von lena.gorelik

Rinteln nach München, 26.09.2015

Zugfahren geht gar nicht mehr. Mir ist schwindelig und schlecht, als wäre ich nach Dresden gefahren, Neigetechnik, dabei ist es die übliche Strecke. Hannover – München. Die halbe Zeit döse ich, frierend, die Jacke erst als Kissen, dann angezogen und wünsche mich in mein Bett. Im Bett ist eine neue Decke.

Gestern, in dem Hotel-Kegelclub, in dem ich wissen wollte, ob sie noch etwas zu essen hätten, gegen zehn – hatten sie nicht – den Namen Gunter Sachs aufgeschnappt. Von einem mittelalten, schwulen Herren mit vielen Armbändern ums Handgelenk, einem sich selbst als solchen bezeichnenden Künstler, der zwei Frauen, die mehr aussahen, als gehörten sie in diesen Kegelclub Bilder seiner Kunstwerke auf dem Handy zeigte und sagte, das ginge so in Richtung Gunter Sachs. Was auch immer das heißt. Da horcht man auf, im Kegelclub.

Am Bahnhof einen sehr netten Punker mit Bierflasche in der Hand kennen gelernt. Wenn ich an meine Familie denke, dann ist da dieses warme Gefühl, liebevoll, würde man sagen, warm und wohlig und wollig auch, und die Liebe, um die ich weiß. Deren Liebe, deren Ziel ich bin, ist erdrückend und beruhigend zugleich. Darüber will ich schreiben, immer stärker der Wunsch, und das Wissen, dass ich wahrscheinlich nicht kann. Das Nicht-Kann ist eine Bestätigung der eigenen Empathie, weil es nicht ist: Nicht-Darf.

Morgens mit schlechten Erinnerungen aufgewacht, und nicht gewusst, ob ich nicht schon mit ihnen eingeschlafen ist. Sie sind wie Dämonen, plötzlich präsent und über das gesamte Hotelzimmer verteilt, da, wo Vertrauen war, sind nur noch sie. Halbdunkles Wohnzimmer, Einsamkeit auf einer Matratze, diese durchzechten, schlaflosen Nächte, diese Wochen des Rennens gegen die Wand. Erniedrigung wische ich beiseite im Versuch zu vertrauen. In Hotelzimmern auf Lesereise lasse ich immer den Fernseher laufen, ohne auch nur hinzusehen, die Stimmen – heute „Mord ist ihr Hobby“ – beruhigen, obwohl ich nicht hinhöre und nicht einmal auf den Bildschirm blicke.

Die Notwendigkeit einer Reise wird klarer und dringender. Durch den Osten fahren, I’ve seen the West. Nach Russland fahren, durch Russland fahren. Erst Piter, (liebevoll für: Petersburg) ganz klar, und dann drauf los fahren, ins Nichts, in die Tiefe der Unfreundlichkeit und der Kälte und der Herzlichkeit und des Gefühls. Oh je, da ist sie ja schon, diese russische Seele. Da ist er wieder, der russische Wolfshund. Ich muss plötzlich an das Foto denken, das mir A. schon vor einem Jahr aus den russischen Tiefen schickte, von absurd-riesigen Grabsteinen, auf denen die Luxusautos der Verstorbenen gemeißelt waren (oder wie diese Technik auch heißen mag). Mit A. nach Russland fahren, denke ich, weil er verstehen würde, und auch wann Lachen und Weinen angebracht ist, und wann beides zur gleichen Zeit. Und weil er sich genauso freuen würde, an mayonnaise-getränktem Kartoffelsalat, an Kaviar mit Blinis, an Pelmeni mit Saurer Sahne, an cremeüberfüllten Torten. Und Tee. Und Wodka. Auch so ein russischer Wolfshund. Ich schreibe ihm eine Nachricht. Bis Sibirien fahren. Oder nach Georgien herunter. Ich sehe Fotografien, ich sehe ein Fotobuch. Und Geschichten dazu. Gut wäre auch eine Reise mit meinen Eltern, sie kehren nach zwanzig Jahren zurück, drei Generationen, die Kinder das Land entdecken lassen, die Großeltern sprechen lassen, die Freude teilen sowie die Sehnsucht nach etwas, was nicht mehr sein wird. Und das in Fotografien festhalten lassen, back to the roots. Oder zu viel emotionales Geheul.

Im ersten Zug, einem der Nord-West-Bahn, sitzt eine Familie, die man als Asis-Familie bezeichnen müsste, wenn man denn dürfte. Übergewicht, die Kinder in rosa-leuchtend und cars-bedruckt gekleidet, der Vater das Ebenbild eines Alkoholikers, die Mutter sieht aus wie der Mann. Gemein. Aber: Die Liebe und die Geduld, mit der sie ihren Kindern begegnen, ebendieser Vater, der den kleinen Jungen beschreiben lässt, was dieser im Fenster sieht, aus den blonden Haaren seiner Tochter einen Zopf flechtet. Das ist die reine Liebe, die ohne pädagogisches Konzept.

Wenn man das Vermissen als Konzept ablehnen kann, weil man nicht sein will, jemand, der vermisst, so ist das nur eine vermeintliche Stärke. Oder es ist genau andersherum: Diesen Satz zu denken und zu notieren, sich damit eine vermeintliche Stärke geben. Muss es immer ein Kräftemessen sein, kann man sich Gefühlen nicht hingeben. Oder doch.

Beim Umsteigen in Elze – where the fuck is Elze – Flüchtlinge hinter Absperrband am Bahnhof. Feuerwehrmänner mit Kaffeepappbechern und gelangweilt darum herum. Männer und Kinder, und dazwischen Kopftücher aber nicht viele. Eine Stimme durchs Megafon, arabisch, Alemania, hört man immer wieder. Da ist sie, die neue Realität. Unwirklichkeit und Unmenschlichkeit sind die zwei Gefühle, die einen beschleichen, und beide lassen sich nicht erklären. Menschen hinter Absperrband.

Im Zug Judith Butler gelesen: „Durch das Sprechern verletzt zu werden, bedeutet, dass man Kontext verliert.“

Rinteln, 25.09.2015

In der S-Bahn sitzen, ins Nirgendwo fahren, sich nicht mehr die Mühe machen, aus dem Fenster zu blicken: Die Landschaften machen auf diesen Reisen schon lange keinen Sinn. Rinteln. Es klingt wie eine Krankheit. Sechs Stunde im ICE. Mails und Anfragen abarbeiten, abarbeiten ist der richtige Begriff. Weil er nicht nur über die Anfragen etwas aussagt, sondern auch über meinen Zustand. Lesereisenmelancholie, Lebenszwang. Das Ausgeliefertsein der Notwendigleit zu lächeln.

Der ICE ist überfüllt, Freitag, Herbstferienbeginn und unzählige Flüchtlinge. Es stinkt. Darf man Letzteres sagen? Ist mir egal. Der Personalmanager und ich handeln in aller Freundlichkeit und mithilfe von Händen mit den drei Flüchtlingen in unserem Anteil die Temperatur aus, sie müssen sich noch an die Kälte gewöhnen, zeigen sie uns, wir zeigen ihnen, wie die Heizung angeht. Der Manager trägt einen Kapuzenpulli, eine Rolex am Handgelenk und einen dieser Kopfhörer zum Telefonieren, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen. Es ist sonderbar gut. Später steigt ein Asiate hinzu, und als ich beim Aussteigen sein Knie ungemerkt mit meiner Tasche berühre, springt er auf und ruft mir ungehalten ins Gesicht „If you touch me, you should say entschuldigen!“. „Höflichkeit ist nicht jedermanns Sache“. Sagt der Personalmanager, nicht ich.

In der S-Bahn sitzen und J.s Zeilen lesen. Das erste Mal, dass ich mich bewusst daran erinnere, war Bernhard Schlink, und ich war für Bücher wie „Der Vorleser“ empfänglich, achtzehn Jahre alt und danach jauchzend, die Welt zu entdecken. Die Erzählstimme biss sich in meinem Kopf fest, alles, was ich sah, musste ich in meinem Kopf in dieser Stimme erzählen, ich wollte nichts anderes als schreiben, und traute mich kaum: Wie eine eigene Stimme finden, wenn man diese gehört, gelesen und gespürt hat. Ich las noch mehr, aber je mehr ich las, desto seltener passierte es mir: Dass sich jemandes Stimme in meinem Kopf festsetzte. Dass ich so schreiben wollte wie diese Stimme, und mich nicht traute, gerade deshalb. Jeffs Zeilen lesen und genau das denken. Ewige Gedankenmacherei, die fressende.

Vermissen. Und sich gegen das Vermissen sträuben, wegen des Konzepts. Rinteln. Die Trostlosigkeit spiegelt sich in der Dampf-Nadel wieder, eine Vollreinigung und Änderungsschneiderei in einem, und über den Namen hatte sich jemand Gedanken gemacht. Matratzen-Studio, Orthopädie, Copy-Shop. Das Ende Deutschlands. Dann, plötzlich, aus dem Nichts, die Weser, und dahinter Fachwerkbauten, eine uralte Stadtmauer, Backteinhäuschen, und zwei Kirchen. Rinteln ist schön. Der Taxifahrer sagt, die Brücke wurde zerbombt, „aber das haben die selber gemacht, damit der Ami nicht kommt“.

Das Hotel ist auch eine Kegelbahn, und die Frau an der Rezeption entspricht dem Klischee dieser Mischung. Die Sehnsucht nach zuhause bleibt heute klein, weil das Gefühl von zuhause fehlt. Manches lohnt sich, und manches nicht, und das Gefühl sagt einem eigentlich immer zielsicher, wie man das eine vom anderen unterscheidet. Wenn wir das doch alle könnten, dem Gefühl vertrauen, dem eigenen, dem der anderen, wäre dann die Welt eine bessere, oder ist es schon wieder ein Zuviel? Das Hotelzimmer ist braun, wie die meisten Hotelzimmer dieser Art, was für ein billiges Ende für diese Zeilen. Ist sie da, die Notwendigkeit zum Selbtszweifel, kann ich nicht einfach schreiben wie ich, J.’s Zeilen machen mich ganz verwirrt. Alles haben wollen, und sich fragen, ob das ein Traum ist. Müssen wir uns dem Lebenswahn hingeben, weil Beziehungen und Lebensverläufe sind wie sie sind. Obwohl wir nicht sind, wie sie sind.

Bei der Lesung in der Stadtbücherei: Goethe, Hesse und Brecht stehen unter Literatur, Asta Scheib und Isabel Allende aber unter Romane. In Schubladen stecken bzw. in Regale. Um kurz nach zehn zwinge ich mich aufgrund anhaltenden Hungers noch mal in die Kälte und esse eine Fajita. Die Menschen, die in der mexikanischen Cocktailbar sitzen, sind aber nicht da, um den Hunger zu stillen: Sie gehen hier aus. Großstädtische Arroganz.

an diesem magischen dort

Eigentlich schrieb ich “Ort”. Das Rechtschreibprogramm änderte es in “dort” und hinterließ mir darunter blaue Punkte. Ich ließ das “dort” stehen, ein Hauch computerinduzierter Literatur.

An dem magischen dort könnte ich tagelang schreiben. Ich schreibe, und weiß nicht, womit ich beginnen soll.

Da ist das Jugendbuch. “Das zumindest habe ich noch gemacht: Versucht, es gerade zu biegen. Dieses eine Interview gegeben, in dem ich ganz deutlich richtig gestellt hatte, dass nicht er mich, sondern ich ihn. Ich habe dann den Rest, also was Christian zum Beispiel genau sagte, nicht mehr ausgeführt, es war schon peinlich genug.” Vielleicht zu sehr von Jana Teller inspiriert.

Da ist das Buch in Dialogen: “Das andere Kind steht noch einen kleinen Augenblick. ‘Vielleicht liebe ich dich aber irgendwann nicht mehr’, sagt es, zu niemandem eigentlich, und dann rennt es den steinigen Weg zum Haus hinterher, dem anderen hinterher, so dass nur nackte, dreckige Kinderfüße zu sehen sind.

Und damit ist die Geschichte der Erwachsenen auch schon erzählt.”

Da ist dieses neue, was ich weder Buch noch Geschichten noch Text nennen wage, da ist das Bedürfnis die aufzuschreiben, die ich nicht aufschreiben darf. Schmerz muss vermieden werden. Das ist Erziehung. “Da ist es ja, das Aschenputtel-Gefühl. Sie haben ihre Arbeit erledigt. Das hier darf nicht mir gehören, ich bin hier ein Gast, der nur staunen und bewundern darf. Die Euphorie ist erlaubt, die Begeisterung hingenommen, nur Teil werden soll ich nicht. Sie wollen mir die Festigkeit der Schritte nehmen, umso fester trete ich auf. Vielleicht daher, dieser Bauarbeitergang.”

Zeit für das andere Buch bleibt nicht.

Das dort: Die Kinder toben im Wasser. Vögel singen, Bienen summen, Hunde bellen und so. Darum aber geht es nicht. Dazwischen sind Augenblicke, die ich festhalten wollen würde, wäre das nicht schon zu viel. Ich lese. Ich bin ein Huhn und ein Eichhörnchen und ein russischer Wolfshundwelpenknäuel. Ich will schreiben und schreiben und schreiben und weiß nicht, woran. Und alles ergibt einen Sinn.

Hier bleiben wollen, an diesem magischen dort.

11.-13. September, Stuttgart, die Eltern besuchen

Die Eltern besuchen.

Meine Eltern haben eine Liste mit möglichen Berufen für mich. Meine Eltern habend die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich eines Tages einen richtigen Job finde. Ein richtiger Job ist einer mit einem regelmäßigen Gehalt.

“Publizistin, das wäre doch was für dich”, sagt mein Vater.

“Was meinst du mit Publizistin?”, will ich wissen.

“Das, was du mit diesem Sachbuch da gemacht hast. So was schreiben. Du hast doch immer eine Meinung, leicht links zwar, aber du hast immer eine.”

Meine Mutter tendiert Richtung Lateinnachhilfe, ich weiß nicht, wieso. Mein Vater schlägt Pressesprecherin vor, nachdem er sich erkundigt hat, ob man davon leben kann.

Ich lese Gary Shteyngarts Biografie, die auch irgendwie die meine ist, ich lese sie, im Bett meiner Mutter liegend, die gelbe Bettwäsche mit den Blumen, in die ich mich fallen lassen kann wie ein Kind. Der Druck, dem wir Migrantenkinder niemals entkommen: Wir sind wegen Euch gekommen. Gary Shteyngart hat auch nicht Jura studiert, und auch nicht Medizin. Er hätte auch das Zeug dazu gehabt. Gary Shteyngart lebt in den USA, aber trotzdem hilft der Gedanke.

A. holt mich ab, streichelt pflichtbewusst den Hund und quatscht noch eine Runde mit meinem Vater. Alles wie in alten Zeiten. A. ist die perfekte Mischung aus nostalgischen Erinnerungen an die erste Liebe und eine Art bestem Freund. Und A. versteht, die ganze Geschichte, die ich ihm erzähle, während wir nostalgischen Erinnerungen nachhängen und unsere Plätze ablaufen: Der Baum, unter dem wir saßen, ist Stuttgart21 zum Opfer gefallen. Es macht nichts, die Dinge sind dennoch wie früher. Du warst schon immer so, sagt er, lebenshungrig, und dann fragt er, vielleicht fehlt mir deshalb etwas, und irgendetwas antworte ich darauf, und die Dinge sind irgendwie gut. Alles wie immer.

Zuhause, bei meinen Eltern, ist auch alles wie immer. Sie sitzen vor dem russischen Fernseher, der Fernseher ist natürlich ein japanisches Problem, aber es läuft ein russischer Sender. Ich quetsche mich zwischen Hund und Papa, und freue mich an den alten Schauspielern, die Erinnerungen an den Dreh eines geschichtsträchtigen Films über Prostitution aus dem Jahre 1989 austauschen, mindestens genauso wie an der russischen Werbung. Herrlich, das Leben an sich. Das russische Fernsehen, so scheint es mir, oder sind es die Sendungen, die meine Eltern wählen, besteht aus Nostalgie: Erinnerungen an die besseren, sowjetischen Zeiten, der Hund übrigens schnarcht.

In der Familieneinigkeit schwelgend zeige ich meiner Familie ein Bild von dem Bett, das ich mir vor ein paar Wochen gekauft habe. “Tахта”, sagt mein Vater, was so viel wie eine einfache Liege bedeutet. Minimalismus ist die russische Sache nicht.

Berlin, 03092015

Gestern war die erste Lesung aus “Null bis Unendlich”, aber wenn ich mich heute morgen wieder mit der Flüchtlingsthematik beschäftige, dann erscheint der Abend so klein, dass ich nicht mal darüber nachdenken möchte. Und alles, was ich dazu sagen könnte, ist schon gesagt. Und alles, was ich tun könnte, aber da fängt es vielleicht auch schon an.

Berlin. Ankommen. Ein Spiel spielen. Da ist es wieder, das Grundgefühl. Es festhalten wollen, noch nicht daran glauben wollen. Ach so, das letzte Wollen ist selbstverständlich ein Können. Vor der Lesung das übliche Gefühle: Blödes Buch, blödes Ich, alles blöd blöd blöd. Lies was Witziges, sagt T. auf dem Weg, was absurd ist: Das Buch ist nicht witzig per se. Ich mag T.

Wenn ich das dann lese, wird es auch mir zu heftig. Aber jeden Satz mögen. Auch im Kriegskapitel. Und zwischendrin, und damit bin ich wieder bei heute morgen, denken: Sanela, Anfang der Neunziger Jahre. Und jetzt. Was stimmt denn bitte nicht mit unserer Welt?

Sich beim Essen wohl fühlen. Ist es der Wein? Das Leben mögen. Das Buch ein bisschen mögen, aber lieber nicht daran denken. Diese ersten Wochen. Morgens schreiben, immerhin. Und dann an die Flüchtlinge denken und nicht mehr schreiben wollen, oder zumindest nicht das Falsche.

Salzburg, 01092015

Anderthalb Tage Mindfulness Seminar. I am mindful and my mind is full and this could be a contradiction, but it’s not.

Außerdem schreibe ich gerade an vier Dingen gleichzeitig. Und schreibe zu wenig, und will nur schreiben, ganz viel. Das Eine hat nichts mit dem anderen zu tun.

Bankmanager gehen davon aus, dass die Kurve Anstrengung zur Leistung linear verläuft: Je mehr Anstrengung, desto mehr Leistung. Stimmt aber nicht. Neue Worte: Atlaskomplex. Und Mono-Tasking. Sagt das nicht schon Einiges über unsere Gesellschaft und mich aus, dass ich nur den Begriff Multi-Tasking kannte, nicht aber des Mono-Tasking. Selbstempathie und Empathie geschehen auf denselben neurologischen Kanälen. Ab spätestens 35 geht es körperlich als auch seelisch-geistig bergab, außer mit den drei Prozent der Menschen, bei denen es mit der seelisch-geistigen Entwicklung bergauf geht.

Was ich hier mache, könnte man Journaling nennen, weil man es ja nicht mehr Tagebuch schreiben nennt. Mehrere Studien zeigten, dass Studenten, die mindestens zwei Minuten am Tag journalten (das nennt man dann sicher so), bessere Noten und bessere Blutwerte hatten. In dem Zusammenhang fällt mir das neue Notizbuch ein, das ich letzte Woche geschenkt bekam: Write books not blogs. Steht da drauf.

In der Schweiz ist die Lebenserwartung höher als in Deutschland. Das Zuhören will gelernt sein. Wenn wir zuhören, so sind wir häufig dabei, schon an die eigene Geschichte zu denken, mit der man erwidern kann, selten bei der Geschichte, die wir hören. Wie ich das hasse: Wenn jemand in sein Handy tippt, während ich rede, “ich hör dir ja trotzdem zu. Bin voll bei dir. Ich muss nur mal….” MIndfulness beim Zuhören. Und beim Zähneputzen.

Managerwelten wie Männerwelten. Ein Mann sagt: Ich mache Yoga. Und hört als Antwort: Stehst du auf die Yoga-Lehrerin, oder was?

Abends sitze ich mit J und E zusammen, es ist dunkel, wir hören die Autobahn wie den Bach, und die Ehrlichkeit entspinnt sich so ruhig, dass ich an eine Feder denken muss, eine die bei windstillem Wetter langsam auf die Erde segelt. Wenn ich danke sagen würde, denke ich, wenn ich so wäre, dass ich danke sage, obwohl ich so bin, dann auch für diese beiden. Irgendwann falle ich in die weißen Decken, da ist Geborgenheit, ich möchte hier bleiben, in diesem Zimmer. Ich denke an ein anderes Zimmer, das Geborgenheit bieten soll.

Bei den Meditationsübungen komme ich selbstverständlich an meine Grenzen. Nie bleiben Gedanken stehen und nie ziehen sie weiter, was sie laut Anleitung tun sollen, und dann denke ich darüber nach, während ich darüber nachdenke, dass ich darüber nachdenke, das war schon immer so, auch bei Yoga und all dem anderen Kram. Dann werde ich aggressiv. Und fange an zu zappeln.

Bei einer Übung – Gehmeditation – sollen wir sehr langsam gehen, ich sehe, wie sich die bunten Chucks im nassen, leuchtend grünem Gras bewegen, ich höre sie, ich denke: Chucks, die falschen Schuhe für eine solche Übung, ich denke über meinen schlechten Gleichgewichtssinn nach, dann denke ich an M., dann denke ich ans Laufen auf die Bühne, dann denke ich an Paris, dann denke ich und denke ich und denke ich, und die Schwere der Füße, und dann. Und dann sind meine Sinne geschärft. Ich kann es anders und eigentlich gar nicht beschreiben. Plötzlich sind Worte da. Plötzlich leuchtet jeder einzelne Grashalm. Ein bisschen wie Droge. Plötzlich ist Ruhe und das Wissen (das verlogene natürlich): Setzte ich mich jetzt hin, so schriebe ich einen ganzen Roman. Ist sie das, diese Erleuchtung? Die habe ich auch ohne Gehmeditation manchmal beim Schreiben. Vor dem Schreiben. Vor den guten Kapiteln.

Ich weiß nicht, was das ist. Außer diese Ruhe.

Büchergespräche. Irgendwann im August.

Ich saß auf der Couch, sprach mit zwei Freundinnen über Bücher, über gelesene und vergessene, über zu lesende und zu vergessende, über Sätze, die bleiben würden, und Geschichten, die zu eigenen geworden waren, über Seiten, durch die man sich gequält hatte wie durch tiefen Schnee bei einem Winterspaziergang, und Erinnerungen, die nur noch ein vages Gefühl waren, Buchtitel tauchten auf, vermischten sich mit Coverbildern, und die Buchstaben der Autorennamen veränderten unerlaubterweise die Reihenfolge. Eine von uns hielt ihr Handy in der Hand, Amazon half. Ich schreckte zusammen.

In Hamburg habe ich diesen einen Freund. Er war mein Mitbewohner, so halb, er war der Freund meiner Mitbewohnerin und wohnte ein wenig bei uns mit. Er war Ingenieur, und ich hatte und habe nicht viele Ingenieurfreunde, aber ihn. Er las. Ich las. So einfach war die Freundschaft. Wir hinterließen einander Bücher vor der Zimmertür, ausgelesene, und kramten am Wochenende stundenlang in Bücherläden und auf Flohmärkten herum, kehrten abends mit unserer Beute heim, machten eine Gorgonzola-Pizza warm und schmissen mit Autorennamen und Buchtiteln hin und her, lasen einander Absätze vor und zeigten unterstrichene Sätze. Wenn wir uns lange nicht gesehen hatten, so war die erste Frage niemals „Wie gehts dir?“, sondern „Was hast du gelesen in letzter Zeit?“. Was er mir empfahl, las ich unweigerlich, und die Empfehlungen, die ich nicht mochte, warf ich ihm an den Kopf. Nicht im übertragenen Sinne.

Nun saß ich mit zwei Freundinnen zusammen, und Amazon übernahm diesen Job. Ich gab einen Namen ein, und Amazon spuckte mir fünf weitere aus: Das könnte Sie auch interessieren. Kunden, die diesen Titel gekauft haben, und so weiter. Ich tippte die ersten drei Buchstaben ein, und Amazon spuckte den Autorennamen heraus. Die Einkaufsliste meiner Freundin erzählte mir, was sie gelesen hatte, und ihre Wunschliste, wonach ihr der Sinn stand. Ich ärgerte mich, mehr aus Prinzip, denn aus Überzeugung, ich fand es wunderbar praktisch. Ich musste seit Monaten das erste Mal an meinen Freund in Hamburg denken, Amazon war ein bisschen wie er. Es war nur eine Stunde zuvor gewesen, da hatte ich noch eine eine flammende gegen E-Reader gehalten, flüsternde Seiten ließen sich doch nicht durch Bildschirme ersetzen, Kaffeeflecken auf diesen, die die Lesegeschichte des Buches erzählten, Kaffee, den man verschüttet hatte, weil man auch beim Frühstück nicht aufhören konnte zu lesen. Ein Bücherfreund durch Empfehlungen eines Algorithmus aber schon.

(Aufgeschrieben für den Blog der Europäischen Literaturtage)

Düsseldorf, der letzte Augusttag. Flughafen. Zwischen Städten. Was ich mag.

„Sie sind eine mutige und starke Frau.“ NRW, Ministerium für Bildung, Workshop, Thema Israel-Palästina-Deutschland, das ist die kurze Version des Titels, in Düsseldorf jedenfalls bin ich. Und die Frau, die das sagt, wirkt selbst stark auf mich, manchmal ist das so: Starke Frauen treffen und als solche erkennen und denken: Mit Dir tränke ich auch ein Bier. Ein Bier, weil man das so sagt, mit jemandem ein Bier trinken, meistens trinke ich Wein und noch lieber Cocktails. Das Mutige und das Starke aber, darüber wollte ich schreiben,. Nach diesem Komma hielt ich aber gerade inne, weil ich nicht weiß, was es darüber zu schreiben gibt, aber schön ist das: Dass jemand mich für stark hält und mutig. Warum, frage ich, wir stehen im Aufzug, ich überrascht, und sie mit diesem Lächeln. Weil ich Dinge sage, die ich denke, und die man vielleicht nicht sagt, und weil Mut dazu gehört, an- und auszusprechen.

Letzteres denke ich nicht. Und nicht immer werde ich für das An- und Aussprechen gelobt. Manchmal ist es unerträglich. Für andere, nicht für mich.

Nicht wissen, wie der Abend wird. Es kann alles sein. Und wahrscheinlich auch nichts.

Was noch? Ach ja, gestern war ich bei einem russisch-jüdischen Grillfest. Es hat etwas wunderbar Vertrautes, dieses Essen unter einer riesigen Kristalllüster, und die entwaffnende und die erdrückende Direktheit, und das Liebevolle, das alles beherrscht. Manchmal staune ich, wie schnell ich hinein falle, manchmal staune ich, wie schwer es mir fällt. Ich lese Shteyngart, „Kleiner Versager“ und stelle fest: Im Versuch, mich im Schreiben von mir selbst zu entfernen, hatte ich vergessen, wie gut das tut: Die eigene Familie schreiben. (Und wie weh das tut, anderen nämlich.) Während ich lese, lache ich und weine ich, und meistens nicke ich nur. Laut.

Und immer sind die Dinge ambivalent. Das Nicht-Wissen ist möglicherweise ein Trigger, denke ich, während das Flugzeug, ungewohnt sanft, landet. Und manchmal das, was Verzweiflung schürt.

Wieder in München/240815

Im Bett sitzend, Bettwäsche, die weiße, die, die keine Bedeutung mehr hat. Vor vielen Jahren hatte ich sie eines Nachts selbst bemalt.

Im Bett sitzend und sich fragend, ob alle Beziehungen eigentlich dasselbe Ende nehmen. Ein Kreislauf, dem man nicht entkommt. Wenn der andere zu einer Selbstverständlichkeit verkommt. A. sagt, wenn du die siehst und dann nicht mehr dieser, wie auch immer kurze, Augenblick ist, in dem du grinsen musst: Da, sie. A. macht eine Pause, dann: Vielleicht auch der Tag, an dem du dir zum ersten Mal nicht die Mühe machst, der anderen von diesem Augenblick zu erzählen. O. spricht von Magic Moments, das gefällt mir, weil ich sofort weiß: Ja. Obwohl ich auch weiß, dass meine Magic Moments sicher anders aussehen als seine. Ist das ein Symptom oder bereits die Diagnose des Endes, wenn die Magic Moments ausbleiben? Sicher eine Diagnose, wenn man sie nicht einmal mehr vermisst.

Das Vermissen lässt sich übrigens auch als Konzept ablehnen. Wie vielleicht jedes andere Gefühl. Jederzeit wieder.

Im Bett sitzend, eine Nachricht bekommen. Grinsen. Und lachen. Lustig. Wirklich lustig. 

Ein T-Shirt bestellen oder nicht. Wäre früher keine Überlegung gewesen. Wo beginnt eigentlich ein Kampf? Und wo hört er auf?

Irgendwo im Norden, der letzte Tag

Das Meer habe ich noch nicht gesehen. Der Strandkorb auf der Wiese ist grün-weiß gestreift. Manchmal stimmen die Dinge, und manchmal tun sie es nicht. Ich bin kein russischer Wolfshund, oder vielleicht möchte ich nur nicht einer sein.

Dinge, die dreckig geworden sind, lassen sich in der Wasch- oder Spülmaschine und notfalls unter dem Wasserhahn waschen. Was ist aber mit Dingen, die durch den Dreck gezogen worden sind?

Ich möchte mich nicht wiederholen. Ich möchte mich nicht wiederholen. Selten so häufig gewünscht, die Uhr zurück drehen zu können wie in letzter Zeit. Das nervt, dieses Gefühl. Weil ich doch jemand bin, der das Jetzt ändert. Weil ich doch jemand bin, mich selbst gerne als so jemanden sehe, oder so gerne wäre? Wenn man mit anderen spricht, fühlt sich die eigene Wahrheit plötzlich nicht mehr wahr an, oder ist das nur bei mir so. Und schon wieder ein Fragezeichen.

Ein Gespräch: Wenn ich das will, dann ist das gut. Wenn du dasselbe willst, dann ist das Gute eine Erwartungshaltung, eine seriös vorgetragene, und eine schwer zu erfüllende. Vielleicht höre ich aber auch nur schlecht zu. Das ist das Problem mit dem Nicht-Mehr-Wissen. Oder ist es das Problem mit dem Nicht-Wissen-Wollen.

dach

Über Fotos sitzen. Sortieren. Auswählen. Wegschmeißen. Diese Ruhe, die mich beim Arbeiten überkommt. Die Zeit zählt nicht, und alles andere zählt nicht, und diese Schmerzminuten, wo die Erinnerung einsetzt, die kommen erst später. Einen Dialog im Kopf haben. Der Dialoge müde sein.