von lena.gorelik

Five Minutes a Day_Dresden21102017

Morgens alleine, Dresden. Herbst, diese Blätter, Kälte, nicht zu kalt. Niemand. Drei Leute bauen einen Markt auf, kein Kaffee weit und breit. Ich bin ganz, ganz ruhig. Gestern Nacht: Baustellen und Pracht. Die größte Frage von allen: Ist das schon wieder ein Klischee. Jeder Dritte hier hat AfD gewählt, denke ich, und zähle durch: Eins, zwei, drei. Gedichte auf der Brücke, wir lachen, das ist ein glückliches Lachen, das da. Auf der pragmatischen Brücke in Dresden und der drastischen Brücke in Prag.

Im Zug geschrieben. Und es irgendwie gewusst. Dass das was taugt. Abends lese ich aus „Verliebt in Sankt Petersburg“ und weiß kurz nicht mehr, wo er hin ist, dieser Humor. Als müsste man das eine gegen das andere tauschen oder hätte das eine verlernt. Als wüsste ich nicht, wer ich bin, oder ließe mich von anderen leiten.

In Momenten, in denen alles gut ist, ist alles gut auf eine kaum berührbare, blasige Weise. Das Leben prallt ab, gibt es das, ein anderes Leben. Im Schlechten ist es wahrscheinlich dasselbe.

MorGens, beim Tippen, draußen, frieren die Finger. Das tut erstaunlicherweise. Alles andere dränge ich erfolgreich beiseite, dass nächste Woche Ende des Monats ist. Als hätte nichts einen Anfang. Die Dinge beginnen sofort.

Five Minutes a Day – 16102017

Einer dieser Tage, an denen ich dann doch anfange zu weinen, obwohl ich nicht will. Ich weine nicht wirklich, aber ich glaube, er hört es in meiner Stimme. Alles in Ordnung, bei dir, fragt er. Ich erzähle dann, aber nicht alles. Eines lasse ich weg. Auch gut. Danach geht es besser, ich setze mich an den Schreibtisch zurück. Sonderbar, dass sich im Schmerz einfacher schreiben lässt. Einfacher, ich sagte, nicht besser.

Ins Notizbuch notiere ich andere Dinge hinein, was alles schon war, und was vielleicht gut ist, wie es ist. Die Augen öffnen. An den Spiegel im Bad hänge ich einen Songtext, so sehe ich ihn jedes Mal, wenn ich das Badezimmer betrete. Was man so nicht tut, um. Die Stärke kommt von innen, aber wir spielen sie gerne vor, und viele Einsamkeiten ergeben noch keine Gemeinsamkeit. Das sind so lose Gedanken, aneinander gehängt.

Einfach aufstehen und gehen und sich nicht mehr umdrehen und nicht warten, und die Wahrheit sagen können, ohne Angst zu haben, sie wird einem umgedreht, mit einem dieser schlimmen Begriffe, die alle dasselbe meinen: Du bist zu emotional. Das Recht haben, auf einfache Gefühle, die sich in Kompliziertheit verwandeln. Überhaupt ein Recht haben. Und erhobenen Hauptes gehen, wenn man erkennt, man hat keines. Im Kopf ist alles ganz klar, im Herzen sieht es immer anders aus.

Ich habe heute noch nichts gegessen. Kein Hunger. Gestern habe ich einen zehnminütigen Brief geschrieben, er wurde dreieinhalb Seiten lang. Ich schreibe keine Paarstücke mehr, das zumindest stelle ich als Tatsache, schmerzlos, fest. Ich weiß auch nicht, warum ich keinerlei Hunger habe. Den Brief schicke ich heute noch ab.

Five Minutes a Day – MUC/08102017

Ich liege auf der Couch, Musik dröhnt. Das war gestern. Ich könnte aufstehen und tanzen, C. tanzt. Ich nicht. Ich tanze nicht. Ich lege mich auf die Couch und schaue ihr zu, in diesem Zustand. Als hätte ich Drogen genommen, habe ich aber nicht. Ich könnte einen Roman schreiben, jetzt. Oder eine Szene. Alles so klar, jedes Wort, aber ich liege, und ich schaffe es nicht, aufzustehen. Achtziger, das war mein Lied, ruft C., aber sie ruft es nicht nur einmal. Ich denke darüber nach, wie viele Lieder man haben kann, wie viele ich hatte oder wie viele jetzt. Dann denke ich gar nicht mehr nach, ich schaue ihr beim Tanzen zu, manchmal fallen mir die Augen zu, das ist angenehm, dösen zu dieser lauten Mucke. M. sitzt auf dem Boden und ruft manchmal Sings zu, und sie sagt dann entweder “au ja, das als Nächstes“ oder sie sagt auch gar nichts, und am Ende weiß ich nicht, ob sie Depeche Mode gespielt hat, das hat er mehrmals erwähnt. Der Wein, der neben der Couch liegt, ist mir zu schwer, irgendwann stehe ich auf und gehe ins Bett. Vom Bett aus kann ich die Musik immer noch hören. Der Zustand ist immer noch da, der wie auf Drogen. Schläfrig, aber im Kopf ganz klar. Als wüsste ich alles, auch den Weg. Ich versuche, weniger klar zu denken, bevor ich die Augen schließe.

Five Minutes a Day – MUC 14102017

Ich weiß nicht. Ich schleppe mich durch Gedanken, Fragen und Tage. Ich will wieder schreiben und traue mich nicht. Draußen scheint die Sonne, ich weiß nicht, ob ich mich vor Verantwortung drücke, und ob ich das gut mache, alles. Die Antwort ist ein wahrscheinliches Nein.

Aber ganz viel wollen, gell, ganz viel Wollen. Die ganze Welt und noch mehr und am Liebsten sofort. Abends ist Müdigkeit, und außerdem Nebenhöhlenentzündung, alles zu. Vielleicht, sagen Stimmen von Freunden im Kopf, aber nicht meine eigene, vielleicht erwartest du zu viel von dir selbst. Die Stimme der Therapeutin.

Sasha Marianna Salzmann gelesen, was für ein grandioses, perfektes Buch. Jeder Satz stimmt, jede Geschichte auch. Manchmal nicht wissen, ob alles nicht auch in einem Nicht-Trauen liegt, also alles an mir.

Dann plötzlich um die Schritte ahnen, die kleinen, die zu großen Wegen werden, auch wenn das pathetisch klingt. Ich mache das so schlecht nicht. Denke ich, aber ich weiß es nicht. Eines nach dem anderen und manches nicht. Aber dafür etwas anderes. So schleppe ich mich durch die Tage, mit Gedanken wie diesen und Nase zu.

Das Fliegen-Gefühl ist irgendwo vergraben. Ich weiß nicht, warum ich mir nicht mehr die Finger schmutzig mache, um es zu suchen. Ich sollte, ich sollte wollen. Ich schreibe mir das auf, in kleinen Sätzen. Ich warte, dann sind die fünf Minuten um.

Five Minutes a Day – MUC01102017

Gestern durch die Straßen getanzt. Also nicht wirklich durch die Straßen getanzt, aber im Kopf getanzt, und vielleicht auch so gelaufen, hüpfend. Tänzelnd kann ich nicht. Musik gehört. Laut. Durch die Wohnung getanzt. Aus keinem bestimmten Grund, nur das Ich. Lebendigkeit, weil sich alles ändern oder auch nur ich mich. Meine eigenen Augen im Spiegel mögen, was für eine Seltenheit.

Mittags auf einer karierten Picknickdecke sitzen, Wahrheiten aussprechen. Sich was zu essen holen, der Rote-Beete-Salat schmeckt nicht. Wenn man über Wahrheiten lacht, schmerzen sie weniger, wir probieren damit herum. Wie Kinder, die neue Bausteine entdecken, aber vielleicht hat bereits ein anderes Kind mit den Bausteinen gespielt.

Abends, Menschen. Ich spreche, fühle mich wie meist unwohl dabei. Lost Highway im Kino, die Perfektion dieser Bilder und die Verlockung der Angst. Später mit M. lachen und reden und eine Cola trinken statt Wein und dennoch müde werden und dann eben durch die Straßen tanzend nachhause und durch die Wohnung tanzen, als hätte der Tag eine Bedeutung gehabt.

Bin außerdem verliebt, in ein Buch. Verschlinge es, Lesegier, hatte mich lange nicht mehr gepackt. “Außer sich”, Sasha Salzmann. Gebe mir Mühe, als läge ich auf der Couch, konstruktiv und selbstdelektiert zu denken, das Buch zu lassen, wo es ist, bei sich. Ein gutes Buch zu lesen heißt nicht, dass ich nicht schreiben kann. Ich schlafe ein über den Seiten, träumend.

Five Minutes a Day – MUC29092017

Viktualienmarkt, eine Bank. Darauf sitzen wir. Um uns schwirrt das Leben. Das ist diese Mittagszeit, nach der die Menschen beleidigt zurück an die Schreibtische schleichen: Es ist Freitag, und es fühlt sich unfair an, unfairer noch als an den anderen Tagen, an den Dienstagen und Donnerstagen, zurück an den besagten Schreibtisch zu müssen. Vor uns auf dem Bürgersteig sitzen fünf, sechs junge Amerikanerinnen, sie essen Sandwichs und lachen sich tot. Ich weiß nicht, worüber sie lachen, ihr Lachen macht mich aggressiv. Das ist die Eifersucht, die tobt: Ich will das auch, lachen. Ich blicke dir in die Augen. Unter den Augen sind Falten, und in den Augen ist die Müdigkeit, aber vielleicht ist es auch andersherum. Was, fragst du, aber ich schüttle den Kopf, und ich verrate dir nicht, wonach ich in den Augen suche. Deine Augen sind blau, aber sie wären gerne grün. Zur Zeit sind sie grau. Aber das ist nicht der Grund. Später verabschieden wir uns, ich denke, wie zwei Fremde, aber du wärest wütend, wüsstest du das. Du wärest nicht wütend auf mich.

Beim Laufen lasse ich mir Zeit. Menschen bemerke ich nicht. Sie bemerken mich auch nicht, vermutlich. Zuhause schreibe ich im alten Wahn. Das ist wie das T-Shirt, das man anzieht, wenn man sich schlecht fühlt. Das alte, ausgeleierte, das die Erinnerung trägt. Ich weiß nicht, wo meines ist. Ich weiß nicht, ob ich jemals eins hatte.

Five Minutes a Day – Muc14092017

Gestern explodierte die Welt. Ich weiß nicht, wie es geschah, dass plötzlich alles zu laut, zu gewaltig, zu aussichtslos wurde. Grenzen, aufgezeigte. Ich bin müde, denke ich, und leid bin ich es auch. Ich bin geblieben. Später trank ich eine Cola.

Gestern, zwei Stunden beim Zahnarzt gewesen. Mutmachsätze buchstabiert. Ich bin neun Stunden alleine von New York geflogen trotz Flugangst. Solche Sätze, und andere, von denen man wünschte, man hätte sie nicht erlebt.

Gestern, zu schreiben versucht. Immer diese Versuche. Ich weiß nicht, warum und weiß. Die Verzweiflung nicht zulassen. Sich zu erinnern versuchen, warum und was. Sich wegdrehen, weil auf die Erinnerung keine Antwort folgt.

Bundestagswahlangst. Sich Gedanken machen. Eine dünne Stimme am Telefon, die Tränen unterdrückt. Nachts wache ich auf und denke an alles und schlafe dann wieder ein.

(Fünf Minuten nicht um, aber ich kriege Kaffee gebracht.)

Five Minutes a Day – MUC13092017

Ich trage rot-weiß geringelte Socken. Oben am Sockenrand ist ein Rabe zu sehen, aber der ist nur für mich, den sieht keiner. Ich weiß nicht, warum die Sockendesigner das so machen, Raben, die keiner sieht. Ich sage das mit den Socken, weil ich kein Foto von den Socken mache. Ich hielt die Kamera drauf – rot-weiß-geringelte Socken ohne Raben, Holzparkett, schön, der Rand einer schwarzen Jeans – und drückte nicht ab. Schuhe sehen besser aus als Socken, auf Bildern. Ich weiß nicht, warum. Die Socken wirkten ungeschützt, so ohne Schuhe. Komisch.

Ich war ungeschützt gestern. Obwohl ich Schuhe trug. Familie, die berührt. Von allen Seiten. Emotional gesehen, und auch das andere: Aus jeder Generation. Mütter, Kinder. Und ich auch Mutter, Kind. Also wir alle. Ich ertrage ihn nicht, diesen beleidigten Blick. Jede Ader ein Vorwurf. Ich versuche mich an Stunden zu erinnern, die kein Versuch waren, eine neue zu sein. Ein Neubeginn sozusagen. Wenn es schlimm wird, schließe ich die Augen und sehe eine Hand, die sich langsam nach oben schiebt. Ich habe nicht alles falsch gemacht.

Psychologie studieren wollen. Das Vorlesungsverzeichnis studiere ich gierig, wie ausgehungert nach Themen. Ich sehe Lehrbücher vor mir, Textmarker, einen Tisch, ich sehe, wie ich

(fünf Minuten sind um).

Five Minutes a Day – mucS06/09/2017

Kein Foto von Schuhen. Das klingt, als sollte der Satz eine Aussage sein, eine über heute, ist es aber nicht. Ich trage Socken. Die Socken sind orange und gepunktet. Ich sitze am Schreibtisch. Im Hausflur gegenüber ist Licht. Das Licht wirkt grün, aber das sind nur die grün gestrichenen Wände. Salatgrün, so ein Kopfsalat. So einer, den Hasen fressen.

(Man sagt, es ist gut, jeden Tag zu schreiben, auch wenn das Schreiben ein Nichts ist, Salatgrün-Themen, das wäre dann wie Fingerübungen auf dem Klavier. Ich glaube nicht, dass das stimmt.)

Es gibt diesen Schmerz, den man mit Taten abzudecken versucht. Man tut dann – und die Wahrheit wäre – ich tue. Nicht so, als ob, sondern was das Leben so meint. Also ich tue dies, und anschließend tue ich jenes. Das ist dann beinahe, als sei der Schmerz nicht da, beinahe. Beinahe heißt eigentlich ganz nah. Das fällt mir beim Schreiben auf. Manchmal beim Aufwachen. Heute war so ein Tag.

Später, also beim Mittagessen (Rinderfilet und Salat, aber gemischter, kein Kopfsalat), sagte C, dass ich anders sei. Da sei eine Sekunde Verzögerung in der Reaktion, und ich glaube, sie sprach von mehr als einer. Sechs, ich glaube, sie zählte bis sechs. Ich blickte aus dem Fenster hinaus, das ist einfacher in solchen Momenten. Ich weiß nicht, wen von uns beiden das mehr

(fünf Minuten um)

Five Minutes a Day-Berlin/München-15082017

Gestern saßen wir bei einem Italiener. Der Italiener hatte karierte Decken, und das Tiramisu schmeckte nicht. (Es ist schwer, gutes Tiramisu zu machen.) Sie zupften an meinen Haaren herum und fragten sich, ob mir wohl eine Frisur wie bei Charlotte Brontë stehen würde. Nein, sagte sie, und: Hast du schon mal ihre Ohren gesehen? Ja, ist eine Katrastrophe, sagte er, und wir lachten alle drei. (Ich habe diese riesengroßen, abstehenden Ohren.)

Heute sitze ich im Zug, draußen ist es dunkel, aber es ist erst vier. Ich schreibe nicht. Ich habe so viele Gründe, nicht zu schreiben, und jeder von ihnen ist gut. Ich arbeite, und ich lese. Ich schreibe nicht. Der Grund, den ich nicht benenne, heißt Angst.

Nachts wachte ich auf, laute Stimmen, wir schliefen bei J. Stimmen, die sich ein Recht rausnahmen. Ich drehte mich hin und her, mir war heiß, und ich wollte eine andere Decke, plötzlich juckte mein Körper, und ich hatte dieses Heimweh wie als Kind: Nicht nachhause, aber ins eigene Bett. Als ich morgens meine Tasche packte, fielen mir Zettel in die Hände, ungelesene. Später, im Zug, schrieb ich wieder einen Brief.

Ich weiß nicht, wie fest ich dem Gefühl glauben darf, dem bohrenden. Ich weiß nicht, ob ich mich fallen lassen kann (fünf Minuten sind um)

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