von lena.gorelik

Island – 14. Mai 2016 – tagderwale

Heute habe ich einen Wal gesehen, sehr kurz. Dann habe ich zwei Walflossen gesehen, ebenfalls sehr kurz. Ich bin Schiff gefahren dafür, sehr lang. Das Schifffahren hat mir mehr Freude bereitet, als das Wale schauen, das hatte möglicherweise mit diesen Zeitverhältnissen zurück. Dem kleinsten Kind ging es ähnlich: Während alle auf dem Schiff Wale zu beobachten versuchten, versuchte das kleinste Kind, die Schiffe und die Boote zu beobachten, die die Wale beobachten wollten, wir zählten Motoren, Rettungsboote und hielten nach Ankern und Lenkrädern Ausschau, es ging uns ganz gut. Manchmal zitterte ich.

Heute habe ich gefühlt, zu sehr. Dann habe ich mich aufgeregt, ebenfalls zu sehr. Ich habe nachgedacht darüber, sehr lang. Es dauert immer, bis ich so einen Abstand gewinne, zu mir selbst. Es ist ein langsames Tasten. Dann sehe ich die Dinge ganz deutlich. Bevor sie natürlich wieder zu verschwimmen beginnen. Es ist schon erstaunlich: Wie sich Dinge ändern können, so schnell. Wie weich Wolken sein können, wie kalt Mauern, wie sehr das Jetzt im Früher verschwimmt, und andersherum. Manchmal sehe ich das Später klar, manchmal gar nicht.

Ich sitze auf der Couch, heute ist der zweite Abend, an dem ich gerne wo anders wäre als in Island. Heute ist der zweite Abend von Heimweh. Heute wäre ich gerne auf sicherem Terrain. Ich weiß sehr genau, wann die Dinge funktionieren. Es ist eine so einfache Gleichung. Daran halte ich mich, an ein Wissen.

Ich schreibe heute. Ich schreibe noch fünf Seiten von diesem sehr wichtigen Text. Ich schreibe noch den Artikel, den einen, und dann den anderen, den ich schon seit einer Woche plane. Ich schreibe noch E-Mails. Und Postkarten. Und dann schreibe ich noch einen Brief.

Ich weiß, dass ich das nicht schaffe. Ich werde nur eine Sache schreiben, eine einzige.

Island – 13. Mai 2016 – tagderlesung

Auch wenn ich mir geschworen habe, keinen Island-ist-so-schön-teuer-wundersam-Blog zu schreiben, muss ich doch erwähnen, dass wenn man in Reykjavik zu fünft Crêpes essen geht, Kaffee und Tee und Eis für die Kinder als Nachtisch, man 87 Euro bezahlt. Das, finde ich, kann man schon einmal erwähnen.

Im besagten Crêpe-Laden schreibe ich am Text. Die Isländer und die Syrer, und bei den Sätzen muss ich aufpassen, dass sie nicht abrutschen in simple, journalistische Tricks. Irgendwo steht ein Schaukelpferd. Das Schreiben ist zu einer Momentaufnahme geworden.

Die Lavasteine unter dem Moos haben scharfe Kanten, fällt man hin, reißt man sich die Haut auf, die an der Handinnenfläche, die am Arm. Dann muss man weinen oder man muss es nicht. An Parkplätze habe ich schlechte Erinnerungen.

Was ich mag: Wenn man sprechen kann, miteinander; wenn ich rennende Füße vor mir sehe; wenn da keine Fragen sind; wenn da dieses funkelnde Licht ist wie am Flughafen; wenn Worte hin und her springen; wenn ich das ehrliche Lachen höre.

Was ich nicht mag: wenn Mauern hoch gefahren werden; wenn nicht eine Minute vergehen kann, ohne dass; wenn man mich für dumm verkaufen will, wenn nichts passiert.

Abends lese ich in der Botschaftsresidenz. Da ist diese Frau, die vor sechzig Jahren nach Island zog, aus romantischen Gründen, und die Romantik, erzählt sie, bezog sich auf das Land, nicht auf einen Mann. Da ist die Japanerin, die das schöne Deutsch spricht. Da sind all die Menschen, die nicken, wenn ich von den Syrern und den Isländern vorlese, sie sagen: Aber. Ich mag das Aber. Da will ich sofort aufschreiben und mitschreiben, da ist dieses Gefühl von: auf den Grund gehen und graben. Habe ich in dieser Form seit Israel nicht mehr so gespürt.

Als ich aus der Residenz trete: Entgangene Anrufe in Abwesenheit. Die lange Straße entlang laufen, ohne Google Maps bedienen zu müssen. Sich über die Kälte in den Fingern nicht mehr ärgern. Stimmen hören. Das Leben als Entscheidung nehmen, die man selbst trifft, und dann feststellen, dass viele das nicht als Möglichkeit sehen. Ankommen.

Island – 12. Mai 2016 – der frühling. oder der beginn einer neuen ära.

Die Insel ist grüner geworden. Das neue Grün leuchtet mit einer sanften Vorsicht. Die Insel hat sich verwandelt. Menschen verwandeln sich nicht.

Gestern bin ich auf geblieben und habe geschrieben. 10.000 Zeichen, und ich habe noch nicht einmal ein Viertel. Ich habe keinen Trick, wie ich diese Geschichte aufschreiben soll, ohne einen der Ansprüche fallen zu lassen: Naivität darf nicht einem arroganten Erzähler weichen. Akruyeri, diese Isländer, die sich um die Syrer kümmern, auf diese unbekümmerte Weise.

Die Insel ist grüner geworden, aber der Wind beißt noch, als würde er versuchen, den Frühling zu übertönen, was ihm letztendlich auch gelingt: Kalt ist kalt. Genauso machen es Kinder, wenn sie sich Aufmerksamkeit erschleichen.

Gestern habe ich zwei Mal den Artikel gelesen, den mir ein Freund schickte, in dem erklärt wird, wie sich russische Liebe von der westlichen unterscheidet. Es gibt nur zwei Arten, mit dieser These, die mehr eine Tatsachenfeststellung ist, umzugehen.

Ich glaube, ich habe mich an Island gewöhnt. Ich drehe den Schlüssel automatisch nach links, und bezeichne das nicht mehr als “die falsche Richtung”. Das Wasser stinkt, und da ist ein Punkt dahinter. In der Mondlandschaft finden sich Schneehaufen, Mooshügel, und über all dem kreisen Möwen. Aus der Erde dampft es, und die Wasserfälle haben eine beachtliche Größe. Getränke kann ich mir nur im Ausnahmefall leisten, die Sprache klingt hart, aber nicht abweisend. Ich bin mir noch nicht sicher, ob die Gewöhnung von einem Gefühl der Langeweile oder dem von Zuhause begleitet wird, und ob Letzteres nicht automatisch Ersteres mitbringt. Bei Menschen stellt sich augenscheinlich dieselbe Frage.

Island – 10. Mai 2015 – heutegestern

Heute bin ich aufgestanden, und der Satz ging mir nicht aus dem Kopf, den ich vor zwei Tagen bereits bei Jagoda Marinic gelesen habe: “Die Haltung ‘Ich will ja gar nicht, dass du mich magst’ ist der grausamste Schrei nach Liebe.” Heute bin ich aufgestanden, und der Kopf war schwer, schwerer als gestern. Ich weiß nicht, ob das eine Verbesserung ist, immerhin schmerzen die Beine nicht mehr.

Gestern, als ich ging, konnte ich vor so viel Schnupfen nicht mehr reden, und draußen war es noch hell. Gestern lief ich am Friedhof vorbei, und jeder Baum auf diesem Friedhof war gewunden, war verwunschen, irgendwas musste da geschehen. Ich wäre gerne einmal über den Friedhof gelaufen, aber ich die Zeit. Gestern habe ich beim Abendessen von der isländischen Schriftstellerin Kristín Marja Baldursdóttir erfahren, dass die Isländer viel lesen, viel reisen und viel arbeiten. An Weihnachten fragt man sich “Welches Buch hast du geschenkt bekommen?”, und das hat beinahe die russische Selbstverständlichkeit von “Was liest du gerade?”. Die einzige russische Frage, die ich vermisse, aber das fällt mir erst jetzt, beim Schreiben, auf. Gestern habe ich keine Musik gehört.

Heute höre ich Musik, und ich fange vorsichtig an, bones you have thrown me and blood I’ve spilled. Heute schreibe ich diesen Artikel zu Ende und ganz viele Seiten, bestimmt. Ich habe einen ersten Satz und einen dazwischen im Kopf.

Gestern habe ich nicht geschrieben, aber gedacht. Gestern habe ich Raclette gegessen. Gestern brannte die Kälte nicht in die Finger hinein.

Heute ist der Himmel grau, es hat nachts geregnet, ich habe den Regen verpasst. Gestern wurde ich gefragt, welches Buch man von mir lesen soll, und ich antwortete, wie ich meist darauf antworte, es ist keine Frage, wie andere Fragen, die man nicht stellt. Außer wir. Wir stellen alle Fragen, das gehört sich so. Und nur so, im Übrigen. Gestern habe ich gehört, dass Doris Lessing mal gesagt hat, wenn jemand länger als zwanzig Minuten redet, sie beginnt, seine Krawatte zu studieren. Ist doch interessant, dass sie dabei von Männern sprach.

Heute denke ich anders, als ich gestern gedacht habe. Heute werden die Fragen anders gestellt. Gestern habe ich eine Entscheidung getroffen, eine, die ich schon häufiger traf. Gestern schrieb ich ein Gedicht, was keines war, es war auf Englisch, und ich weiß nicht, ob es einen Sinn hatte, und auch nicht, ob Herz, und durchlesen wollte ich es auch nicht noch einmal.

Gestern habe ich gedacht, wenn es draußen hell ist, halten die Tage ihr Versprechen, das war auf dem Nachhauseweg. Mein Orientierungssinn ist wirklich unter aller Sau, selbst als ich vor dem Haus stehe, erkenne ich es kaum. Darüber habe ich geschrieben, vorgestern war das, glaube ich.

Heute denke ich, wenn ich diesen Gedanken zu fassen kriege, wenn ich den fest halten kann und in die Zeilen zwängen und er zu zappeln aufhört, dann wird es ein grandioser Roman. Gestern habe ich gedacht, jeder Schritt ist eine Entscheidung, und wenn das so ist, dann setzt man sich auch nicht eines Tages hin und schaut zu beim Zerfließen. Wie die Dinge vergehen oder an Bedeutungslosigkeit verlieren, das wäre doch gelacht. Und dann grinste ich den blauen Himmel an und ging wieder hinein.

Heute ist der Himmel grau, und es ist kalt. Heute lasse ich die Terrassentür offen stehen, um mich nicht alleine zu fühlen, und wenn mir kalt ist, stelle ich mich an die Heizung im Bad. Heute denke ich außerdem, auch wenn etwas pathetisch klingt, kann es eine Wahrheit sein.

Island – 9. Mai – in der Sonne

Ich trete hinaus, barfuss und setze mich auf den Terrasseneingang, die Steinplatten sind warm, ich muss nur einen Kapuzenpulli tragen. Der Frühling hat bis hierher gefunden, und die seltenen Windstöße durchwehen den dröhnenden Kopf. Nebenhöhlen zu und schmerzend.

Heute ist der Tag der Telefonate. Telefonate, die zu Telefonaten verkommen sind, erstens.

Wenn ein Abendessen ein Abendessen ist, und eine Autofahrt eine Autofahrt, und eine Nachricht nur eine Nachricht, ja, mir geht es gut. Dann ist es spät, und das “zu” lasse ich weg.

Ein Telefonat, eines, das mich aufmuntern sollte, verpasse ich. Und zum Zurückrufen ist es dann zu spät.

Ich setze mich zum Schreiben nach draußen auf die warmen Steine. Die gelben Blumen, deren Name mir gerade nur auf Russisch einfällt, blühen, der Frühling, sage ich doch, das war letzte Woche noch nicht so. Flora und Fauna tun sich mit der Mehrsprachigkeit am Schwersten: Die Namen fallen mir entweder in der einen oder in der anderen Sprache ein, und niemals gibt es eine Verbindung. Das ist schade, so wie es schade ist, wenn ich aufgeben würde.

Da ist etwas, das fehlt. Dann mach doch, du. Du.

Sätze, die zum Schweigen verleiten lassen könnten, lasse ich mit Absicht weg.

In der Normalität funktioniere ich nicht, obwohl ich sie in der Höhe mit links meistere, sozusagen von oben herab, mit einer Überheblichkeit beinahe.

Ein Telefonat überrascht mich. Und freut mich mit circa vier Sekunden Verspätung.

Ich trage das Nasenspray mit mir von drinnen nach draußen wie so ein anhängliches Baby. Früher hatte Kranksein weder Bedeutung noch Konsequenzen. Man legte sich ins Bett und schaute eine Serie, tagelang. Manchmal schlief man, und manchmal trank man einen Tee, und dazwischen klagte man immer wieder. Eine tröstende Hand auf der Stirn, als sei man ein Kind.

Heute lösche ich viel von dem, was ich schreibe; auch, weil ich mich frage, ob das Schreiben an Bedeutung verloren hat; das Schreiben als Normalität.

Ein anderes Telefonat, eines mit einer Nachricht. Wow.

Hohe Ansprüche, beim Schreiben wie beim Leben, man ist kurz vor Hass: Könntest du nicht einfach zufrieden sein, sich freuen? Und dann: Ohne die hohen Ansprüche wäre ich nicht da, wo ich bin; und wo anders würde ich vielleicht nicht sein wollen; und wenn ich neues erfahren will, dann muss ich; und das Wollen darf an einem Wie nicht scheitern, sonst scheitere ich.

Hohe Ansprüche, schon wieder.

Das Alleinsein, mit dem Frühling, mit den Möwen, mit den Flugzeugen über mich hinweg, dieser Flughafen hier in der Nähe, von dem ich immer noch nicht weiß, wie er heißt, mit dem blauen Himmel, mit der dunklen Wohnung, mit den ungeschriebenen Worten, mit der verstopften Nase, mit dem tausendsten Tee, die Tassen sind einfach zu klein hier, schreibt die Fragen in die Luft. Ich mag nicht alle Antworten hören. Na und? Am Ende laufe ich immer noch durch das Leben.

Es gibt kein zu viel wollen. Es gibt tun.

An dem Punkt, an dem Momente zum Festhalten eine Erinnerung sind, möchte ich nicht ankommen. Und wenn zerschellen, dann richtig, beim Scheitern.

Kinder, die in fremden Sprachen spielen, auf Isländisch beispielsweise, nur ein paar Meter entfernt, nerven weniger, weil man ihre Gemeinheiten, ihren Egosinn und ihre Nörgelei nicht versteht. Man versteht auch nicht die wundersamen Weisheiten eines Kindes, das gehört dann dazu.

Woran ich mich nicht gewöhnen kann: Dass ich den Schlüssel in die falsche Richtung drehen muss, dass es hell draußen ist, dass Dinge auf unterschiedlichen Boden fallen können. Ich hätte möglicherweise auch schon mal dasselbe gesagt. Und möglicherweise gehandelt.

Ich werde aufstehen von diesem warmen Boden, – Nasenspray – und dann werde ich hineingehen und mir etwas anderes anziehen – Nasenspray – und dann werde ich mich auf den Weg machen zu einem Abendessen, – Nasenspray – und dann. Im Übrigen weiß ich, wie ich hier gelandet bin, ziemlich genau.

Island – 9. Mai 2016 – im Bett

Ich habe einen Titel, aber keinen Roman dazu. Die Worte bilden sich langsam. Je mehr ich lese, desto weniger denke ich, schreiben zu können.

Im Gras hängen Tautropfen mit einer Beharrlichkeit. So einen Stuss schreibe ich also. Ich wackle zum Supermarkt, wackeln, unsichere Schritte, die Hände sind kalt. Toastbrot, Brie, keine Milch, eine Tomate, eine Zitrone und eine Gurke, in Island kaufe ich in Einzelstücken ein. Ich kaufe eine Cola in der Hoffnung auf Genesung: Wenn ich krank bin, ist mir nicht nach Cola zumute.

Im Rucksack krame ich nach einer Ibuprofen. Süßigkeiten, von den Kindern geschenkte. An die Kinder denken, und an das, was sie nun sind.

Die Schneeberge nehme ich als solche nicht mehr wahr, ich laufe nur, Supermarkt. Der Mensch siecht in der Gewohnheit dahin. Vor zwei Jahren saß ich im Zug und zweifelte nicht. Dem Zweifel gebührte kein Raum, er durfte nicht sein, und nie hat mir der Zweifel erzählt, ob er tatsächlich nicht auftauchte, oder ob er nur gehorchte, weil er wusste, dass er nicht durfte.

Dann lasse ich das mit dem Schreiben, für immer. Es ist ein beleidigtes Denken, ich bin beleidigt, weil ich vergessen habe, was ich gerne lese, was ich gerne schreibe, und was ich gerne lese, das ich geschrieben habe. Es soll gut sein und noch besser. Es sollen siebzig gute Seiten sein, ein unmögliches Unterfangen, ich rechne herum, nicht für mich.

Skyr habe ich auch noch gekauft, isländischer Joghurt.

Immer fallen einem Fragen ein, die andere ungern beantworten, aber selten welche an uns selbst. Oder wir haben Angst, sie zu stellen. Es ist ein Spiel. Ich vermisse das: Spiele spielen.

Ich google Zitate zum Thema Zeit, weil ich das verstehen will: Zerfließt sie schneller, wenn viel passiert? Warum kommt einem manchmal als Ewigkeit vor, was langsam vergeht, und dann wieder, wenn sich Ereignisse tummeln? Die Oberschenkel tun weh, das sind diese Gliederschmerzen von der Grippe.

Wenn ich krank bin, soll jemand mich halten. Und Tee bringen. Und Mitleid will ich auch, wie so ein Kind. Und ich kann dieses wehleidige Kind nicht leiden.

Ich öffne die Tür zum Garten und trete einmal kurz barfuss hinaus, der Boden ist von der Sonne aufgeheizt, aber es ist kalt. Der Himmel ist vielversprechend blau. Ein Telefonat schiebe ich vor mir her, weil er eine Bestimmtheit hat. Für Bestimmtheit braucht man Kraft und eine schubsende Hand.

Diese Texte hier werden vergehen, notierte Zeilen im Netz, früher schrieb man so etwas auf Papier, später kam es in Archive, es hatte eine Handschrift dazu. Früher schrieb man Briefe, echte und wundervolle. Die bewahrte man auf. Wenn sich Schriftsteller gegenseitig Briefe schrieben, so brachte man sie heraus, der Briefwechsel von und zu. Heute schreiben wir Mails, und die versauern irgendwo im Computer. Liebesbriefe schrieb man auch früher mit der Hand, hin und her. Die Dinge waren sicher.

Irgendwann klingelt das Telefon. Ich lege auf. Dann klingelt es noch einmal, und nicht ohne Grund. Heute wackle ich. Dabei sollte kein Tag zum Wackeln sein.

Das Gras wird immer grüner, das ist der isländische Sommer, und den Birken fehlt die russische Tristesse.

Vor zwei Jahren saß ich im Zug und dachte nicht einen Schritt weiter. Manche werfen mir manchmal Egoismus vor.

Was es besser macht: Dass es nicht dunkel wird hier in Island. Spätabends lese ich noch ohne Licht. Dass ich so einfach bin: Dass Licht Ängste vergrault. Die Dinge können eine Klarheit erlangen, sie finden in Momenten statt. Ich könnte eine Liste solcher Momente erstellen, sie läse sich wie ein Film.

Island – 8. Mai 2016 – krank. einsam. und so.

Krank. Die Krankheit übernimmt den Körper innerhalb von Sekunden: Noch sitze ich da, spreche. Dann schmerzt der Kopf, dann die Beine, die Arme, die Krankheit kriecht nicht hinein, sie übernimmt den Körper mit einem Schlag. Nachts schüttelt es mich, es wirf mich, und am Schlimmsten sind die vermeintlichen Déjà-vus, die eigentlich Erinnerungen an Alpträume sind: Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, und wer zu wem gehört, und wohin ich.

Krank.

Als ich nach Island kam, dachte ich, das ist ein Land, in dem man über Einsamkeit schreiben müsste, über all die Menschen, die in den vereinsamten Häusern mit den bunten Dächern leben, die dasselbe Gespräch führen, jeden Abend aufs Neue, mit den immer selben Menschen, weil da sonst niemand ist, oder stelle ich mir das nur so vor. Ob sie eine Ruhe verspüren, oder ist es eine Angst, oder verspüren sie nicht mehr viel, und ist es meine großstädtische Arroganz, die da spricht.

Über mich wollte ich nicht schreiben, nicht über die Einsamkeit im Kranksein, und all die Fragen, die aufkommen, vielleicht weil der Körper nichts macht, und weil der Körper nichts macht, hat der Kopf zu viel Zeit.

Zwischen den Alpträumen kommen Erinnerungen, die guten. An nicht-gestellte Fragen, an das Gefühl, fliegen zu können, an einen Berg, der in Sonne lag, und das Heu leuchtete, obwohl blassgelb, auch das ist Island.

S. schreibt mir, denk daran, es sind nur diese Tage dazwischen, und das gefällt mir, dass es so ist. Ich erinnere mich an die anderen, halbleeren Wohnungen überall auf der Welt zurück: Die zerschneidenden Halsschmerzen in Toronto, ein zerfallenes Hotel irgendwo im russischen Nicht, eine slowakische Einsamkeit, ein endloser Weg an einem Meer, das könnte irgendwo sein.

Zwischendrin kommen mir Ideen für neue Romane, dann will ich den, an dem ich schreibe, und an dem ich ja eigentlich gar nicht schreibe, schon wieder weg schmeißen, ich bin ja so ein wandelndes Gefühl. Dann denke ich noch an Worte, ungesagte, und wie immer, wenn ich krank bin, schaue ich Filme, die mich zum Weinen bringen, an einem Abend “Love Story” zu Ende, am nächsten Tag einen, an dessen Titel ich mich nicht einmal erinnern kann, da sagt dann einer in einem Brief “you were my dearest friend, my deepest love, the best of me”, darüber müsste ich eigentlich lachen und spätestens da umschalten, um noch in den Spiegel sehen zu können, aber weil ich krank bin, heule ich ein bisschen drauf los. Dann denke ich mir noch einen Titel aus für den Roman, und abends, da bin ich froh, dass es immer zu hell ist in Island, so bleibt die Angst länger weg. Außerdem sehne ich mich nach Süßkartoffelpüree, schrieb ich das schon, und ich hülle mich in ein weißes T-Shirt.

Island – 1. Mai 2016 – aus einem Brief, den ich in Island schrieb

Island ist betörend. Es ist anders, jede fünf Minuten. Ich stehe morgens um sechs auf und dann schreibe ich, ich schreibe an etwas, wovon ich nicht weiß, was es wird, aber ich mache das mit einer großen Freude. Kennst Du dieses Gefühl? Es verwirrt mich selbst zutiefst. Ich will ganz viel schreiben und lesen, manchmal komme ich in diese Zeit, wo ich nur das möchte, und sonst nichts. Das kennst Du bestimmt auch. Manchmal bekomme ich Angst vor dem, was ich da schreibe, und manchmal, meistens weiß ich nicht, ob das irgendeinen Sinn ergibt. Und ich lasse mich vom Leben verwirren. Heute morgen um sechs leuchtete Island, das Licht der Wahrheit – das ist, wenn die Sonne helle Flecken auf dem Wasser bildet, wie ein Ruf – war noch mal anders als sonst, obwohl es auch sonst schon immer so ist, dass ich den Mund öffne, aber nicht sofort wieder schließen kann. Es ist ein anderes Leben hier, es ist wellenförmiger, und manchmal möchte man in die Ferne starren, und komisch, dass ich das so sonderbar formuliere, aber irgendwie denke, dass Du das verstehst. Manchmal ist das Glück in Island lautstark, und manchmal rührt es mich zu Tränen, aber sie sind irgendwie gut. In manchen Momenten ist Festhalten. An den Wänden des Apartments hängen Post Its, jeden Tag je einen Satz über den Tag, und ich möchte keinen davon verlieren. Manche möchte ich in den Geldbeutel stecken und für immer aufbewahren, so wie andere das mit Bildern ihrer Liebsten tun. Bilder trage ich im Kopf, und Sätze stecke ich in den Geldbeutel. Auf dem Klebestreifen sammeln sich sicher mit der Zeit diese schwarzen Punkte, Dreck.

Island – 30. April 2016 – Akruyeri und zurück

Manche Menschen sind wie Island.

Man sitzt dann so im Auto in einem fremden Land, blickt aus dem Fenster, kurbelt es manchmal hinunter, macht ein Foto, schau mal, da, ruft man aus, und manchmal „wie schön“ und „ist das nicht unglaublich hier“, manchmal hält man an. Steigt aus, zieht die Luft ein, die frische, die kalt, die warme, die fremde, die sich einfach gut anfühlt, weil sie so ist, fremd. Das macht man so, am ersten, und am zweiten, und bestimmt auch am vierten Tag. Später gewöhnt man sich daran, an die Landschaft, die Luft, „schau mal, da“ ruft man manchmal, und manchmal macht man die Augen zu auf diesen Fahrten und schläft, man hat dann keine Angst mehr, etwas zu verpassen. Manchmal liest man ein Buch, und beim Umblättern schaut man auf, und dann ist immer noch alles „wie schön“. Aber man macht sich nicht mehr die Mühe, den Rücken aufzurichten und den Kopf nach vorne zu strecken.

Island ist anders. An Island gewöhnt man sich nicht. Jede fünf Minuten sieht Island anders aus. Jedes Mal, wenn man meint, sich gewöhnt zu haben, an mondartige Kraterlandschaften, an Schnee auf schwarzem Lavagestein, an Flüsse, die sich wie Gekrakel eines Kleinkindes durch die Landschaft ziehen, verändert sich die Landschaft komplett. Jedes Mal, wenn ich mich in den Autositz sacken lassen: Etwas geschieht. Alles ist anders. Ich richte mich auf.

Manche Menschen sind wie Island.

Akrureyri, die zweitgrößte Stadt Islands, liegt im Norden und hat 18.000 Einwohner sowie eine Universität. Es ist kalt. Würde man sich in Akrureyri auf eine Fähre setzen, würde man zu einer Insel fahren können, die jenseits des Polarkreises liegt. Ich will nach Grönland. Es ist kalt. Abends ist es hell. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich stelle mir nachts keinen Wecker mehr: An das Nordlicht glaube ich nicht. In den ersten Nächten immer wach gelegen, auf das Grün gewartet, das Grün kam nicht. Jetzt schlafe ich durch. Vergiss es.

Vergiss es. Auch die anderen Dinge, was war. Aber nicht alles, nur das Schlechte.

Manche Menschen sind wie das Nordlicht, nur nicht in Grün. Man sagt, es lohnt sich zu warten.

Das Licht der Wahrheit wirft glänzend-helle Flecken ins Wasser. Im Licht der Wahrheit darf man eine Frage stellen, die wahrheitsgemäß beantwortet werden muss. Manche Fragen könnten tiefer gehen. Manche weisen hin. Auf eine will ich die Antwort nicht hören, obwohl ich die Frage gestellt habe und die Antwort im Voraus kenne.

Das Leben kann auch wie Island sein. Wenn du hinfährst, sagte mein bester Freund, nimm eine Daunenjacke mit. Und eine Softshell. Und Regenkleidung. Und eine Sonnenbrille auch. Meine Sonnenbrille habe ich verloren und eine neue nicht gefunden. Eine Daunenjacke habe ich nicht und auch keine Softshell. Das Licht der Wahrheit ist eine Entscheidung. Der schwarze Fleece und die Skijacke reichen. Die Regenjacke habe ich noch nicht ausgepackt. Die neue Regenhose liebe ich mit Herz, das ist kein Kleidungsstück im Sinne von Gebrauchsgegenstand, und ich weiß nicht, warum das so ist. Gute Fragen im Licht der Wahrheit wäre vielleicht noch: Was man gerade denkt, aber nicht sagt. Wofür man kein Verständnis hat. Was sich nie ändern wird. Ein paar davon wären Fragen an einen selbst. Das Leben ist wie Island, und alles ist eine Entscheidung. Eine bewusste, eine hinterfragte. Eine bestätigte.

Island – 28. April 2016 – bei den Vögeln, zwei.

Ich stand dann da so an dieser Brücke, rechts von mir das Rathaus, hinter mir das Parlament, vor mir der Teich, auf dem Teich laufen die im Winter Schlittschuh. Es hagelte, nur so ein bisschen. Der Wind pfiff, das tut er immer hierzu, als hätte er nichts anderes zu tun. Vögel flogen, Vögel kreischten. Menschen gingen, sie eilen hier nicht. Ich stand dann da so an dieser Brücke und ließ die letzten zwei Jahren Revue passieren, was da so war, und wer ich so war, und warum. Und wie. Ich hatte eine Antwort auf diese Frage.

Also ließ ich die letzten zwei Monate Revue passieren, Vögel flogen, Vögel kreischten und so weiter. Ich schauderte, dann grinste ich, und der Wind pfiff. Die letzten zwei Wochen, die letzten zwei Tage. Island verflog, die Zeit verrannte sich, ohne dabei auf die Uhr zu blicken. Ich war Schritte gegangen, ich hatte fest auf den Boden aufgestampft. Es war ein bisschen wie beim Wandern, man blickt sich um und denkt sich: Das alles habe ich bereits zurück gelegt? Und dann staunt man über sich selbst. Das waren die letzten zwei Jahre, und ich wanderte immer noch, sollte ich schreiben, wanderte immer noch empor?

In den letzten zwei Wochen hatte ich meinen Wohnort von München nach Reykjavik gewechselt, und die letzten zwei Wochen waren verflogen, es hatte eine Selbstverständlichkeit, wie ich hier an dieser Brücke stand, ich wollte noch so viel. Manchmal wollte ich wenig, da wollte ich nur Ruhe und Ausschlafen und dass jemand einen Tee bringt. Dann wieder die ganze Welt, und dazwischen lagen Sekunden. Manche Vögel saßen auf dem Wasser, die machten das mit dem Ausschlafen.

Es hagelte, also beschloss ich, nur zwei Minuten noch hier zu stehen, ich zählte im Kopf bis 120 und dann noch mal bis dreißig, weil man immer schneller zählt als Sekunden vergehen. Und ich zählte das Leben nicht ab. Schritte gegangen, große.