von lena.gorelik

Berlin – München, 040416, 21.58 Uhr – Five Minutes a Day

Ich will zurück, zurück, zurück, zurück, singe ich, beim Zähneputzen und beim Anziehen und beim Packen. Und so weiter und so fort, und ich lache mich selbst aus mit dem Gesang, weil ich das nicht kann: Zurück, weil sich Zeit nicht drehen lässt.
Gestern sind wir raus gegangen. Wir liefen durch den Schlosspark, und mit jedem Schritt wurde die Festigkeit in den Boden gestampft, und es ging. Da waren Blumen, dann waren da noch Gänse, und dass ich die Namen der Tiere immer nicht weiß. Wir saßen dann im Gras, C. hinter mir, J. vor mir, und um uns herum saßen noch verliebte Paare, und wir lachten ein bisschen, weil wir dachten, sie fänden das alles romantisch, und einmal kletterte J. in den Baum, überraschend elegant. Er sah gut aus, dort im Baum. Später aßen die beiden Schnitzel und ich grüne Soße, alles war gut, weshalb ich nicht zu O. fuhr, alles war gut, aber nur bis dann: Und dann.

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Und heute also der komische Gesang, und über den Wolken kriege ich Angst, und nach dem Flugzeug ist das Leben, später kommt dieses Erwachsen, dieses Ich kann das schon, als wäre ich ein Kind. Manchmal ist es einfacher, und manchmal ist es schwerer, wer bin ich, wer will ich sein, und wie ist das passiert. Wie ist das alles passiert. Also konzentriere ich mich aufs Leben. Die Paarstücke sind in Berlin geblieben.
M. im Park, und das Selbstbewusstsein, dass ich bin, und dass ich gut bin, und manchmal ist da doch kein Boden unter den Füßen, außerdem sind da Erinnerungen an die guten Zeiten, an die ohne Fragen. Und das Wissen um Morgen, aber es geht nicht um mich. Nicht um mich.

Berlin, 03042016, 13.03 Uhr – Five Minutes a Day

Ich schreibe ja neuerdings so, mit dieser most dangerous writing app, wenn man auch nur für drei Sekunden das Schreiben unterbricht, dann ist alles, was man geschrieben hat, weg, also tippe ich jetzt, wie eine Verrücke, wie eine Besengte in die Tasten, und dann unterlaufen einem Fehler, über die man nicht mehr nachdenken kann, so wie der: Dass es doch nicht heißt, dass man in die Tasten tippt, sondern haut; und dass man vielleicht nicht besengt ist, wenn man das tut. Aber man tippt, und das ist viellicht – manchmal – gut so.
Es ist ein Verdruss. Ich sitze auf J.’s Bett, während er am Schreibtisch sitzt und arbeitet und so atmet, wenn er arbeitet, konzentriert, und die kleinen Seufzer sind Anfälle von Anstrengung. Und ich sitze und tippe und wackle dabei, weil sich alles wackelig anfühlt in diesen Tagen, und ich ahne nur, warum. Ich sitze und tippe, und gebe mich einem schwachsinnigen Experiment hin.

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S. hatte geschrieben, dass man anfällig ist nach einem Streit, und so fühle ich mich, pustet doch, pustet, und dann falle ich um. Vielleicht puste ich probehalber auch mich selbst an, und man schleicht umeinander herum, und der Kopf sagt das Eine, was das Herz nicht sagt, und andersherum genauso, aber sie reden nicht miteinander, und ich sitze hier auf dem Bett und bin unruhig, und will das doch gar nicht und auf gar keinen Fall sein. Bitte. Und ich weiß nicht, was morgen, und also denke ich vorsichtshalber nicht darüber nach. Und ich schiebe alles so ein bisschen her, auch dieses eine Telefonat. Draußen ist strahlender Sonnenschein, und man könnte so tun, als wäre man das nicht: Ein Zonenmädchen, das sich in diese Zone begibt, das hat J. so formuliert. Man könnte, aber man kann nicht.

Paris, 22.03.2016, 23.43 Uhr – Five Minutes a Day

Paris. Lesen. Reden. Essen. Rotwein trinken, zum Mittagessen schon, und sich daran freuen, in Frankreich zu sein. Lachen. Lustig machen. Nachdenken. Und reden. Abends lese ich im Maison Heinrich Heine zusammen mit Olga Grjasnowa, was eine Freude ist, ein Ballspiel, bei dem die Bälle mit einer solchen Leichtigkeit fliegen, wie sie es beim Tennis bei mir nie tun würden. Von den offensichtlichen Parallelen abgesehen, stellen wir fest, dass wir beide über schwierige Frauen schreiben, die außer uns niemand mag. Die Männer bringen wir ums Leben, ich nach vier Seiten, und sie sagt in diesem ihren eigenen Charme: Meiner hat 30 Seiten länger überlebt, das ist der einzige Unterschied. Die Männer ums Leben bringen, und die starken Frauen leiden lassen, während sie so tun, als brächten sie anderen Leid. Der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland: Nach der Lesung gibt es köstliche Petit Fours, und lange steht man noch herum, und ein israelischer Philosoph mit viel Charme erzählt von seinem Vater aus Teheran, und irgendwie stimmt alles, ohne sich Mühe zu geben. Morgens war Brüssel. Darüber schreibe ich, erst im Kopf, dann auf Computer, und dann, allen Vorhaben zum Trotz, nicht zu Ende. Dazwischen war eine Verzweiflung, die sich breit machte und keinen Raum für irgendetwas anderes ließ, noch nicht einmal zum Atmen. Der Rotwein beim Mittagessen brachte Erleichterung, und abends fallen einem die Augen zu, was passiert hier eigentlich, mit Europa. Und was passiert hier eigentlich, mit mir. Und was passiert. Hier. Eigentlich.

München, 21.03.2016, 22.15 Uhr – Five Minutes a Day

S. schenkt mir die Schreibbücher, eins für Listen, eins für Träume. Vielleicht ist das Leben das Zwischending, das sich zwischen Listen und Träumen abspielt, und vielleicht ist es einfach die Mischung, Listen von Träumen. Oder Träume von Listen. Wir verlassen den Buchladen im Dunkeln, das neue Buch von Grossmann habe ich auch geschenkt bekommen, und mit einem neuen Buch in der Tasche fühlt sich die Welt ein ganz klein bisschen weniger schlimm an, so einfach bin ich gestrickt. Die Welt ist heute nicht einfach, auch wenn das Leben fließt, und ich über mich selbst staune: Dass ich es mache. Und zwischendrin nur wie ein Mantra denke: So etwas will ich nicht hören, nicht hören, nicht hören. Nicht hören. Und dann schüttle ich mich ganz kurz wie ein nasser Hund, um Erinnerungen abzuschütteln. Sie kleben an mir, das Wasser war verdreckt. Kurz wünsche ich mir was: Dass es an der Tür klingelt. Kurz wünsche ich mir einen Schritt, einen großen. Und dann lache ich über mich selbst. Und dann lebe ich das Leben, und jeder Moment, in dem ich das tue, ist ein guter, bis ich mich freuen kann über Dinge und Menschen, und das Sushi schmeckt, und wirmachendas.jetzt. Ja, wir machen das. Jetzt. Und nicht nur diskutieren, sondern tun, und die Einigkeit hilft, weil es manchmal eine Stärke der anderen braucht. Abends lasse ich mir ein Bad ein, obwohl ich nicht baden will auf der Suche nach Ruhe und gegen die Leere meiner Wohnung am Abend. Ich lese gerade Kirsten Fuchs, mit Angetanheit. Sich wie früher in Büchern verlieren.

19. März 2016, Leipzig – München, 11.07 Uhr – Five Minutes a Day

Früh in den Zug, und warum ist es so, dass, wenn ich tue, und schreibe und arbeite, und manchmal auch so tue als ob, ich mich so viel besser fühle, als gestern. Und dann diese Erwartungshaltung, die eine Ahnung ist, oder ein Ankreischen oder etwas dazwischen: Das wird heute böse enden, aber ich weiß noch gar nicht, was. Die Vorsicht ist eine ahnungslose, und etwas in mir sagt, ich höre nicht auf mein Gefühl. Ich möchte aber, unbedingt. Da warten zwei, auf mich, und irgendwie muss ich versuchen, das Beste, es fällt mir nicht ein. Das, woran ich übrigens schreiben sollte, die Miniaturen, das Buch, den Brief, den Artikel, daran schreibe ich natürlich nicht, tue aber erfolgreich so, als hätte ich bereits seit Stunden gearbeitet, wie erbärmlich. Jetzt gleich, aber erst einmal hole ich mir einen Tee. Ich will lesen, einfach nur. Und schreiben will ich, eigentlich, ohne Zeitdruck, irgendwo, wo die Sonne scheint, aber nicht zu sehr, und ein Anblick von Felsen, und dieser Traum, entführt werden in eine andere Welt, in der ich Welten erschaffen könnte. Vor mir liegt Island. Außerdem: Dass ich mich verhaspele im Leben, wie andere sich in Sätzen verhaspeln, immer zu viel, bis es auch mir zu viel wird, und ich über mich selbst stolpere. Lernen durchzuatmen und es nicht können. S. geht es genauso, schreibt sie, darüber muss ich lachen; und F. schreibt, dass er sich überlegt, ob er auf der Buchmesse zu einer Party geht oder ins Hotel, fernsehen, und darüber muss ich auch lachen, ich bin nicht alleine auf dieser Welt. Dieses atemlose Schreiben hier, dieses, was wie das Leben ist und auch wie die Zugfahrt: Es rast, und vor den Augen dreht sich alles, nur nicht nebenbei aus dem Fenster schauen, sondern direkt, sonst wird mir schlecht. Mit dem Leben ist es ähnlich.

18. März, 23.02 Uhr, Leipzig – Five Minutes a Day

Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl. Diese Sehnsucht nach zuhause, eine kindliche, aber als ich der Sehnsucht Worte ausleihen will, damit sie sich äußern kann, fällt mir nicht mehr ein, welches Zuhause ich denn meinte. Also bleibt eine einfache: Die nach einer Decke, nach meiner, einer Wärmflasche und den Gilmore Girls in Endlosschleife, und jemandem, der sich liebevoll über die Wahl der Serie lustig macht. Und mir Tee bringt und Zwieback. Den gesüßten. Dann sitze ich vor dem Mikrofon, und die Krankheit verschwindet wie magisch, sie macht die Tür geräuschlos hinter sich zu. Ich lese “In Betten”, diese eine Geschichte, jede Zeile, jedes Zittern, da ist sie, die Aufregung von früher, weil der Text neu ist, aber ich lege die Decke der Professionalität über sie, ich decke sie liebevoll zu. Nach mir liest der Autor, der aus dem polnischen Dorf stammt, ich habe ihn seit zehn Jahren nicht gesehen, er hat diesen Charme, diesen Schalk und den für beides obligatorischen Akzent. Er ist älter geworden. “Wenn wir schon vom Melancholie sprechen, wie ist denn das mit Ihre Heimat?”, fragt ihn der Moderator, und er und ich grinsen uns an wegen der für die Deutschen notwendigen Verbindung von Heimat und Melancholie. Für uns lebt Heimat in der Melancholie und die Melancholie in der Heimat, und vielleicht schreiben deshalb die Deutschen über uns immer, wir hätten Humor gepaart mit Melancholie. Jetzt mache ich schon diese Unterscheidung: Die Deutschen. Was für ein unsinniger, melancholie- wie humorloser Blödsinn.

12. März, 11.00 Uhr, Nordhorn – Hannover

Die Polizei im Zug lässt einen Mann mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Haaren und einer Haufarbe, die auf eine nicht nordeuropäische Herkunft hinweist, seinen Pass und seinen Rucksack vorzeigen. Sie holen alles heraus, er lächelt, bereitwillig, zu nett, denke ich, dann schauen sie sich noch die Papiertasche an, in der ein Geschenk steckt. Was ist da drin, der Polizist, dem die Freundlichkeit offensichtlich in seinem Beruf – oder war es sein Leben – abhanden gekommen ist, und der Mann antwortet, was offensichtlich ist: „Ein Geschenk“. Und fügt hinzu „Sie können es aber aufmachen, wenn Sie wollen“, und ich will aufspringen, aber die Polizei winkt ab und geht. Sonst wird hier im Wagen niemand kontrolliert. „Haben Sie begründet, warum sie Sie kontrolliert haben?“, frage ich den Mann. „Nein, aber Sie sehen alle, alles ist mit mir in Ordnung“, antwortet der und schaut sich entschuldigend um. Keiner blickt hin, und er lächelt mich an, und ich weiß jetzt auch nicht weiter, und auch nicht, wie ich formulieren soll, ausnahmsweise nicht, deshalb sage ich ganz vorsichtig: „Das sollten die nicht tun, Sie kontrollieren.“ Nach Aussehen, füge ich nicht hinzu dafür finde ich keinen schönen Begriff. Passt schon, ist die Antwort. Und dann setzt er sich einfach wieder hin.

Kunstwerk I

Gestern habe ich ein Kunstwerk gebaut. Aus Naturmaterialien, und wenn ich es richtig im Kopf habe, aus Serviettenresten, von denen ich dachte, wenn das ein Stück eines Hemdes eines Flüchtlings wäre, dann hätte das Kunstwerk eine politischer Bedeutung. Dann wehte der Wind das halbe Kunstwerk auseinander, woraufhin ich dachte (aber der Speicherplatz auf dem Handy war leer), das sollte ich filmen, das wäre dann Videokunst oder Kunst im Prozess oder sich selbst zerstörende Kunst. Dann dachte ich, dass das natürlich keine Kunst ist, aber Kunst wäre, hätte ich den entsprechenden Namen. Das hier ist mein Kunstwerk.

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Versatzstück 1 im neuen Jahr

Zuletzt ist das Leben zu einer Ansammlung von Versatzstücken geworden, so dass ich mir die sehr theoretische Frage stellen musste, ob diese Tatsache auch die Art zu schreiben verändern müsse, zwangsläufig. Eine gleichermaßen müßige wie geschwafelte Frage, weil de facto schrieb ich nicht mehr, oder nicht mehr so.

Ich dachte an einen Roman, dann dachte ich in Anfangssätzen. Dann dachte ich in Versatzstücken, die beliebig in eine Ordnung gebracht werden könnten, am Ende ergeben sie einen romanähnlichen Sinn. Etwas für geübte Leser, würde jemand sagen, der mir Bücher schenkt, eben Bücher für geübte Leser. Ich wehre mich bei dem Gedanken, dass das Lesen geübt werden muss, liebende Leser schlage ich vor, süchtige wäre zu platt, wir diskutieren ein wenig darüber, aber jedes Buch, das sie mir schenkt, ist zum Abschreiben gut. Die Versatzstücke könnte man auf einzelne Seite drucken, der Leser setzte sie nach Gusto zusammen, die Ordnung könnte endlich eine Unordnung sein. Jeder liest sein eigenes Buch. Es ist revolutionär oder dumm, es ist ein Konzept, und jeder Verlag sagte sicher: In der Herstellung leider zu teuer.

Anfangssätze, mögliche:

Zuletzt ist das Leben zu einer Ansammlung von Versatzstücken geworden.

Die Couch war rot, ich schlug, als ich mich hinlegte, die Beine übereinander, ich redete, ich würde gerne sagen: Nicht viel.

Es gab von ihr zwei, und wenn ich die Tür öffnete, dann wusste ich niemals, welche. Von mir gab es auch ständig zu viele.

Wie er da sitzt und zuhört, und sein Lachen ist unsicher, so wie es meine Worte sind.

Die Frage nach dem Subjekt in meinem Leben ist derzeit eine drängende, wer geschieht hier wem.

Heute ist der Tag abgegriffener Metaphern, sage ich, warum sage ich das nur.

Ich habe nicht: das Auto nicht getankt, nicht ans Telefon gegangen, nicht Nasenspray auf dem Tisch stehen lassen, ich habe nicht, ich habe nichts gegen die Vorwürfe gesagt, gegen ich habe nicht wie ich habe nicht gegen.

Sich verkriechen: Aus dem Leben heraus.

Wer zuerst lächelt, oder geschieht das zur selben Sekunde, und überhaupt aus demselben Grund,  beide lächeln sie, über einander, mehr als dass sie es miteinander tun, das ist die Freude, Kaffee steht auf dem Tisch, zwei Tassen.

Eines Tages hörte ich auf, verschwommenen Erinnerungen hinterher zu jagen, das ließ eine seeähnliche Ruhe im Bauch zu, und nur leise traute ich den Fragen hinterher.

Ich muss mich kon-zen-trie-ren, sagte der Sohn, so sagte er das, er teilte das für ihn schwierige Wort in Silben auf, der Vater trug einen Pullover in seiner Lieblingsfarbe, in einer, die die Mutter nicht verstand.

Ich sinke hinein, ohne jede Gegenmaßnahme, und auch ohne Gegenwehr.

Also gut, dann erobere ich eben die Welt. Und so fühlte sich das dann auch an: Dass ich die Welt eroberte.

Jede Sekunde, wollte ich sagen, jede Sekunde zählt, so einfach ist die Sache, ich sagte es dann lieber nicht.

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Berlin-Leipzig, 12/11/2015, jemand bat mich, über Heimat zu schreiben, oder darüber, wie man diese verlässt. also schrieb ich.

Das Wasser in dem blauen Wasserspender aus Emaille, dessen Farbe mit jedem Sommer immer mehr abblätterte, bis man es als gesprenkelt bezeichnen konnte, blau-rostbraun gesprenkelt, war eiskalt, Brunnenwasser, das in Eimern getragen wurde, nimm nicht zu viel, rief Großmutter, das war auf der Datscha. Die Birkenrinde zog ich mit einer für mich untypischen Geduld von den dünnen, in ihrer Fragilität traurigen Bäumen ab, eine Manie. Die schwarzen Vogelbeeren am Zaun verdrehten den Mund, eine zwiespältige Erfahrung zum Thema Genuss. Den Kopf über die auf Zeitungspapier ausgebreiteten, frisch gesammelten Pfifferlinge, Täublinge und Butterpilze beugen und den Geruch aufsaugen, und die Klebrigkeit der Pilze auf den Fingern.

Dann war ich weg. Was für meine Eltern mit wiederholten Fragen, langen Überlegungsprozessen, monatelangen Vorbereitungen und täglich beiseite geschobenen Zweifeln einher gegangen war, fühlte sich für mich, ein elfjähriges Kind, so an: Dann stand ich im Nachtzug am Fenster, der Zug verließ langsam und lärmend den Petersburger Bahnhof, Verwandtschaft winkte weinend am Gleis, dann war ich in Deutschland. Deutschland trug viele klischeegetränkte Versprechen in sich, Bananen, Barbies und Jeans. Deutschland war bunt, und an den Farben konnte ich mich lange nicht sattsehen: Die neongelben Fahrradhelme, die roten und gelben Heftumschläge in der Schule, das blaue Wasser im Freibad, und das Orangegelb der zu meiner Verzückung einzeln in Plastik verpackten Käse-Sandwichscheiben. Das Wunder Deutschlands war bunt, und es sollte dauern, bis ich das Schwarz-Weiß der Birken vermisste. Es war, wenn sie mir mein Gefühl nahmen, „du und deine russische Emotionalität“, es war, wenn sie das ihnen Fremde an mir entlarvten, es war, wenn es plötzlich sie gab und mich, und ich diese Grenze selbst niemals zog, dass die Sehnsucht in den Bauch kroch und sich von dort ausbreitete in die Zehen und Fingerspitzen: Heimweh. Es war, und es ist. Geräusche und Gerüche, Geschmack auf der Zunge vermissen, den, der Geborgenheit verspricht. Eine Melancholie, ein Sehnen etwas, was nie mehr sein wird, nicht auf diese unschuldige Weise. Oder doch? Ich will das versuchen, zurück in die Heimat reisen. Und Vogelbeeren mitbringen.