von lena.gorelik

Island – 8. Mai 2016 – krank. einsam. und so.

Krank. Die Krankheit übernimmt den Körper innerhalb von Sekunden: Noch sitze ich da, spreche. Dann schmerzt der Kopf, dann die Beine, die Arme, die Krankheit kriecht nicht hinein, sie übernimmt den Körper mit einem Schlag. Nachts schüttelt es mich, es wirf mich, und am Schlimmsten sind die vermeintlichen Déjà-vus, die eigentlich Erinnerungen an Alpträume sind: Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, und wer zu wem gehört, und wohin ich.

Krank.

Als ich nach Island kam, dachte ich, das ist ein Land, in dem man über Einsamkeit schreiben müsste, über all die Menschen, die in den vereinsamten Häusern mit den bunten Dächern leben, die dasselbe Gespräch führen, jeden Abend aufs Neue, mit den immer selben Menschen, weil da sonst niemand ist, oder stelle ich mir das nur so vor. Ob sie eine Ruhe verspüren, oder ist es eine Angst, oder verspüren sie nicht mehr viel, und ist es meine großstädtische Arroganz, die da spricht.

Über mich wollte ich nicht schreiben, nicht über die Einsamkeit im Kranksein, und all die Fragen, die aufkommen, vielleicht weil der Körper nichts macht, und weil der Körper nichts macht, hat der Kopf zu viel Zeit.

Zwischen den Alpträumen kommen Erinnerungen, die guten. An nicht-gestellte Fragen, an das Gefühl, fliegen zu können, an einen Berg, der in Sonne lag, und das Heu leuchtete, obwohl blassgelb, auch das ist Island.

S. schreibt mir, denk daran, es sind nur diese Tage dazwischen, und das gefällt mir, dass es so ist. Ich erinnere mich an die anderen, halbleeren Wohnungen überall auf der Welt zurück: Die zerschneidenden Halsschmerzen in Toronto, ein zerfallenes Hotel irgendwo im russischen Nicht, eine slowakische Einsamkeit, ein endloser Weg an einem Meer, das könnte irgendwo sein.

Zwischendrin kommen mir Ideen für neue Romane, dann will ich den, an dem ich schreibe, und an dem ich ja eigentlich gar nicht schreibe, schon wieder weg schmeißen, ich bin ja so ein wandelndes Gefühl. Dann denke ich noch an Worte, ungesagte, und wie immer, wenn ich krank bin, schaue ich Filme, die mich zum Weinen bringen, an einem Abend “Love Story” zu Ende, am nächsten Tag einen, an dessen Titel ich mich nicht einmal erinnern kann, da sagt dann einer in einem Brief “you were my dearest friend, my deepest love, the best of me”, darüber müsste ich eigentlich lachen und spätestens da umschalten, um noch in den Spiegel sehen zu können, aber weil ich krank bin, heule ich ein bisschen drauf los. Dann denke ich mir noch einen Titel aus für den Roman, und abends, da bin ich froh, dass es immer zu hell ist in Island, so bleibt die Angst länger weg. Außerdem sehne ich mich nach Süßkartoffelpüree, schrieb ich das schon, und ich hülle mich in ein weißes T-Shirt.

Island – 1. Mai 2016 – aus einem Brief, den ich in Island schrieb

Island ist betörend. Es ist anders, jede fünf Minuten. Ich stehe morgens um sechs auf und dann schreibe ich, ich schreibe an etwas, wovon ich nicht weiß, was es wird, aber ich mache das mit einer großen Freude. Kennst Du dieses Gefühl? Es verwirrt mich selbst zutiefst. Ich will ganz viel schreiben und lesen, manchmal komme ich in diese Zeit, wo ich nur das möchte, und sonst nichts. Das kennst Du bestimmt auch. Manchmal bekomme ich Angst vor dem, was ich da schreibe, und manchmal, meistens weiß ich nicht, ob das irgendeinen Sinn ergibt. Und ich lasse mich vom Leben verwirren. Heute morgen um sechs leuchtete Island, das Licht der Wahrheit – das ist, wenn die Sonne helle Flecken auf dem Wasser bildet, wie ein Ruf – war noch mal anders als sonst, obwohl es auch sonst schon immer so ist, dass ich den Mund öffne, aber nicht sofort wieder schließen kann. Es ist ein anderes Leben hier, es ist wellenförmiger, und manchmal möchte man in die Ferne starren, und komisch, dass ich das so sonderbar formuliere, aber irgendwie denke, dass Du das verstehst. Manchmal ist das Glück in Island lautstark, und manchmal rührt es mich zu Tränen, aber sie sind irgendwie gut. In manchen Momenten ist Festhalten. An den Wänden des Apartments hängen Post Its, jeden Tag je einen Satz über den Tag, und ich möchte keinen davon verlieren. Manche möchte ich in den Geldbeutel stecken und für immer aufbewahren, so wie andere das mit Bildern ihrer Liebsten tun. Bilder trage ich im Kopf, und Sätze stecke ich in den Geldbeutel. Auf dem Klebestreifen sammeln sich sicher mit der Zeit diese schwarzen Punkte, Dreck.

Island – 30. April 2016 – Akruyeri und zurück

Manche Menschen sind wie Island.

Man sitzt dann so im Auto in einem fremden Land, blickt aus dem Fenster, kurbelt es manchmal hinunter, macht ein Foto, schau mal, da, ruft man aus, und manchmal „wie schön“ und „ist das nicht unglaublich hier“, manchmal hält man an. Steigt aus, zieht die Luft ein, die frische, die kalt, die warme, die fremde, die sich einfach gut anfühlt, weil sie so ist, fremd. Das macht man so, am ersten, und am zweiten, und bestimmt auch am vierten Tag. Später gewöhnt man sich daran, an die Landschaft, die Luft, „schau mal, da“ ruft man manchmal, und manchmal macht man die Augen zu auf diesen Fahrten und schläft, man hat dann keine Angst mehr, etwas zu verpassen. Manchmal liest man ein Buch, und beim Umblättern schaut man auf, und dann ist immer noch alles „wie schön“. Aber man macht sich nicht mehr die Mühe, den Rücken aufzurichten und den Kopf nach vorne zu strecken.

Island ist anders. An Island gewöhnt man sich nicht. Jede fünf Minuten sieht Island anders aus. Jedes Mal, wenn man meint, sich gewöhnt zu haben, an mondartige Kraterlandschaften, an Schnee auf schwarzem Lavagestein, an Flüsse, die sich wie Gekrakel eines Kleinkindes durch die Landschaft ziehen, verändert sich die Landschaft komplett. Jedes Mal, wenn ich mich in den Autositz sacken lassen: Etwas geschieht. Alles ist anders. Ich richte mich auf.

Manche Menschen sind wie Island.

Akrureyri, die zweitgrößte Stadt Islands, liegt im Norden und hat 18.000 Einwohner sowie eine Universität. Es ist kalt. Würde man sich in Akrureyri auf eine Fähre setzen, würde man zu einer Insel fahren können, die jenseits des Polarkreises liegt. Ich will nach Grönland. Es ist kalt. Abends ist es hell. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich stelle mir nachts keinen Wecker mehr: An das Nordlicht glaube ich nicht. In den ersten Nächten immer wach gelegen, auf das Grün gewartet, das Grün kam nicht. Jetzt schlafe ich durch. Vergiss es.

Vergiss es. Auch die anderen Dinge, was war. Aber nicht alles, nur das Schlechte.

Manche Menschen sind wie das Nordlicht, nur nicht in Grün. Man sagt, es lohnt sich zu warten.

Das Licht der Wahrheit wirft glänzend-helle Flecken ins Wasser. Im Licht der Wahrheit darf man eine Frage stellen, die wahrheitsgemäß beantwortet werden muss. Manche Fragen könnten tiefer gehen. Manche weisen hin. Auf eine will ich die Antwort nicht hören, obwohl ich die Frage gestellt habe und die Antwort im Voraus kenne.

Das Leben kann auch wie Island sein. Wenn du hinfährst, sagte mein bester Freund, nimm eine Daunenjacke mit. Und eine Softshell. Und Regenkleidung. Und eine Sonnenbrille auch. Meine Sonnenbrille habe ich verloren und eine neue nicht gefunden. Eine Daunenjacke habe ich nicht und auch keine Softshell. Das Licht der Wahrheit ist eine Entscheidung. Der schwarze Fleece und die Skijacke reichen. Die Regenjacke habe ich noch nicht ausgepackt. Die neue Regenhose liebe ich mit Herz, das ist kein Kleidungsstück im Sinne von Gebrauchsgegenstand, und ich weiß nicht, warum das so ist. Gute Fragen im Licht der Wahrheit wäre vielleicht noch: Was man gerade denkt, aber nicht sagt. Wofür man kein Verständnis hat. Was sich nie ändern wird. Ein paar davon wären Fragen an einen selbst. Das Leben ist wie Island, und alles ist eine Entscheidung. Eine bewusste, eine hinterfragte. Eine bestätigte.

Island – 28. April 2016 – bei den Vögeln, zwei.

Ich stand dann da so an dieser Brücke, rechts von mir das Rathaus, hinter mir das Parlament, vor mir der Teich, auf dem Teich laufen die im Winter Schlittschuh. Es hagelte, nur so ein bisschen. Der Wind pfiff, das tut er immer hierzu, als hätte er nichts anderes zu tun. Vögel flogen, Vögel kreischten. Menschen gingen, sie eilen hier nicht. Ich stand dann da so an dieser Brücke und ließ die letzten zwei Jahren Revue passieren, was da so war, und wer ich so war, und warum. Und wie. Ich hatte eine Antwort auf diese Frage.

Also ließ ich die letzten zwei Monate Revue passieren, Vögel flogen, Vögel kreischten und so weiter. Ich schauderte, dann grinste ich, und der Wind pfiff. Die letzten zwei Wochen, die letzten zwei Tage. Island verflog, die Zeit verrannte sich, ohne dabei auf die Uhr zu blicken. Ich war Schritte gegangen, ich hatte fest auf den Boden aufgestampft. Es war ein bisschen wie beim Wandern, man blickt sich um und denkt sich: Das alles habe ich bereits zurück gelegt? Und dann staunt man über sich selbst. Das waren die letzten zwei Jahre, und ich wanderte immer noch, sollte ich schreiben, wanderte immer noch empor?

In den letzten zwei Wochen hatte ich meinen Wohnort von München nach Reykjavik gewechselt, und die letzten zwei Wochen waren verflogen, es hatte eine Selbstverständlichkeit, wie ich hier an dieser Brücke stand, ich wollte noch so viel. Manchmal wollte ich wenig, da wollte ich nur Ruhe und Ausschlafen und dass jemand einen Tee bringt. Dann wieder die ganze Welt, und dazwischen lagen Sekunden. Manche Vögel saßen auf dem Wasser, die machten das mit dem Ausschlafen.

Es hagelte, also beschloss ich, nur zwei Minuten noch hier zu stehen, ich zählte im Kopf bis 120 und dann noch mal bis dreißig, weil man immer schneller zählt als Sekunden vergehen. Und ich zählte das Leben nicht ab. Schritte gegangen, große.

Island – 27. April 2016 – ein Tag. Der geht in den nächsten über.

Der Junge – er heißt wirklich so, der Junge – schrieb, was die schrecklichste Erkenntnis von Island sei.

Diese Frage zog beinahe ein schreckliches Ende nach sich.

Ich beschloss, in Erkenntnissen zu denken, nicht in schlimmen.

Je mehr ich darüber nicht nachdenke, desto mehr denke ich über das Geschriebene nach, ohne darüber nachzudenken. Es ist tatsächlich so, auch wenn das unverständlich klingt.

Wenn ich müde bin, schreibe ich nicht. Ich meine das abendliche Müde.

Ich habe isländischen Fischeintopf probiert. Sieht aus wie Babyessen.

In Islands politischer Geschichte gibt es viele starke Frauen.

Wenn der Wind hier weht, ist es kalt.

Schreckliche Erkenntnisse hallen nach und werfen Fragen auf,

zum Beispiel die: Ist es schlimm, ohne jemanden nicht zu können? und die Frage nach dem Warum, aber Psst.

Die Isländer kommunizieren viel über Facebook,

und Island ist dieses Jahr zum ersten Mal bei der Europameisterschaft dabei.

Der Wind weht.

In Deutschland passieren unschöne Geschichten, und außerdem ist mein Steuerbescheid da.

Ich drucke den Text aus – Kristin und Lara drucken den Text aus, ich hole ihn nur ab – dann stecke ich den Umschlag in den Rucksack. Mein Rucksack ist grün.

Es gibt touristische Orte, die sind so abgefahren, dass man die Touristen hinnehmen muss. Ja, ich war in der Blauen Lagune. Die Haut ist glatt und weich, und das sieht aus: schön.

Mondlandschaften, aber ich schreibe ja nicht über Landschaften.

Die Frage nach den Eliten in einer Gesellschaft, und wer stellt diese.

Manche Briefe lese ich lieber nicht, oder vielleicht irgendwann später.

Angst ist kein Grund. Und auch keine Begründung.

Manche Erkenntnisse sind schrecklich. Andere schrecken ab. Das ist mit Fragen ähnlich.

Island – 26. April 2016 – noch so ein Tag. Schreiben.

Aufgegeben: Island, beschreiben zu wollen. Okay, da waren also diese Berge. Die aus Heu. Und dieser heiße Fluss, in dem sich irgendwas bildete, was sich wie diese schleimigen Kinder-Slimeys anfühlte und ein Grün hatte, das man auch nur aus Kinderbüchern kennt. Und in dem heißen Fluss konnte man baden, aber nur da, wo er sich mit dem Gletscherfluss verband, weil er sonst zu heiß gewesen wäre. Okay. Und auf dem Rückweg war diese Mondlandschaft, und dazwischen war Schnee. Und all das ist unglaublich, ja. Aber ich kann das nicht beschreiben. Und was man nicht kann, das sollte man lassen. Manchmal probiert man es aber doch noch einmal.

Angefangen: Schreiben. Ich schreibe morgens. Um sechs klingelt der Wecker. Das ist ein Trick. Um sechs kann ich noch denken, komm, eine halbe Stunde geht noch, stell ihn auf halb sieben. Aber dazu bin ich zu faul, dazu bin ich zu unruhig, also bleibe ich liegen, achte darauf, nicht wieder einzuschlafen und sitze um 6.15 Uhr am Computer. Die Welt schläft. Zum Schreiben gehe ich hinaus. Gestern saß ich auf dem Boden, Schneidersitz, Laptop auf dem Schoß. Draußen frieren die Finger. Hinter der bunten Bank ist ein Spiel-/Turnplatz, an dem Jogger ihre Aufwärmungen machen. Wir ignorieren uns gegenseitig und erfolgreich.

Angestachelt: Irgendwas stachelt mich an. Ich tippe da weiter, da, wo ich nicht soll. Die Worte ergeben sich selbst. Nach den fünf Seiten könnte ich weiter schreiben, und ich weiß nicht, warum ich das mache, aufstehe und zufrieden nachhause waten. Zuhause tun die Finger noch mehr weh. Was das wird, das weiß ich nicht, vielleicht. Und vielleicht auch nie. Und dann.

Auf- wie abwärts: In letzter Zeit schreibe ich oft so, Dinge, die groß sind, und lang, und nichtig, und schön, und möglicherweise nichts. Und die bleiben dann, in Kästchen, im Computer, im Nirgendwo. Und am nächsten Morgen laufe ich wieder zur Bank, sie ist türkis, aber das sagte ich bereits.

Ausgedacht: Gestern zwei verrückte Videokunstprojekte überlegt. Ideen sind da Hunderte, und Spaß hätten wir auch, aber wer guckt sich das an. Beim Schreiben aber, da reicht ein Adressat. Bücher geschrieben, in Unmengen, auch: Gedichte. Ich und Gedichte.

Wenn ich den Computer schließe, habe ich ein gutes Gefühl.

Ach so, und dann bin ich einmal in Schwefelmatsch eingebrochen, schon wieder vor Euphorie.

Island – 25. April – 2016 – Ich habe aufgehört, die Tage zu zählen

Gelber Hafer, darin. Der letzte Mensch auf der Welt. Über dem Hafer Vögel, die sich in Steinfelsenspalten einnisten. Hinunterkugeln, oder auch nicht.

Aber das Wichtigste zuerst: Heute habe ich meine Eier selbst in einem geothermalen Herd gekocht. Also genau gesagt im aus der Erde aufsteigenden Dampf. Hierzu legte ich sie in ein Netz, das an einem Bambusstock, einer Art Angel, hing, und diese Angel wiederum hing zehn Minuten im Dampf. Die Eier schmeckten vorzüglich, es ist möglicherweise eine der touristischsten Beschäftigungen auf dieser Insel, und ich habe es geliebt.

Am Morgen war das Ende. Dazu gibt es nicht zu viel zu sagen, weil es sich genauso anfühlte, wie ein Ende.

Danach, dann, überhaupt.

Gelber Hafer, darin. In diesem Land wechseln sich Landschaften ab, als gäben sie sich beim Staffellauf den Stab in die Hand. Schwarze Steinfelsen. Gletscher. Flüsse, die sich elegant durch Lava ziehen. Das braune Grün, das verblichene, das aus der Welt von Oz, und dazwischen das Alte. Meer. Schnee. Und alles andere auch, sozusagen die ganze Welt.

Gelber Hafer, darin. Auf das Meer herunterschauen, Meer links, unterhalb ein rotes, leer stehendes Häuschen (darin war nichts, auch wenn ich einen Toten vermutete, eigentlich zwei), der letzte Mensch auf der Welt, und deshalb die Frage, könnte man, wollte man, sollte man, die Vögel kreischen, aber nicht laut genug.

Hier bleiben wollen. Hier wollen. Hier bleiben. Im Licht der Wahrheit Fragen stellen.

Am Strand steht ein riesiger schwarzer Felsbrocken. Er steht nur da, er hat nichts zu sagen. Er steht mitten im schwarzen Sand, und dennoch ist er schwärzer. So. Der schwarze Strand ist warm, sich hinein legen, aus Steinen bastle ich ein Gesicht. Das ist der Philosoph, der die Frau seines Wunsches niemals erobern durfte, weshalb er zu philosophieren begann. Daneben noch ein Steinmännchen. Und wer ist das? Das ist der Nachbar, der ihn tot auffand. Ein Steinchenauge fällt wieder herunter. Und warum hat er kein Auge? Die Katze des Philosophen hat es ihm ausgekratzt. Auch hier bleiben wollen.

Irgendwo in diesem Land fließt ein Fluss. Das ist ein Land, durch das sich Flüsse ziehen wie Adern durch einen Körper, diese Tatsache macht diesen Satz also furchtbar trivial. Aber irgendwo in diesem Land fließt ein Fluss. Der Fluss macht eine Beuge, und in ebendieser Beuge steht ein Hotel. Über dem Fluss ein Berg, aus dem Dämpfe aufsteigen, in verschiedenen Formen und Größen, geothermales Gebiet, diesen Begriff verwende ich seit drei Tagen, als sei ich ein geographischer Nerd. In diesem Hotel gibt es hervorragendes Essen, aber auch das ist eigentlich trivial. Das Hotel hat außerdem einen so genannten Hot Tub mit Blick auf den Fluss, das Wasser darin 38 Grad, endlich, endlich. Dazu ein Wein, alles dreht sich, Schwindel, auch trivial. Das ist das Ende vom Ende.

Island – 23. April 2016 – Tag Vier

Flüsse schlängeln sich. Bäche rauschen. Wasserfälle stürzen. Schnee liegt auf den Bergen, er ist so, ein bewegungsloser. Der Wind pfeift. Gräser schaukeln in diesem Wind. Das Meer wütet in diesem Wind. Licht fällt. Möwen schweben. Die Sonne wirft ihre Strahlen hinab. Nichts davon beschreibt diese Landschaft, obwohl jeder Satz stimmt. Fertige Sätze aus der Landschaftsbeschreibungfabrik, die eine Beleidigung sind. Für diese Landschaft wie für mein literarisches Talent gleichermaßen.

Versucht man es poetisch, kann man nur hinabstürzen (wie die Wasserfälle): Das Licht im Wasser (es wirft eine gerade Linie hinab, die sich wie so eine vermeintliche göttliche Botschaft durch das Wasser zieht) ist eine Aufforderung, die Wahrheit zu sagen. Ich sage es nicht laut, ich hätte mich ja selbst ausgelacht. Und dass ich das nicht besser ausdrücken kann, dass ich, wenn ich das Licht sehe – ich sehe es an diesem Tag immer wieder – jedes Mal denke: Jetzt. Nur eine einzige Wahrheit.

Die Touristen sind eine Beleidigung für die Landschaft. Sie stören sie, das sage ich, als wäre ich nicht einer von ihnen. Die Deutschen erkennt man an der perfekten Ausrüstung, funktionelle Mützen, feste Bergschuhe, Fleece, Softshell, Gore-Tex, und wie das alles heißt, und sicherlich wetter-, regen- und windfest und auch noch atmungsaktiv. Die Amis tragen Sneaker und keine Socken, die Jacken lassen sie offen stehen, darunter ein dünnes Hemd, keine Mütze auf dem Kopf. Kalt, beim Anblick alleine. Männergruppen, mal so ein Wanderurlaub ohne Ehefrau, und Paare, die sich in der Zweisamkeit feiern: Sonst brauchen wir niemanden. Die Bösartigkeit kommt von dem Gefühl, gestört zu werden. Sie stören nicht mich, sondern die schwarzen Felsen hier. Irgendwo treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander, aber ich weiß nicht genau, wo, und eigentlich ist das auch nicht von Bedeutung. Ein Japaner in einer knallroten Regenjacke lrennt mit Stativ und Videokamera an mir vorbei, als müsste er sich beeilen: Als würden diese Jahrtausende alten Felsen gleich wieder gehen, als würde er den Moment zum Filmen verpassen. Meine Jacke ist auch zu bunt.

Abbiegen, am Fluss entlang. So tun, als wäre da keiner, bis da keiner mehr ist. Das Gelb des Grases ist ein anderes, ein weiches. Ich springe über einen Fluss. Ich würde wieder zurück springen, des Spaßes halber, aber ich bin ja kein Kind. Bin ich nicht? Die erste Tat des Tages: Auf einen zugefrorenen See hinausrennen, mitdenken, da sind ja menschliche Spuren im Schnee, da sind also andere schon raus gelaufen, trotzdem einbrechen. Die Kälte schmerzt nicht, weil sie narkotisiert. Bis zum Knie.

Sich am Fluss ins Gras setzen, dann legen, dann setzen. Vorlesen. Ich sage nichts. Was ich geschrieben habe, ist, ich habe kein Ende für diesen Satz. Ich weiß nicht, was es ist. Und vielleicht möchte ich es lieber nicht wissen. Wie früher, und das Festhalten eines Moments. Von der Wahrheit, für jemanden zu schreiben.

Pferde, ein isländisches Klischee. Sie haben weiches Fell und eine Sanftheit. Beim ersten Dampf, der aus der Erde steigt, ein Juchzen. Ich esse einen Rentier-Burger zum Mittag. Hat einen starken Eigengeschmack, aber anders als Hirsch. Ein zweifelhaftes Vergnügen. Aber: Ich esse, in einem isländischen Restaurant. Das Restaurant ist in einer Stadt, und als wir diese verlasen, zähle ich mit: Vierzehn Häuser.

Ich beginne einen Satz mit „Der Wind“ und lösche den Anfang mehrere Male. Was schreibt man da, der Wind singt Lieder oder erzählt Geschichten? Weht um, vernichtet Gedanken, warnt vor dem Leben gleichermaßen wie vor dem Tod? Das hier kann man nicht schreiben, und man kann es nicht fotografieren. Wenn Gefühle vollständig sind, so sind sie es von jeder Seite.

Vereinzelte Bauernhöfe und Häuser. Ein Dorf: Fünf Häuser und eine Kirche. Kein Supermarkt, keine Schule, aber eine Kirche, die Menschen sind ein verzweifeltes, instabiles Geschöpf. Die nach Grenzen schreien wie Kinder, ein Richtschnur, die sich als Fata Morgana erweisen kann. Ist ihnen egal. Wer in den Häusern wohnt, was sie da reden, Abend für Abend beim Essen, was da an Gedanken geschieht. Was da möglicherweise nicht geschieht, und ob die Verzweiflung, und lebt da auch die Liebe. Fragen werden nicht gestellt, das ist eine wohl überlegte Vorsichtsmaßnahme.

Später beschließe ich zu dichten: Ein Bier vor dem Geysir. Das Bier kostet sieben Euro, aber in den sieben Euro ist ein schick designtes Etikett bereits enthalten. Es schmeckt bitter und gut. Ein Schild warnt, die Hände nicht in das heiße Wasser zu stecken, 80 Grad, das nächste Krankenhaus ist 62 Kilometer entfernt. Es zieht mich: Wirklich so heiß? Kein Juchzen.

Geysir: Warten. Irgendwann spuckt er, und das hat dann eine berauschende, unbändige Kraft. Man wird süchtig: Nicht genug bekommen. Nicht genug bekommen, fragt der Geysir, herausfordernd und verspielt. Dann brodelt er wieder vor sich hin, das Wasser kocht, es spielt mit mir: Gleich, gleich, gleich. Und dann ebbt es wieder ab. Nee, ich hab doch keine Lust. Und ich warte, und er weiß, dass ich warte: Immerhin stehe ich hier vor einem Geysir, und das weiß er, so gut wie ich das auch weiß. Manchmal sprudelt er ein bisschen, eine einzige Enttäuschung. Deshalb stehe ich hier? Dann wieder groß: Oha. Ja, deshalb. Manchmal liebt mich der Geysir sehr. Irgendwann habe ich das Warten satt.

Abends ist mir kalt, Schüttelfrost, das ist die Kälte des Tages. Sie hat sich zurück gehalten und macht sich jetzt in den Knochen breit. Manche Augenblicke werden bleiben, sie sind für immer. Die muss ich nicht aufschreiben, und über Worte ließe sich problemlos lachen. Goldig, könnte man sagen. Da könnte ein Herzklopfen sein. Das Leben kann ein Konjunktiv sein, alles ist ein könnte.

 

Island – 22. April 2016 – Tag Drei

Jeder sieht seine eigene Welt. Wir denken uns unsere Welt zurecht. Wenn die Welt rebelliert, wenn sie sich wehrt, nein, so bin ich aber nicht, schließen wir die Augen und stöpseln die Ohren zu. Jetzt aber wirklich, du blöde Welt, stell dich nicht so an.

Island, das Land mit dem höchsten Glücksempfinden der Welt, so eine Umfrage der UNO, ist so glücklich nicht. Der Verbrauch der Anti-Depressiva steigt, erzählen mir Kristín und Lára, sie erzählen es mir in der Sonne, und sie tragen Sonnenbrillen dabei. Ich habe keine Sonnenbrille dabei, der Muffin schmeckt nach Carrot Cake, und der Kaffee ist in diesem Land stark. Lára lacht ein Lachen, das eine Einladung ist. Kristín hat eine Meinung, man möchte mitschreiben, man glaubt sofort. Ich weiß nicht, ob die beiden glücklich aussehen. Ich weiß immer, wann ich glücklich war. Die Augen schließen, ein Hauseingang. Die Augen schließen, ein Sofa. Die Augen schließen, diese Augen.

Island, das Land mit der höchsten Gleichberechtigung der Welt, so der Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, ist so gleichberechtigt nicht. Frauen verdienen weniger als Männer, und seit der Krise nehmen weniger Männer Elternzeit, erzählen mir Kristín und Lára, sie erzählen es mir in der Sonne, den Muffin habe ich aufgegessen, und das Gespräch ist leicht, die Fragen schieße ich hinaus, so dass keine Zeit ist, sich zu fragen, ob ich das nicht auch tue, um uns Dreien ein Schweigen zu ersparen, keine Sekunde Pause, kein Moment. Schweigen wie ein Wind, der durch die Ärmelöffnung unter die Jacke kriecht. Es gibt wenige Menschen, mit denen man im Wind stehen möchte. Es gibt wenige Momente, in denen ist Schweigen ein Geschenk. Manchmal ist das Schweigen eine Lüge.

Im Laufen sprechen wir über die Piratenpartei, die hier so plötzlich erstarkt. Mein Sohn hatte gefragt, ob ich nicht kurz von Island heimkommen kann, um ihm gute Nacht zu wünschen, das erzähle ich den beiden. Im Laufen ist Wind, die Sonne scheint, und das Leben ist anders. Ausstellungseröffnung in der Nationalbibliothek über einen isländischen Dichter, ich verstehe kein Wort und führe beim anschließenden Empfang zehn Mal dasselbe Gespräch, six weeks, everything so different, writing on a novel, yes, indeed, it is small. Häppchen essen und Wein trinken, was mich an meine Zeit bei der taz in Hamburg denken lässt, wo ich, dauerpleite aber voller Ideologien, von Häppchen bei Pressekonferenzen zu ernähren versuchte. Die isländischen Häppchen schmecken besser als die deutschen, aber das gilt möglicherweise für jedes Land der Welt. Weißwein, und ein Häppchen mehr, und während ich mir eines aussuche, sehe ich Vigdís Finnbogadóttir, die erste Präsidentin Islands, die erste Regierungschefin weltweit, das ist hier wohl so: Man geht zu einer Ausstellungseröffnung und trifft eine ehemalige Präsidentin. Soll ich dich vorstellen, sagt Kristín. Sollen wir uns mal treffen, frage ich Vigdís Finnbogadóttir. Sollen wir, sagt sie. Ihr Lächeln warnt mich vor, sie weiß, wer sie ist. Dass draußen immer noch die Sonne scheint, könnte ich jetzt gut schreiben, lasse es aber sein, das wäre eines von diesen Enden.

Jeder sieht seine eigene Welt. Morgens verließ ich die Wohnung beinahe rennend und setzte mich zum Schreiben ans Meer, auf diese bunte blaue-pinke Bank. Ich wusste nicht, was ich schrieb. Das Meer war ruhig, und der Wind war kalt. Es machte mir Angst, was ich da tippte. Manchmal ist das Schreiben wie ein dunkler Tunnel, man läuft hinein, die Neugierde größer als die Gefahr, aber die Taschenlampe hat man vergessen. Ich lief zurück, den Laptop unter dem Arm, und versuchte angestrengt, mir meine Welt zurecht zu denken.

Island – 21. April 2016 – Tag Zwei

Eine Unsicherheit, über die man balancieren kann. Reykjavik ist eine Spielzeugstadt, von kleinen Kindern zusammen gestellt und gewürfelt, bunt und querbeet und scheinbar wahllos, ohne Plan, ohne Sinn und Verstand, aber mit viel eigensinnigem Gefühl. Hast du noch ein blaues Wellblech? Ja, hier! Au ja, daraus bauen wir ein Haus, und das stellen wir neben den sozialistisch angehauchten grauen Betonbau links. Und dann noch eine Straße hoch hierüber, und aus dem orangenen Teil, was machen wir daraus? Ein Dach aufs Dach? Au ja! Ganz Reykjavik ist ein einziges Au ja.

Ich bin eine einzige nicht gestellte Frage. Heute ist das so. Der Wind weht, und über dem See in der Stadt, so lese ich, kreisen 40 verschiedene Vogelarten, und sie kreischen das Leben aus ihren hungrigen Kehlen. Das Parlament ist so klein, dass man es sich nur so vorstellen kann: Dass sie da bei Tee und Keksen ihre Entscheidungen treffen, und die Kekse, die selbst gebackenen, bringt jeder abwechselnd mit. Irgendwo steht eine Bank, auf der eine Dichterstatue sitzt, ein isländischer Poet, wir tauschen uns aus.

Sich kennen bis ins kleinste Vorhaben, jede Bewegung ein abschätzbares Maß. Im Supermarkt kaufe ich mir getrockneten Fisch, den, von dem sie alle erzählen. Salzig, denke ich, die Russen würde ihn mögen, denke ich, und dann eine thailändische Suppe mit sehr vielen Erdnüssen, geteilt. Geteilt. Das bleibt hängen.

Zu jemandem stehen ist ein Akt der Erhabenheit, eines, das wie ein Schild getragen gehört. Der Botschafter lädt zu der Pre-Vernissage der Abschlussarbeiten der Kunstschule Reykjaviks ein, ein Hineinstürzen sozusagen, eine Einladung ins Leben. Die ersten Kunstwerke sind politisch auf eine ermahnende Weise: Nachhaltigkeit, Globalisierungskritik und ein Buch von Marx steht auch irgendwo im Regal. Gleich neben Joseph Stieglitz und direkt über dem in Folie eingeschweißten Fisch, der ein Symbol für die langen Transportwege des isländischen Exports sein soll. Die jungen Künstler sind sofort zu erkennen: Man trägt schwarz oder weiß, und zur Ausnahme gestreift. Die Mäntel haben wie Tonnen auszusehen. Die Schuhe müssen bullig sein, Absätze, die das Wort Künstler in den Boden stampfen. Die Socken der Herren haben bunt, aber einfarbig zu sein. Die Haare zu Dutts gebunden. Eine Masse von Individualisten, und draußen, wo Deutsche in Funktionskleidung und Isländer trotz sechs Grad in Sandalen herum laufen, würden sie als solche sicher auffallen, hier aber sind sie eine einheitliche künstlerische Masse. Eine Videokamera nehmen und sie filmen und das als Videokunst mitten in den Raum hinein projizieren, denke ich, und dann sehe ich eine Künstlerin im blauen Glitzerkleid Sandwichs schmieren und sich selbst dabei filmen, Live-Performance sozusagen, und blicke mich kurz nach hinten um: Bin ich die Einzige, die es nicht versteht? Jedermann ist reizend, ich bilde mir ein, auf eine isländische Weise. Als ich heraustrete, regnet es, aber bleibt hell, eine Andeutung von weißen Nächten. Dafür gebührt Dankbarkeit.

In Liebe gefangen. Vom Botschafter lerne ich die Eigenheiten der isländischen Sprache: Für alles haben die Isländer ein eigenes Wort, sie übernehmen ungern Anglizismen. Telefon heißt síminn. Und Handy heißt Farsími, Ferntelefon sozusagen. Und verliebt sein heißt in Liebe gefangen.