens verließ ich die Wohnung beinahe rennend und setzte mich zum Schreiben ans Meer, auf diese bunte blaue-pinke Bank. Ich wusste nicht, was ich schrieb. Das Meer war ruhig, und der Wind war kalt. Es machte mir Angst, was ich da tippte. Manchmal ist das Schreiben wie ein dunkler Tunnel, man läuft hinein, die Neugierde größer als die Gefahr, aber die Taschenlampe hat man vergessen. Ich lief zurück, den Laptop unter dem Arm, und versuchte angestrengt, mir meine Welt zurecht zu denken.

Island – 21. April 2016 – Tag Zwei

Eine Unsicherheit, über die man balancieren kann. Reykjavik ist eine Spielzeugstadt, von kleinen Kindern zusammen gestellt und gewürfelt, bunt und querbeet und scheinbar wahllos, ohne Plan, ohne Sinn und Verstand, aber mit viel eigensinnigem Gefühl. Hast du noch ein blaues Wellblech? Ja, hier! Au ja, daraus bauen wir ein Haus, und das stellen wir neben den sozialistisch angehauchten grauen Betonbau links. Und dann noch eine Straße hoch hierüber, und aus dem orangenen Teil, was machen wir daraus? Ein Dach aufs Dach? Au ja! Ganz Reykjavik ist ein einziges Au ja.

Ich bin eine einzige nicht gestellte Frage. Heute ist das so. Der Wind weht, und über dem See in der Stadt, so lese ich, kreisen 40 verschiedene Vogelarten, und sie kreischen das Leben aus ihren hungrigen Kehlen. Das Parlament ist so klein, dass man es sich nur so vorstellen kann: Dass sie da bei Tee und Keksen ihre Entscheidungen treffen, und die Kekse, die selbst gebackenen, bringt jeder abwechselnd mit. Irgendwo steht eine Bank, auf der eine Dichterstatue sitzt, ein isländischer Poet, wir tauschen uns aus.

Sich kennen bis ins kleinste Vorhaben, jede Bewegung ein abschätzbares Maß. Im Supermarkt kaufe ich mir getrockneten Fisch, den, von dem sie alle erzählen. Salzig, denke ich, die Russen würde ihn mögen, denke ich, und dann eine thailändische Suppe mit sehr vielen Erdnüssen, geteilt. Geteilt. Das bleibt hängen.

Zu jemandem stehen ist ein Akt der Erhabenheit, eines, das wie ein Schild getragen gehört. Der Botschafter lädt zu der Pre-Vernissage der Abschlussarbeiten der Kunstschule Reykjaviks ein, ein Hineinstürzen sozusagen, eine Einladung ins Leben. Die ersten Kunstwerke sind politisch auf eine ermahnende Weise: Nachhaltigkeit, Globalisierungskritik und ein Buch von Marx steht auch irgendwo im Regal. Gleich neben Joseph Stieglitz und direkt über dem in Folie eingeschweißten Fisch, der ein Symbol für die langen Transportwege des isländischen Exports sein soll. Die jungen Künstler sind sofort zu erkennen: Man trägt schwarz oder weiß, und zur Ausnahme gestreift. Die Mäntel haben wie Tonnen auszusehen. Die Schuhe müssen bullig sein, Absätze, die das Wort Künstler in den Boden stampfen. Die Socken der Herren haben bunt, aber einfarbig zu sein. Die Haare zu Dutts gebunden. Eine Masse von Individualisten, und draußen, wo Deutsche in Funktionskleidung und Isländer trotz sechs Grad in Sandalen herum laufen, würden sie als solche sicher auffallen, hier aber sind sie eine einheitliche künstlerische Masse. Eine Videokamera nehmen und sie filmen und das als Videokunst mitten in den Raum hinein projizieren, denke ich, und dann sehe ich eine Künstlerin im blauen Glitzerkleid Sandwichs schmieren und sich selbst dabei filmen, Live-Performance sozusagen, und blicke mich kurz nach hinten um: Bin ich die Einzige, die es nicht versteht? Jedermann ist reizend, ich bilde mir ein, auf eine isländische Weise. Als ich heraustrete, regnet es, aber bleibt hell, eine Andeutung von weißen Nächten. Dafür gebührt Dankbarkeit.

In Liebe gefangen. Vom Botschafter lerne ich die Eigenheiten der isländischen Sprache: Für alles haben die Isländer ein eigenes Wort, sie übernehmen ungern Anglizismen. Telefon heißt síminn. Und Handy heißt Farsími, Ferntelefon sozusagen. Und verliebt sein heißt in Liebe gefangen.

Island – 20. April 2016 – Tag Eins

Die Tomaten sahen blasser aus, als sie waren.

Ich juchzte, das ging dann nicht anders. Alles sah anders aus, bei der Landung schon. Wenn alles anders ist, muss ich stampfen, dann muss ich juchzen, und die Scham schüttle ich ab in einer sehr bewussten Bewegung. Die Bewegung hat den Schwung von Na und. Ich bin so, das ist dieser Tage ein Satz, um den ich kämpfe.

Da will ich hin, sage ich, da gleitet das Flugzeug noch durch die Luft. Das Da ist ein Haus mit einem roten Dach, ein weißes Haus mitten im Nichts und in der Nähe der Atlantik. Und das „da will ich hin“, ist mehr ein Schrei. Da will ich hin. Wir landen.

Mini, das ist der erste Begriff: Die Tannen sind mini. Die Häuser sind mini. Die Menschen nicht. Weite. Weite, Weite, Weite. Schwarz, die Lava, die Steine. Vulkane. Und Schnee. Und die Häuser sind bunt. Und alles grün-schwarz, und braun-schwarz, also eigentlich meine Lieblingsfarben. Ich gebe mir Mühe, mich von Klischees zu lösen, aber sie kleben an mir, Sekundenkleber. Island. Island, Island, Island, ich muss das wiederholen, obwohl alle das die letzten Tage schon zu mir sagten: Island, echt, Island, Island? Sie setzten ein Fragezeichen dahinter, das geschmeidig in ein Ausrufungszeichen überging.

Hier, also, wird gewohnt. Die Wände sind kahl. Die Ledercouch ist braun. Die Schrankwände sind ein gräuliches blau. Auf dem Tisch stehen frische Feldblumen, sie versuchen ein vorsichtiges Hallo. Das Hallo kommt in einer anderen Sprache. Die Wände werden mit Bildern wie Worten beklebt. Als ich vor die Tür trete, um die verdreckten Fenster zu putzen, ein Datscha-Gefühl. Der erste Vorgarten meines Lebens, auch eine Weltsicht.

Das Leben spielt sich ab in 45-Grad-Winkeln. Man dreht sich mit einer leichten Bewegung der Schulter, und Schmerz ist in Freude übergegangen, und Aufregung in Nüchternheit und Hoffnung in Realität. Vor mir ein grauen Betonbunker, der Assoziationen von Leben als Aufgabe, eine zu bewältigende, weckt. Ich drehe mich um 45 Grad und sehe gelbe, verdrossene Grashalme, die sich sehnen, riesige Steine, eine höfliche Einladung zum Sitzen, in der Ferne bunte Einfamilienhäuser in Romantik und in weiterer Ferne schneebedeckte Berge, die eine Bestätigung sind: Ja, ist ja gut, du bist in Island.

Auf dem Weg zum Supermarkt sich bewusst für die entgegen gesetzte Richtung entscheiden und ans Meer laufen. Juchzen, schon wieder. Und dann, schon wieder, Na und. Der Wind will verletzen, aber es sind nur sieben Minuten. Der Sand ist schwarz. Die moosbewachsenen Steine ein Land für sich. Die Algen sind Kunstwerke zum Sammeln, und wie die anderen Meeresteile, die da herumliegen, heißen, weiß ich leider nicht. Also denke ich mir Namen für sie aus. Die Namen behalte ich für mich.

Erste Erkenntnisse über Island, gesammelt:

1. Den Schlüssel dreht man in die falsche Richtung um.

2. Manches ist ein Klischee: Es ist kalt, schön und anders.

3. Das Wasser stinkt fürchterlich nach Schwefel. Habe ich auch bei Karen Köhler gelesen. Aber es stinkt noch mehr.

4. Nach dem ersten Einkauf in einem isländischen Supermarkt: Es ist an der Zeit abzunehmen oder zu fasten.

Zum Abendessen gibt es Spaghetti mit Tomatensoße. Die Schokolade lege ich auf den Kühlschrank. Ich habe Gemüsebrühe dabei und bin mir nicht sicher, ob das gut oder peinlich ist. Der schnelle Versuch von heute morgen, alles aus der Küche mitzunehmen, was gut verschließbar ist, nicht zu viel Platz einnimmt und in Island teuer sein könnte.

Die Tomaten sahen blasser aus, als sie waren. So ist das, mit den Tomaten, und manchmal sind Tomaten wie Gefühle, oder es ist eben andersherum, dass Gefühle manchmal Tomaten sind. Ich lasse sie reden, im Dampf der kochenden Nudeln und mit Zigarette im Mund. Das ist genial, was da drin hängt, sagt sie. Da drin hängen Bilder mit Texten oder Texte mit Bildern, das ist auch wieder so eine Analogie wie die andere: Tomaten wie Gefühle. Das ist dann so ein Moment, der zwei Bedeutungen hat. Eine davon ist: Island mit Punkt. Island.

 

Stuttgart – München, 14042016, 20.37 Uhr – More Than Five Minutes Today

Mein Vater trägt ein gebügeltes Hemd türkiser Farbe. Er trägt einen dunkelblauen Pullover darüber und schwarze Lederschuhe. Bevor er sich diese Sachen anzog, lagen sie auf dem Bett aus, seit heute morgen schon. Was ziehe ich abends an? Ich sah die Sachen ausliegen auf seiner Seite des Bettes, bevor mir die Augen zufielen, eine halbe Stunde dringenden Schlaf auf der Bettseite meiner Mutter. Als sie mich weckt, ist es wie früher zur Schule. Kann ich bitte, fünf Minuten noch, und diese Wut. Als könnte sie etwas dafür.

Ich trage einen Pullover, dessen Farbennamen ich vergessen habe, und wenn ich müsste, so würde ich ihn beschreiben als dunkelorange/noch nicht braun/cognac, aber bei cognacfarben vergesse ich immer, was das ist. Ich trage eine Jeans und Chucks, und als wir los wollen, fragen meine Eltern, beide, gehst du so, und hast du nicht etwas anderes zum Anziehen dabei. Habe ich nicht, und mein Pullover hat einen Rollkragen, und die Chucks ein Muster, das sonst fast keiner hat. Ich glaube, es ist so eine seltene Edition.

Meine Mutter trägt einen schönen, beigefarbenen Mantel und fragt: Wie ist meine neue Frisur, und mein Bruder und ich finden sie beide gut. Mein Bruder und ich stimmen in etwas überein, ein Augenblick zum Festhalten, also lächle ich, aber ich glaube nicht, dass das jemand außer mir sieht.

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In der Lesung, mehr Gespräch denn Lesung stellt die Moderatorin sehr gute Fragen, und bei ein paar von ihnen weiß ich nicht, wie ehrlich meine Antworten sind. Wie viel Mut braucht man, um so schnörkellos Dinge auszusprechen, die andere nicht zu denken wagen? Ist es die Kunst, Erinnerungen in Geschichten aufzuschreiben? Im Publikum sitzt mein Vater in einem türkisen Hemd, mein Bruder, der extra kam, und meine Mutter, die weint, und später sage ich „ununterbrochen“, und sie antwortet „das stimmt nicht, nur kurz“.

Eine gute Frage, ich fühle mich wieder auf sicherem Boden, ist die: Gibt es für Sie Gemeinsamkeiten zwischen Sprache und Mathematik, und da kann ich wieder, Sprache als Partitur und meine unbändige Freude daran, und Worte in schöne Reihen stellen, und berühren, und berührend machen, und manchmal wie Schüsse, da sagt die Moderatorin, nicht ich. Manchmal wie Schüsse, das stimmt. Gestern sagte ich diesen einen Satz, und jemand antwortete mir: Du jagst mir Angst ein. Aber so war die Geschichte, vielleicht. Das Vielleicht füge ich notwendigerweise hinzu.

Wir laufen zum Bahnhof, und irgendwann bleibt mein Vater an einer Straßenbahnhaltestelle stehen und sagt, er verabschiede sich nun und fahre schon mal heim. Warum, frage ich, bist du müde, der Hund. Nein, sagt er, ihr lauft mir zu schnell. Er trägt heute ein türkisfarbenes Hemd, und ich könnte ihn heute ewigkeitenlang umarmen.

MUC, 110416/23.23 Uhr – Five Minutes a Day

Wie schreibe ich, was schreibe ich, was schreibst du. In einzelnen Worten, und wo ist die Ehrlichkeit, und wo verläuft sie, diese Grenze zwischen Ehrlichkeit und Offenbarung, diese Grenze, die ich nicht übertreten will. Du musst das schreiben, irgendwann. Das sagt F. Du weißt doch, was du schreiben wirst, aber wir können gern darüber reden, wenn du das brauchst. Das sagt C., und sie lacht, und ich lache auch, und ich antworte, wir beide wissen doch, und sie lacht. Was schreibe ich also? S. sagt nichts, aber zu ihr sage ich: Du musst das schreiben, so, genau so, und deine Eltern, und dann wische ich den Satz beiseite.
Die Frage, um die ich mich drehe, die: Was schreibe ich, wie schreibe, was schreibst du. Wenn ich offenbare, offenbare ich mich, offenbare ich andere, was darf ich, wo hört es auf, das Dürfen? Kunst lässt sich auf der Metaebene diskutieren, das hört sich gut an und tut niemals weh, das ist angenehm, sehr. In den letzten Tagen, Wochen schreibe ich nichts, vielleicht, weil es einfacher ist.
Die Paarstücke gehören in eine Kiste und können beliebig ergänzt werden. Die Paarstücke liegen mir am Herzen, und ich glaube, W. hat sie nicht verstanden.
Ich kürze jetzt beim Schreiben Namen zu Buchstaben mit Punkten ab und überlege, in einem Du zu schreiben. Das Du könnte das Ich sein oder das Du oder Sie. Ein Kunstgriff im Versuch, Grenzen zu bewahren, die ich nicht selbst gezogen habe.blog

München, 050416, 20.28 Uhr – Five Minutes a Day

Die Nacht ist gemein. Ich bin wach, weil ich nicht schlafen kann, weil mich Gedanken wälzen, weil das Kind in der Tür steht, dann liegt das Kind neben mir im Bett, dann sagt das Kind etwas, dann wälze ich mich, weil die Gedanken, und das geht dann so weiter, bis der Wecker klingelt, um sechs. Dann hat mich der Tag.

Am Tag lieber nicht nachdenken. Im Workshop lesen sie Gedichte, unzählige, lange, gute, Pein höre ich, Mumm höre ich, Fichten und Kiefern, und auch die Geschichte vom Tod. Das haben sie gut gemacht, oder waren das wir. Bei der Nachbesprechung des Workshops lächelt A. mich an, das haben wir uns verdient.

Dann aber sitze ich im Café, als hätte der Tag nur darauf gewartet. Sie neben mir. Vor mir eine Papiertüte, eine weiße, und die Schrift darauf ist rot, und die Schrift auf dem Briefpapier ist schwarz, und beide Farben sind nicht von Bedeutung, aber. Der Brief. Ich werde ihn aufbewahren. Ich werde ihn lesen, noch einmal. Ich werde. Etwas macht sich breit, Vertrauen sagen sie dazu, glaube ich, das tun sie. Das Getränk ist Bio, es kommt in einer bäuchigen Flasche, möglicherweise ein neues Trendgetränk. Das Schreibbuch ist bunt, und ich weiß, mit welchem Satz ich beginnen werde, und der Stift wird ein roter sein. Die Schrift auf dem Briefpapier ist schwarz, und Dankbarkeit hat keine Farbe, und manche denken, Glück ist immerzu hell. Ich glaube nicht, dass sie damit Recht haben müssen.2

Berlin – München, 040416, 21.58 Uhr – Five Minutes a Day

Ich will zurück, zurück, zurück, zurück, singe ich, beim Zähneputzen und beim Anziehen und beim Packen. Und so weiter und so fort, und ich lache mich selbst aus mit dem Gesang, weil ich das nicht kann: Zurück, weil sich Zeit nicht drehen lässt.
Gestern sind wir raus gegangen. Wir liefen durch den Schlosspark, und mit jedem Schritt wurde die Festigkeit in den Boden gestampft, und es ging. Da waren Blumen, dann waren da noch Gänse, und dass ich die Namen der Tiere immer nicht weiß. Wir saßen dann im Gras, C. hinter mir, J. vor mir, und um uns herum saßen noch verliebte Paare, und wir lachten ein bisschen, weil wir dachten, sie fänden das alles romantisch, und einmal kletterte J. in den Baum, überraschend elegant. Er sah gut aus, dort im Baum. Später aßen die beiden Schnitzel und ich grüne Soße, alles war gut, weshalb ich nicht zu O. fuhr, alles war gut, aber nur bis dann: Und dann.

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Und heute also der komische Gesang, und über den Wolken kriege ich Angst, und nach dem Flugzeug ist das Leben, später kommt dieses Erwachsen, dieses Ich kann das schon, als wäre ich ein Kind. Manchmal ist es einfacher, und manchmal ist es schwerer, wer bin ich, wer will ich sein, und wie ist das passiert. Wie ist das alles passiert. Also konzentriere ich mich aufs Leben. Die Paarstücke sind in Berlin geblieben.
M. im Park, und das Selbstbewusstsein, dass ich bin, und dass ich gut bin, und manchmal ist da doch kein Boden unter den Füßen, außerdem sind da Erinnerungen an die guten Zeiten, an die ohne Fragen. Und das Wissen um Morgen, aber es geht nicht um mich. Nicht um mich.

Berlin, 03042016, 13.03 Uhr – Five Minutes a Day

Ich schreibe ja neuerdings so, mit dieser most dangerous writing app, wenn man auch nur für drei Sekunden das Schreiben unterbricht, dann ist alles, was man geschrieben hat, weg, also tippe ich jetzt, wie eine Verrücke, wie eine Besengte in die Tasten, und dann unterlaufen einem Fehler, über die man nicht mehr nachdenken kann, so wie der: Dass es doch nicht heißt, dass man in die Tasten tippt, sondern haut; und dass man vielleicht nicht besengt ist, wenn man das tut. Aber man tippt, und das ist viellicht – manchmal – gut so.
Es ist ein Verdruss. Ich sitze auf J.’s Bett, während er am Schreibtisch sitzt und arbeitet und so atmet, wenn er arbeitet, konzentriert, und die kleinen Seufzer sind Anfälle von Anstrengung. Und ich sitze und tippe und wackle dabei, weil sich alles wackelig anfühlt in diesen Tagen, und ich ahne nur, warum. Ich sitze und tippe, und gebe mich einem schwachsinnigen Experiment hin.

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S. hatte geschrieben, dass man anfällig ist nach einem Streit, und so fühle ich mich, pustet doch, pustet, und dann falle ich um. Vielleicht puste ich probehalber auch mich selbst an, und man schleicht umeinander herum, und der Kopf sagt das Eine, was das Herz nicht sagt, und andersherum genauso, aber sie reden nicht miteinander, und ich sitze hier auf dem Bett und bin unruhig, und will das doch gar nicht und auf gar keinen Fall sein. Bitte. Und ich weiß nicht, was morgen, und also denke ich vorsichtshalber nicht darüber nach. Und ich schiebe alles so ein bisschen her, auch dieses eine Telefonat. Draußen ist strahlender Sonnenschein, und man könnte so tun, als wäre man das nicht: Ein Zonenmädchen, das sich in diese Zone begibt, das hat J. so formuliert. Man könnte, aber man kann nicht.