Deutsches Literaturarchiv Marbach (Schreibwerkstatt Tag II), 20.08.2013

„Wieder hier zu sein“, fragt sie beim Mittagessen, wie es sei. Wie es ist.

Wenn ich in der S-Bahn auf dem Weg von Stuttgart nach Marbach von der Zeitung aufschaue und kurz aus dem Fenster blicke, erkenne ich an Bäumen, der Farbe der Häuserfront, die wir gerade passieren, oder den Schrebergärten, ob wir uns noch zwischen Feuerbach und Zuffenhausen befinden oder uns bereits Kornwestheim nähern.

Kaffee kaufe ich beim Bäcker auf dem Weg zur Schillerhöhe, und bei meinem Wunsch nach Latte Macchhiato sind die Verkäuferinnen kurz überfordert, beraten sich miteinander an der anscheinend komplizierten Kaffeemaschine, und bitten mir schlussendlich Milch zu meinem Latte an. Bei ebendiesem Bäcker auch ein Café, die Sitzbänke und Stühle gepolstert, Dreiecke in verblichenen Pastellfarben, rosafarbene Tischdeckenrauten, es gibt Fleischkäsebrötchen, Schinkentaschen und Pizza, in einer alten Word-Typografie, die ich in meinen Computeranfängen gern benutzt hatte. (Es ist die Großstadt-Arroganz, die das beschreibt).

Schwäbisch überall, und jedes Mal muss ich schmunzeln.

Bei ebendiesem Mittagessen, wo sie mich nach dem „wieder hier zu sein“ fragt, am Nebentisch, was ich erst im letzten Moment beim Aufstehen bemerke, eine meiner besten Freundinnen aus der Grundschule, 4. Klasse. Wieder hier zu sein, wie gesagt.

Sätze steigen auf, und es wundert mich, dass Erinnerungen in Sätzen wiederkommen:

„Wir verwenden das Geschenkpapier immer ein zweites Mal!“, sagte sie zum Beispiel mit einer Selbstsicherheit zum Lehrer, der ein Abschiedsgeschenk auspackt, die mich staunen und beneiden ließ.

„Etwas Braunes“, und gemeint ist Schokolade, auf die Frage ihrer Mutter, was wir zu Mittag essen wollen (die Mutter sitzt übrigens mit am Tisch).

„Was ist Dein Lieblingsbuch von Astrid Lindgren?“. Meine erste Unterhaltung über Literatur in Deutschland.

„Willst Du bei mir übernachten?“.

„Es ist nicht einfach befreundet zu bleiben, wenn Du aufs Schiller gehst“, sagte sie, die nach der Grundschule aufs Mörike-Gymnasium wechseln wollte. Ich ging aufs Schiller.

Kurz darüber nachgedacht, den Text mit „wieder hier zu sein“ zu beenden, aber so habe ich geschrieben, als ich 15 war und noch hier lebte.