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München – Stuttgart 17062016 – Five Minutes a Day

Reisen, nicht angetretene. Ich schlucke. Dann kommt ein Gefühl. Und eine sehr klare Antwort.

Ich sitze im Zug und gebe mir viel zu viel Mühe, aber das stelle ich erst später fest. Menschen, wieder getroffene. Das Lächeln meines Vaters. Das Lächeln meiner Mutter, Menschen, in Unterschieden. Fragen, zu persönliche. Antworten, weil ich antworten muss.

Ich bin, immer noch dieses, ich bin, ich bin doch, ich bin vielleicht, und bin ich wirklich, und ich bin nicht, ein langsames. Erinnerungen kommen auf, Assoziationen fliegen umher. Ich fliege aus der Wolke hinunter und lande hart. Aufschlag auf dem Asphalt, diese Fallhöhe, hoch, höher, und diesmal am Höchsten. Wer war ich, bis ich dann wer wurde. Degradiert.

Ich lese eine Liste, mehrmals. Punkt eins, Punkt zwei, Punkt drei. Um Gedanken nicht wissen, und Gefühle erraten besser nicht wollen. Ich beschließe, mir nicht mehr so viel Mühe zu geben, als wäre das ein Beschluss. Die Sehnsucht nach einem Wissen. In der S-Bahn telefoniere ich noch. Mein Bett ist von Kindern belegt, nicht als eigene Entscheidung. Ich komme viel zu spät an und weiß nicht immer weiter.

last sunny day_160616 – Five Minutes a Day

Du bist. Und du bist nicht. Und morgen bist du etwas anderes als gestern.

Ich weiß nicht, was ich bin. Ich glaube, manchmal fantastisch, der tollste Mensch der Welt, sogar, und das Herz klopft. Du bist ja schon wie, und das ist alles andere als Kompliment. Du bist, du sagst, die Dinge sind zu empfindlich, und ich meine zu wissen, wohin der Weg führt, aber den Gedanken lasse ich nicht zu. Noch schlimmer als ein Monster zu sein, ist es, jemandem zum Monster zu machen. Das hält.

Ich bin, bis ich fühle, ich bin falsch. Also tue ich und hangle mich entlang. Es wird Tage dauern, bis das Gefühl kommt, vielleicht auch nicht. Ich warte darauf, sehnsüchtig. Dieses Gefühl: Ich bin, aber nicht nur. Nicht nur schlecht. Ich werde, auf jeden Fall, und nie wieder, oder zumindest versuchen, in den kleinen Schritten, denen des Kindes, das werde ich, aber dennoch: Ich bin nicht nur. Ich bin auch. Es ist in Vergessenheit geraten, irgendwann auch bei mir selbst. Ich haue in die Tasten, ich schreibe, wie immer, für, und vielleicht auch nur jetzt.

Du bist. Du bist, und dann bin ich es zwei Tage später nicht mehr, da war die Schaukel und das Tanzens des Lichts, nicht nur dessen übrigens, und ich war. Da war ich, und heute bin ich es nicht, bis ich nicht mehr weiß, was ich bin. Es kommt so ruhig und überzeugt daher, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich möchte auftauchen nach dem Getunkt werden. Und mir das Wasser aus den Augen wischen, um klarer zu sehen. Was ich bin, was ich sein will, und was ich nicht bin. Auch nicht bin.

Eislauftage ausradieren aus dem System, für immer. Durchatmen und mit dem Radieren beginnen, und wenn ich schon dabei bin, jede zukünftige Träne. Und sich trotzdem daran erinnern dürfen, dass ich auch etwas bin, was gut ist, irgendwie.

5. Juni 2016 – Finve Minutes a Day

S., der mich lange beobachtet und mich kennt, ohne mich zu kennen, beides, weil uns so vieles verbindet, sagt, ich sei zynisch geworden, und vielleicht erwachsen. Wir sind dieselbe Generation, jetzt, plötzlich, sagt er, und lächelt mich an. Abgeklärt, ist es das, was du meinst, frage ich, und blicke ihn nicht an. Oder du hast dich etabliert, als du, antwortet er, und schaut mich ebenfalls nicht an. Schreib doch ein Theaterstück, sagt er, er ist nicht der erste in den letzten Monaten, der das zu mir sagt. Und dann sagt er: Oder schreib doch, ehrlich, als Emanzipation.

Nicht schreiben als Emanzipation, nicht schreiben als Therapie. Schreiben um des Schreiben willens oder für jemanden, so.

Der Verlust des öffentlichen Diskurses, darüber nachzudenken, ist einfacher, als über andere Dinge nachzudenken dieser Tage, also konzentriere ich mich. Ich konzentriere mich, ich mache Kreuze, das Leben verläuft. Meine Nase ist zu, schon wieder. Die Nase voll haben, sagt der Volksmund, und was sagt meine Nase, wenn sie so voll ist, schon wieder. Ich schreibe lange Nachrichten, in die nichts passt. Autorinnen in ihrer Stärke, die den Männern manchmal fehlt, habe ich das tatsächlich geschrieben. Der Sommer ist nicht da, die Schwüle, ich lese wieder viel.

Germany04/05/16 – back – to five minutes

Sechs Wochen Island. Den Blog schrieb ich mit einer Leichtigkeit, ohne auf die Uhr zu blicken, und manchmal gar nicht. So war das mit dem Leben in Island, mit einer Leichtigkeit, ohne auf die Uhr zu blicken, und manchmal gar nicht.

Jetzt bin ich wieder da. Das Leben hat mich wieder. Das Leben passiert, während ich mich drehe, scheinbar im Kreis. Und wenn ich wo anders wäre, aber da denke ich lieber nicht dran.

Heute Julia Franck beim Gedichte lesen zugehört, sie kann das echt gut. Und Eva Menasse beim Erzählen, sie kann das auch. Dann stimmt die Welt, es geht um Bücher. Später lese ich eins, nur schreiben, aber dann, heute Abend, bestimmt. Gedanken verfasse ich als Nachrichten, als lange. Gefühle ebenfalls. Die Erkenntnisse kullern dieser Tage. Die Bäume in Deutschland sind, seit Island, zu groß. Als hätte sie jemand unnötig in die Höhe gezogen. Und die Berge haben ihre Imposanz verloren, wie wenn man eine alte Liebe trifft, und sich fragt, wirklich der da, ich?

Ich mache Kreuze auf ein Blatt, die Kreuze stehen für Stunden. So habe ich das früher beim Fliegen gemacht mit Minuten. Ich werde gleich einen Tee trinken. Ich werde ein Abendessen zu mir nehmen, so macht man das hier. Dann werde ich schreiben, vielleicht. Und dann.

Island – 30. Mai 2016 – keinetagemehr

Als Erstes erstelle ich Listen. Die Liste der Top Three der Dinge, auf die ich mich freue:

1. Wärme

2. Andere Schuhe

3. Bezahlbarer Kaffee

Die Liste der Dinge der Top Three der Dinge, die ich vermissen werde:

1. Dass sich alles ändern kann, jede fünf Minuten: Das Wetter, die Landschaft, das Ich.

2. Die Helligkeit der Nacht

3. Das Licht der Wahrheit

Als nächstes blättere ich durch die letzten Tage. Ich blättere die Landschaften wie Bilderbuchseiten um: Irland, Patagonien, der Mond, irgendeine Vulkanlandschaft, das Grün, das Braun, das Gelb, das Lila der Blumen, deren Namen ich nachschlage und sofort wieder vergesse, und die vor zwei Wochen noch nicht da waren. Die bunte Bettwäsche im kleinen roten Guesthouse am Ende der Welt. Das Blau der Gletscherlagune. Das dreckige Weiß auf dem Gletscher. In den Steigeisen laufe ich noch bäriger als sonst. Die Menschen fotografieren sich selbst, beinahe als Zweck der Reise. Ich lache, und ich lache noch einmal, und alles ist gut. Auf der Rückfahrt nach Reykjavik kommt bereits die Sehnsucht nach diesen Landschaften. Es ist wie ein Buch zu Ende lesen. Zu Ende lesen müssen, und dann kein neues anfangen wollen.

Am letzten Abend Pizza essen. Die Pizza auf einem Holzbrett zwischen Teelichtern und Pink Floyd, immer dieselben vier Lieder, und dieses Gefühl, was ich vergessen hatte: Das des Abschieds. Das immer irgendwo im Magen stecken bleibt. Es ist ein besonderer Abend, es ist der letzte, ist es der letzte, ist es ein besonderer, ist es. Morgen wird das Leben wieder nach mir greifen. Als hätte ich nicht exakt hier gelebt.

Am Flughafen noch ein Kaffee, im Gras sitzend. Als ich hier ankam, war es kalt, zu kalt, um im Gras zu sitzen. Als ich ankam, war ich irgendwie anders, es ist wie ein letztes Leben. Was vor sechs Wochen war, ist vor einem Jahr gewesen. Und was vor zweieinhalb Wochen war, war auf einem anderen Planet. Irgendwas war dazwischen, ein Film, er läuft entweder in Zeitlupe oder im Vorspulmodus und niemals im Jetzt. Irgendwas war, das Land hieß Island.

Island – 28. Mai 2016 – nur noch zwei tage

Ich sauge das Land dann noch einmal auf, ich sauge es ein und speichere es, bevor. Am Montag ist wieder Leben, irgendwie, und das Leben ist nicht immer leicht. Es jagt. Also sauge ich das Land noch mal auf. Eisschollen, erst weiße, dann blaue. So unwirklich, so fest. Morgens war Verwirrung. Fragen, die hinter der Frage stehen, sie stellen sich an, in Warteschlange. Bin ich jetzt dran? Nein, warte noch, erst ich. Ich will sie beiseite drängen, ich will Gefühl.

Die weißen Eisschollen liegen herum. Die blauen betteln um Aufmerksamkeit und sind erhaben zugleich. Den Gletschersee gibt es erst seit 84 Jahren, ich sitze in einem Amphibienfahrzeug, ich will, das Wasser ist salzig, ich schlecke mir die Lippen ab, um das Salz schmecken zu können, alles ist nass und kalt und irgendwie gut. Jede fünf Minuten eine andere Landschaft: Das ist Island. Immer, wenn ich die Augen senke, kenne ich schon, taucht etwas anderes auf. Mondlandschaften, irische grüne Felder, Gletscher aus Patagonien und Schafe, die aus Neuseeland eingewandert sind.

Sätze zerren im Kopf an Seilen. Ich sollte mich herunter beugen, mein Schreibbuch herausholen, ich sollte, ich sollte so viel. Das ist es ja schon, das Leben. Ich starre aus dem Fenster, und freue mich am Lachen und am Gespräch, und an allem anderen auch. Inhaltlich gesehen.

Im Hotelrestaurant eine Reise-Seniorengruppe, ab 50 aufwärts, und ich bin überheblich, die Tristesse eines Versuches, am Leben festhalten, obwohl. Ich schüttle die Überheblichkeit beiseite. Ich schüttle alles beiseite, an diesem Abend. Die Balkontür steht offen, jetzt kann die Kälte, die von draußen weht, nicht kalt genug sein, da draußen diese Felder, an die ich mich gewöhnt habe, zu schnell. Noch drei Tage, bis das Leben beginnt.

Island – 27. Mai 2016 – nurnochtage

Irgendwann begannen die Tage zu fließen. Sie gingen ineinander über, ich sammelte die Eindrücke, Bilder, Worte, Augenblicke, geknipste Minuten irgendwo im Kopf, ohne sie ordentlich zu verstauen zu können. Ohne den Wunsch, sie in Sätze zu fassen, in schöne, wirkungsvolle und angeblich dahin gestrotzte.

An einem Tag stand ich auf einem Gletscher. Alles war weiß. Die Augen schmerzten. Der Wind blies nicht, weil da nichts war außer Wind. Ich hatte das Bedürfnis, in das schmerzende Weiß zu rennen, einfach nur so. An einem Tag übernachtete ich in einem grünbedachten Haus, es sah aus wie ein Tipi-Zelt und stand zwischen Island-Pferden, Meer und Vulkan, und das war, wie es war, ein Märchen, eines, das man stehen lassen musste. Abends saß ich auf einem Baumstamm vor dem Haus, das war ein Augenblick zum Merken, einer mit Augen, die blicken. Ich habe Seehunde gesehen, im Meer schwimmen. Einen roten Leuchtturm seufzend fotografiert. Mich fallen lassen, ins Moos so wie ins Gefühl. Nichts davon habe ich aufgeschrieben. Es war, als ob ich vergaß. Da waren auch keine Zeilen, die mich bedrängten. Und ich war zu müde, um deshalb traurig zu sein. Ein sprudelnder Geysir langweilt mich inzwischen, auch das hielt ich fest.

Im Hotel Icelandair in Reykjavik hörte ich meinen Text auf Isländisch, ich verfolgte ihn auf Deutsch, während jemand anders ihn las, und ich konnte die Frage nicht beantworten, in welcher Sprache er besser klang. Es ist ein Text, mit dem ich mich herum trage, an dem ich arbeiten, weiter arbeiten sollte, jetzt, aber stattdessen schreibe ich diesen Blog und rede mir ein, so ist. Dass man sich und Worte langsam wieder finden muss, in kleinen Schritten. Anna Lára Steindal, die ein Buch über einen lybischen Einwnaderer geschrieben und kluge Dinge zum Thema Rechtsruck einer Gesellschaft, Dialog zwischen Kulturen und Migration als Prozess zu sagen hat, ist auch da, wir sprechen, auf diese ungezwungene isländische Weise. Eine Veranstaltung wird eine Woche zuvor geplant, ein Veranstaltungsort ein paar Tage zuvor bekannt gegeben, und dann spricht man eben, miteinander. Die Leichtigkeit tut dem Thema keinen Abbruch, und als ich hinaus trete, hat sich da was bewegt: Ich bringe diese Geschichte zu Ende, die deren Anfang sie auf isländisch vorgelesen haben gerade.

Das Schreiben verschwindet, wenn ich, wenn wir verschwinde, und genauso taucht es wieder auf, in Ideen, Ein-Sätzen, aus denen Absätze entstehen könnten, setzte ich mich hin, dann in einem Wunsch. Durch den Regen und Nebel fahren, der Regen ist auch eine Aussage in Island. Vorher sagte jemand zu mir, bei AliBaba, bei AliBaba in Island, während ich Schawarma aß, in Island könne sich das Wetter jede fünf Minuten ändern. Es ändert sich nicht, Regen und Nebel, und dann macht man diesen Witz: Es könnte hier schön aussehen, sähe man denn, wo man hindurchfährt. Von Weitem ist dieser Wasserfall zu sehen, den ich schon kenne, – das ist also das Gefühl, sich ein Land erobert zu haben – ich sah ihn beim letzten Mal unter einem Regenbogen, und das Wasser glitzerte in bunt. Ich lag im Gras, über mir der Himmel. Vor mir Wasser. Das Gras war grün. Menschen machten Bilder, auf denen sie in die Luft hopsten, auf der Suche nach einem Ausdruck für ihr Glück. Als brauche Glück einen Beweis. Der Wasserfall liegt im Regen, ich steige aus dem Auto, Pink Floyd. Hey you, can you hear me, out there in the cold, Getting lonely, getting old, can you feel me. Hey you. Der Regen, der Wasserfall, der Song. Und alles andere auch, und das ganze Leben an sich. Eine Frage. Eine Frage, und das ganze Leben an sich. Hey you. Danach ist nur Gefühl. Schlafen in einem roten Häuschen, inmitten dieses isländischen Nirgendwos, schwarze Flüsse gelbe Hügel, enge Brücken, endlose Weite, und nichts davon hat eine Bedeutung, und alles ist genauso. Genauso, sage ich. Genauso. Und jetzt, hey you.

Nachts wache ich gegen vier Uhr morgens auf, verschwommen, was war, ich kann nicht wieder einschlafen, ich denke nach. Morgens schreibe ich, das hier.

Island – 20. Mai 2016 – schreiblos

Gestern Abend setzte ich mich an den Computer, um den Blog zu schreiben, ich war müde und lag schon im Bett, aber dann hörte ich den Opernsänger. Der Opernsänger wohnt direkt über mir, und erst dachte ich, dass er eine Opernsängerin ist. Die Vermieterin sagt, er ist ein aufkommender Star. Der aufkommende Star übt den Operngesang immer abends, und da er übte, da dachte ich mir, ich stehe jetzt auch auf und schreibe meinen Blog. Stattdessen las ich den von Ronja von Rönne, das habe ich, glaube ich, bisher nur einmal gemacht, und das war schon ganz richtig so. Ich las dann noch ein bisschen mehr, und dann dachte ich, ich sei zum Blogschreiben zu müde, und schrieb dann einen anderen Text. Über den Text schrieb ich “die wahrheit”, und dann löschte ich das, das war natürlich zu pathetisch, und die Kleinbuchstaben trösteten auch nicht über die Pathetik hinweg. Also ging ich ins Bett.

Was ich sehe: In der blauen Lagune: Menschen, die mich das Menschsein in Frage stellen lassen; alte Frauen mit rührenden Falten; Dampf; dieses Blau, dessen Farbe klebrig ist. In Island: Mondlandschaften, über die ich mich ärgere, als könnten sie persönlich etwas dafür, dass das Herz nicht mehr höher schlägt; Licht über dem Meer, da ist die Sache anders mit dem Herz; Schneeklekse, in die ich hinein rennen will, immer noch; Menschen, die wie Wikinger aussehen, ohne dass sie sich Mühe geben müssen; Im Computer: Bilder, die mich staunen lassen, obwohl schon so häufig; Worte, die ich löschen möchte oder ausdrucken, manchmal im selben Moment; noch mehr Bilder, ein paar davon sind wie festgehaltene Gefühle.

Was ich rieche: Nicht mehr die faulen Eier jedes Mal, wenn ich den Wasserhahn aufdrehe; Aprikosen-Shampoo in den Haaren des Kindes; kein Parfüm; den nervtötenden und beunruhigenden Gestank am Morgen; imaginär: thailänidsches und indisches Essen, Auberginen, Essen, das mir fehlt;

Was ich höre: Den Opernsänger von oben; die Worte, die ich nicht schreibe; die Worte, die ich lese und die nachhallen; Möwengekreische und Wind, während ich versuche, andere Geräusche zu sammeln; Erinnerungen; Sätze, die von Unsicherheit zeugen; Sätze, die hängen bleiben; Gefühle; den Ärger in mir; Fragen und Antworten; wie eine Isländerin mir einen Straßennamen zu buchstabieren versucht, aber die Buchstaben auf Isländisch benennt, so dass ich weder die Straße noch andere, mit denen sie es ebenfalls versucht, finde; das Geräusch, wenn eine Nachricht eintrudelt; das Geräusch, wenn Worte nicht ausgesprochen werden; das Klick einer Kamera; das Klick, wenn jemand sagt, es macht Klick, Klick, Klick; Musik in meinem Rucksack.

Was ich schmecke: Trockenen Fisch, obwohl ich den nicht einmal probiere; eine Sahnesoße über Nudeln; zu viele Karotten in dem Saft in der Blauen Lagune; die ätherischen Öle im Nasenspray, weil ich das Gefühl habe, es ist mittlerweile im ganzen Kopf, auf der Zunge, in den Augen, im Gehirn; Trockenheit, wenn ich nachts aufwache; dass das isländische Leitungswasser süßer ist als das in Deutschland, wenn ich nachts aus dem Bett steige, um der Trockenheit zu entgehen; gleich meine Lieblingskekse; sonst nichts.

Was ich fühle: Die Trockenheit der Hände, Island trocknet Hände aus und nicht nur die; dass Dinge in der Umkehrbarkeit vielleicht mit mehr Geschmeidigkeit funktionieren; nicht den Dampf, den aus der Erde und dem Wasser steigenden, obwohl ich den zu fangen versuche; dass das Schreiben entgleitet und nicht nur das; Ent- wie Verzauberung; dass ich das gut machen möchte; dass ich nicht schreibe; dass ich mir die Tischdecke an dem verschütteten Tabak merken werde, Island in Farben und Augen in dunkel; dass ich das gut mache, manchmal; dass Sätze nicht immer Sinn ergeben und nicht nur sie; dass Erinnerungen die an abschließende Feststellungen sind; dass es eine Sehnsucht nicht im Plural geben kann und nicht nur sie.

Morgens wache ich zu früh auf, der Schnupfen, und muss in diesem Halbwachzustand in Island an die Karibik denken, und kann plötzlich ein Gefühl in klare Worte fassen. Und schlafe dennoch nicht noch mal ein.

Island – 17. Mai 2016 – tagewiediese

Das ist die harte Wahrheit.

Auf einen Heuberg klettern, mit Dynamik und Verve. Bis oben unter die Steine. Und dann herunterblicken, und nicht mehr wissen, wie: wie man herunter kommt, und wie man das macht, dass der Kopf nicht schwindelt, und wie und warum man auf diesem Berg gelandet ist. So geht es mir manchmal auch mit dem Leben. Wir kommen dann doch runter, in Etappen, wie beim Umzug, erkläre ich den Kindern, vorsichtig herunter rutschen, auf einem Plateau warten, weiter in diesen kleinen, klar abgesteckten Schritten. Später ist man unten und stolz, und nur noch der Gedanke: Wenn es diese Parallele zum Leben gibt: Wo ist dann unten?

Das ist die harte Wahrheit.

Die Landschaft prasselt inzwischen draußen, sie existiert. Vielleicht ist Island wie eine Beziehung, die zu einer Selbstverständlichkeit verkommt. Das “Schau mal” wird zu einem “Oh”. Das “Oh” wird zu etwas, wofür man sich nicht mehr die Mühe macht, den Mund zu öffnen. Die Landschaft ist schön, nichtsdestotrotz. So ist es eben.

Flúðir, eine heiße Quelle mitten im Nichts. Früher kannte sie kaum einer, und die Einheimischen beobachten die Quelle, in der Suche nach Momenten, in denen die Touristen nicht da sind. Sie zählen die Touristen wie Eindringlinge.

Das ist die harte Wahrheit.

Sich mit Dingen abfinden, durchatmen. Durchatmen lernen. Das Durchatmen üben. Die Reihenfolge wird eine andere sein.

Das Leben als Möglichkeit leben, Ängste ablegen. Sich zufrieden geben mit Mittelmäßigkeit, beides am selben Tag. Ich könnte was sagen, ich könnte was schreiben, ich könnte lachen, und ich lasse es sein.

Das Beste, was ich geschrieben haben werde, habe ich vielleicht schon geschrieben, es liegt in einer Kiste, auf einer Kommode. Wenn ich hinausgehen würde damit, ist es wie mit dem Heuberg, wie mit meinem Leben, ich renne und drehe mich erst am Ende wieder um.

Es gibt Momente, besondere. Dazu gibt es die Frage nach dem Wann. Die Frage darf man manchmal stellen und manchmal nicht, das Leben ist ein einziges Manchmal. Aber es ist nicht das Leben, was ein Manchmal ist.

Durch eine Lavahöhle kriechen. Durch eine Lavahöhle rollen. Es ist kalt und gut und manchmal stößt man sich den Kopf, aber man trägt einen Helm. Die Freude über getrocknete Fische. Die Tränen über eine Tüte Pommes. Das Glück über ein gelungenes Bild. Die Bewunderung, die in zu viel Emotionalität gekleidet wird. Das Hähnchenfleisch im Wok.

Es gibt Momente, besondere. Manchmal gibt es sie nicht. Der Gedankenaustausch beginnt, wenn es schon ganz leise ist.

Das ist die harte Wahrheit, und ich bin nicht diejenige, die das sagt.

Island – 15. Mai 2016 – Umzugstag

Umzug in die neue Wohnung. Die Sachen sind schnell gepackt, obwohl es so viele sind. Die Bilder reiße ich erst am Schluss von den Wänden. Es war das erste Apartment, es war ein Leben hier, vielleicht war es ein Test. Ein langsames Ausprobieren, das nicht ausgesprochen gehört. Die Bilder reiße ich erst am Schluss von den Wänden und tue so, als hätte das keinerlei Bedeutung.

Dass die Dinge ins Auto passen, macht keine Mühe, es hat mit Denken zu tun. Packen ist eine Frage der dreidimensionalen Geometrie. Praktibilität ist eine Tatsache für mich. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Vor dem Umzug noch einmal sitzen, das ist so ein russischer Brauch: Dass man sitzt vor einer Abreise, das bringt Glück, oder verhindert das Unglück, wobei Zweiteres streng genommen für manche auch Ersteres sein kann. Sitzen zieht Erinnerungen nach sich.

Eine kurze Fahrt zum neuen Apartment. Vor dem Haus ist eine Baustelle mit Grube, und hinunter führt eine steile Steintreppe, Souterrain. Aber im neuen Apartment Licht, eine verworrene Gemütlichkeit und kein Teekocher, keine Kaffeemaschine und kein Nudelsieb. Ich koche dennoch Nudeln.

Heute ist so ein Tag der Praktibilität. Abends, um halb acht sitze ich am Küchentisch, eine halbe Tiefühlpizza mit Pesto und Mozarella und stelle fest, dass ich heute noch gar nicht gesessen bin. Gestern habe ich gar nicht geschlafen. Heute ist so ein Tag der Praktibilität, er wird mit praktischer Freude an dieser beendet. Blicke haben hierbei nichts zu suchen. Ruhe im Karton, vielleicht sagt man auch dazu: Gesundungsprozess. Mein Schnupfen ist übrigens wieder da, vielleicht ist er auch nie gegangen.

Hör niemals auf, dir Mühe zu geben, das ist ein Gedanke jetzt beim Schreiben. Jetzt beim Schreiben ist es nach elf, ich habe geschrieben, ich habe kein Wort gemocht. Alles geschrieben haben. Es ist wie mit den Vulkanen, die an Herrlichkeit verlieren. Alles gesagt haben, inhaltlich. Alles erprobt haben, an Worttänzen. Das Wort Worttänze gebrauchen, also bitte, wo sind wir hier. Auch alles über diese Art von Zweifel gesagt haben. Alles. Ich habe geschrieben, damit ich schlafen kann.

Jemand anderes hat mein Kästchen verschickt. Was mache ich eigentlich hier.