Five Minutes a Day – writing – 05082016

Morgens sitze ich mit Cappuccino und Croissant vor mir und einem Buch bewaffnet (bewaffnet!) im Dukatz und warte auf S. S. kommt herein, sie hat dabei, was ich geschrieben habe, und sie bestellt sich, in dieser charmanten, offenen Art dasselbe: Einen Cappuccino und ein Croissant. Und dann rede ich, beinahe eine Stunde lang. Und sie lässt mich reden, und ich bin mir sicher, sie weiß, und ich weiß, dass ich weiß, also rede ich eine Spur schneller. Ich will nicht hören: Was sie zu sagen hat zu dem, was ich geschrieben habe. Also rede ich, und dann blickt sie auf die Uhr, und wir wissen beide, dass die andere weiß um die gezählte Zeit, und sie sagt: “Also wie du willst. Entweder ich sage jetzt was dazu, oder im September.”

Ich schreibe mit. Sie sagt. Ich blicke sie kein einziges Mal an, und sie drängt nicht. Sie spricht von Pathos und der fehlenden Welt, sie hat Recht, und Recht hat sie auch, wenn sie sagt: Du arbeitest nicht. Lena, du arbeitest nicht. Und wir wissen beide, was sie meint, und vielleicht weiß es sonst keiner.

Also fahre ich nachhause beglückt. Und ich setze mich hin und lese, und das Lesen ist eine Arbeit, und plötzlich somit eine Freude, und an den Tisch setze ich mich zögernd, aber mit diesem Kribbeln, mit dieser Ahnung, mit einer Frage, auf die ich keine Antwort hören will. Und ich schreibe. Fünf Seiten. Sie sind genauso schlecht wie die von vorgestern, aber als ich aufstehe, habe ich gearbeitet. Es bietet mich dann noch jemand um eine Mail, die ich schreibe, dann ist der Tag wieder da, wie immer um zwei, und so dauert es, bis ich abends diese eine Nachricht abschicke: “Heute habe ich gearbeitet. Danke Dir dafür.”

Five Minutes a Day – MUC26/11/2017

Morgens aufstehen und schreiben. Seite für Seite. Nichts davon gut finden. Ich weiß gar nicht, für wen. Sich das Vorlesen vorstellen, irgendwo in der Kälte. Durch die Kälte laufen wollen.

Gestern diese Momente, in denen alles dunkel scheint, und das Leben als kurze Ungerechtigkeit: Warum er? Ich laufe im Dunklen Schritt für Schritt zurück, das sind Schritte ins Leben. Luxusprobleme, die der anderen.

Ich drehe mich, sagt sie, und sie hat Recht damit. Das ist ein Gedrehe um das am wenigsten interessante Thema, das wehleidige Geld. Wo, woher und wie. Alles dreht sich, bis ich mich selbst nicht mehr mag.

Was ich mag: Momente, in denen nichts zählt, außer der Moment. Sich seiner Kraft bewusst werden bzw. meiner. Ihrer übrigens auch. Abends nachhause kommen, Licht einschalten, ins Bett klettern, Buch, diese Leselampe. Zuhause sein, alleine, das gut finden, genauso. Das Licht, das morgens unspektakulär ins Wohnzimmer fällt, irgendwie wunderbar unspektakulär. In kleinen Schritten denken können, aber von großen Dingen träumen. Nicht nach Luft schnappen müssen. Nachrichten, besondere.

Später werden sie los ziehen, hinein marschieren, erobern. Schlechtes Gewissen schiebe ich beiseite, weil es unnötig ist. Die Dinge sind gut, wie sie sind. Der Autor, den ich lese, hat den Literaturnobelpreis gewonnen, und ich verstehe nicht, warum das so ist.

Five Minutes a Day – München/Freising16112017

Morgens sind diese stillen Zeiten für mich, in denen ich schreibe und nicht schreibe, und so tue, als ob ich arbeiten würde, und nicht mal wissen will, ob das Arbeit ist. Die großen Fragen beiseite schieben, als seien sie nicht da. Gestern sagte S., dass ich das gut machen würde, alles, jetzt, derzeit, was so ansteht, und ich wunderte mich, über diese Wahrnehmung, und dachte, dass ich so selten denke, dass ich gut, und ich selten ein Verb dagegen setze; vielleicht sind wir alle so, oder genau die Hälfte der Menschheit.

Gestern Abend eintauchen, in alles. Draußen ist es kalt, inzwischen, sich verkriechen wollen, für immer, mit Serien und Büchern und Lebkuchen, aber den guten, und Tee, und nichts wissen wollen, nicht mal, dass da eine Welt draußen ist. Stattdessen: Lesung, heute, an einer Schule. Sich zu Weihnachten einen Schutzpanzer wünschen, einen, der unberührbar macht.

Über Weihnachten schreiben, morgens, über ein vermisstes Gefühl. Sich Weihnachten wünschen, ohne die Hysterie. Sich Vorsicht wünschen, in allem, und genau dagegen anrennen wollen. Nicht wissen, wer man ist. Schreiben wollen, aber um die Vorsicht wünschen. Procrastinating, tagelang. Aber wollen. Sich selbst schimpfen, wie Pippi Langstrumpf es tut, wenn sie nicht ins Bett gehen will.

Die Liebeserklärungen des Kleinen, mit Gefühl vorgetragen und zwischendrin hingeworfen, und manchmal eine Zärtlichkeit spüren, und manchmal nachdenken, über alles. Ich weiß auch nicht, ob ich komisch bin. Heute morgen Su (Zeit ist um. Fünf Minuten).,

Five Minutes a Day – FRA/51117

6.30 Uhr, Hotel. Der Tee ist nicht heiß genug. Sonntag. Außer mir nur noch eine Frau, die sich kleine Cocktailtomaten holt. Warum heißen die Cocktailtomaten, so was denke ich, morgens. Gestern gefroren, als hätte ich Fieber, aber ich habe keins. Der Winter, der naht. Gestern geschrieben, als mache es Sinn. Später las ich laut und wusste nicht, will ich da nur etwas, etwas, das nicht geht. Aber die ganz großen Pläne haben. Im Kopf lache ich mich selbst aus. Abends Fotopräsentation. Ich schaue hin, und dann wieder runter.  Ein netter junger Mann fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Nee, danke, aber das Wasser für den Tee ist nicht heiß, sage ich ihm. Dass sich da andere Gäste nicht beschweren. Die Bilder stark. Irgendwann stand ich im Regen, aber ohne draußen zu stehen. Später an der Treppe einer Säule sitzen, im fahlen Licht. So viele hier, die auf Drogen sind, oder kommt es mir nur so vor. Ich redete ruhig, als wäre kein Sturm und keine Angst. Das Sushi schmeckte fantastisch, danach hatte ich Durst. Träumte von Menschen, denen ich etwas schulde. 6.30 Uhr, Hotel. Ich beginne zu schreiben, als hätte es einen Sinn.

Five Minutes a Day – MUC/02112017

Hilton Hotel, Lobby. Die Kinder machen Schwimmkurs. Die Menschen in der Lobby trinken teuren Kaffee. Ich versuche, Geldprobleme in den Griff zu kriegen, und dazwischen so zu tun, als hätte ich keine. Ich weiß nicht, warum das Leben nicht so schwer fällt dieser Tage, obwohl es schwer wiegt. Ich weiß, was ich schreiben will die nächsten Tage. Ich weiß, was ich will. Ich weiß nicht, wie. Und ich denke mir manches beiseite. Es fühlt sich lebendig an, dennoch.

Zwei grandiose Filme gesehen, “Happy End“ und „The Square“. So talentiert müsste man sein. Nobelpreisträger lesen. Nachrichten hassen. Schweben. Lieben. Nichts genau wissen, und im Verdrängen Sträkelt spüren oder eben nicht, und aus dem Nicht auch Stärke generieren. Ich weiß nicht, es gibt Tage, da gibt es nicht so viel zu sagen. Generieren und warten, oder zu generieren versuchen und warten. All das.

Wenn ich schreibe, was ich will, tue ich anderen weh. Entweder den einen, oder den anderen. Wenn ich etwas anderes schreibe, bin ich dann noch ich? Ganz große Pläne haben, die großen. Aber nicht wissen, ob irgendetwas davon geschieht. Ich weiß nicht, wann alles leichter wird, im Dezember, im Januar vielleicht? Das Kinderbuch habe ich nie angefangen, irgendwie. Warten, aber auf mich selbst. Ganz, ganz viel, endlos viel wollen.

Five Minutes a Day_Dresden21102017

Morgens alleine, Dresden. Herbst, diese Blätter, Kälte, nicht zu kalt. Niemand. Drei Leute bauen einen Markt auf, kein Kaffee weit und breit. Ich bin ganz, ganz ruhig. Gestern Nacht: Baustellen und Pracht. Die größte Frage von allen: Ist das schon wieder ein Klischee. Jeder Dritte hier hat AfD gewählt, denke ich, und zähle durch: Eins, zwei, drei. Gedichte auf der Brücke, wir lachen, das ist ein glückliches Lachen, das da. Auf der pragmatischen Brücke in Dresden und der drastischen Brücke in Prag.

Im Zug geschrieben. Und es irgendwie gewusst. Dass das was taugt. Abends lese ich aus „Verliebt in Sankt Petersburg“ und weiß kurz nicht mehr, wo er hin ist, dieser Humor. Als müsste man das eine gegen das andere tauschen oder hätte das eine verlernt. Als wüsste ich nicht, wer ich bin, oder ließe mich von anderen leiten.

In Momenten, in denen alles gut ist, ist alles gut auf eine kaum berührbare, blasige Weise. Das Leben prallt ab, gibt es das, ein anderes Leben. Im Schlechten ist es wahrscheinlich dasselbe.

MorGens, beim Tippen, draußen, frieren die Finger. Das tut erstaunlicherweise. Alles andere dränge ich erfolgreich beiseite, dass nächste Woche Ende des Monats ist. Als hätte nichts einen Anfang. Die Dinge beginnen sofort.

Five Minutes a Day – 16102017

Einer dieser Tage, an denen ich dann doch anfange zu weinen, obwohl ich nicht will. Ich weine nicht wirklich, aber ich glaube, er hört es in meiner Stimme. Alles in Ordnung, bei dir, fragt er. Ich erzähle dann, aber nicht alles. Eines lasse ich weg. Auch gut. Danach geht es besser, ich setze mich an den Schreibtisch zurück. Sonderbar, dass sich im Schmerz einfacher schreiben lässt. Einfacher, ich sagte, nicht besser.

Ins Notizbuch notiere ich andere Dinge hinein, was alles schon war, und was vielleicht gut ist, wie es ist. Die Augen öffnen. An den Spiegel im Bad hänge ich einen Songtext, so sehe ich ihn jedes Mal, wenn ich das Badezimmer betrete. Was man so nicht tut, um. Die Stärke kommt von innen, aber wir spielen sie gerne vor, und viele Einsamkeiten ergeben noch keine Gemeinsamkeit. Das sind so lose Gedanken, aneinander gehängt.

Einfach aufstehen und gehen und sich nicht mehr umdrehen und nicht warten, und die Wahrheit sagen können, ohne Angst zu haben, sie wird einem umgedreht, mit einem dieser schlimmen Begriffe, die alle dasselbe meinen: Du bist zu emotional. Das Recht haben, auf einfache Gefühle, die sich in Kompliziertheit verwandeln. Überhaupt ein Recht haben. Und erhobenen Hauptes gehen, wenn man erkennt, man hat keines. Im Kopf ist alles ganz klar, im Herzen sieht es immer anders aus.

Ich habe heute noch nichts gegessen. Kein Hunger. Gestern habe ich einen zehnminütigen Brief geschrieben, er wurde dreieinhalb Seiten lang. Ich schreibe keine Paarstücke mehr, das zumindest stelle ich als Tatsache, schmerzlos, fest. Ich weiß auch nicht, warum ich keinerlei Hunger habe. Den Brief schicke ich heute noch ab.

Five Minutes a Day – MUC/08102017

Ich liege auf der Couch, Musik dröhnt. Das war gestern. Ich könnte aufstehen und tanzen, C. tanzt. Ich nicht. Ich tanze nicht. Ich lege mich auf die Couch und schaue ihr zu, in diesem Zustand. Als hätte ich Drogen genommen, habe ich aber nicht. Ich könnte einen Roman schreiben, jetzt. Oder eine Szene. Alles so klar, jedes Wort, aber ich liege, und ich schaffe es nicht, aufzustehen. Achtziger, das war mein Lied, ruft C., aber sie ruft es nicht nur einmal. Ich denke darüber nach, wie viele Lieder man haben kann, wie viele ich hatte oder wie viele jetzt. Dann denke ich gar nicht mehr nach, ich schaue ihr beim Tanzen zu, manchmal fallen mir die Augen zu, das ist angenehm, dösen zu dieser lauten Mucke. M. sitzt auf dem Boden und ruft manchmal Sings zu, und sie sagt dann entweder “au ja, das als Nächstes“ oder sie sagt auch gar nichts, und am Ende weiß ich nicht, ob sie Depeche Mode gespielt hat, das hat er mehrmals erwähnt. Der Wein, der neben der Couch liegt, ist mir zu schwer, irgendwann stehe ich auf und gehe ins Bett. Vom Bett aus kann ich die Musik immer noch hören. Der Zustand ist immer noch da, der wie auf Drogen. Schläfrig, aber im Kopf ganz klar. Als wüsste ich alles, auch den Weg. Ich versuche, weniger klar zu denken, bevor ich die Augen schließe.

Five Minutes a Day – MUC 14102017

Ich weiß nicht. Ich schleppe mich durch Gedanken, Fragen und Tage. Ich will wieder schreiben und traue mich nicht. Draußen scheint die Sonne, ich weiß nicht, ob ich mich vor Verantwortung drücke, und ob ich das gut mache, alles. Die Antwort ist ein wahrscheinliches Nein.

Aber ganz viel wollen, gell, ganz viel Wollen. Die ganze Welt und noch mehr und am Liebsten sofort. Abends ist Müdigkeit, und außerdem Nebenhöhlenentzündung, alles zu. Vielleicht, sagen Stimmen von Freunden im Kopf, aber nicht meine eigene, vielleicht erwartest du zu viel von dir selbst. Die Stimme der Therapeutin.

Sasha Marianna Salzmann gelesen, was für ein grandioses, perfektes Buch. Jeder Satz stimmt, jede Geschichte auch. Manchmal nicht wissen, ob alles nicht auch in einem Nicht-Trauen liegt, also alles an mir.

Dann plötzlich um die Schritte ahnen, die kleinen, die zu großen Wegen werden, auch wenn das pathetisch klingt. Ich mache das so schlecht nicht. Denke ich, aber ich weiß es nicht. Eines nach dem anderen und manches nicht. Aber dafür etwas anderes. So schleppe ich mich durch die Tage, mit Gedanken wie diesen und Nase zu.

Das Fliegen-Gefühl ist irgendwo vergraben. Ich weiß nicht, warum ich mir nicht mehr die Finger schmutzig mache, um es zu suchen. Ich sollte, ich sollte wollen. Ich schreibe mir das auf, in kleinen Sätzen. Ich warte, dann sind die fünf Minuten um.

Five Minutes a Day – MUC01102017

Gestern durch die Straßen getanzt. Also nicht wirklich durch die Straßen getanzt, aber im Kopf getanzt, und vielleicht auch so gelaufen, hüpfend. Tänzelnd kann ich nicht. Musik gehört. Laut. Durch die Wohnung getanzt. Aus keinem bestimmten Grund, nur das Ich. Lebendigkeit, weil sich alles ändern oder auch nur ich mich. Meine eigenen Augen im Spiegel mögen, was für eine Seltenheit.

Mittags auf einer karierten Picknickdecke sitzen, Wahrheiten aussprechen. Sich was zu essen holen, der Rote-Beete-Salat schmeckt nicht. Wenn man über Wahrheiten lacht, schmerzen sie weniger, wir probieren damit herum. Wie Kinder, die neue Bausteine entdecken, aber vielleicht hat bereits ein anderes Kind mit den Bausteinen gespielt.

Abends, Menschen. Ich spreche, fühle mich wie meist unwohl dabei. Lost Highway im Kino, die Perfektion dieser Bilder und die Verlockung der Angst. Später mit M. lachen und reden und eine Cola trinken statt Wein und dennoch müde werden und dann eben durch die Straßen tanzend nachhause und durch die Wohnung tanzen, als hätte der Tag eine Bedeutung gehabt.

Bin außerdem verliebt, in ein Buch. Verschlinge es, Lesegier, hatte mich lange nicht mehr gepackt. “Außer sich”, Sasha Salzmann. Gebe mir Mühe, als läge ich auf der Couch, konstruktiv und selbstdelektiert zu denken, das Buch zu lassen, wo es ist, bei sich. Ein gutes Buch zu lesen heißt nicht, dass ich nicht schreiben kann. Ich schlafe ein über den Seiten, träumend.

Five Minutes a Day – MUC29092017

Viktualienmarkt, eine Bank. Darauf sitzen wir. Um uns schwirrt das Leben. Das ist diese Mittagszeit, nach der die Menschen beleidigt zurück an die Schreibtische schleichen: Es ist Freitag, und es fühlt sich unfair an, unfairer noch als an den anderen Tagen, an den Dienstagen und Donnerstagen, zurück an den besagten Schreibtisch zu müssen. Vor uns auf dem Bürgersteig sitzen fünf, sechs junge Amerikanerinnen, sie essen Sandwichs und lachen sich tot. Ich weiß nicht, worüber sie lachen, ihr Lachen macht mich aggressiv. Das ist die Eifersucht, die tobt: Ich will das auch, lachen. Ich blicke dir in die Augen. Unter den Augen sind Falten, und in den Augen ist die Müdigkeit, aber vielleicht ist es auch andersherum. Was, fragst du, aber ich schüttle den Kopf, und ich verrate dir nicht, wonach ich in den Augen suche. Deine Augen sind blau, aber sie wären gerne grün. Zur Zeit sind sie grau. Aber das ist nicht der Grund. Später verabschieden wir uns, ich denke, wie zwei Fremde, aber du wärest wütend, wüsstest du das. Du wärest nicht wütend auf mich.

Beim Laufen lasse ich mir Zeit. Menschen bemerke ich nicht. Sie bemerken mich auch nicht, vermutlich. Zuhause schreibe ich im alten Wahn. Das ist wie das T-Shirt, das man anzieht, wenn man sich schlecht fühlt. Das alte, ausgeleierte, das die Erinnerung trägt. Ich weiß nicht, wo meines ist. Ich weiß nicht, ob ich jemals eins hatte.