Five Minutes a Day – writing – 05082016

Morgens sitze ich mit Cappuccino und Croissant vor mir und einem Buch bewaffnet (bewaffnet!) im Dukatz und warte auf S. S. kommt herein, sie hat dabei, was ich geschrieben habe, und sie bestellt sich, in dieser charmanten, offenen Art dasselbe: Einen Cappuccino und ein Croissant. Und dann rede ich, beinahe eine Stunde lang. Und sie lässt mich reden, und ich bin mir sicher, sie weiß, und ich weiß, dass ich weiß, also rede ich eine Spur schneller. Ich will nicht hören: Was sie zu sagen hat zu dem, was ich geschrieben habe. Also rede ich, und dann blickt sie auf die Uhr, und wir wissen beide, dass die andere weiß um die gezählte Zeit, und sie sagt: “Also wie du willst. Entweder ich sage jetzt was dazu, oder im September.”

Ich schreibe mit. Sie sagt. Ich blicke sie kein einziges Mal an, und sie drängt nicht. Sie spricht von Pathos und der fehlenden Welt, sie hat Recht, und Recht hat sie auch, wenn sie sagt: Du arbeitest nicht. Lena, du arbeitest nicht. Und wir wissen beide, was sie meint, und vielleicht weiß es sonst keiner.

Also fahre ich nachhause beglückt. Und ich setze mich hin und lese, und das Lesen ist eine Arbeit, und plötzlich somit eine Freude, und an den Tisch setze ich mich zögernd, aber mit diesem Kribbeln, mit dieser Ahnung, mit einer Frage, auf die ich keine Antwort hören will. Und ich schreibe. Fünf Seiten. Sie sind genauso schlecht wie die von vorgestern, aber als ich aufstehe, habe ich gearbeitet. Es bietet mich dann noch jemand um eine Mail, die ich schreibe, dann ist der Tag wieder da, wie immer um zwei, und so dauert es, bis ich abends diese eine Nachricht abschicke: “Heute habe ich gearbeitet. Danke Dir dafür.”

München – Metzingen, 07.11.2013

Gestern gedacht (noch einmal Schreibprozess): Um gut schreiben zu können, muss man ins Dunkel abtauchen. Eine banale, weil uralte Feststellung, die mich dennoch immer wieder erstaunt. Suizid, das Stichwort. Und zwei Beerdigungen innerhalb von drei Tagen. Ein Wiedersehen am Zaun: nicht schlecht. „Schreiben Sie hier, bei uns, an Ihrem neuen Werk?“. „Ja.“ Werk, so habe ich das noch gar nicht gesehen.

Aber zurück zu Metzingen.

München, 5.11.2013

Schreiben, seit Tagen schon nicht. Alltag. Freunde. Kinder. Hund: Wieder da (yeah!). Gespräche, gute: Geige vs. Bratsche, Salma auf türkisch, Kinder, vorgezogene und verwöhnte, das Reden, ohne nach Themen zu suchen, Bücher, gute und schlechte, amerikanische vs. deutsche (amerikanische!) und irgendwie alles durcheinander.

Dazwischen mein Zweijähriger: “Mama Buch schreiben”. Stimmt nicht ganz. Die Totennnacht in Mexiko. Der Bruder, dem man ein Bonbon gab, an dem sich dieser verschluckte. Es reicht noch nicht einmal fürs Notizbuch.

Im Übrigen: Herbst.

München-Berlin-Erfurt 27.10.2013-28.10.2013

Fliegen. Rechnen, Lesen, spielen, fliegen. Landeanflug: Lang, hart, wackelig. Rechnen. Ich finde, ich mache es gut, bis der Sitznachbar (nach der Landung!) sagt: „Na, das war mal kein Landeanflug für Flugangst.“

Berlin. Groß, noch größer, Froschkönigzimmer im Hotel. Kaffee im Jüdischen Museum. „Und was machen die Kinder?“, als hätte ich sonst nichts zu erzählen. Was machen die Kinder? Meist Blödsinn. Die Grünen. Und ein riesiges Stück Schokoladenkuchen. Ach ja, und die Limonade (s. Foto), die ich als neuen Trend entdecke, der in spätestens zwei Jahren München erreicht haben wird (it‘s no München-bashing; I like it.).

München, 24.10.2013

Dachte, Notizbuch verloren zu haben. Wut und Panik als Mix. Wieder gefunden.

Nicht-Schreiben. Können.

Erste Seiten zum Lesen weg zu geben, ist wie einem Menschen seine Liebe zu gestehen, bei dem die Chancen, dass er sagt “Ich Dich auch”, genauso hoch sind wie bei dem Satz “Lass uns Freunde sein!”.

München, 22.10.2013

Schreibprozess XX. Again.

Der Soundtrack zu „Die Listensammlerin“ war – ungeplant und sonderbarerweise, was aber eine andere Geschichte ist – Jethro Tull, Too Old To Rock‘n‘Roll, To Young To Die.

Das Buch zu „Am Ende der Fragen“ (Arbeitstitel) ist Uwe Timms „Vogelweide.“ Ein Buch, das ich so langsam und behutsam lesen muss, wie ich schreibe.

München, 21.10.2013

Schreibprozess XX.

Jemand (sprich: eines der Kinder) hat meinen Lieblingsstift geklaut. Hmm. Ich schreibe trotzdem. Geliehener Kugelschreiber. Hat nicht so viel Romnatik wie mein Stift.

Reinlesen: Lily Brett (das neue Buch) nervt auf dieselbe Weise wie Lizzie Doron.

Reinlesen II: Es gibt wenig gute Bücher auf der Welt.

Nicht mehr reinlesen.

Frage: Hat Franzl viel Geld, das aus der Familie kommt? Heißt es “von der Familie”?

Lernen, nicht fürs Buch, sondern für die Buchquatschsammelstelle zu schreiben.

Das Nicht-Wissen, ob es gut ist. Oder schlecht.

Das Schreiben brauchen wollen, sich nach der Abhängigkeit sehnen. Aber vielleicht ist es bei jeder Sucht der Fall.

Infos.

Reinlesen: Michael Köhlmeyer, Madalyn. Yepp.

Die Suche nach der eigenen Sprache. Platt, aber schmerzhaft wahr. Die Sprache nicht finden.

München, 17.10.2013

Schreibprozess. Tag 2 (vielleicht, aber wahrscheinlich eher Tag 100).

Buchcafé. Oder so ähnlich.

Vorher noch: Lange frühstücken. Lange quatschen. Eine Stunde später losgehen als geplant. Spiegelei ohne Speck. Und ein Brötchen. Und Kaffee, und für die Milch musste ich noch schnell los.

Jetzt aber. Buchcafé. Kaffee. Stöbern. Uwe Timm, Vogelweide.

München, 16.10.2013

Die Angst vor dem neuen Buch. Nicht das berühmte weiße Blatt, das sich nicht füllen will. Aber viele Songs, durch die man sich durchklicken kann.

Eine alte Frau, die sich weigert, einen Koffer mit in den Urlaub zu nehmen, und stattdessen mit ihrem Wäschekorb verreist.

Frankfurt – München, Rückkehr von der Buchmesse, 11.10.2013

Versöhnung kommt in Form von Steak. Vielleicht war es also der Hunger. Das erste richtige Essen seit 48 Stunden, das nicht in Form von Mini-Schnittchen kommt. Das entspannt. Und ich kann (kurz zwar, aber immerhin), an den nächsten Roman denken. Und an Bücher und Autoren und Verlage und an all das, ohne auf der Messe zu sein. Obwohl ich auf der Messe bin; und wenn das eben Getippte keinen Sinn ergibt, dann ist es, einen Tag nach der Messe, auch egal. Jedenfalls dann noch lesen, im Römer. Gute Moderatorin, gute Fragen, ein gutes Ende irgendwie.

Stimmt nicht, nicht ganz, das Ende. Noch einen Absacker trinken, im Frankfurter Kunstverein. Und den Autor sehen, der vor ein paar Jahren zu mir sagte „Du hast also auch ein kleines Büchlein geschrieben?“. Es gibt solche Wiedersehen und solche.