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Five Minutes a Day _ 01022018_Frankfurt

Workshop, Teil zwei. Ein Wochenende, zwölf Schreiber und ich. Diese Stimmung, getippte Worte, Stifte auf Papier, gerieselte Geschichten. Ich höre zu, ich lausche, ich mache Notizen. Der Tag verrennt in Minuten. Ich möchte schreiben, ich hab zehn Anfänge im Kopf. Ich möchte wieder siebzehn sein, ein bisschen. Ich wäre dann vielleicht ein bisschen verliebt. Ich schreibe Satzanfänge. Ich lese, später. Ich laufe durch Frankfurts Straßen, die Stimme meiner Mutter im Ohr. Es ist gut, diese Stimme im Ohr, heute ist es gut. Am Tisch sitzen mit D. und F. (und Namensabkürzungen hassen). Wie früher, und anders, und F. ist jetzt größer als ich, und früher war er ein kleiner Junge, und wenn er ins Bett ging, dann machte er eine große Runde und gab uns allen einen Kuss. Wir waren Freunde, er und ich. Jetzt umarmt er mich, von oben. Er hat noch dasselbe Lächeln. Abends im Hotel, heute keine Musik, dieses selbe Gefühl, zu viel wollen, alles wollen. Einen Pulli haben wollen und mutig sein wollen, im Schreiben, und auch sonst. Wissen und mögen wollen; sich Sorgen machen. Angst haben ein bisschen, all das. Ich weiß nicht, was morgen Abend ist.

Was noch ist: Ich muss einen Vortrag schreiben, bis Mittwoch. Mittwoch halte ich ihn. Ich hätte Angst, sagt D., wenn ich noch nichts geschrieben hätte.

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Frankfurt, spätabends. Das Schreiben ist eine Fingerübung. Als würde ich Klaveir spielen, tue ich aber leider nicht. Gehört zu den Dingen, die ich gerne tun würde. Noch lieber wäre mir malen können. Malen können wäre schön. Zeichnen. Irgendwas in der Richtung. Große Leinwände oder kleine, gespitzte Bleistifte. Bin spät angekommen im Hotel, halb zehn. Einmal runter in die Sauna, dort war ein einzelner, behaarter, nackter Mann. Die Sauna war im Keller, und neben der Sauna der Fitnessraum, ich dachte, wenn ich da schreie, hört mich keiner. Dann dachte ich, ich darf das nicht denken, aber dann hatte ich das schon gedacht. Wieder zurück in das viel zu kalte Zimmer. (Versuche immer noch, das Zimmer aufzuheizen). Versucht, den Room Service anzurufen, da ging niemand ran. Ewig. Einmal Ceaser Salad bitte, aber niemand geht ran. Also raus ins Restaurant, um dort zu bestellen. In Schlafnazughose und Pulli. Die Leute guckten komisch, aber die Schalfanzughose ist eine Art blaue Jogginghose, das gehört zum Trend, das tragen andere zur Arbeit. Jedenfalls den Salat bestellt. Zurück im Zimmer: Das geht zu einem Club hinaus. Oder zu einer Party. Erst Michael Jackson, dann “It‘s raining men“, dann noch so ein altes Lied aus den Jahren, in denen ich noch in Clubs ging, die wir damals Discos nannten. Oder nannte nur ich sie so. So laut, dass ich nicht schlafen werde können. Der Salat war etwas versalzen, später dann.

Berlin – München – Göttingen, alles an einem Tag/07/11/2018 – Five Minutes a Day

Zwei Seiten Roman geschrieben, vielleicht für die Katz. Ich weiß nicht, warum man das so sagt mit den Katzen. Jemand, den ich mag, hat einen Hund weg gegeben, heute. Ich hadere damit, vielleicht mehr als sie. Alles hadert in mir. Ich habe den Hund nie kennen gelernt. Da ist noch mehr, ich weiß nicht, ob ich es aussprechen kann, das Mehr.

Außerdem gedacht: Wann war das letzte Mal ein großes Gefühl, und hatte ich das schon einmal, so wie jetzt, diese Angst vor einem Verlust von Gefühlen. Das ist eine Angst, der ich keine Gegenwart erlaube: Der Verlust von Gefühlen. Ich gebe mein Bestes und schreibe später mit. Ich schreibe die kleinen Schönheiten auf.

In der S-Bahn, Teenager. Einer zieht sein Sweatshirt aus, da, wo das Herz ist, links also, steht Head. Willst du die Story dazu hören oder willst du nicht, die Story, fragt er das Mädchen neben sich. Sie zögert, sie will nicht. Ja, nein, sagt sie. Ist eine geile Story, sagt er. Dann erzählt er, ich steige aus, mitten in der geilen Story. Ich interpretiere nichts hinein, das ist keine lebende Metapher.

Ich sehne mich, nach alten Gefühlen, Metaphern. Nach Texten mit Bedeutung.

Berlin, 06/11/2018 – Five Minutes a Day

Erkältungen in Großstädten, weitab vom Bett. Ich will nicht jammern, ich will nicht, dass die Nase schmerzt. Die Nase ist voll, ich bin voll, dieses Überquellen. Lass mich los, lass mich schlafen, lass mich nicht, zieh nicht immerzu an mir. Nimm mich jemand in den Arm, sag mir, dass ich das darf, ruhen. Jemand, der mich fragt, wie es mir geht, wie es läuft. Jemand, der mich nicht fragt. Ich weiß nicht, wie sich die Personen im Kopf vermischen.

Mittagessen, indisch, ganz miserabel. Autoren, gute, und dieses große Gefühl, dass man nicht alleine ist. Der Anfang vom Roman, das Schwerste. Wie man nicht weiß, wie die Bälle aussehen, die man jonglieren wird, das nächste Jahr oder Jahre. Wie sich alles vermischt. Bevor man zählen kann. Da macht es nichts, dass das Hühnchen schlecht schmeckt.

KrankZeiten, überlagernde. Meine Nase ist zu, aber das meine ich nicht. Sinne, entschärfte. Ich weiß nicht, ob sie Gefühle entschärfen. Ich will diese Tage nicht mehr zählen, den Ahnungen nicht zuhören. Ich will, dass alles schweigt, und mich gut gut fühlen, geborgen, in einem Gefühl.

Five Minutes a Day – Kassel-München – 25/08/2018

Zug verpassen im Regen, ich weiß nicht, ob es ohne Regen einfacher wäre, den Zug zu verpassen, wahrscheinlich nicht. Ich friere, scheinbar von innen. Wie lange dauert eine Zigarette, ich haue einmal gegen dieses Ding, dessen Namen ich nicht kenne, dieses Ding, wo sie den Streusand aufbewahren, also das, was sie auf Schnee streuen. Als wir herunter gerannt kamen, stand er noch da, der Zug. Einmal mit dem Fuß dagegen, es hilft nichts. Einen schwarzen Tee trinken gegen den Ärger, dann weiter leben.

Im Zug ist mir schlecht, Kopfweh und schlecht und Schwindel, in letzter Zeit häufig im Zug, dieses Gefühl. Ich weiß nicht, ob ich älter werde, oder des Fahrens überdrüssig, zu viele Fahrten, zu viel Leben, das an einem vorbei zieht im Fenster. Abends kommen meine Eltern, für die ich, aufgrund der Zugverspätung nicht gekocht haben werde, ich werde sie beherbergen, ich werde versuchen, es liebevoll zu tun. Alles wartet, im Computer warten all diese ungetanen Dinge, es sind so viele davon, so unendlich viele. Das erste Mal nach einem Monat nachhause kommen für länger als vierundzwanzig Stunden, ein sonderbares Gefühl. Sich die Wohnung für mich alleine wünschen, wenn ich hinein kriechen könnte, ins Bett, und lesen, und gucken, und schlafen, und nichts. Es wartet immerzu alles oder jemand auf mich.

Abschiede sind sehr sonderbare Tiere, sie knurren, und man weiß nicht, ob man sie streicheln darf. Das eigene Abschiedsgefühl ist einfach: Es sitzt im Bauch und sagt wenige Worte. Das andere Abschiedsgefühl kenne ich nicht. A6E5407C-A283-4BD7-9AE6-55E46A6D321E

Five Minutes a Day – Göttingen – 22/08/2018

Diese Wespen und Bienen, die ich nicht voneinander unterscheiden kann, sie erstürmen den Sommer. Das sage ich, weil eine gerade meine Cola klauen will. Auf einer Terrasse des Hotels sitzen, Schullandheim worüber, die Müdigkeit, aber auch die Realisierung danach. Wie sie da saßen und schrieben, und wie sie sagten, dass sie weiter schreiben wollen, längere Geschichten.

Jemand schreibt mir, ich soll tanzen lernen.

Ich schreibe, täglich, zwei Seiten Theaterstück, zwei Seiten Roman, an einer Reportage. Ich schreibe, nichts von dem, was ich schreibe, finde ich gut. Jemand (anders) schreibt mir, ich soll transgressiv, wütend, sexuelle, wütend und echt sein, wenn ich fürs Theater schreibe. Das gilt für jedes Schreiben wahrscheinlich, und ich gebe ihr innerlich (und per SMS Recht) und weiß nicht, wie ich das in Worte übersetze. Beim Roman schwimme ich, beim Theaterstück sind die Zweifel bewusster.

Ein Wiedersehen, eine Tür, die aufgeht. Ich trage eine weiße, bulgarische Bluse. Sich gegenüber stehen, sich ansehen. Alles denken. Die Tür geht zu. Im Hintergrund läuft Musik, später Werbung von Spotify. Warte, ich mach das aus, sage ich. Ist doch egal, sagt sie. Wir essen beiden Gnochhi, als wir später essen gehen, mit Mozarella und Tomaten.

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Five Minutes a Day – Irgendwo bei Göttingen – 21/08/2018

40A749B6-3D49-4AB8-9A09-7D18D00820B9Diese Ruhe, das Geräusch, das die Stille ist. Blätter rascheln manchmal, Seiten, die blättere ich um. Der Teekocher aus der Küche, mein Stift, die Tastatur, keine Menschenstimme, keine Stimme von Menschen. Vögel reden miteinander, so zart in ihrem penetranten Geräusch. Fliegen summen, vielleicht sind es auch Bienen oder Wespen. Menschen sind weg, diese Ruhe, das Geräusch der perfekten Stillsamkeit für mich. Ich schreibe. Ich lese. Gedanken rasen, Worte nicht, alles wie immer.

Schullandheim, immer noch. Sie machen einen Spaziergang, ich gehe nicht mit. Ich bin des Lärmpegels müde, dieser Geräusche, dieser Gespräche, die kein Gespräch sind, sondern ganz viele parallele. Dazwischen die wichtigen Momente: Der Junge, wie er sich freut, als ich ihn lobe, der, der vorher fünf Mal sagt, sein Text sei dumm. Es gibt keine dummen Texte, vielleicht gibt es sie doch, aber seiner ist nicht einer davon. Dieser andere Junge, der schreibt und Fragen stellt und noch mal schreibt, und der andere, der gut erzählt, ich weiß nicht, warum mich die Jungen diesmal mehr beeindrucken. Dieses Bild, wenn sie alle ihre Köpfe über Notizbücher beugen, wenn sie eintauchen in eine Welt, die sie zu hassen meinten, dieses Geräusch der Kugelschreiberminen auf Papier. Manche nehmen einen Bleistift, aber eigentlich achte ich nicht darauf.

Dazwischen schreibe ich, zwei Seiten Roman, zwei später zu weg schmeißende Seiten, Theaterstück, ein Artikel. Der Versuch, ein Leben zu führen, wie immer, eines, das zwischen das tatsächliche passt.

Five Minutes a Day – Irgendwo bei Göttingen – 20/08/2018

Schullandheim, wie früher. Auch das Gefühl dasselbe. Diese Unsicherheit, bei der man so froh war, sie überwunden zu haben, dieses Gefühl, das vergessen schien. Als wüsste ich nicht, wer ich bin, und ich merke, dass ich selbst im Deutschen stolpere, dass der Akzent wieder da ist, als wäre ich wieder die: Die Elfjährige, die kein Wort versteht, die Zwölfjährige, die eine Klasse überspringt, die erst gerade gewonnenen Freunde verliert. Die Dreizehnjähirge, die das Leben so sehr hasst, dass sie um sich schlägt, die Vierzehnjährige eben im Schullandheim, die, über die sie lachen, am Tischtennistisch, damals. Das war damals, heute ist heute, heute gebe ich ein Schreibseminar, und sie schreiben dann alle, so fleißig, von oben sehe ich nur über den Tisch gebeugte Köpfe, sie sind dabei, sie machen das gerne, und sie machen das gut, was vielleicht heißt, dass ich es gut mache, aber stattdessen bin ich wieder vierzehn und weiß nicht, wie man das wird, wieder groß.

Ver-sprach-l-ich-t, das habe ich heute geschrieben, dass darin auch das Ich steckt, ich weiß nicht mehr, warum mir das gefällt.

Ich weiß nicht, wie man Vermissen ausdrückt. Man möchte nie der sein, der mehr vermisst.

Einer der Jungs hat sich heute von seinem Taschengeld einen Comic gekauft, das ist schon so lange her, dass ich sie gesehen habe, obwohl es erst gestern war. Alles ist so lange her.

45 Stunden schreibe ich, ich weiß nicht, ob das von Bedeutung ist. Manchmal habe ich Angst, dass mir die Dinge zu viel bedeuten. Jemand klopft an die Tür, die Pizza ist da, die fürs Abendessen.

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Five Minutes a Day – München-Göttingen – 20/08/2018

Das Bild ist von gestern, oder von vorgestern, es könnte aber auch von vor Tagen sein, vor Wochen. Im Zug, München-Göttingen, diese plötzlich so alltägliche Welt. Alles wieder da, dieses deutsche Grün, diese Sprache. Vorgestern eingeschlafen, der Regen klatschte, das Fenster offen, und unten, aus dem Restaurant, von der Terrasse schwedische Stimme. Wie „Kiss myg“, der Film, direkt vor dem Fenster, für mich. Hier wieder Konto checken, To-Do-Listen, und Nachrichten, in denen ich lese, dass die AfD die Behinderten zählen will, und man in Berlin Rudolf Hess gedenkt, und wie kann der Himmel so blau sein, trotzdem.

Dort bleiben wollen, der Fluss und die Birken, wie Datscha, ich weiß nicht, was Datscha auf Schwedisch heißt. Das Schreiben lasse ich noch nicht zu, dann können die Erinnerungen noch mir gehören, dann kann sie niemand in bessere, erklärender Sätze stecken, niemand mäkelt daran herum. Diese kostbaren Momente zu dritt, bis sie mir entwachsen, unsere Reise, nur wir. Wie sie herum rennen, die beiden, und wie ich es bin, die plötzlich rennt. Ich tue das nicht ihnen zuliebe. Am Ende schlafen sie ein, neben mir, rechts ein Kopf auf der Schulter, links auch.

Das Wiedersehen zuhause: Erst beim Klingeln merken, dass das Herz klopft. Und nicht wieder gehen wollen, auf gar keinen Fall. Es ist so schön, ich freue mich schlimm. Schlimm schön oder schön schlimm oder beides?

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Irgendwo in Bullerbü – 13/08/2018 – Five Minutes a Day

Ich renne, irgendwann renne ich dann. Ich tue es nicht für die Kinder, es ist kein Spiel, das ich mit ihnen spiele, es ist meins. Um den Apfelbaum herum, um den Riesenstein, von dem wir, die wir keine Erwachsenen sein wollen, später sagen werden, Pippi Langstrumpf habe ihn her geschleppt. Das Lachen, meines hat sich in das der Kinder gemischt. Es wird ganz langsam dunkel, gemächlich. Der Wald riecht, so wie Sommer zu riechen hat, ein Geruch, den ich früher im Duschgel wieder zu finden versuchte: Nach Tannennadeln. Blaubeere—Sträuche im Wald, ausgetrocknet, und wie sich das Moos bewegt, wenn man hinein tritt. Ich weiß nicht, wie man die Ruhe nennt, dieses eine Gefühl, wie Datscha, wie Lachen, wie alles und jetzt. Astrid Lindgren im Leben, und ich pfeife auf Klischees, weil Klischees ein Wort ist, das Erwachsene erfunden haben. Schweden-Romantik, pfui, würde Pippi sagen, und sie hätte, verdammt noch mal, Recht damit.

Ich ignoriere auch, was ich gehört habe, und von dem ich nicht weiß, wie ich es weiter geben soll.F8CC1BCD-8C27-488F-B7A0-CFB74C24CFE1