Five Minutes a Day – writing – 05082016

Morgens sitze ich mit Cappuccino und Croissant vor mir und einem Buch bewaffnet (bewaffnet!) im Dukatz und warte auf S. S. kommt herein, sie hat dabei, was ich geschrieben habe, und sie bestellt sich, in dieser charmanten, offenen Art dasselbe: Einen Cappuccino und ein Croissant. Und dann rede ich, beinahe eine Stunde lang. Und sie lässt mich reden, und ich bin mir sicher, sie weiß, und ich weiß, dass ich weiß, also rede ich eine Spur schneller. Ich will nicht hören: Was sie zu sagen hat zu dem, was ich geschrieben habe. Also rede ich, und dann blickt sie auf die Uhr, und wir wissen beide, dass die andere weiß um die gezählte Zeit, und sie sagt: “Also wie du willst. Entweder ich sage jetzt was dazu, oder im September.”

Ich schreibe mit. Sie sagt. Ich blicke sie kein einziges Mal an, und sie drängt nicht. Sie spricht von Pathos und der fehlenden Welt, sie hat Recht, und Recht hat sie auch, wenn sie sagt: Du arbeitest nicht. Lena, du arbeitest nicht. Und wir wissen beide, was sie meint, und vielleicht weiß es sonst keiner.

Also fahre ich nachhause beglückt. Und ich setze mich hin und lese, und das Lesen ist eine Arbeit, und plötzlich somit eine Freude, und an den Tisch setze ich mich zögernd, aber mit diesem Kribbeln, mit dieser Ahnung, mit einer Frage, auf die ich keine Antwort hören will. Und ich schreibe. Fünf Seiten. Sie sind genauso schlecht wie die von vorgestern, aber als ich aufstehe, habe ich gearbeitet. Es bietet mich dann noch jemand um eine Mail, die ich schreibe, dann ist der Tag wieder da, wie immer um zwei, und so dauert es, bis ich abends diese eine Nachricht abschicke: “Heute habe ich gearbeitet. Danke Dir dafür.”

Island – 27. Mai 2016 – nurnochtage

Irgendwann begannen die Tage zu fließen. Sie gingen ineinander über, ich sammelte die Eindrücke, Bilder, Worte, Augenblicke, geknipste Minuten irgendwo im Kopf, ohne sie ordentlich zu verstauen zu können. Ohne den Wunsch, sie in Sätze zu fassen, in schöne, wirkungsvolle und angeblich dahin gestrotzte.

An einem Tag stand ich auf einem Gletscher. Alles war weiß. Die Augen schmerzten. Der Wind blies nicht, weil da nichts war außer Wind. Ich hatte das Bedürfnis, in das schmerzende Weiß zu rennen, einfach nur so. An einem Tag übernachtete ich in einem grünbedachten Haus, es sah aus wie ein Tipi-Zelt und stand zwischen Island-Pferden, Meer und Vulkan, und das war, wie es war, ein Märchen, eines, das man stehen lassen musste. Abends saß ich auf einem Baumstamm vor dem Haus, das war ein Augenblick zum Merken, einer mit Augen, die blicken. Ich habe Seehunde gesehen, im Meer schwimmen. Einen roten Leuchtturm seufzend fotografiert. Mich fallen lassen, ins Moos so wie ins Gefühl. Nichts davon habe ich aufgeschrieben. Es war, als ob ich vergaß. Da waren auch keine Zeilen, die mich bedrängten. Und ich war zu müde, um deshalb traurig zu sein. Ein sprudelnder Geysir langweilt mich inzwischen, auch das hielt ich fest.

Im Hotel Icelandair in Reykjavik hörte ich meinen Text auf Isländisch, ich verfolgte ihn auf Deutsch, während jemand anders ihn las, und ich konnte die Frage nicht beantworten, in welcher Sprache er besser klang. Es ist ein Text, mit dem ich mich herum trage, an dem ich arbeiten, weiter arbeiten sollte, jetzt, aber stattdessen schreibe ich diesen Blog und rede mir ein, so ist. Dass man sich und Worte langsam wieder finden muss, in kleinen Schritten. Anna Lára Steindal, die ein Buch über einen lybischen Einwnaderer geschrieben und kluge Dinge zum Thema Rechtsruck einer Gesellschaft, Dialog zwischen Kulturen und Migration als Prozess zu sagen hat, ist auch da, wir sprechen, auf diese ungezwungene isländische Weise. Eine Veranstaltung wird eine Woche zuvor geplant, ein Veranstaltungsort ein paar Tage zuvor bekannt gegeben, und dann spricht man eben, miteinander. Die Leichtigkeit tut dem Thema keinen Abbruch, und als ich hinaus trete, hat sich da was bewegt: Ich bringe diese Geschichte zu Ende, die deren Anfang sie auf isländisch vorgelesen haben gerade.

Das Schreiben verschwindet, wenn ich, wenn wir verschwinde, und genauso taucht es wieder auf, in Ideen, Ein-Sätzen, aus denen Absätze entstehen könnten, setzte ich mich hin, dann in einem Wunsch. Durch den Regen und Nebel fahren, der Regen ist auch eine Aussage in Island. Vorher sagte jemand zu mir, bei AliBaba, bei AliBaba in Island, während ich Schawarma aß, in Island könne sich das Wetter jede fünf Minuten ändern. Es ändert sich nicht, Regen und Nebel, und dann macht man diesen Witz: Es könnte hier schön aussehen, sähe man denn, wo man hindurchfährt. Von Weitem ist dieser Wasserfall zu sehen, den ich schon kenne, – das ist also das Gefühl, sich ein Land erobert zu haben – ich sah ihn beim letzten Mal unter einem Regenbogen, und das Wasser glitzerte in bunt. Ich lag im Gras, über mir der Himmel. Vor mir Wasser. Das Gras war grün. Menschen machten Bilder, auf denen sie in die Luft hopsten, auf der Suche nach einem Ausdruck für ihr Glück. Als brauche Glück einen Beweis. Der Wasserfall liegt im Regen, ich steige aus dem Auto, Pink Floyd. Hey you, can you hear me, out there in the cold, Getting lonely, getting old, can you feel me. Hey you. Der Regen, der Wasserfall, der Song. Und alles andere auch, und das ganze Leben an sich. Eine Frage. Eine Frage, und das ganze Leben an sich. Hey you. Danach ist nur Gefühl. Schlafen in einem roten Häuschen, inmitten dieses isländischen Nirgendwos, schwarze Flüsse gelbe Hügel, enge Brücken, endlose Weite, und nichts davon hat eine Bedeutung, und alles ist genauso. Genauso, sage ich. Genauso. Und jetzt, hey you.

Nachts wache ich gegen vier Uhr morgens auf, verschwommen, was war, ich kann nicht wieder einschlafen, ich denke nach. Morgens schreibe ich, das hier.

Island – 20. Mai 2016 – schreiblos

Gestern Abend setzte ich mich an den Computer, um den Blog zu schreiben, ich war müde und lag schon im Bett, aber dann hörte ich den Opernsänger. Der Opernsänger wohnt direkt über mir, und erst dachte ich, dass er eine Opernsängerin ist. Die Vermieterin sagt, er ist ein aufkommender Star. Der aufkommende Star übt den Operngesang immer abends, und da er übte, da dachte ich mir, ich stehe jetzt auch auf und schreibe meinen Blog. Stattdessen las ich den von Ronja von Rönne, das habe ich, glaube ich, bisher nur einmal gemacht, und das war schon ganz richtig so. Ich las dann noch ein bisschen mehr, und dann dachte ich, ich sei zum Blogschreiben zu müde, und schrieb dann einen anderen Text. Über den Text schrieb ich “die wahrheit”, und dann löschte ich das, das war natürlich zu pathetisch, und die Kleinbuchstaben trösteten auch nicht über die Pathetik hinweg. Also ging ich ins Bett.

Was ich sehe: In der blauen Lagune: Menschen, die mich das Menschsein in Frage stellen lassen; alte Frauen mit rührenden Falten; Dampf; dieses Blau, dessen Farbe klebrig ist. In Island: Mondlandschaften, über die ich mich ärgere, als könnten sie persönlich etwas dafür, dass das Herz nicht mehr höher schlägt; Licht über dem Meer, da ist die Sache anders mit dem Herz; Schneeklekse, in die ich hinein rennen will, immer noch; Menschen, die wie Wikinger aussehen, ohne dass sie sich Mühe geben müssen; Im Computer: Bilder, die mich staunen lassen, obwohl schon so häufig; Worte, die ich löschen möchte oder ausdrucken, manchmal im selben Moment; noch mehr Bilder, ein paar davon sind wie festgehaltene Gefühle.

Was ich rieche: Nicht mehr die faulen Eier jedes Mal, wenn ich den Wasserhahn aufdrehe; Aprikosen-Shampoo in den Haaren des Kindes; kein Parfüm; den nervtötenden und beunruhigenden Gestank am Morgen; imaginär: thailänidsches und indisches Essen, Auberginen, Essen, das mir fehlt;

Was ich höre: Den Opernsänger von oben; die Worte, die ich nicht schreibe; die Worte, die ich lese und die nachhallen; Möwengekreische und Wind, während ich versuche, andere Geräusche zu sammeln; Erinnerungen; Sätze, die von Unsicherheit zeugen; Sätze, die hängen bleiben; Gefühle; den Ärger in mir; Fragen und Antworten; wie eine Isländerin mir einen Straßennamen zu buchstabieren versucht, aber die Buchstaben auf Isländisch benennt, so dass ich weder die Straße noch andere, mit denen sie es ebenfalls versucht, finde; das Geräusch, wenn eine Nachricht eintrudelt; das Geräusch, wenn Worte nicht ausgesprochen werden; das Klick einer Kamera; das Klick, wenn jemand sagt, es macht Klick, Klick, Klick; Musik in meinem Rucksack.

Was ich schmecke: Trockenen Fisch, obwohl ich den nicht einmal probiere; eine Sahnesoße über Nudeln; zu viele Karotten in dem Saft in der Blauen Lagune; die ätherischen Öle im Nasenspray, weil ich das Gefühl habe, es ist mittlerweile im ganzen Kopf, auf der Zunge, in den Augen, im Gehirn; Trockenheit, wenn ich nachts aufwache; dass das isländische Leitungswasser süßer ist als das in Deutschland, wenn ich nachts aus dem Bett steige, um der Trockenheit zu entgehen; gleich meine Lieblingskekse; sonst nichts.

Was ich fühle: Die Trockenheit der Hände, Island trocknet Hände aus und nicht nur die; dass Dinge in der Umkehrbarkeit vielleicht mit mehr Geschmeidigkeit funktionieren; nicht den Dampf, den aus der Erde und dem Wasser steigenden, obwohl ich den zu fangen versuche; dass das Schreiben entgleitet und nicht nur das; Ent- wie Verzauberung; dass ich das gut machen möchte; dass ich nicht schreibe; dass ich mir die Tischdecke an dem verschütteten Tabak merken werde, Island in Farben und Augen in dunkel; dass ich das gut mache, manchmal; dass Sätze nicht immer Sinn ergeben und nicht nur sie; dass Erinnerungen die an abschließende Feststellungen sind; dass es eine Sehnsucht nicht im Plural geben kann und nicht nur sie.

Morgens wache ich zu früh auf, der Schnupfen, und muss in diesem Halbwachzustand in Island an die Karibik denken, und kann plötzlich ein Gefühl in klare Worte fassen. Und schlafe dennoch nicht noch mal ein.

Island – 17. Mai 2016 – tagewiediese

Das ist die harte Wahrheit.

Auf einen Heuberg klettern, mit Dynamik und Verve. Bis oben unter die Steine. Und dann herunterblicken, und nicht mehr wissen, wie: wie man herunter kommt, und wie man das macht, dass der Kopf nicht schwindelt, und wie und warum man auf diesem Berg gelandet ist. So geht es mir manchmal auch mit dem Leben. Wir kommen dann doch runter, in Etappen, wie beim Umzug, erkläre ich den Kindern, vorsichtig herunter rutschen, auf einem Plateau warten, weiter in diesen kleinen, klar abgesteckten Schritten. Später ist man unten und stolz, und nur noch der Gedanke: Wenn es diese Parallele zum Leben gibt: Wo ist dann unten?

Das ist die harte Wahrheit.

Die Landschaft prasselt inzwischen draußen, sie existiert. Vielleicht ist Island wie eine Beziehung, die zu einer Selbstverständlichkeit verkommt. Das “Schau mal” wird zu einem “Oh”. Das “Oh” wird zu etwas, wofür man sich nicht mehr die Mühe macht, den Mund zu öffnen. Die Landschaft ist schön, nichtsdestotrotz. So ist es eben.

Flúðir, eine heiße Quelle mitten im Nichts. Früher kannte sie kaum einer, und die Einheimischen beobachten die Quelle, in der Suche nach Momenten, in denen die Touristen nicht da sind. Sie zählen die Touristen wie Eindringlinge.

Das ist die harte Wahrheit.

Sich mit Dingen abfinden, durchatmen. Durchatmen lernen. Das Durchatmen üben. Die Reihenfolge wird eine andere sein.

Das Leben als Möglichkeit leben, Ängste ablegen. Sich zufrieden geben mit Mittelmäßigkeit, beides am selben Tag. Ich könnte was sagen, ich könnte was schreiben, ich könnte lachen, und ich lasse es sein.

Das Beste, was ich geschrieben haben werde, habe ich vielleicht schon geschrieben, es liegt in einer Kiste, auf einer Kommode. Wenn ich hinausgehen würde damit, ist es wie mit dem Heuberg, wie mit meinem Leben, ich renne und drehe mich erst am Ende wieder um.

Es gibt Momente, besondere. Dazu gibt es die Frage nach dem Wann. Die Frage darf man manchmal stellen und manchmal nicht, das Leben ist ein einziges Manchmal. Aber es ist nicht das Leben, was ein Manchmal ist.

Durch eine Lavahöhle kriechen. Durch eine Lavahöhle rollen. Es ist kalt und gut und manchmal stößt man sich den Kopf, aber man trägt einen Helm. Die Freude über getrocknete Fische. Die Tränen über eine Tüte Pommes. Das Glück über ein gelungenes Bild. Die Bewunderung, die in zu viel Emotionalität gekleidet wird. Das Hähnchenfleisch im Wok.

Es gibt Momente, besondere. Manchmal gibt es sie nicht. Der Gedankenaustausch beginnt, wenn es schon ganz leise ist.

Das ist die harte Wahrheit, und ich bin nicht diejenige, die das sagt.

Island – 15. Mai 2016 – Umzugstag

Umzug in die neue Wohnung. Die Sachen sind schnell gepackt, obwohl es so viele sind. Die Bilder reiße ich erst am Schluss von den Wänden. Es war das erste Apartment, es war ein Leben hier, vielleicht war es ein Test. Ein langsames Ausprobieren, das nicht ausgesprochen gehört. Die Bilder reiße ich erst am Schluss von den Wänden und tue so, als hätte das keinerlei Bedeutung.

Dass die Dinge ins Auto passen, macht keine Mühe, es hat mit Denken zu tun. Packen ist eine Frage der dreidimensionalen Geometrie. Praktibilität ist eine Tatsache für mich. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Vor dem Umzug noch einmal sitzen, das ist so ein russischer Brauch: Dass man sitzt vor einer Abreise, das bringt Glück, oder verhindert das Unglück, wobei Zweiteres streng genommen für manche auch Ersteres sein kann. Sitzen zieht Erinnerungen nach sich.

Eine kurze Fahrt zum neuen Apartment. Vor dem Haus ist eine Baustelle mit Grube, und hinunter führt eine steile Steintreppe, Souterrain. Aber im neuen Apartment Licht, eine verworrene Gemütlichkeit und kein Teekocher, keine Kaffeemaschine und kein Nudelsieb. Ich koche dennoch Nudeln.

Heute ist so ein Tag der Praktibilität. Abends, um halb acht sitze ich am Küchentisch, eine halbe Tiefühlpizza mit Pesto und Mozarella und stelle fest, dass ich heute noch gar nicht gesessen bin. Gestern habe ich gar nicht geschlafen. Heute ist so ein Tag der Praktibilität, er wird mit praktischer Freude an dieser beendet. Blicke haben hierbei nichts zu suchen. Ruhe im Karton, vielleicht sagt man auch dazu: Gesundungsprozess. Mein Schnupfen ist übrigens wieder da, vielleicht ist er auch nie gegangen.

Hör niemals auf, dir Mühe zu geben, das ist ein Gedanke jetzt beim Schreiben. Jetzt beim Schreiben ist es nach elf, ich habe geschrieben, ich habe kein Wort gemocht. Alles geschrieben haben. Es ist wie mit den Vulkanen, die an Herrlichkeit verlieren. Alles gesagt haben, inhaltlich. Alles erprobt haben, an Worttänzen. Das Wort Worttänze gebrauchen, also bitte, wo sind wir hier. Auch alles über diese Art von Zweifel gesagt haben. Alles. Ich habe geschrieben, damit ich schlafen kann.

Jemand anderes hat mein Kästchen verschickt. Was mache ich eigentlich hier.

Island – 14. Mai 2016 – tagderwale

Heute habe ich einen Wal gesehen, sehr kurz. Dann habe ich zwei Walflossen gesehen, ebenfalls sehr kurz. Ich bin Schiff gefahren dafür, sehr lang. Das Schifffahren hat mir mehr Freude bereitet, als das Wale schauen, das hatte möglicherweise mit diesen Zeitverhältnissen zurück. Dem kleinsten Kind ging es ähnlich: Während alle auf dem Schiff Wale zu beobachten versuchten, versuchte das kleinste Kind, die Schiffe und die Boote zu beobachten, die die Wale beobachten wollten, wir zählten Motoren, Rettungsboote und hielten nach Ankern und Lenkrädern Ausschau, es ging uns ganz gut. Manchmal zitterte ich.

Heute habe ich gefühlt, zu sehr. Dann habe ich mich aufgeregt, ebenfalls zu sehr. Ich habe nachgedacht darüber, sehr lang. Es dauert immer, bis ich so einen Abstand gewinne, zu mir selbst. Es ist ein langsames Tasten. Dann sehe ich die Dinge ganz deutlich. Bevor sie natürlich wieder zu verschwimmen beginnen. Es ist schon erstaunlich: Wie sich Dinge ändern können, so schnell. Wie weich Wolken sein können, wie kalt Mauern, wie sehr das Jetzt im Früher verschwimmt, und andersherum. Manchmal sehe ich das Später klar, manchmal gar nicht.

Ich sitze auf der Couch, heute ist der zweite Abend, an dem ich gerne wo anders wäre als in Island. Heute ist der zweite Abend von Heimweh. Heute wäre ich gerne auf sicherem Terrain. Ich weiß sehr genau, wann die Dinge funktionieren. Es ist eine so einfache Gleichung. Daran halte ich mich, an ein Wissen.

Ich schreibe heute. Ich schreibe noch fünf Seiten von diesem sehr wichtigen Text. Ich schreibe noch den Artikel, den einen, und dann den anderen, den ich schon seit einer Woche plane. Ich schreibe noch E-Mails. Und Postkarten. Und dann schreibe ich noch einen Brief.

Ich weiß, dass ich das nicht schaffe. Ich werde nur eine Sache schreiben, eine einzige.

Island – 13. Mai 2016 – tagderlesung

Auch wenn ich mir geschworen habe, keinen Island-ist-so-schön-teuer-wundersam-Blog zu schreiben, muss ich doch erwähnen, dass wenn man in Reykjavik zu fünft Crêpes essen geht, Kaffee und Tee und Eis für die Kinder als Nachtisch, man 87 Euro bezahlt. Das, finde ich, kann man schon einmal erwähnen.

Im besagten Crêpe-Laden schreibe ich am Text. Die Isländer und die Syrer, und bei den Sätzen muss ich aufpassen, dass sie nicht abrutschen in simple, journalistische Tricks. Irgendwo steht ein Schaukelpferd. Das Schreiben ist zu einer Momentaufnahme geworden.

Die Lavasteine unter dem Moos haben scharfe Kanten, fällt man hin, reißt man sich die Haut auf, die an der Handinnenfläche, die am Arm. Dann muss man weinen oder man muss es nicht. An Parkplätze habe ich schlechte Erinnerungen.

Was ich mag: Wenn man sprechen kann, miteinander; wenn ich rennende Füße vor mir sehe; wenn da keine Fragen sind; wenn da dieses funkelnde Licht ist wie am Flughafen; wenn Worte hin und her springen; wenn ich das ehrliche Lachen höre.

Was ich nicht mag: wenn Mauern hoch gefahren werden; wenn nicht eine Minute vergehen kann, ohne dass; wenn man mich für dumm verkaufen will, wenn nichts passiert.

Abends lese ich in der Botschaftsresidenz. Da ist diese Frau, die vor sechzig Jahren nach Island zog, aus romantischen Gründen, und die Romantik, erzählt sie, bezog sich auf das Land, nicht auf einen Mann. Da ist die Japanerin, die das schöne Deutsch spricht. Da sind all die Menschen, die nicken, wenn ich von den Syrern und den Isländern vorlese, sie sagen: Aber. Ich mag das Aber. Da will ich sofort aufschreiben und mitschreiben, da ist dieses Gefühl von: auf den Grund gehen und graben. Habe ich in dieser Form seit Israel nicht mehr so gespürt.

Als ich aus der Residenz trete: Entgangene Anrufe in Abwesenheit. Die lange Straße entlang laufen, ohne Google Maps bedienen zu müssen. Sich über die Kälte in den Fingern nicht mehr ärgern. Stimmen hören. Das Leben als Entscheidung nehmen, die man selbst trifft, und dann feststellen, dass viele das nicht als Möglichkeit sehen. Ankommen.

Island – 12. Mai 2016 – der frühling. oder der beginn einer neuen ära.

Die Insel ist grüner geworden. Das neue Grün leuchtet mit einer sanften Vorsicht. Die Insel hat sich verwandelt. Menschen verwandeln sich nicht.

Gestern bin ich auf geblieben und habe geschrieben. 10.000 Zeichen, und ich habe noch nicht einmal ein Viertel. Ich habe keinen Trick, wie ich diese Geschichte aufschreiben soll, ohne einen der Ansprüche fallen zu lassen: Naivität darf nicht einem arroganten Erzähler weichen. Akruyeri, diese Isländer, die sich um die Syrer kümmern, auf diese unbekümmerte Weise.

Die Insel ist grüner geworden, aber der Wind beißt noch, als würde er versuchen, den Frühling zu übertönen, was ihm letztendlich auch gelingt: Kalt ist kalt. Genauso machen es Kinder, wenn sie sich Aufmerksamkeit erschleichen.

Gestern habe ich zwei Mal den Artikel gelesen, den mir ein Freund schickte, in dem erklärt wird, wie sich russische Liebe von der westlichen unterscheidet. Es gibt nur zwei Arten, mit dieser These, die mehr eine Tatsachenfeststellung ist, umzugehen.

Ich glaube, ich habe mich an Island gewöhnt. Ich drehe den Schlüssel automatisch nach links, und bezeichne das nicht mehr als “die falsche Richtung”. Das Wasser stinkt, und da ist ein Punkt dahinter. In der Mondlandschaft finden sich Schneehaufen, Mooshügel, und über all dem kreisen Möwen. Aus der Erde dampft es, und die Wasserfälle haben eine beachtliche Größe. Getränke kann ich mir nur im Ausnahmefall leisten, die Sprache klingt hart, aber nicht abweisend. Ich bin mir noch nicht sicher, ob die Gewöhnung von einem Gefühl der Langeweile oder dem von Zuhause begleitet wird, und ob Letzteres nicht automatisch Ersteres mitbringt. Bei Menschen stellt sich augenscheinlich dieselbe Frage.

Island – 10. Mai 2015 – heutegestern

Heute bin ich aufgestanden, und der Satz ging mir nicht aus dem Kopf, den ich vor zwei Tagen bereits bei Jagoda Marinic gelesen habe: “Die Haltung ‘Ich will ja gar nicht, dass du mich magst’ ist der grausamste Schrei nach Liebe.” Heute bin ich aufgestanden, und der Kopf war schwer, schwerer als gestern. Ich weiß nicht, ob das eine Verbesserung ist, immerhin schmerzen die Beine nicht mehr.

Gestern, als ich ging, konnte ich vor so viel Schnupfen nicht mehr reden, und draußen war es noch hell. Gestern lief ich am Friedhof vorbei, und jeder Baum auf diesem Friedhof war gewunden, war verwunschen, irgendwas musste da geschehen. Ich wäre gerne einmal über den Friedhof gelaufen, aber ich die Zeit. Gestern habe ich beim Abendessen von der isländischen Schriftstellerin Kristín Marja Baldursdóttir erfahren, dass die Isländer viel lesen, viel reisen und viel arbeiten. An Weihnachten fragt man sich “Welches Buch hast du geschenkt bekommen?”, und das hat beinahe die russische Selbstverständlichkeit von “Was liest du gerade?”. Die einzige russische Frage, die ich vermisse, aber das fällt mir erst jetzt, beim Schreiben, auf. Gestern habe ich keine Musik gehört.

Heute höre ich Musik, und ich fange vorsichtig an, bones you have thrown me and blood I’ve spilled. Heute schreibe ich diesen Artikel zu Ende und ganz viele Seiten, bestimmt. Ich habe einen ersten Satz und einen dazwischen im Kopf.

Gestern habe ich nicht geschrieben, aber gedacht. Gestern habe ich Raclette gegessen. Gestern brannte die Kälte nicht in die Finger hinein.

Heute ist der Himmel grau, es hat nachts geregnet, ich habe den Regen verpasst. Gestern wurde ich gefragt, welches Buch man von mir lesen soll, und ich antwortete, wie ich meist darauf antworte, es ist keine Frage, wie andere Fragen, die man nicht stellt. Außer wir. Wir stellen alle Fragen, das gehört sich so. Und nur so, im Übrigen. Gestern habe ich gehört, dass Doris Lessing mal gesagt hat, wenn jemand länger als zwanzig Minuten redet, sie beginnt, seine Krawatte zu studieren. Ist doch interessant, dass sie dabei von Männern sprach.

Heute denke ich anders, als ich gestern gedacht habe. Heute werden die Fragen anders gestellt. Gestern habe ich eine Entscheidung getroffen, eine, die ich schon häufiger traf. Gestern schrieb ich ein Gedicht, was keines war, es war auf Englisch, und ich weiß nicht, ob es einen Sinn hatte, und auch nicht, ob Herz, und durchlesen wollte ich es auch nicht noch einmal.

Gestern habe ich gedacht, wenn es draußen hell ist, halten die Tage ihr Versprechen, das war auf dem Nachhauseweg. Mein Orientierungssinn ist wirklich unter aller Sau, selbst als ich vor dem Haus stehe, erkenne ich es kaum. Darüber habe ich geschrieben, vorgestern war das, glaube ich.

Heute denke ich, wenn ich diesen Gedanken zu fassen kriege, wenn ich den fest halten kann und in die Zeilen zwängen und er zu zappeln aufhört, dann wird es ein grandioser Roman. Gestern habe ich gedacht, jeder Schritt ist eine Entscheidung, und wenn das so ist, dann setzt man sich auch nicht eines Tages hin und schaut zu beim Zerfließen. Wie die Dinge vergehen oder an Bedeutungslosigkeit verlieren, das wäre doch gelacht. Und dann grinste ich den blauen Himmel an und ging wieder hinein.

Heute ist der Himmel grau, und es ist kalt. Heute lasse ich die Terrassentür offen stehen, um mich nicht alleine zu fühlen, und wenn mir kalt ist, stelle ich mich an die Heizung im Bad. Heute denke ich außerdem, auch wenn etwas pathetisch klingt, kann es eine Wahrheit sein.

Island – 9. Mai – in der Sonne

Ich trete hinaus, barfuss und setze mich auf den Terrasseneingang, die Steinplatten sind warm, ich muss nur einen Kapuzenpulli tragen. Der Frühling hat bis hierher gefunden, und die seltenen Windstöße durchwehen den dröhnenden Kopf. Nebenhöhlen zu und schmerzend.

Heute ist der Tag der Telefonate. Telefonate, die zu Telefonaten verkommen sind, erstens.

Wenn ein Abendessen ein Abendessen ist, und eine Autofahrt eine Autofahrt, und eine Nachricht nur eine Nachricht, ja, mir geht es gut. Dann ist es spät, und das “zu” lasse ich weg.

Ein Telefonat, eines, das mich aufmuntern sollte, verpasse ich. Und zum Zurückrufen ist es dann zu spät.

Ich setze mich zum Schreiben nach draußen auf die warmen Steine. Die gelben Blumen, deren Name mir gerade nur auf Russisch einfällt, blühen, der Frühling, sage ich doch, das war letzte Woche noch nicht so. Flora und Fauna tun sich mit der Mehrsprachigkeit am Schwersten: Die Namen fallen mir entweder in der einen oder in der anderen Sprache ein, und niemals gibt es eine Verbindung. Das ist schade, so wie es schade ist, wenn ich aufgeben würde.

Da ist etwas, das fehlt. Dann mach doch, du. Du.

Sätze, die zum Schweigen verleiten lassen könnten, lasse ich mit Absicht weg.

In der Normalität funktioniere ich nicht, obwohl ich sie in der Höhe mit links meistere, sozusagen von oben herab, mit einer Überheblichkeit beinahe.

Ein Telefonat überrascht mich. Und freut mich mit circa vier Sekunden Verspätung.

Ich trage das Nasenspray mit mir von drinnen nach draußen wie so ein anhängliches Baby. Früher hatte Kranksein weder Bedeutung noch Konsequenzen. Man legte sich ins Bett und schaute eine Serie, tagelang. Manchmal schlief man, und manchmal trank man einen Tee, und dazwischen klagte man immer wieder. Eine tröstende Hand auf der Stirn, als sei man ein Kind.

Heute lösche ich viel von dem, was ich schreibe; auch, weil ich mich frage, ob das Schreiben an Bedeutung verloren hat; das Schreiben als Normalität.

Ein anderes Telefonat, eines mit einer Nachricht. Wow.

Hohe Ansprüche, beim Schreiben wie beim Leben, man ist kurz vor Hass: Könntest du nicht einfach zufrieden sein, sich freuen? Und dann: Ohne die hohen Ansprüche wäre ich nicht da, wo ich bin; und wo anders würde ich vielleicht nicht sein wollen; und wenn ich neues erfahren will, dann muss ich; und das Wollen darf an einem Wie nicht scheitern, sonst scheitere ich.

Hohe Ansprüche, schon wieder.

Das Alleinsein, mit dem Frühling, mit den Möwen, mit den Flugzeugen über mich hinweg, dieser Flughafen hier in der Nähe, von dem ich immer noch nicht weiß, wie er heißt, mit dem blauen Himmel, mit der dunklen Wohnung, mit den ungeschriebenen Worten, mit der verstopften Nase, mit dem tausendsten Tee, die Tassen sind einfach zu klein hier, schreibt die Fragen in die Luft. Ich mag nicht alle Antworten hören. Na und? Am Ende laufe ich immer noch durch das Leben.

Es gibt kein zu viel wollen. Es gibt tun.

An dem Punkt, an dem Momente zum Festhalten eine Erinnerung sind, möchte ich nicht ankommen. Und wenn zerschellen, dann richtig, beim Scheitern.

Kinder, die in fremden Sprachen spielen, auf Isländisch beispielsweise, nur ein paar Meter entfernt, nerven weniger, weil man ihre Gemeinheiten, ihren Egosinn und ihre Nörgelei nicht versteht. Man versteht auch nicht die wundersamen Weisheiten eines Kindes, das gehört dann dazu.

Woran ich mich nicht gewöhnen kann: Dass ich den Schlüssel in die falsche Richtung drehen muss, dass es hell draußen ist, dass Dinge auf unterschiedlichen Boden fallen können. Ich hätte möglicherweise auch schon mal dasselbe gesagt. Und möglicherweise gehandelt.

Ich werde aufstehen von diesem warmen Boden, – Nasenspray – und dann werde ich hineingehen und mir etwas anderes anziehen – Nasenspray – und dann werde ich mich auf den Weg machen zu einem Abendessen, – Nasenspray – und dann. Im Übrigen weiß ich, wie ich hier gelandet bin, ziemlich genau.

Island – 9. Mai 2016 – im Bett

Ich habe einen Titel, aber keinen Roman dazu. Die Worte bilden sich langsam. Je mehr ich lese, desto weniger denke ich, schreiben zu können.

Im Gras hängen Tautropfen mit einer Beharrlichkeit. So einen Stuss schreibe ich also. Ich wackle zum Supermarkt, wackeln, unsichere Schritte, die Hände sind kalt. Toastbrot, Brie, keine Milch, eine Tomate, eine Zitrone und eine Gurke, in Island kaufe ich in Einzelstücken ein. Ich kaufe eine Cola in der Hoffnung auf Genesung: Wenn ich krank bin, ist mir nicht nach Cola zumute.

Im Rucksack krame ich nach einer Ibuprofen. Süßigkeiten, von den Kindern geschenkte. An die Kinder denken, und an das, was sie nun sind.

Die Schneeberge nehme ich als solche nicht mehr wahr, ich laufe nur, Supermarkt. Der Mensch siecht in der Gewohnheit dahin. Vor zwei Jahren saß ich im Zug und zweifelte nicht. Dem Zweifel gebührte kein Raum, er durfte nicht sein, und nie hat mir der Zweifel erzählt, ob er tatsächlich nicht auftauchte, oder ob er nur gehorchte, weil er wusste, dass er nicht durfte.

Dann lasse ich das mit dem Schreiben, für immer. Es ist ein beleidigtes Denken, ich bin beleidigt, weil ich vergessen habe, was ich gerne lese, was ich gerne schreibe, und was ich gerne lese, das ich geschrieben habe. Es soll gut sein und noch besser. Es sollen siebzig gute Seiten sein, ein unmögliches Unterfangen, ich rechne herum, nicht für mich.

Skyr habe ich auch noch gekauft, isländischer Joghurt.

Immer fallen einem Fragen ein, die andere ungern beantworten, aber selten welche an uns selbst. Oder wir haben Angst, sie zu stellen. Es ist ein Spiel. Ich vermisse das: Spiele spielen.

Ich google Zitate zum Thema Zeit, weil ich das verstehen will: Zerfließt sie schneller, wenn viel passiert? Warum kommt einem manchmal als Ewigkeit vor, was langsam vergeht, und dann wieder, wenn sich Ereignisse tummeln? Die Oberschenkel tun weh, das sind diese Gliederschmerzen von der Grippe.

Wenn ich krank bin, soll jemand mich halten. Und Tee bringen. Und Mitleid will ich auch, wie so ein Kind. Und ich kann dieses wehleidige Kind nicht leiden.

Ich öffne die Tür zum Garten und trete einmal kurz barfuss hinaus, der Boden ist von der Sonne aufgeheizt, aber es ist kalt. Der Himmel ist vielversprechend blau. Ein Telefonat schiebe ich vor mir her, weil er eine Bestimmtheit hat. Für Bestimmtheit braucht man Kraft und eine schubsende Hand.

Diese Texte hier werden vergehen, notierte Zeilen im Netz, früher schrieb man so etwas auf Papier, später kam es in Archive, es hatte eine Handschrift dazu. Früher schrieb man Briefe, echte und wundervolle. Die bewahrte man auf. Wenn sich Schriftsteller gegenseitig Briefe schrieben, so brachte man sie heraus, der Briefwechsel von und zu. Heute schreiben wir Mails, und die versauern irgendwo im Computer. Liebesbriefe schrieb man auch früher mit der Hand, hin und her. Die Dinge waren sicher.

Irgendwann klingelt das Telefon. Ich lege auf. Dann klingelt es noch einmal, und nicht ohne Grund. Heute wackle ich. Dabei sollte kein Tag zum Wackeln sein.

Das Gras wird immer grüner, das ist der isländische Sommer, und den Birken fehlt die russische Tristesse.

Vor zwei Jahren saß ich im Zug und dachte nicht einen Schritt weiter. Manche werfen mir manchmal Egoismus vor.

Was es besser macht: Dass es nicht dunkel wird hier in Island. Spätabends lese ich noch ohne Licht. Dass ich so einfach bin: Dass Licht Ängste vergrault. Die Dinge können eine Klarheit erlangen, sie finden in Momenten statt. Ich könnte eine Liste solcher Momente erstellen, sie läse sich wie ein Film.