Ludwigsburg, 9. November

Vielleicht liegt das Problem genau in der “Überschrift”: Ludwigsburg. UND. 9. November.

Ludwigsburg, da bin ich aufgewachsen. Die kennen mich da, seit… und dann runzeln sie die Stirn und rechnen und erinnern sich, und ich erinnere mich lieber nicht.

Und 9. November, nun, das ist ja klar. Das sozusagen vorweg.

Im Vorfeld schreibe ich, nein, Bücher mixe ich nicht, ich bin kein DJ, aber eines aussuchen dürften sie sich, auch aus den alten lese ich vor, und weil ja 9. November, auch aus “Lieber Mischa”. Du bist ein Jude und so. Nein, sie wollen das Neue. Auch gut. Dann, nachdem sie das neue gelesen haben, da kommt kein einziger Jude drin vor. Ups. Dann vielleicht doch beide? “Lieber Mischa” und “Die Listensammlerin”? Na gut, komme ich entgegen, weil es eben Ludwigsburg ist, und hierin liegt auch das Problem, mit einer Pause dazwischen geht es schon.

9. November, 19.40, Ludwigsburg. Und die Frau, die mich vorstellen soll, beschwert sich, dass in der Listensammlerin, nun ja, keine Juden vorkommen, weil heute sei der 9. November, ach nee, und angekündigt wurde es ja, nun ja, als 9. November, ach ja. Ob nicht eine Verbindung zu ziehen sei, zwischen der Verfolgung von Grischa und… Ähm, nein. Auf gar keinen Fall. Na gut. Vielleicht ist es ja gut, dass Juden, junge zumal, über nicht-jüdische Themen schreiben. Dann hätten wir das schon mal geklärt. Aber Pausen machen die nicht.

9. November, 20 Uhr. Ich werde vorgestellt, ganz kurz, und dann der 9. November. Geschichtsträchtig. Und Synagogen brannten. Und so weiter. “Lieber Mischa” erwähnt sie nicht. Ich fange zu schwitzen an. Im Publikum übrigens Lehrergesichter, meine Lehrer, von Grundschule bis zum Abitur. Ludwigsburg eben.

Ich erzähle die Geschichte von den Damen, die nach einer Lesung im Rahmen der jüdischen Kulturtage zu mir kamen und sich beschwerten, die Lesung sei ja sehr schön, das Buch wirklich amüsant gewesen, aber zu den jüdischen Kulturtagen gingen die dann doch, um betroffen zu sein, und dafür sei kein Raum gewesen. Ach, das tut mir aber leid. Es lachen: M., B., und Y. Hmm.

Also dann halt nicht erzählen, dann halt lesen. Die Stellen, an denen die lachen, die wie das Publikum, die kennt man dann ja, und wenn die besonders herzlich lachen, lache ich sogar mit und bin von meinem eigenen Witz tatsächlich überrascht. Die Stellen, an denen die lachen, da wird aber heute geschwiegen. Ich blicke um mich, in ernste Gesichter, ein zaghaftes Lächeln von einer jungen Frau, und höre nur M., B. und Y. Die lachen, na, zumindest haben die ihren Spaß.

In der Pause, die keine ist, weil niemand aufsteht, wird sich – ich bin mir sicher, zurecht, – über eine Gemeinderatsentscheidung empört, ich höre Synagogenplatz und Verantwortung und beides immer wieder und schalte ab und suche nach einer Überleitung, ich schwitze, nach einer Überleitung zur Listensammlerin und Onkel Grischa, der, nein, nicht so verfolgt wurde, und finde nichts. Dann eben nichts.

Das sage ich dann auch so, erzähle noch von David Bezmozgis, meinem kanadischen Pendant, der auf einer Lesereise durch Deutschland nicht verstand, warum er als Jude über jüdische Themen schreiben müsse, das Muss verstand er nicht, ich höre Y., und M. und B. lachen, sehe in ernste Gesichter und so fort.

“Die Listensammlerin” scheinen sie nach einigem Aufatmen – es kommen keine Juden vor – zu mögen. Ich mag sie ja auch sehr gern, vielleicht sogar ein wenig aus demselben Grund.

Vorbei. Nein, nicht vorbei. Der Buchhändler, Jahrgang 1931 steht auf. Er kann nicht anders, er muss. Was er auch muss, sich festhalten an der Säule, weil er so gerührt ist. Erzählt vom Brand 1938, er war ein Schuljunge, verstand nichts. Heute zeigen sie “Wetten, dass” im ZDF, und ich verstehe alles, die Rührung, die Empörung, das Sprechen-Müssen auch, bis er sagt: “Und ich freue mich deshalb ganz besonders, dass Sie, Frau Gorelik, ich weiß jetzt gar nicht mehr, was Sie sind, Jüdin oder Halbjüdin…”

Es sei dem Jahrgang und der Aufregung geschuldet.

Zu meinem Erstaunen kaufen sie Bücher, und zwar viele. “Die Listensammlerin” meist, und dass sie das tun, dieses Buch wählen, das ist doch, trotz der ernsten Gesichter, eben am 9. November, vielleicht doch ein gutes Zeichen. Oder nicht?

Das Reden ist übrigens erstaunlich schön, obwohl mich so viele kannten, da war ich noch, lassen Sie mich überlegen, und das Signieren, das ist sowieso immer schön. “Ich hab mich so gefreut, dass Du aus dem Buch gelesen hast!” mit einem Blick auf “Die Listensammlerin”.

Später mit M. und B. beim Griechen, aber das war ja klar, dass das gut wird.

Nächster Morgen, im Übrigen, Stuttgart, Sonntag, 7.20 Uhr, ich bin der einzige Mensch irgendwie.