von lena.gorelik

Irgendwo an der Thüringisch-Bayerischen Grenze nach München, 12/08/2018 – Five Minutes a Day

Johny Cash im Auto. Der Himmel ist mit weiß durchzogen, Wolken weich wie ein Versprechen, der eine Himmel, der nach Freiheit ruft. Der Mais ist verdorrt, auch das Gras, trockene, pieksende Halme. Bleib so stehen, genauso, sagt sie, mit ihrer strengen Stimme. Ja, genauso, nach vorne schauen. Die Kamera um ihren Hals ist alt und schön, wie ein wertvolles Schmuckstück. Ich sehe das Bild, das sie macht. Später sitzen wir an einer Raststätte auf dem Bürgersteig, trinken Kakao (sie) und Eistee (ich). Wir sprechen über Einsamkeit und Vermissen. Dieses alte Gefühl kommt hoch, das kindheitsbezogene: Wenn Heimweh einem Tränen in die Augen treibt. Ich bin ein starkes Kind, also kann ich mir die Tränen verkneifen. Morgen ist ein anderes Gefühl. Es geht hierbei um Stunden. Wenn Johny Cash Im Auto singt, kann ich schreiben. Es scheint so einfach, was sich später schwer lesen wird.

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Somewhere,30.07.2017/Five Minutes a Day

F46C5201-2CA6-438E-88C4-09A9989B5A51Hier schreiben, an diesem Ort. Irgendwo, im Nichts. Wie schnell man sich an andere Länder gewöhnt, als wäre man nie wo anders gewesen, als hätte die Sprache nie einen anderen Klang. Neue Straßen berauschen, aber dass es etwas anderes gibt, liegt außerhalb der Vorstellungskraft. Das ist wohl das berühmte Hier und Jetzt.

Sei doch im Jetzt, sagt sie, wo bin ich denn sonst. Du blickst nachdenklich, sagt sie. Ich blicke nachdenklich im Jetzt, das heißt, dass ich nachdenke, jetzt, das heißt es. Ich denke nicht nach, ich fühle nach. Ich suche nach einem Gefühl, ich weiß nicht, nach wessen. Oder ich sage es nicht laut.

Sätze, wiederholte. Den hatte ich schon einmal geschrieben. Weshalb er vielleicht gestrichen gehört. Nichts mehr streichen wollen aus dem Leben, niemals wieder. Keine Entscheidung bereuen, weil sie das Leben ist. Es ist ganz früh am Morgen, als ich das schreibe, und meine Füße freuen sich auf das Kopfsteinpflatser, obwohl ich Sandalen tragen werde. Ich freue mich auch, auf alles. Ich werde die Hoffnung haben, trotz allem, ich will sie halten, und in den Rucksack stecken, sie ist eine ganz kleine, zusammen gerollte Kugel, ich nehme sie mit, auch wenn man mich vergisst.

Ich denke nicht, dass ich vergessen gehöre. Ich denke das.

Five Minutes a Day – MUC/10/06/2018

Heute ohne Foto. Heute am Schreibtisch. Geister sind wie Gedanken, dieser Tage, und die Unsicherheit zieht sich durch sie wie ein Kaugummi, klebrig. Iiiihhh. Einen Text über Heimat schreiben, ihn im Staatsministerium oder beim selbigen vortragen, Radau machen wollen, aber vielleicht nicht die richtigen Worte finden, wie gesagt, diese Unsicherheit ist wie ein Kaugummi, der sich zieht.

In Früher-Kategorien denken. Sich früher auf einen Kaffee getroffen haben, fünf Minuten an einer Mauer oder anderen unwichtigen Orten, sich denken, zu viel hängt von mir ab, und trotzdem noch denken. Das ist wie ein Fluch, aber manchmal ist dieser Fluch die Rettung.

Leise ahnen, was ich vom Leben will. Aber trotzdem zweifeln.

Gestern, im Büro, Theaterstück-Gedanken. Frauen als Monster und kleine Japanerinnen bei YouPorn. Was ich sage, macht vielleicht keinen Sinn, Mädchen-Bier trinken und Frauen, die das Mädchen-Bier mit einer Männergeste öffnen.

Heute, Gedanke: Was Geborgenheit schafft. Habe ich ihm die genommen, oder ist es gut, dass er sie sucht. Alles kann zwei Interpretationen haben. Ich suche den Weg, den dazwischen, und weiß, dass es keine richtige Antwort gibt. Sich darauf verlassen können, auf die Umverlässlichkeit der Wahrheit.

Nicht mehr warten wollen auf Nachrichten mit Bedeutung. Einfach nur glauben an sich selbst. Kaugummilose Gedanken. Gedanken mit Alltag: Hab grad das grüne kleine Fahrrad verkauft, auf dem die Kinder Rad fahren gelernt haben, ein Stück Erinnerung, das 50 Euro kostet.

Five Minutes a Day – MUC-Berchtesgaden-Muc/13/06/2018

Also, die sagen das immer so. Man sagt das immer so. Dass Lächeln wichtig ist und alles verändert, Menschen, und Stimmung, Begegnungen, Tage, alles. Das sagt man so, aber unsereins, der zu viel nachdenkt, und zu viel zu wissen meint, der tut das gern ab als Postkartenspruch und Gute-Laune-Junkie. Wir sind verdorben, wir vergessen, an das Gute zu glauben, wir halten diesen guten Glauben für naiv. Wir, also ich. Und andere vielleicht auch. Jedenfalls Lesung, an einer Schule, eine von diesen, über die Autoren dann später sprechen, Schüler, die verdonnert wurden, und diese Anmoderationen und so, wir sprechen leidend, aber vielleicht schwingt auch Überheblichkeit darin. Jedenfalls heute Lesung, ganz anders alles, und wirklich, auch wenn das naiv klingt, so ein Lächeln, das alles verändern kann. Einfach tatsächliche Freude, weil ich da bin, und ein ehrliches, kein aufgesetztes Gespräch. Dieses simple, bescheuerte, wundervolle Interesse, das den Tag anders macht, oder mich, als ich später dann wieder in den Zug steige. Ich weiß auch nicht, ich bin – wahrscheinlich – naiv. Ich glaube gerade auch an große Geschichten und große Gefühle, und ich weiß, es werden nur Tage vergehen, bevor mir, vielleicht, jemand den Glauben nimmt. Der Jemand könnte auch einfach das Leben sein. Später laufe ich durch den Park, in dem ich früher mit Blacky spazierte, und habe dieses schlimme Hundevermissen. Schwarzes, immer verstrubbeltes, viel zu verknotetes Fell.

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Five Minutes a Day – MUC/05/06/2018

Ich weiß nicht, warum ich die Schuhe fotografiere. Auf dem Nachhauseweg tue ich das, im Dunkeln, und ich bleibe nicht einmal stehen dafür. Zuhause ist alles schwarz und still, ich knipse alle Lichter an, um gegen das Schweigen zu kämpfen, erobere mir Raum für Raum, fühle mich in keinem einzigen wohl. Heute hat mir jemand von einer großen Liebe erzählt, eine, die den Namen verdiente, sie erzählte das so, als sei die Tatsache wahr, die dieser großen Liebe. Sie weinte, obwohl sie zu stark dafür war; dann weinte ich auch ein bisschen. Die Einsamkeit ist ein drückendes Gefühl. Ich lief dann schweigend weiter, als wäre die Stadt neu oder nicht die meine, verspielte Türmchen und Sauberkeit der Fassaden, eine Frau saß da und las. Ich wollte wieder schreiben, langsam, mir Sätze zutrauen, zarte. Ich wollte jemanden haben, der mir zuhören wollte, und ich wollte das Wasserfall-Gefühl, dieses eine, aber was bringen einem die Sätze. Später ging ich zu einer Elternbeiratssitzung, als wäre nichts. Als hätte ich all das nicht gefühlt, und nicht um die Dunkelheit in der Wohnung geahnt, als wäre die Schule einfach eine Schule. Ich verhielt mich genauso, und ich glaube, dass mir das gelang, und manchmal weiß ich nicht, warum mir Dinge gelingen. Manchmal ist schreiben einfacher, als das andere, den Schreibtisch verlassen. Das mit dem Glauben, dem an die große Liebe, kann eine einsame Sache sein. Jemand anders sagte mir, das war heute, und gestern und vor zwei Jahren war das auch schon, dass ich mich selbst zu sehen vergesse. Ich denke, dahinter ist ein Recht. Ich denke, dass ich das vergesse.

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Five Minutes a Day – MUC/04/06/2018

Ich weiß nicht, wie man Müdigkeit fotografiert, und Symbolfotos finde ich konzeptionell und scheiße. Ich mache also nichts, um dann auf dem Gang über den Hof eine Laterne und ein paar Fahrräder verschwommen zu fotografieren, ich weiß nicht, wieso, auch zum Denken zu müde, und das Verschwommene war ein Zufall, kein Konzept. Auf dem Weg nach oben öffne ich den Briefkasten, den ich selten öffne, der Rechnungen wegen, da ist ein Briefumschlag, ein Buch. Danke, Mama, dass Du an mich denkst, diese notwendig und so schwer vorzutragende Sätze. Müdigkeit, elende, Renntage, Hamster im Rad, zwei Essays, 16.000 Zeichen, ich weiß nicht, was ich da tue, später blutende Nase, später die Sehnsucht kleiner Menschen. Wenn man sich für etwas entscheidet, dann ist es immer eine Entscheidung, gegen etwas, so ist das auch bei Menschen. Einzelkind-Eltern haben es einfacher, aber weniger schön, tippe ich, und bekomme als Antwort: Luxusprobleme. Luxusprobleme, auch das folgende wahrscheinlich: Wenn die Dinge nicht mehr so sind, wie sie waren, oder wenn ich das denke, oder wenn das so stimmt. Der Müdigkeit stattgeben, um den Kopf zu schließen, wer braucht das eigentlich alles, dies Geschwafel von mir, diesen Gefühlserguss. Für wen schreibe ich Zeilen. IMG_1771

Five Minutes a Day – muc/03/06/2018

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Weiß nicht. So steige ich ins Auto ein, weiß nicht. Später steige ich aus, es ist wie immer, wie früher, wie alles, so ist es auch, die Sonne scheint. An der Tankstelle hole ich mir mein Lieblingseis, Ben&Jerry’s, nur für mich. Auf dem Friedhof: Im Gras liegen, in die Bäume schauen, in die vielen Grüns. Sie lacht, ich weiß nicht, ob sie über mich lacht, oder die Grüns, die ich liebe; alle Grüns dieser Welt. Sie tankt, ich liege nur da. Alles ist ruhig, oben im Baum, ein Vogel, riesengroß. Ist eine Taube, sagt sie, aber ich hätte lieber, dass der große Vogel im Baum oben ein besonderer ist. Ich glaube nicht, dass die Menschen immer um die Bewegungen des Gegenüber wissen, um das weg und wieder zurück, und vielleicht haben die beiden auch keine große Bedeutung. Die Zeit vergeht, sie tut es langsamer als sonst, heute. Später bin ich allein. Das Eis habe ich gegessen, die Wohnung plötzlich so groß und unangenehm unaufgeräumt. Ich weiß nicht immer, was ich da tue, im Leben, meine ich, und auch sonst. Demokratie ist so ein großes Wort, darüber versuche ich zu schreiben, im Kopf sind andere Worte, ebenfalls zu groß, und beängstigend laut. Vertrauen steht am Anfang, einer dieser zusammenhangslosen Gedanken. Wenn der Ort nicht zählt, sondern einfach nur so alles stimmt, dann ist die Welt gut. Die meine.

Five Minutes a Day – MUC26/11/2017

Morgens aufstehen und schreiben. Seite für Seite. Nichts davon gut finden. Ich weiß gar nicht, für wen. Sich das Vorlesen vorstellen, irgendwo in der Kälte. Durch die Kälte laufen wollen.

Gestern diese Momente, in denen alles dunkel scheint, und das Leben als kurze Ungerechtigkeit: Warum er? Ich laufe im Dunklen Schritt für Schritt zurück, das sind Schritte ins Leben. Luxusprobleme, die der anderen.

Ich drehe mich, sagt sie, und sie hat Recht damit. Das ist ein Gedrehe um das am wenigsten interessante Thema, das wehleidige Geld. Wo, woher und wie. Alles dreht sich, bis ich mich selbst nicht mehr mag.

Was ich mag: Momente, in denen nichts zählt, außer der Moment. Sich seiner Kraft bewusst werden bzw. meiner. Ihrer übrigens auch. Abends nachhause kommen, Licht einschalten, ins Bett klettern, Buch, diese Leselampe. Zuhause sein, alleine, das gut finden, genauso. Das Licht, das morgens unspektakulär ins Wohnzimmer fällt, irgendwie wunderbar unspektakulär. In kleinen Schritten denken können, aber von großen Dingen träumen. Nicht nach Luft schnappen müssen. Nachrichten, besondere.

Später werden sie los ziehen, hinein marschieren, erobern. Schlechtes Gewissen schiebe ich beiseite, weil es unnötig ist. Die Dinge sind gut, wie sie sind. Der Autor, den ich lese, hat den Literaturnobelpreis gewonnen, und ich verstehe nicht, warum das so ist.

Five Minutes a Day – München/Freising16112017

Morgens sind diese stillen Zeiten für mich, in denen ich schreibe und nicht schreibe, und so tue, als ob ich arbeiten würde, und nicht mal wissen will, ob das Arbeit ist. Die großen Fragen beiseite schieben, als seien sie nicht da. Gestern sagte S., dass ich das gut machen würde, alles, jetzt, derzeit, was so ansteht, und ich wunderte mich, über diese Wahrnehmung, und dachte, dass ich so selten denke, dass ich gut, und ich selten ein Verb dagegen setze; vielleicht sind wir alle so, oder genau die Hälfte der Menschheit.

Gestern Abend eintauchen, in alles. Draußen ist es kalt, inzwischen, sich verkriechen wollen, für immer, mit Serien und Büchern und Lebkuchen, aber den guten, und Tee, und nichts wissen wollen, nicht mal, dass da eine Welt draußen ist. Stattdessen: Lesung, heute, an einer Schule. Sich zu Weihnachten einen Schutzpanzer wünschen, einen, der unberührbar macht.

Über Weihnachten schreiben, morgens, über ein vermisstes Gefühl. Sich Weihnachten wünschen, ohne die Hysterie. Sich Vorsicht wünschen, in allem, und genau dagegen anrennen wollen. Nicht wissen, wer man ist. Schreiben wollen, aber um die Vorsicht wünschen. Procrastinating, tagelang. Aber wollen. Sich selbst schimpfen, wie Pippi Langstrumpf es tut, wenn sie nicht ins Bett gehen will.

Die Liebeserklärungen des Kleinen, mit Gefühl vorgetragen und zwischendrin hingeworfen, und manchmal eine Zärtlichkeit spüren, und manchmal nachdenken, über alles. Ich weiß auch nicht, ob ich komisch bin. Heute morgen Su (Zeit ist um. Fünf Minuten).,

Five Minutes a Day – FRA/51117

6.30 Uhr, Hotel. Der Tee ist nicht heiß genug. Sonntag. Außer mir nur noch eine Frau, die sich kleine Cocktailtomaten holt. Warum heißen die Cocktailtomaten, so was denke ich, morgens. Gestern gefroren, als hätte ich Fieber, aber ich habe keins. Der Winter, der naht. Gestern geschrieben, als mache es Sinn. Später las ich laut und wusste nicht, will ich da nur etwas, etwas, das nicht geht. Aber die ganz großen Pläne haben. Im Kopf lache ich mich selbst aus. Abends Fotopräsentation. Ich schaue hin, und dann wieder runter.  Ein netter junger Mann fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Nee, danke, aber das Wasser für den Tee ist nicht heiß, sage ich ihm. Dass sich da andere Gäste nicht beschweren. Die Bilder stark. Irgendwann stand ich im Regen, aber ohne draußen zu stehen. Später an der Treppe einer Säule sitzen, im fahlen Licht. So viele hier, die auf Drogen sind, oder kommt es mir nur so vor. Ich redete ruhig, als wäre kein Sturm und keine Angst. Das Sushi schmeckte fantastisch, danach hatte ich Durst. Träumte von Menschen, denen ich etwas schulde. 6.30 Uhr, Hotel. Ich beginne zu schreiben, als hätte es einen Sinn.