von lena.gorelik

Five Minutes a Day – Muc14092017

Gestern explodierte die Welt. Ich weiß nicht, wie es geschah, dass plötzlich alles zu laut, zu gewaltig, zu aussichtslos wurde. Grenzen, aufgezeigte. Ich bin müde, denke ich, und leid bin ich es auch. Ich bin geblieben. Später trank ich eine Cola.

Gestern, zwei Stunden beim Zahnarzt gewesen. Mutmachsätze buchstabiert. Ich bin neun Stunden alleine von New York geflogen trotz Flugangst. Solche Sätze, und andere, von denen man wünschte, man hätte sie nicht erlebt.

Gestern, zu schreiben versucht. Immer diese Versuche. Ich weiß nicht, warum und weiß. Die Verzweiflung nicht zulassen. Sich zu erinnern versuchen, warum und was. Sich wegdrehen, weil auf die Erinnerung keine Antwort folgt.

Bundestagswahlangst. Sich Gedanken machen. Eine dünne Stimme am Telefon, die Tränen unterdrückt. Nachts wache ich auf und denke an alles und schlafe dann wieder ein.

(Fünf Minuten nicht um, aber ich kriege Kaffee gebracht.)

Five Minutes a Day – MUC13092017

Ich trage rot-weiß geringelte Socken. Oben am Sockenrand ist ein Rabe zu sehen, aber der ist nur für mich, den sieht keiner. Ich weiß nicht, warum die Sockendesigner das so machen, Raben, die keiner sieht. Ich sage das mit den Socken, weil ich kein Foto von den Socken mache. Ich hielt die Kamera drauf – rot-weiß-geringelte Socken ohne Raben, Holzparkett, schön, der Rand einer schwarzen Jeans – und drückte nicht ab. Schuhe sehen besser aus als Socken, auf Bildern. Ich weiß nicht, warum. Die Socken wirkten ungeschützt, so ohne Schuhe. Komisch.

Ich war ungeschützt gestern. Obwohl ich Schuhe trug. Familie, die berührt. Von allen Seiten. Emotional gesehen, und auch das andere: Aus jeder Generation. Mütter, Kinder. Und ich auch Mutter, Kind. Also wir alle. Ich ertrage ihn nicht, diesen beleidigten Blick. Jede Ader ein Vorwurf. Ich versuche mich an Stunden zu erinnern, die kein Versuch waren, eine neue zu sein. Ein Neubeginn sozusagen. Wenn es schlimm wird, schließe ich die Augen und sehe eine Hand, die sich langsam nach oben schiebt. Ich habe nicht alles falsch gemacht.

Psychologie studieren wollen. Das Vorlesungsverzeichnis studiere ich gierig, wie ausgehungert nach Themen. Ich sehe Lehrbücher vor mir, Textmarker, einen Tisch, ich sehe, wie ich

(fünf Minuten sind um).

Five Minutes a Day – mucS06/09/2017

Kein Foto von Schuhen. Das klingt, als sollte der Satz eine Aussage sein, eine über heute, ist es aber nicht. Ich trage Socken. Die Socken sind orange und gepunktet. Ich sitze am Schreibtisch. Im Hausflur gegenüber ist Licht. Das Licht wirkt grün, aber das sind nur die grün gestrichenen Wände. Salatgrün, so ein Kopfsalat. So einer, den Hasen fressen.

(Man sagt, es ist gut, jeden Tag zu schreiben, auch wenn das Schreiben ein Nichts ist, Salatgrün-Themen, das wäre dann wie Fingerübungen auf dem Klavier. Ich glaube nicht, dass das stimmt.)

Es gibt diesen Schmerz, den man mit Taten abzudecken versucht. Man tut dann – und die Wahrheit wäre – ich tue. Nicht so, als ob, sondern was das Leben so meint. Also ich tue dies, und anschließend tue ich jenes. Das ist dann beinahe, als sei der Schmerz nicht da, beinahe. Beinahe heißt eigentlich ganz nah. Das fällt mir beim Schreiben auf. Manchmal beim Aufwachen. Heute war so ein Tag.

Später, also beim Mittagessen (Rinderfilet und Salat, aber gemischter, kein Kopfsalat), sagte C, dass ich anders sei. Da sei eine Sekunde Verzögerung in der Reaktion, und ich glaube, sie sprach von mehr als einer. Sechs, ich glaube, sie zählte bis sechs. Ich blickte aus dem Fenster hinaus, das ist einfacher in solchen Momenten. Ich weiß nicht, wen von uns beiden das mehr

(fünf Minuten um)

Five Minutes a Day-Berlin/München-15082017

Gestern saßen wir bei einem Italiener. Der Italiener hatte karierte Decken, und das Tiramisu schmeckte nicht. (Es ist schwer, gutes Tiramisu zu machen.) Sie zupften an meinen Haaren herum und fragten sich, ob mir wohl eine Frisur wie bei Charlotte Brontë stehen würde. Nein, sagte sie, und: Hast du schon mal ihre Ohren gesehen? Ja, ist eine Katrastrophe, sagte er, und wir lachten alle drei. (Ich habe diese riesengroßen, abstehenden Ohren.)

Heute sitze ich im Zug, draußen ist es dunkel, aber es ist erst vier. Ich schreibe nicht. Ich habe so viele Gründe, nicht zu schreiben, und jeder von ihnen ist gut. Ich arbeite, und ich lese. Ich schreibe nicht. Der Grund, den ich nicht benenne, heißt Angst.

Nachts wachte ich auf, laute Stimmen, wir schliefen bei J. Stimmen, die sich ein Recht rausnahmen. Ich drehte mich hin und her, mir war heiß, und ich wollte eine andere Decke, plötzlich juckte mein Körper, und ich hatte dieses Heimweh wie als Kind: Nicht nachhause, aber ins eigene Bett. Als ich morgens meine Tasche packte, fielen mir Zettel in die Hände, ungelesene. Später, im Zug, schrieb ich wieder einen Brief.

Ich weiß nicht, wie fest ich dem Gefühl glauben darf, dem bohrenden. Ich weiß nicht, ob ich mich fallen lassen kann (fünf Minuten sind um)

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Five Minutes a Day_NünrbergToBerlin_14082017

Ich tue alles, aber ich schreibe nichts. Später werde ich mich nicht mehr mögen, dafür. Dass ich mich nicht mehr mag, werde ich verdrängen, und ich werde mir sagen, nichts davon ist neu. Am Samstag mit CA. darüber geredet, über dieses Nicht-Tun. Dass Psychologen das auch haben, offensichtlich.

K. und ich haben uns auf zehn Minuten geeinigt. Das ist gut, in fünf Minuten, da ist nichts, und erst recht keine Tiefe.

Ein Journalist hat mich vergangene Woche gefragt, ob das gut ist, diese Idee mit den fünf Minuten. Ich habe keine Ahnung, antwortete ich ihm.

Immer, wenn ich “vergangene” statt “letzte” Woche schreibe, denke ich an die Journalistenschule, an der ich gelernt habe, das zu tun.

Ich mag meine Chucks. Ich überlege, jeden Tag meine Schuhe zu fotografieren, ein Verachtung verdienendes Konzept von Selbstausdruck, und ich wüsste auch nicht, wozu. Heute trage ich Chucks. Die Chucks sind die, die ich in New York eben nicht gekauft habe, und ich habe sie nicht gekauft, (fünf Minuten sind um.)FullSizeRender

FiveMinutesADay_München03082017

Schreibprozess, Tag zwei.
Gestern war Tag eins, da schrieb ich einen Brief, und in den Brief schrieb ich, nachdem ich eben versucht hatte am Roman zu schreiben, zwei Seiten am Tag, hatte ich gedacht, in diesen Brief schrieb ich hinein: “Ich habe Angst, dass ich verlernt habe zu schreiben, oder dass ich es nie gekonnt habe vielleicht.” Es hatte zehn Minuten gedauert, diesen Brief zu schreiben, und ich weiß nicht, warum ich es nicht jemand anderem erzählte. Irgendwas war irgendwann passiert, aber das war auch nur ein vielleicht.
Nachts um zwei wache ich auf, weil das Handy vibriert, aber ich will nicht darauf blicken. Ich drehe mich weg, versuche zu schlafen. Stattdessen habe ich tausend Gedanken. Einer von ihnen gilt grünen Chucks. Das ist, was ich später vielleicht einen Geistesblitz nennen werde, wenn man mich fragt, wie ich auf diese Idee kam, zu diesem Anfang oder diesem Buch. Vielleicht wird die Idee am nächsten Morgen aber auch keinen Sinn ergeben, weshalb ich sie mit Vorsicht behandle. Nicht zu viel hineinfühlen, noch nicht.FullSizeRender

MUC-HAM/260602017/Five Minutes a Day

Im Park. Nee, das stimmt nicht. Erst mal beim Bäcker. Zwei Capuccino, ein Nusshörnchen, isst du nichts. Nein, ich hab keinen Hunger. Warum nicht? Ich weiß nicht, ob das einer Antworät bedurft. Ich sage nichts. An der Litfaßsäule hängt ein Plakat von Romeo und Julia, irgendein Theater, das sage ich nicht, auch wenn sie gerade etwas über Romeo und Julia liest. Was sie liest, habe ich geschrieben. Später im Park. Sie legt sich ins Gras, ich setze mich nur daneben. Jetzt machen wir es auf deine Art, sagt sie. Ich weiß nicht mehr, wie das geht, auf meine Art, denke ich, aber sage es nicht. Und ich kann nicht immer nur den einen Satz wiederholen. Also sage ich nichts. Ich reiße Grashalme ab und warte auf ein Gefühl, was sind wir, in der sechsten Klasse. Irgendwo im Dunkeln verborgen, eine Erinnerund, still. Wir saßen schon mal hier. Ich glaube, der Zustand war ähnlich. Ich hatte was geschrieben, für sie. Damals las ich noch vor. Immer versuche ich, mit dem Schreiben die Dinge anders zu machen, und immer scheitere ich daran. Ich weiß auch nicht, für wen ich das hier schreibe. Noch später. Das Flugzeug wackelt mal wieder bei der Landung, und ich habe wieder Angst und Panik wie früher, und ich ärgere mich über mich selbst. In Hamburg ist blauer Himmel, wie immer. In Hamburg ankommen macht froh, auch das ist wie immer. Ich weiß nicht, warum alles an Bedeutung verliert. Und ich hätte so gerne diese eine Antwort. Ich schreibe eine Nachricht.

Rees-München/23062017/Five Minutes a Day

Das Flugzeug wackelt nicht. Das Taxi kommt nicht, aber das ist schon vorher. Ich habe Kopfschmerzen, schon morgens. Ich schlafe nicht gut. Sechs Tage, sechs Flüge, und die Veranstaltungen waren acht. K. ruft an, um die nächste zu besprechen, und K. sagt, unglaublich, dass du dich nicht beklagst. Ich weiß nicht, warum ich mich nicht beklage.

Ich schreibe eine Kolumne über den Brunnen, in den ich vorgestern lief. Ich schreibe über meine Mutter, die sich so rührend Mühe gibt, mich zu verstehen, und über den Schmerz, der zwischen dem Verstehen und mir steht. Später schreibe ich noch eine Geschichte über die Liebe, aber die ist nur so, für mich. Es geht um den Glauben an die Liebe, um den, der fehlt.

Das Kopfweh bleibt, die Fragen auch. Ich freue mich über Worte, die man zu mir sagt. Sie sind etwas zum Festhalren dieser Tage. Ich wundere mich selbst über mich. Ich erinnere mich, langsam. Ich erinnere mich, so glaube ich, gern. Die Erinenrungen sind übrigens, allesamt, zart.

Rostock-München/22062017/Five Minutes a Day

Flughafen Rostock. Zwei Flüge am Tag. Einer davon hat Verspätung. Meiner. So sitze ich da.

Der Busfahrer, der in seinem Minivan täglich an den Flughafen raus fährt, ein gesprächiger, Matthias M. Zeigt mir das Haus, an das ein Eisbär gemalt worden ist, eins für betreutes Wohnen, das, in dem seine Wohnung ist. “84 Meter sind das, das lohnt sich schon.” KinderZimmer, Wohnzimmer, Balkon. DDR-Bau. Er hält beim Penny an, in dem seine Frau arbeitet, um einen Kaffee zu holen. Das ist so rührend, dass ich einen Film über ihn machen will.

Gestern mit Dmitriy Kapitelman gelesen und mit Yana Lemberska gesprochen. Familiär, irgendwie, wie unter sich. Auf dem Weg zur Toilette hält mich nachher eine Frau an, fragt, was das Jüdische ist, ohne Religion, eine dieser Fragen. (Eine dieser Fragen auf dem Weg zur Toilette). Vielleicht diese Art des Gesprächs. Yana und ich tauschen Geschichten aus, die über unsere Eltern. Man müsste mit Humor schreiben, denke ich, aber ich scheine den meinen verloren zu haben.

Überhaupt schreibe ich nicht, oder nicht irgewohin. Schreckendes Gefühl.

In Rostock Laage sind es 11,5 Grad. So was lese ich gerade auf dem Bildschirm. Ich weiß nicht, was mich in München erwartet, an Gefühlen. Es ist immer wieder dieses selbige Gefühl. Langsam.

München-Rostock/21062017/Five Minutes a Day

Kleines Flugzeug, zwei Sitze rechts, einer links vom Gang. Ich steige ein, mutig, denke ich, das denke ich, weil ich bis vor Kurzem noch nicht mal gern mit großen Flugzeugen geflogen bin. Dieses Selbst-Überwinden, das mich in den letzten Tagen treibt, ich weiß nicht, ob ich tatsächlich wachse, oder ich in den eigenen Augen wachsen will. Es ist, als verdrehten sich die Dinge in mir, und eine Stimme, eine, die ich zum Schweigen bringen will, halt verdammt noch mal deine Klappe, sagt, das ist, weil ich die Wahrheit nicht hören will. Ich will die Wahrheit nicht sehen.

Guter Workshop. Ein Ei-Brötchen, ich weiß gar nicht, wieso. Habe ich mir noch nie gekauft. Morgens schreibe ich keine Paarstücke, das ist keine Entscheidung, obwohl es vielleicht doch eine ist. Ich fahre nach dem Workshop mit der S-Bahn zum Flughafen hinaus. Am Ostbahnhof sehe ich von dem Text, den ich lese, auf, hoffnungsvoll, obwohl ich nicht hoffen will. Diese verdammten Gefühle, was müssen die lauter sein als das Wissen.
Das Flugzeug ist soeben gelandet, unsanft. Ich weiß nicht, habe ich geschwitzt. Der Wald ist grün, ich sehe nicht das Meer, und als ich das tippe, denke ich, na klar ist der Wald grün, was sonst. Für wen schreibe ich eigentlich das hier, das denke ich auch.