Solingen, 1. Oktober 2013

Die Listensammlerin, zum Ersten. Und Solingen, zum Dritten. Einmal Petersburg, einmal Mischa, und jetzt also „die Weltpremiere der Listensammlerin“ (das haben die Solinger so formuliert, nicht ich).

Beim ersten Mal hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, wo Solingen liegt, und dachte an Lesung in der Provinz, nette kleine Buchhandlung, nichts, was im Gedächtnis bleiben würde, und außerdem war ich erkältet. Statt Buchhandlung war dann Lampenladen, viele Menschen und auch viel Wodka (oder dichte ich den gerade dazu?), und die beste Begrüßungsrede meiner bisherigen Lesereisenkarriere. Es ging darin um „die Lena“, sie nannten mich so, obwohl sie mich nicht kannten, und ich nur eine vage Vorstellung hatte, wo ihre Stadt liegt, es steckte viel Selbstironie darin, „wir sollten die Lena mal einladen“, und „wann kommt denn die Lena“, als wären wir seit Jahren beste Freunde, und ich musste sehr lachen, und den Wodka und das Essen, hatte ich das schon erwähnt?

Und jetzt also die Listensammlerin, und diesmal übrigens im Autohaus, was nicht besser und nicht schlechter ist als ein Lampenladen, nur anders. (Das stellte im Übrigen der Buchhändler fest in seiner Begrüßungsrede über das neue Buch: Es sei ein richtiger Roman, in dem der journalistische Blick fehle, das sei nicht besser und nicht schlechter, nur anders. Dass das auffiel, freute mich. Er sagte außerdem, die Listensammlerin sei ihm zu kurz. Einen 500-Seiten-Roman sollte ich schreiben.)

Autohaus also, ich komme um zwanzig vor acht, sie hatten auf drei vor gewettet. „Prosecco?“. „Ja, klar“, und erst, als ich ihn getrunken habe, fällt mir auf, dass ich vor Lesungen nicht trinke, erst danach. Ich untersage mir das Interpretieren, ob es an der Nervosität liegt (erste Lesung) oder an Solingen oder an den Autos drumherum. Die Mutter des Buchhändlers erzählt mir, wie charmant ihr Sohn das mache. Mütter, aber lassen wir das Thema mal.

Diesmal geht es in der Begrüßungsrede um Alpträume (in denen die Begrüßungsrede fehlt) und um die Katze Maschka, die der Raumfahrtwissenschaft dienen sollte, und um Weltpremiere und Dia-Vorträge und zusammenfassen kann ich das alles nicht, aber ich muss lachen, und gehe im Kopf die berühmten Bands durch, die als Vorband größerer Stars diese Berühmtheit erlangten. Dann noch ein Pasternak-Gedicht auf Russisch und dann ich. Ach so, und wer zwei Prosecco-Gläser benutzt, der muss auch zwei Bücher kaufen, aber das ist nur im Zusammenhang witzig.

Dann also ich. Sage was (über Vorbands und „die Lena“ und München und Solingen und sonderbarerweise etwas über die CSU). Lese auch: Die Katze Maschka. Lese Sofia, die auf den Tod der Großmutter wartet. Klatschen. Pause. Prosecco und drei Käse-Croissants für mich. Gab es beim letzten Mal nicht Piroggen, oder dichte die auch dazu?

Pausengedanken (weil niemand mit mir redet, was, nun ja, ich könnte denken: die mögen mich nicht, oder schlimmer noch: mein Buch nicht; oder aber ich blicke so unfreundlich und unnahbar dran, aber das tue ich doch nicht?), Pausengedanken in einem Autohaus jedenfalls: Was ist das goldene Lenkrad? Und warum sollte jemand einen Schlüsselahänger für 19,95 € kaufen, auf den der Name des Autohauses eingraviert ist? Die Eltern des Buchhändlers gehen übrigens in der Pause, zur Katze, wie sich später herausstellt.

Es stimmt übrigens nicht: Ein Mann. Ein mit Bart und grauen Haaren kommt auf mich zu und freut sich offensichtlich und ehrlich und analysiert ganz richtig und sehr begeistert mein Buch. Und ich sage „danke“, weil: Was sagt man sonst? Ja, das habe ich toll gemacht?

Ich lese noch das Pasternak-Kapitel, ein bisschen wegen des russischen Gedichts, und weil es eines meiner Lieblingskapitel ist (das erste meiner Bücher, in dem ich ein Lieblingskapitel habe!). Und dann bin ich fertig. Mit Lesen. (Ansonsten: Eher aufgedreht). Und sie klatschen, und sie klatschen lange (oder bilde ich mir das ein), und ich weiß, es war gut. Die Weltpremiere in Solingen (das zwischen Köln und Wuppertal liegt), die war gut. Ich fand sie gut.foto blog