von lena.gorelik

Five Minutes a Day – 26/03/17 – Speyer/München

Gestern. Ich lief durch Speyer. Speyer war schön, die Sonne schien, der Flieder blühte, die Menschen zog es nach draußen, das übliche Frühlingsgebummel. Ich weiß nicht, warum mich das so unglaublich deprimierte, dieses Alles. Der Himmel war blau, der Dom war schön.

(Manchmal ist da ein Wissen, aber man traut sich nicht. Ihm zuzunicken, zu sagen, ja, du hast Recht. Das ist die Vorsicht vor dem Schmerz eines Eigenständnisses).

Sich hinsetzen, Kaffee bestellen, in der Sonne, weil man das so macht. Zu schreiben beginnen. Der erste Satz schien noch so klar, als man so lief. Also bevor man schrieb. Ich schreibe einen Absatz, um ihn zu löschen, und als ich den Kaffee bezahle, ist auch vom ersten Satz nicht mehr übrig. Es ist, als kämen mir die Sätze beim Schreiben abhanden, und eine Geschichte hatte ich noch nie gehabt.

Lesen, im historischen Saal des Rathauses. Schön. Sie lauschen. Die Unsicherheit verschwindet, da ist Stille. Bis ich mir selbst zuzuhören beginne. Am Ende kommt eine Frau auf mich zu, die sagt: “Was ich nicht verstehe: Wie kann jemand, der so gut schreiben kann, der so virtuos mit Sprache umgehen kann, so viele Selbstzweifel haben?”. Den Satz notiere ich in mein Notizbuch. Davor hatte ich: “Ich kann nicht schreiben” notiert. Ich blättere darin, von Wahrheit zu Wahrheit. Manche lese ich nicht gern.

Five Minutes a Day – 25/03/2017 – Leipzig –> Speyer

Zug. Leipzig – Speyer, aber nicht direkt selbstverständlich. Da knutschen zwei, und sie tun es schmatzend. Sie reden, laut, das ist fast eine Natürlichkeit bei denen. Sie hustet, wie Raucher das tun, und die Haare sind ein schlecht gefärbtes Blond. Motorradbraut, obwohl er kein Motorradfahrer ist. Sie sind dumm, so sehen sie aus. (Ich weiß nicht, ob ich die Bösartigkeit der Buchmesse zuschreiben darf.) Sie wären vielleicht eine Fotografie, aber man müsste sie in einen Zusammenhang stellen. (Ich denke zu viel in Bildern, in diesen Tagen). Schmatzend vorgetragene Liebe. Ich weiß nicht, ich denke, ein Kuss sollte ein Gehemnis sein, aber wenn ich das aufschreibe, dann ist das Kitsch, und darin ertrinkt der Gedanke. Über das Fahren in Zügen sagt man, Landschaften ziehen vorbei, aber Bilder tauchen auf. Wenn man an den Haaren gezogen wird, das fühlt man, das sieht man nicht. Mein Nacken schmerzt, ich habe mir irgendwie einen Nerv geklemmt. Ich fahre mir durch die Haare. Ich suche nach Antworten. Innerlich weiß ich, was es zu schreiben gilt. Es hat nur nichts auf dem Papier zu suchen. Worte dringen hindurch. Sie sind nicht von heute. Ich weiß nicht, warum mich die knutschenden Zwei so nerven. Ihre Stimme penetriert durch die Luft.

Berlin – Hausach, 25062016 – Five Minutes a Day

Am Ende ist Wald. Er ist dunkel, das verspricht schon der Name.

Ich wache auf, zu früh. Was ist es, halb sechs erst. Am Bett steht J., und wie er da steht und fragt, wann ich aufstehen muss, da kann man gar nicht böse sein, auch wenn man geweckt worden ist für diese Frage. Also stehe ich auf. Das morgendliche Arbeiten, ein spätes und geliebtes Ritual. J. trägt eines seiner Nachthemden, haut in die Tasten, als wäre da Wut, und kocht den Tee wie jeden Morgen stark.

Der Flug ist storniert, und die Fahrt nach Hausach dauert insgesamt acht Stunden, irgendwo weint ein Kind, vielleicht auch Eltern, ich mische Fotos mit Bildern, verabscheue Züge, verabscheue Minuten, die Nase schon wieder dicht, in Baden-Baden esse ich einen Bagel, nichts schmeckt.

In Hausach holt M. mich ab, das ist dann wie zuhause ankommen, sofort. Am Hotel wartet J., der mich drückt in seinem schwarzen T-Shirt, die Brille, die Zigarette, alles wie immer, das ist dann wie zuhause ankommen, und alles ist außerdem gut. Ich lese mit verstopfter Nase, vorher liest Lina Al-Mousli, dieses schöne Buch, und diese reizende Jugend, Mathias Göritz liest, dass es eine Freude ist zuzuhören, er hat den Hund dabei. Der Hund robbt, der Abend fühlt sich gut an, J. schenkt mir ein Gedicht von Emily Dickinson auf Alemannisch. M. fährt mich ins Hotel, wir sprechen Arabisch, der Wald ist dunkel, ich. Morgens habe ich einen Kaffee getrunken und ein Rührei gegessen, mit Schafskäse und Tomaten, und  dafür hat sich alles, aber auch alles gelohnt.

München 18062016 – Five Minutes a Day

Auf der Bank, sitzend. Vor der Bank, kniend. Bleib, bitte. Ich halte fest, das Festhalten ist eine Antwort, ein eindeutiges, immer währendes Ja.

Du gehst so gebeugt, sagt meine Mutter. Lass mich in Ruhe, sage ich. Und dann mache ich diese Übertragung aufs Leben: Gebeugt gehen. Versagen. Nicht gut genug sein. Morgens stehe ich vor dem Spiegel und muss an all die Frauen denken, die morgens vor dem Spiegel stehen und sich sagen, weil sie das in einem Ratgeber so gelesen haben: Ich bin schön. Ich bin schön. Ich habe Austrahlung. Auch wenn das Spiegelbild das Gegenteil spricht.

Wenn ich so auf der Bank sitzen würde, wenn ich so weinen würde. Erbärmlichkeit, needy, und wie sagt man das noch mal auf Deutsch. Komm zurück. Sei wieder. Bitte. Aber was soll’s.

Hey, sagt jemand und nimmt mein Kinn in die Hand. Hey, schau mich an. Du bist. Langsames Aufrichten, ich. So ein einfaches Hey.

München – Stuttgart 17062016 – Five Minutes a Day

Reisen, nicht angetretene. Ich schlucke. Dann kommt ein Gefühl. Und eine sehr klare Antwort.

Ich sitze im Zug und gebe mir viel zu viel Mühe, aber das stelle ich erst später fest. Menschen, wieder getroffene. Das Lächeln meines Vaters. Das Lächeln meiner Mutter, Menschen, in Unterschieden. Fragen, zu persönliche. Antworten, weil ich antworten muss.

Ich bin, immer noch dieses, ich bin, ich bin doch, ich bin vielleicht, und bin ich wirklich, und ich bin nicht, ein langsames. Erinnerungen kommen auf, Assoziationen fliegen umher. Ich fliege aus der Wolke hinunter und lande hart. Aufschlag auf dem Asphalt, diese Fallhöhe, hoch, höher, und diesmal am Höchsten. Wer war ich, bis ich dann wer wurde. Degradiert.

Ich lese eine Liste, mehrmals. Punkt eins, Punkt zwei, Punkt drei. Um Gedanken nicht wissen, und Gefühle erraten besser nicht wollen. Ich beschließe, mir nicht mehr so viel Mühe zu geben, als wäre das ein Beschluss. Die Sehnsucht nach einem Wissen. In der S-Bahn telefoniere ich noch. Mein Bett ist von Kindern belegt, nicht als eigene Entscheidung. Ich komme viel zu spät an und weiß nicht immer weiter.

last sunny day_160616 – Five Minutes a Day

Du bist. Und du bist nicht. Und morgen bist du etwas anderes als gestern.

Ich weiß nicht, was ich bin. Ich glaube, manchmal fantastisch, der tollste Mensch der Welt, sogar, und das Herz klopft. Du bist ja schon wie, und das ist alles andere als Kompliment. Du bist, du sagst, die Dinge sind zu empfindlich, und ich meine zu wissen, wohin der Weg führt, aber den Gedanken lasse ich nicht zu. Noch schlimmer als ein Monster zu sein, ist es, jemandem zum Monster zu machen. Das hält.

Ich bin, bis ich fühle, ich bin falsch. Also tue ich und hangle mich entlang. Es wird Tage dauern, bis das Gefühl kommt, vielleicht auch nicht. Ich warte darauf, sehnsüchtig. Dieses Gefühl: Ich bin, aber nicht nur. Nicht nur schlecht. Ich werde, auf jeden Fall, und nie wieder, oder zumindest versuchen, in den kleinen Schritten, denen des Kindes, das werde ich, aber dennoch: Ich bin nicht nur. Ich bin auch. Es ist in Vergessenheit geraten, irgendwann auch bei mir selbst. Ich haue in die Tasten, ich schreibe, wie immer, für, und vielleicht auch nur jetzt.

Du bist. Du bist, und dann bin ich es zwei Tage später nicht mehr, da war die Schaukel und das Tanzens des Lichts, nicht nur dessen übrigens, und ich war. Da war ich, und heute bin ich es nicht, bis ich nicht mehr weiß, was ich bin. Es kommt so ruhig und überzeugt daher, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Ich möchte auftauchen nach dem Getunkt werden. Und mir das Wasser aus den Augen wischen, um klarer zu sehen. Was ich bin, was ich sein will, und was ich nicht bin. Auch nicht bin.

Eislauftage ausradieren aus dem System, für immer. Durchatmen und mit dem Radieren beginnen, und wenn ich schon dabei bin, jede zukünftige Träne. Und sich trotzdem daran erinnern dürfen, dass ich auch etwas bin, was gut ist, irgendwie.

5. Juni 2016 – Finve Minutes a Day

S., der mich lange beobachtet und mich kennt, ohne mich zu kennen, beides, weil uns so vieles verbindet, sagt, ich sei zynisch geworden, und vielleicht erwachsen. Wir sind dieselbe Generation, jetzt, plötzlich, sagt er, und lächelt mich an. Abgeklärt, ist es das, was du meinst, frage ich, und blicke ihn nicht an. Oder du hast dich etabliert, als du, antwortet er, und schaut mich ebenfalls nicht an. Schreib doch ein Theaterstück, sagt er, er ist nicht der erste in den letzten Monaten, der das zu mir sagt. Und dann sagt er: Oder schreib doch, ehrlich, als Emanzipation.

Nicht schreiben als Emanzipation, nicht schreiben als Therapie. Schreiben um des Schreiben willens oder für jemanden, so.

Der Verlust des öffentlichen Diskurses, darüber nachzudenken, ist einfacher, als über andere Dinge nachzudenken dieser Tage, also konzentriere ich mich. Ich konzentriere mich, ich mache Kreuze, das Leben verläuft. Meine Nase ist zu, schon wieder. Die Nase voll haben, sagt der Volksmund, und was sagt meine Nase, wenn sie so voll ist, schon wieder. Ich schreibe lange Nachrichten, in die nichts passt. Autorinnen in ihrer Stärke, die den Männern manchmal fehlt, habe ich das tatsächlich geschrieben. Der Sommer ist nicht da, die Schwüle, ich lese wieder viel.

Germany04/05/16 – back – to five minutes

Sechs Wochen Island. Den Blog schrieb ich mit einer Leichtigkeit, ohne auf die Uhr zu blicken, und manchmal gar nicht. So war das mit dem Leben in Island, mit einer Leichtigkeit, ohne auf die Uhr zu blicken, und manchmal gar nicht.

Jetzt bin ich wieder da. Das Leben hat mich wieder. Das Leben passiert, während ich mich drehe, scheinbar im Kreis. Und wenn ich wo anders wäre, aber da denke ich lieber nicht dran.

Heute Julia Franck beim Gedichte lesen zugehört, sie kann das echt gut. Und Eva Menasse beim Erzählen, sie kann das auch. Dann stimmt die Welt, es geht um Bücher. Später lese ich eins, nur schreiben, aber dann, heute Abend, bestimmt. Gedanken verfasse ich als Nachrichten, als lange. Gefühle ebenfalls. Die Erkenntnisse kullern dieser Tage. Die Bäume in Deutschland sind, seit Island, zu groß. Als hätte sie jemand unnötig in die Höhe gezogen. Und die Berge haben ihre Imposanz verloren, wie wenn man eine alte Liebe trifft, und sich fragt, wirklich der da, ich?

Ich mache Kreuze auf ein Blatt, die Kreuze stehen für Stunden. So habe ich das früher beim Fliegen gemacht mit Minuten. Ich werde gleich einen Tee trinken. Ich werde ein Abendessen zu mir nehmen, so macht man das hier. Dann werde ich schreiben, vielleicht. Und dann.

Island – 30. Mai 2016 – keinetagemehr

Als Erstes erstelle ich Listen. Die Liste der Top Three der Dinge, auf die ich mich freue:

1. Wärme

2. Andere Schuhe

3. Bezahlbarer Kaffee

Die Liste der Dinge der Top Three der Dinge, die ich vermissen werde:

1. Dass sich alles ändern kann, jede fünf Minuten: Das Wetter, die Landschaft, das Ich.

2. Die Helligkeit der Nacht

3. Das Licht der Wahrheit

Als nächstes blättere ich durch die letzten Tage. Ich blättere die Landschaften wie Bilderbuchseiten um: Irland, Patagonien, der Mond, irgendeine Vulkanlandschaft, das Grün, das Braun, das Gelb, das Lila der Blumen, deren Namen ich nachschlage und sofort wieder vergesse, und die vor zwei Wochen noch nicht da waren. Die bunte Bettwäsche im kleinen roten Guesthouse am Ende der Welt. Das Blau der Gletscherlagune. Das dreckige Weiß auf dem Gletscher. In den Steigeisen laufe ich noch bäriger als sonst. Die Menschen fotografieren sich selbst, beinahe als Zweck der Reise. Ich lache, und ich lache noch einmal, und alles ist gut. Auf der Rückfahrt nach Reykjavik kommt bereits die Sehnsucht nach diesen Landschaften. Es ist wie ein Buch zu Ende lesen. Zu Ende lesen müssen, und dann kein neues anfangen wollen.

Am letzten Abend Pizza essen. Die Pizza auf einem Holzbrett zwischen Teelichtern und Pink Floyd, immer dieselben vier Lieder, und dieses Gefühl, was ich vergessen hatte: Das des Abschieds. Das immer irgendwo im Magen stecken bleibt. Es ist ein besonderer Abend, es ist der letzte, ist es der letzte, ist es ein besonderer, ist es. Morgen wird das Leben wieder nach mir greifen. Als hätte ich nicht exakt hier gelebt.

Am Flughafen noch ein Kaffee, im Gras sitzend. Als ich hier ankam, war es kalt, zu kalt, um im Gras zu sitzen. Als ich ankam, war ich irgendwie anders, es ist wie ein letztes Leben. Was vor sechs Wochen war, ist vor einem Jahr gewesen. Und was vor zweieinhalb Wochen war, war auf einem anderen Planet. Irgendwas war dazwischen, ein Film, er läuft entweder in Zeitlupe oder im Vorspulmodus und niemals im Jetzt. Irgendwas war, das Land hieß Island.

Island – 28. Mai 2016 – nur noch zwei tage

Ich sauge das Land dann noch einmal auf, ich sauge es ein und speichere es, bevor. Am Montag ist wieder Leben, irgendwie, und das Leben ist nicht immer leicht. Es jagt. Also sauge ich das Land noch mal auf. Eisschollen, erst weiße, dann blaue. So unwirklich, so fest. Morgens war Verwirrung. Fragen, die hinter der Frage stehen, sie stellen sich an, in Warteschlange. Bin ich jetzt dran? Nein, warte noch, erst ich. Ich will sie beiseite drängen, ich will Gefühl.

Die weißen Eisschollen liegen herum. Die blauen betteln um Aufmerksamkeit und sind erhaben zugleich. Den Gletschersee gibt es erst seit 84 Jahren, ich sitze in einem Amphibienfahrzeug, ich will, das Wasser ist salzig, ich schlecke mir die Lippen ab, um das Salz schmecken zu können, alles ist nass und kalt und irgendwie gut. Jede fünf Minuten eine andere Landschaft: Das ist Island. Immer, wenn ich die Augen senke, kenne ich schon, taucht etwas anderes auf. Mondlandschaften, irische grüne Felder, Gletscher aus Patagonien und Schafe, die aus Neuseeland eingewandert sind.

Sätze zerren im Kopf an Seilen. Ich sollte mich herunter beugen, mein Schreibbuch herausholen, ich sollte, ich sollte so viel. Das ist es ja schon, das Leben. Ich starre aus dem Fenster, und freue mich am Lachen und am Gespräch, und an allem anderen auch. Inhaltlich gesehen.

Im Hotelrestaurant eine Reise-Seniorengruppe, ab 50 aufwärts, und ich bin überheblich, die Tristesse eines Versuches, am Leben festhalten, obwohl. Ich schüttle die Überheblichkeit beiseite. Ich schüttle alles beiseite, an diesem Abend. Die Balkontür steht offen, jetzt kann die Kälte, die von draußen weht, nicht kalt genug sein, da draußen diese Felder, an die ich mich gewöhnt habe, zu schnell. Noch drei Tage, bis das Leben beginnt.