Großstadtdenke

Kleine Städte oder auch Kleinstädte machen mir Angst. Ein wenig, denke ich manchmal, wie Zoo-Käfige  einem Löwen oder einem Elefanten Angst machen, wahrscheinlich. Das ist jetzt den Kleinstädten gegenüber etwas gemein, denn ich bin kein Löwe und die Kleinstadt ist kein Zoo. Unwohl fühle ich mich da trotzdem.


Eine Kleinstadt hat kaum Zuggleise, es wundert einen, dass der Zug dort überhaupt hält. Am Bahnhof - ein Backsteinhäuschen mit Kiosk, das seine besten Zeiten lange hinter sich gelassen hat - kein Taxi, und das, das ich mir bestelle, braucht eine Viertelstunde zu mir. Wie viele Taxis haben sie denn in dieser Stadt? Ich möchte etwas essen, es ist 16 Uhr, ich kann nichts essen, denn um 16 Uhr hat alles zu: Nicht mehr Mittag, noch nicht Abend. Ich lande bei einem Pizza-Lieferservice und esse recht vereinsamt an einem der wenigen abgegriffenen Holztische meine Pizza, die mich von der Qualität her an die Pizza erinnert, die wir manchmal in der Kleinstadt bestellten, in der ich aufgewachsen bin. Meine Kleinstadt war größer als die, in der ich mich gerade befinde, und die Pizza fand ich immer recht schmackhaft, das war, bevor ich in der Großstadt zehn Laufminuten entfernt von der besten Pizzeria der Stadt wohnte.

Abends ist die Stadt leer. Tot. Geisterstadt. Man könnte fast einen Horrorfilm drehen. Morgens im Hotel lese ich beim Frühstück die Lokalzeitung, in der Frauenfußball im Ressort Kultur stattfindet. Später, im Taxi, erzählt mir die überaus gesprächige Taxifahrerin, die nicht einmal meine "Ja"s und "Hmm"s abwartet, dass man es heutzutage ja nicht einmal mehr wagen kann, ein Eis essen zu gehen, was sie früher wohl öfter gemacht hat. "Kann man ja nich wagen, nich, man wird ja wegen fünf Euro, ich möcht nich sagen, umgebracht, aber zusammengeschlagen dann doch." Ich verzichtete auf das "Hmm".  Ich stieg aus dem Taxi aus und setzte mich in den Zug, um in eine Großstadt zu fahren.

Kleinstädte, jede eventuelle beabsichtigte und unbeabsichtigte Arroganz tut mir leid.

 

Wenn wir groß sind

"Wenn ich mal groß bin ...", sagten wir früher, und eine bessere Vorstellung gab es nicht. Weil einem dann keiner mehr sagen würde "dass ..." und "wann..." und "wie...", und "übrigens, jetzt sofort!", und das auch noch mit der sinnvollen Begründung: "Weil ich das sage!", oder: "Weil ich deine Mutter / dein Vater / dein Lehrer bin."

Und dann, unbemerkt, zumindest habe ich nichts davon gemerkt, waren wir groß. Also groß nicht im Sinne von: Ich gehe ins Bett oder komme nach Hause, wann ich will, esse, was ich will, putze mir die Zähne nicht nach jedem Essen, und gebe mein Geld aus, wie ich es will, sondern groß im Sinne von: erwachsen. Nicht "eigentlich erwachsen" wie bei Neon, sondern erwachsen. (Erwachsen wie langweilig. Oder wie spießig. Oder ist das nur in meinem Kopf dasselbe?)

Während ich mir panische Sorgen darüber mache, ich könnte spießig werden, reden Freunde über bepflanzte Balkone, Wohnungskäufe, sichere Autos, ja sogar Schrebergärten, übernachten bei Festivals nicht mehr in Zelten, sondern rufen sich ein Taxi zu einem Hotel und tauschen ihre Ikea-Möbel gegen "langfristige" Einrichtungsgegenstände, und ich sitze daneben, höre zu, rede genauso, und bin also plötzlich groß. Gestern sprach ich mit einer Freundin darüber, dass es schwer ist, eine "normale" Jeans zu kaufen, weil es nur noch Röhrenjeans gibt, und dachte mir dann: Für all die vielen Röhrenjeansträgerinnen müssen wir doch wie alte Erwachsene aussehen, mit unserem "Out"-Jeans-Schnitt. 

Wann genau ist all das passiert?

 

Die Deutsche Bahn

Nein, ich werde nicht über die Deutsche Bahn jammern, über die Verspätungen, die Unfreundlichkeiten, die Streiks, das schlechte Essen im Bordbistro und so weiter. Nein


Nur Folgendes und kurz: Der freundliche (!) Bahn-Mitarbeiter, der mir freundlicherweise meine Fahrkarte verkaufte, weil der Automat kaputt war, wollte wissen: "Und wollen Sie 2. Klasse fahren oder bequem und schön in der 1. Klasse?" Was antwortet man da?

"Ähm, bequem und schön ist mir nicht wichtig." Oder: "Nee, das ist mir leider zu teuer"?

Ich sagte: "Ich nehme die zweite", und kam mir komisch dabei vor - warum nur?

Menschen erster und zweiter Klasse in der deutschen Bahn.

 

Bielefeld

12.04.2011

Ich war da. Ich habe es gesehen. Ich habe dort gelesen, dort gegessen, dort geschlafen. Auf dem Weg nach Bielefeld poste ich auf Facebook, dass ich auf dem Weg nach Bielefeld bin, und komme mir dabei, wie immer, wenn ich etwas auf Facebook poste (allein dieses Wort, mitten in einem deutschen Satz, uneingeladen: posten), ziemlich bescheuert vor. Was ist das für eine Welt, in der wir unseren Freunden, schlimmer noch, weit entfernten Bekannten, die nur bei Facebook Freunde sind, und uns in der Realität kaum einen Handschlag wert wären, mehr ein Nicken im Vorbeigehen, mitteilen, was wir momentan an Unwichtigem erleben? "Soll ich mir Pizza mit Salami oder lieber Pizza Funghi bestellen? " "Gehe jetzt schlafen, war ein anstrengender Tag." "Bin auf dem Weg nach Bielefeld." Wen interessiert das, wen geht es etwas an? Und ich mache da mit!

Und natürlich posten meine Freunde den Satz, den ich in den letzten Tagen hörte, wann immer ich erwähnte, dass ich in Bielefeld sein würde: "Aber Bielefeld gibt es doch gar nicht!".

Und eine Freundin schreibt, es gebe jetzt eine neue Theorie. Nämlich, dass Bielefeld eigentlich in Peru liegt, und dass es dort Schokolade und Bier umsonst für alle gibt. Eine schöne Theorie. 

Dann komme ich an. Ich komme in Bielefeld an, ich sehe es mit eigenen Augen, und das, was ich sehe - das Bisschen, aus dem Taxifenster - ist noch nicht einmal hässlich.
Wieso hat Bielefeld diesen Ruf?

 

 

 

Japan in Düsseldorf

06.04.2011


Es gibt, so stelle ich fest, in Düsseldorf eine Japanische Straße. Es ist eine Straße, die weder so heißt noch aus Japan stammt oder Ähnliches, die aber mit japanischen Läden gepflastert ist. Sushi neben Sushi, dazwischen Exporte aus Japan und japanische Schriftzeichen an den Schaufenstern. Und während ich denke: Sushi-Essen oder nicht Sushi-Essen, frage ich mich, warum so viele Japaner in Düsseldorf leben. Die Frage geht mir neben Miso-Suppe, Tekka-Maki und Inside-Out-Rolle durch den Kopf.

Und während ich also eine Speisekarte studiere, fällt mir urplötzlich das andere Japan ein, und in meinem Kopf sind: Erdbeben, Tsunami, Fukushima, Reaktor II, radioaktiv verseuchtes Wasser, Tokio, Schnee und eine Menge anderer schlimmer Begriffe und Bilder. Es kann nicht schlimmer werden, sage ich mir, ein Gedanke, den ich in den Wochen, seitdem ich im Auto saß und das erste Mal im Radio vom Erdbeben hörte, das die Welt und die Atompolitik in Deutschland verändern sollte, und das erste "Oh nein!" ausrief, fast täglich hatte.

Dann, am nächsten Tag, die Nachricht vom Erdbeben Nr. 2, Stärke: 7,4.

 

Antilehrerismus

05.05.2011


Nach der Lesung in Bonn sitzen wir in einem Restaurant mit dem unfreundlichsten Service Bonns (oder Deutschlands?) und essen türkisches Essen, das nicht besonders gut schmeckt. (Türkisches Essen kann schlecht schmecken? Man lernt jeden Tag etwas dazu.)

Jedenfalls sitzen wir in diesem Restaurant, und jemand, der anscheinend schon viele geführte Reisen nach Israel gemacht hat, sagt, dass damit nun eindeutig Schluss sei, der Lehrer wegen. "Der Lehrer wegen?", frage ich nach, aufhorchend. Ich habe Bilder im Kopf von besserwissenden, langbärtigen, Cordhosen-tragenden Lehrern mit Baedekern unterm Arm und Fotoapparaten, die in Ledertaschen an den Gürtel geschnallt werden. Ich lasse die Bilder verschwinden, weil ich ja nicht in Klischees denken will, nicht einmal bei Lehrern, und höre zu.

Höre Geschichten zu von besserwissenden Lehrern, die Fragen nicht aus Interesse stellen, sondern weil sie prüfen wollen, ob der israelische Guide auch alles richtig weiß. Von Lehrern, die mit Planänderungen nicht umgehen können und sich so benehmen, als wären sie ihre eigenen Schüler. Es fallen die Begriffe: Profilneurosen, Baedeker, Besserwisser. Klischee trifft Wirklichkeit, ab und zu, und diesmal nicke ich, nicht unzufrieden, zugegeben.

Ich bin nicht die Einzige am Tisch, die nickt. Viele Vorurteile und Klischees sind im Umlauf und in den Köpfen, was Lehrer angeht. Ein sozusagen weit verbreiteter Antilehrerismus, den erstaunlicherweise keiner mokiert.

 

 

 

 

Fische an der Wand

Solingen, 04.04.2011


Eine Lesung ist eine Lesung ist eine Lesung. Und dann wieder nicht. Manchmal ist eine Lesung eine Lesung, aber eine, die im Kopf hängen bleibt, trotz täglich wechselnder Hotelzimmer, Buchhandlungen, trotz endloser Zug- und Taxifahrten und der immer ähnlichen Fragen.

In Solingen lese ich immer - und immer heißt zum zweiten Mal, aber es fühlt sich an wie immer - nicht immer wie langweilig, sondern immer wie schön - in einem Lampenladen. In einem Lampenladen? In einem Lampenladen, wegen des Platzes, weil die liebenswerteste und verrückteste Buchhandlung der Republik zu klein für eine Lesung ist. Zwischen Lampen und auch ein paar Waschbecken und einer Duschkabine, und die Stimmung ist gut, jemand trinkt den Deko-Champagner, das wird später Gesprächsthema, das Essen ist gut, und ein paar Wodka-trinkende, nette Russen sind auch da.

Später sitzen wir in einer Strandbar, die keine ist, denn sie befindet sich nicht nur nicht am Strand, sondern in einer Kneipe, es gibt aber Liegestühle und Fische an der Wand. Also ein Video, das an eine Wand projiziert wird: Schwimmende, bunte Fische im Aquarium. "Warum?", denke ich kurz und vergesse es wieder. "Wer findet so was schön? Die Solinger vielleicht?" Nur ein Kaminfeuervideo wäre schlimmer gewesen.

Nachts wache ich auf, weil ich Durst habe, und weil ich von Fischen geträumt habe, von Fischen an der Wand, an meiner Wand zuhause im Wohnzimmer. Ich trinke Wasser und will nicht einschlafen, weil ich nicht wieder träumen will von Fischen an der Wand. Ich lese lieber Paul Auster und träume von New York. In New York hat jemand auch Fische an der Wand.

 

 

 

 

München-Solingen,

04.04.2011

 

 

Es regnet. In ganz Deutschland regnet es. Es wäre nicht so schlimm, hätte gestern nicht die Sonne gestrahlt. Gestern ... Und jetzt würde ich gerne seufzen und ein wenig achen und ochen und mich nach gestern sehnen (gestern = Sonne), aber dazu fühle ich mich zu jung. Heute ist auch ein guter Tag, einer mit Regen.

Ich sitze im Zug, er fährt durch Deutschland, in ganz Deutschland regnet es, und passenderweise ist es im Zug kalt. Ich sitze im Zug und chatte mit einem Freund, ja, so ist sie, die Zeit von heute, in der man Zug fährt, und mit jemandem chattet, mit jemandem, der im Büro in München sitzt. Jedenfalls chatte ich mit diesem Freund, mit dem ich vorgestern noch im Biergarten in der Sonne saß, wir hatten leckeres Essen mitgebracht, wir aßen und quatschten und tranken und schwiegen ab und zu und ließen uns die Sonne ist Gesicht scheinen, einfach, weil die Sonne schien. Später gingen wir im Englischen Garten spazieren, ich spielte mit dem Hund, der das Rennen in der Sonne etwas anstrengend fand, wir saßen unter einem Baum, mein Kind pflückte Gras. Ein paar Mal sagten wir "Ach, wir haben das Leben schön!", ein Satz, dessen Fehlkonstruktion uns gefiel. Im Chat stellen wir fest, dass wir auch gestern beide im Biergarten waren, ohne einander, dass er sein Essen nicht gut gefunden habe, und ich meines auch nicht, und überhaupt saß ich eingequetscht zwischen Motorradausflüglern in ihrer Schwitzmontur, es gab keinen Schatten, da die Bäume noch kein Laub tragen, es war zu laut, ich bekam Kopfschmerzen und wollte heim.

Also fragte ich im Chat: "Vielleicht sollten wir wieder zusammen biergarteln, dann haben wir anscheinend mehr Glück!", und dieses neue Wort, das mir in dem Moment einfällt, "biergarteln", macht den Regen für ein paar Minuten wett.

 

 

18. Februar

Im Zug

 

Im Zug telefonieren ja viele. Heute telefonieren im Zug (noch in München bzw. beim Warten): Ein Mann, der wahrscheinlich Albanisch spricht. Und: Ich. Erst Russisch, dann Deutsch. Die ganze Fahrt lang: Ein anderer Mann, der permanent in den Hörer ruft: Ich verstehe dich nicht! Nein, noch einmal! Der Empfang ist so schlecht! Hallo? Hast du verstanden, was ich eben gesagt habe?

Beim Losfahren regen sich eine Lehrerin, die mit rotem Stift armen Schülern schlechte Noten gibt sowie ein dickbäuchiger CSU-Wähler mit Leitz-Ordner auf dem Schoß über die telefonierenden Ausländer auf.

„Aber sagen darf man da nichts, das ist ja sonst Diskriminierung!“, stellt die Lehrerin fest und lässt sich vom CSU-Wähler beipflichten, der sich darüber aufregt, dass „das hier wohl kein Marktplatz“ sei. Sie meinen den albanisch sprechenden Mann, ich habe mich wohl durch mein zweites, auf Deutsch geführtes Gespräch rehabilitiert.

Beim Weiterfahren schenken sie dem permanent in den Hörer schreienden Herren, nach dem sich der Rest des Wagens immer wieder umdreht, keinerlei Beachtung. Telefoniert man auf Deutsch, so ist das kein Marktplatz, sondern ein Telefonat.

Irgendwann leiht sich der albanische Mann einen Kugelschreiber von mir. Die Lehrerin schaut mich mitleidig an und verdreht die Augen, verbündet sie sich mit mir? Wenn überhaupt, bin ich mit dem Albaner im Verbund.

In Augsburg steigen grölende, besoffene, singende junge Herren in Lederhosen zu. Sie bringen Bierkisten mit. Alle arbeitenden Passagiere einschließlich mir fliehen so weit wie möglich. Der CSU-Wähler bleibt sitzen und stößt gerne mit ihnen an.

15. Februar

Leise rieselt der Schnee…

 

Der Schnee und ich sind keine guten Freunde. Der Schnee ist kein besonders guter, kein treuer Freund. Er lässt mich frieren und zittern, er hinterlässt Spuren an meinen Schuhen und Jeans. So etwas machen gute Freunde nicht. Der Schnee ist mehr ein Gelegenheitsfreund. Gelegenheiten wie Ski- oder Schlittenfahren, wie Schneemänner bauen, da ist er nett. Im Alltagsleben jedoch nicht. Ich fahre heute nicht Schnee oder Schlitten, nein, ich muss raus in die Kälte, in den matschigen Schnee. Nicht so nett von dem Schnee, so matschig, nass und kalt zu sein.

"Du kommst doch aus Russland!", sagen die Leute zu mir, als wäre das ein Argument. Liegt Petersburg in Sibirien? Mögen alle Russen Schnee? Habe ich Anti-Kälte-Gene nach Deutschland mitgebracht? Wann war ich das letzte Mal im Winter in Russland? Warum haben meine Eltern meine warmen Schnee-Filz-Schuhe nicht mit nach Deutschland eingepackt? Fragen, die ich den Leuten stellen könnte, aber ich tue es nicht. Stattdessen stampfe ich in den Schnee.

Der russische Schnee war übrigens sehr viel netter zu mir.

21. Januar

Weltbürger sein    

 Diese Woche wurde mir bescheinigt, einen britischen Humor zu haben und französisch auszusehen. Es ist schön, aus dem deutsch-russisch-jüdischen Teufelskreis heraustreten zu dürfen. Zudem mag ich die Queen und französischen Käse sehr.  

16. Januar 2009


SCHREIBVERSUCHE II
So sehen Puzzleteilchen aus...

 

6. Januar 2009


SCHREIBVERSUCHE 

 

 

Im Moment ist Schreiben wie Puzzeln. Puzzeln habe ich als Kind geliebt. Schreiben auch. Heute puzzle ich nicht mehr. Heute schreibe ich, puzzelnd. Ich schreibe viele kleine hübsche Puzzleteile, die nicht zueinander passen. In meinem Kopf ist der Rand. Die Ecken habe ich auch schon, meine Lieblingstexte. Aber die Puzzleteilchen dazwischen, die stammen aus vielen verschiedenen Bildern. Landschaftsaufnahmen, Menschenbilder, Schriftzüge, Städtefotos, Unerkennbares, sogar Teilchen aus einem dieser neuartigen globusartigen Puzzles sind dabei. Ich drücke sie aneinander, mit Kraft, obwohl man das nicht soll, und was entsteht, ist natürlich kein Bild. Aber vielleicht dann doch demnächst ein Buch?

 


13. Oktober 2008

 

Ernst-Hoferichter-Preis 2009 für Lena Gorelik 

 Der Stiftungsbeirat der Ernst-Hoferichter-Stiftung beschloss in seiner Sitzung am 7. Oktober 2008, die Ernst-Hoferichter-Preise 2009 an Lena Gorelik und Matthias Politycki zu vergeben. Die Ernst-Hoferichter-Preise wurden von Franzi Hoferichter, der Witwe des Münchner Schriftstellers, gestiftet. Mit ihnen werden seit 1975 jedes Jahr freischaffende Münchner Künstlerinnen und Künstler aus dem Bereich Literatur und Kabarett ausgezeichnet, die – wie Ernst Hoferichter – „Originalität mit Weltoffenheit und Humor verbinden“. Mit dem Ernst-Hoferichter-Preis wurden bisher über 80 Autoren/innen und Kabarettisten/innen ausgezeichnet, darunter Herbert Achternbusch, Ernst Augustin, Doris Dörrie, Jörg Hube, Bruno Jonas, Ellis Kaut, Ernst Maria Lang, Maria Peschek, Gerhard Polt, Herbert Rosendorfer, Marianne Sägebrecht, Siegfried Sommer, Tilman Spengler, Konstantin Wecker.

6. Oktober 2008

 

Menschen sind Sammler. In Berlin übernachte ich bei einer Freundin, deren Wohnung nur so strotzt vor tollen Sammlungen: Versteinerungen, Gipsabgüsse berühmter Köpfe, Wachskunst, alte Reiseführer, seltener Wörterbücher, Papierschnitte…
Ich sammle nichts. Ich sammle Bücher, aber tut das nicht jeder? Manchmal sammle ich Panini-Fußball-Bilder, aber das darf ich keinem sagen, das ist ja kindisch. Als Kind habe ich Mädchen-Stickers gesammelt, Pferde und Disney-Bilder, ein bisschen „Free Willy“. Die Fußballbilder hole ich jetzt nach.

Manchmal sammle ich Bilder. In Berlin sammle ich: Bei jeder Fahrt mit der U-Bahn oder S-Bahn werde ich von Sonderbaren angequatscht. Am Kanzleramt und Bundestag vorbeizufahren, macht mich und Schulkinder aufgeregt. Berlin Mitte ist nicht Berlin. Der Döner ist in Berlin teurer geworden. Starbucks ist überall Starbucks, und in Berlin gibt es zu viele davon. Der neue Hauptbahnhof ist so groß, dass er kaum zu finden ist.

Als mein Zug in München einfährt, habe ich keine Bilder, sondern nur einen Gedanken: Wie gut, zuhause zu sein.

1. Oktober 2008

 

Lesereise

 In Heilbronn regnet es. In Heilbronn ist es dunkel. Als ich ankomme, um 18 Uhr, ist es dunkel. Dunkelheit hat nichts mit Heilbronn zu tun, eigentlich, außer in meinem Kopf.

Ich telefoniere mit einem Freund und wir reden über Heilbronn. Uns beiden fällt nicht viel dazu ein, und wir wechseln das Thema. Ich telefoniere mit einer Freundin in München, die gerade am Kochen ist. Lecker. Ich bin in Heilbronn. Der Zimmerservice hat nur Tütensuppen, der Pizzabringdienst liefert erst ab 15 Euro, so viel kann ich nicht essen, neben dem Hotel ist nur eine Kneipe, die kein Essen hat.

In Heilbronn regnet es weiter.

Die Menschen in Heilbronn lächeln ungern. Sie lachen noch seltener. Ich lese das Kapitel „Das verbotene Lächeln“. In Heilbronn wird darüber nur wenig gelächelt. Nur zwei Frauen, die lächeln und gar laut lachen, die mag ich ganz besonders gern. Ein Lichtblick.

8. August 2008

 

 Norddeutschland-Lesereise

Das Ebbe-Flut-Watt-Phänomen an der Nordsee
Ein Dialog  
„Ich war am Meer. An der Nordsee.“
„Schön, warst Du baden?“
„Nein.“
„War es zu kalt?“
„Nein. Das Meer war nicht da.“

Allein wegen dieses einen Satzes hat sich die Reise schon gelohnt! 

25. Juli 2008

 

 Fünf lovely Tage in England sind um. What a pity! Würde ich in England leben, hätte ich ein kleines Häuschen aus rotem Backstein mit einer blauen Tür und einen großen Hut. Der Hut hätte Federn, Blumen und vielleicht sogar einen kleinen Vogel. Indeed. Ich würde viele Bücher schreiben, vormittags meistens, nachmittags tränke ich Tee. Ich wäre auch on several committees. Meine Sätze würde ich beenden mit "Does it?" or "does it not?". Ich wäre eine very decent Engländerin, denke ich.

 21. Juli 2008

Literature Translation Summer School - University of East Anglia England I

Ich will ein offener, vorurteilsfreier Mensch sein. Offen für neue Kulturen und Erfahrungen, keiner, der seine Nase rümpft oder über andere lacht.

Weshalb ich seit meiner Ankunft gestern auch erst anderthalb mal über den lustigen britischen Dialekt gelacht habe. Weitere 79 Mal habe ich mir das Lachen verkniffen. Indeed.

Offen wie ich bin, laufe ich auch erhobenen Hauptes und ohne Vorurteile beim Frühstückbüffet an den abgepackten Rice Krispies und Weetabix vorbei, direkt auf das echte englische Frühstück zu. 

Ohne zu zögern lasse ich mir Bohnen, Scrambled Eggs, gekochte Tomaten und fetttriefende Würstchen auf den Teller laden. Ich, Fast-Vegetarierin und offener Mensch zugleich. Koste einmal von den Bohnen, die sonderbarerweise süß sind, von den Würstchen einen Viertelbissen, genausoviel von den Eiern in dieser unbeschreiblichen Farbe.

Hole mir schnell noch einen Apfel.

Muss man schon morgens ein offener Mensch sein, oder reicht es zum Lunch und Dinner?


29. Mai 2008

Arbeitsverweigerung.

In den Zug Erfurt – Dortmund gestiegen. Sich gestern – nach fauler Fahrt nach Erfurt – vorgenommen: Zwei Texte schreiben im Zug. Festgestellt, dass der Zug nach Dortmund ein IC ist. Ach, wie schade, im IC gibt es keine Steckdosen, und der Akku meines Laptops ist alt und hält nicht lange durch. Schade, schade, schade! Zwei zu schreibende Texte erzwungenermaßen auf einen reduziert. Schade, echt schade.

Eingestiegen.

Festgestellt, dass es im IC ja doch Steckdosen gibt. Sogar funktionierend. Auch schade. Aber reduziert ist reduziert. Ein Text ist auch Arbeit.

Trotzdem erst einmal Zeitung gelesen, auch wichtig. Ein paar E-Mails beantwortet. Sich gedacht: Danach braucht man eine Pause. Gelesen. Spannendes Buch. Sich gedacht: Ich wollte noch arbeiten. Sich gedacht: Man sollte immer um eine Vollzeit anfangen zu arbeiten, also 10 oder 11 oder zwölf. Uhrzeit des Denkens: 10.17. Weiter gelesen. Die elf verpasst. Schade, schade, schade. Bis halb zwölf gewartet. Sich dann einen Tee geholt. Ohne durstig zu sein. Tee muss abkühlen, bis er trinkbar ist, also die zwölf verpasst. Beim Arbeiten Tee trinken ist nicht gut, denn er könnte auf den Laptop mit dem schwachen Akku verschüttet werden.Sich gedacht: Um 13.15. kommt der Zug in Dortmund an, da lohnt sich Arbeit nun wirklich nicht.

In Dortmund ausgestiegen.  

Ich könnte eine sehr gute Professorin für Arbeitsverweigerung sein, müsste man da nicht arbeiten.  

28. Mai 2008 

Rinder gehören versteakt.

Ich habe es schon immer geahnt und bin mir nun sicher. Ich sitze im Zug, der nicht fährt oder so langsam fährt wie ich auf dem Fahrrad (und alle meine Freunde sagen, ich fahre zu langsam), weil Rinder auf der Fahrbahn sind.

Was machen Rinder auf der Fahrbahn? Gehören sie nicht auf einen Teller, medium gegrillt, mit frisch gemahlenen Pfeffer und hübschen Kartoffeln an der Seite?

Ich sitze im Zug und warte auf die Rinder und verpasse meine eigene Lesung. Liest jemand dann an meiner Stelle vor? Wenn er oder sie besser liest als ich, geht er oder sie jetzt immer an meiner statt auf Lesereise?

26. Mai 2008

Ich habe einen neuen Favoriten-Werbeslogan (Idee: Annette W., Texterin mit vielen Projekten, Prenzlauer Berg): Hagelslag – dieses Frühstück schlägt alles!

Holland Lesereise

20. Mai 2008

Groningen (mit einem „ch“ vorne):  Holland ist ja so viel besser, als ich dachte. Holland ist so viel besser, als alle denken. Holland hat das beste Frühstück der Welt erfunden. Alle Staus verursachende Wohnwagen der Welt sind Menschen erlaubt, die Schokostreusel zum Frühstücksaufstrich deklarieren!  Schoko- und Zuckerstreusel zum Frühstück, der Traum eines jeden Kindes. Man bestreicht Brot mit Butter und bestreut es dann.

Ich bin im siebten Himmel. Ich habe mir vier Packungen für zuhause gekauft und will nun nicht mehr Autorin sein, sondern Frühstücksstreusel importieren. Sie heißen „Hagelslag“, ausgesprochen „Hachelslach“, wieder ein Wort mit „ch“. Kein schöner Laut, aber ein schönes Frühstück. Hagelschlag zum Frühstück.  Hauptberuflich suche ich derzeit nach einem Werbeslogan für den deutschen Markt. Meine bisherigen Favoriten sind:„Hagelslag – dieses Frühstück wird Sie erschlagen!“ und „Hagelslag – Sie werden Ihre Meinung über Holland ändern!“. Alternativen herzlich willkommen.

Vor Holland

16. Mai 2008

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wie Sokrates. Nur auf Holland bezogen. Fällt mir am Flughafen so ein. Nur: Tulpen, Holzschuhe, schlechte Fußballer, Pommes und Flammkuchen. Aber Pommes gehören nach Belgien und Flammkuchen in das Elsass. Holzschuhe sind unbequem, und das mit dem schlechten Fußball hören die Holländer wahrscheinlich nicht gern. Bleiben also die Tulpen. Ich reise ins Land der Tulpen. Und dann noch, natürlich, Drogen. Holland: das Land der Coffee Shops, des legalen Kiffens. Ein Traumland, ein Paradies? Bekifft an Tulpen riechen, alle Tabus brechen und die Holländer des schlechten Fußballs bezichtigen?Holland, ich bin unterwegs!  

 

Gedrucktes

"Juden sind Wucherer!" NZZ FOLIO

"Der Kaftan meines Vaters und ich" jetzt.de